Viele Familienunternehmen, die mehr als 100 Jahre auf dem Buckel haben, müssen sich ihrer Rolle im NS-Regime stellen. Der Umgang mit der Vergangenheit ist schwer, denn die Beteiligten kommen häufig aus dem engsten Familienkreis. Warum sich die Familie gerade deshalb mit dieser Zeit auseinandersetzen sollte.

Selbst in die Wikipedia-Artikel zu ihrer Person haben es Verena Bahlsens Aussagen zur Rolle ihres Familienunternehmens während des Zweiten Weltkriegs geschafft. Am 12. Mai 2019 sprach sie mit der Bild-Zeitung und ließ im Zusammenhang mit der Entschädigung von Zwangsarbeitern den Satz fallen: „Das war vor meiner Zeit, und wir haben die Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie die Deutschen und sie gut behandelt.“

Trotz nachträglicher Entschuldigung von Verena Bahlsen war das mediale Echo nicht zu bremsen. „DIE ZEIT“ und „Der Spiegel“ stürzten sich auf die Historie des Keks-Imperiums. Die Recherchen der Journalisten ergaben, dass Hans, Werner und Klaus Bahlsen, die das Unternehmen während der NS-Zeit leiteten, dem NS-Regime näherstanden als vorher angenommen wurde. Nach vier Tagen im medialen Sturm ließ das Unternehmen Bahlsen vermelden, dass der Göttinger Professor Manfred Grieger und ein unabhängiges Expertengremium „die Rolle der Firma zur Zeit des Nationalsozialismus wissenschaftlich aufarbeiten“ werden.

Damit reiht sich Bahlsen in die Riege der deutschen Unternehmen ein, die Licht ins Braune bringen wollen. Schon seit den fünfziger Jahren gibt es Tendenzen zur „professionellen Aufarbeitung“, sagt Dr. Andrea Schneider-Braunberger, Historikerin und Geschäftsführerin der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte. Aber erst in den achtziger und neunziger Jahren begann die erste große Welle der Recherchen. Konzerne wie BASF, Volkswagen, Daimler oder Deutsche Bank gingen als Beispiele voran, öffneten ihre Archive und stellten sich ihrer Rolle in der Vergangenheit.

Die Familienunternehmen brauchten ihre Zeit, um nachzuziehen. Für die Großkonzerne ist der Schritt einfacher, räumt Schneider-Braunberger ein. „Die Aufarbeitung ist ein sensibles und hochemotionales Thema für Familienunternehmen. Für einen Managerkonzern in Streubesitz und dessen Führungsabteilung ist es sehr viel leichter, sich mit der NS-Zeit zu beschäftigten, weil sie persönlich nichts mit dieser Epoche zu tun haben.“ Wenn es aber um den eigenen Großvater und das eigene Familienansehen gehe, wohne der Aufarbeitung eine andere Dynamik bei.

Runde Zahlen, böse Erkenntnisse

Oft rückt die Frage nach der Unternehmenshistorie im Gegensatz zum Fall Bahlsen zu vorhersehbaren Zeitpunkten in die Öffentlichkeit. Bei runden Geburtstagen von Unternehmen steht deren Werdegang zwangsläufig auf dem Prüfstand. So beispielsweise bei Familie Brenninkmeijer. Die Eigentümerfamilie der C&A Mode KG musste sich im Zuge der Ausstellung „100 Jahre C&A in Deutschland“ im Jahr 2011 mit ihrer Geschichte beschäftigen.

Unter Maurice Brenninkmeijer, der damals den Posten als Chef des Unternehmerkreises – ein Familiengremium, in dem lediglich Anteilseigner Mitglieder werden dürfen – annahm, entschied sich die Familie, ihre Vergangenheit wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen. In einem Interview mit „DIE ZEIT“ fünf Jahre später erklärte er die Entscheidung: „Zu unserer Ausstellung tauchten Informationen auf, die unsere Familie in der NS-Zeit in einem anderen Licht erscheinen ließen, als wir es zuvor wahrgenommen hatten. Also wollten wir sichergehen, dass wir unsere Familiengeschichte wirklich kennen.“

Es entstand das Buch „C&A: ein Familienunternehmen in Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien“. Die Publikation von Historiker Mark Spoerer widmet sich in einigen Kapiteln auch der NS-Zeit. Die dort aufgezeigten Erkenntnisse beschrieb Brenninkmeijer im Interview als schockierend für die Familie. Denn: „In meiner Kindheit war das kein Thema. Und auch später wurde nicht groß darüber diskutiert. Wir glaubten, unsere Familie habe nur minimal mit den Nazis zusammengearbeitet, so viel wie gerade nötig, um das Geschäft aufrechtzuerhalten.“

Die Familie sah sich nun mit der Realität konfrontiert, dass ihr Unternehmen Ostarbeiterinnen in Berlin unter katastrophalen Bedingungen arbeiten lassen hatte, einer der „größten privatwirtschaftlichen Kunden der Textilabteilung der Ghettoverwaltung“ im jüdischen Ghetto in Litzmannstadt (Lodz) war und bei Hermann Göring damit geworben hatte, seit der Gründung niemals einen Nichtarier beschäftigt zu haben.

Kaum ein Unternehmen hat ein Archiv

Heute umstritten, damals erfolgreich: Günther Quandt um das Jahr 1940.

Foto: BMW Group Archiv

Wie kommt es, dass solch einschneidende Informationen über Jahrzehnte nicht ans Licht kommen? Die Faktenlage ist in den Familienunternehmen – selbst den großen – so spärlich, dass Überraschungen wie bei den Brenninkmeijers keine Seltenheit sind, sagt Historikerin Schneider-Braunberger. Lediglich rund 350 Unternehmensarchive gebe es in Deutschland, eine überraschend geringe Zahl, wie die 52-Jährige findet. Die meisten Relikte aus den Unternehmen lägen irgendwo in einem Keller oder auf einem Dachboden, um die sich niemand kümmere. Zu Themen aus der NS-Zeit seien die Dokumente sogar außerhalb des Unternehmens zu finden, so die Expertin weiter.

Die Faktenlage bei dem Weinheimer Unternehmen Freudenberg, das 1849 gegründet wurde, war in Bezug auf die Zeit im Nationalsozialismus ebenfalls nicht aussagekräftig. Das Unternehmen hatte zwar ein Archiv, aber darin fand sich nichts zur Zeit des Dritten Reichs. So große Lücken konnten und wollten die Anteilseigner des Unternehmens offenbar nicht akzeptieren. Den Zündfunken, sich professionell mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, gab ein Werk der Historikerin Anne Sudrow über den Schuh in der NS-Zeit. Denn die Gerberei Freudenberg ließ damals Schuhe von Häftlingen im KZ Sachsenhausen testen. Auf der Schuhprüfstrecke liefen die Gefangenen bis zu 48 Kilometer am Stück. Bis heute ist unklar, wie viele Menschen auf der Strecke starben. Den Berichten von Augenzeugen zufolge Dutzende jeden Tag.

„Ich kann niemanden mehr fragen, Zeitzeugen in der Familie und im Unternehmen gibt es nicht. Das ist für mich das Schlimmste“, sagte Martin Wentzler in seiner Rolle als Vorsitzender des Gesellschafterausschusses der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Jahr 2016. Das Unternehmen beauftragte den Bonner Historiker Prof. Dr. Joachim Scholtyseck mit dem Ziel, das Unternehmensarchiv so gut zu strukturieren, dass nachfolgende Generationen zu jeder Zeit nachvollziehen können, wann und warum welche Entscheidungen getroffen worden seien. Das anschließend veröffentlichte Buch stellte Wentzler, den Ururenkel des Firmengründers Carl Freudenberg, vor ein ähnlich schockierendes Ergebnis wie Familie Brenninkmeijer. Im Gespräch mit der F.A.Z. sagte der Unternehmer, es sei ein persönliches Versäumnis von ihm, seinen Großvater Richard Freudenberg zu dessen Lebzeiten nicht auf diese Zeit und vor allem auf die Schuhprüfstrecke im KZ Sachsenhausen angesprochen zu haben.

Historikerin Schneider-Braunberger weiß, dass solche Themen in sehr vielen Familien unter den Teppich gekehrt werden. Selbst wenn sich Zeitzeugen aus der eigenen Unternehmerfamilie zum Nationalsozialismus äußern, seien deren Erzählungen unvollständig. Gespräche über die NS-Zeit fänden nur in Ausschnitten und ohne historisch belegte Einschätzungen statt. Dass die zwölf Jahre eine Schockstarre auslösen würden und man nicht offen darüber spreche, sei zunächst ganz menschlich, sagt die Geschäftsführerin der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte, die schon bei zahlreichen Veröffentlichungen mitgewirkt hat.

Von trotzigen Patriarchen

Daher ist erst die Enkelgeneration in der Mehrheit der Fälle die treibende Kraft der Aufklärung. Sie ist emotional entfernter und hat gesellschaftlich einen anderen Bezug zur Vergangenheit. Schneider-Braunberger ordnet ein: „Früher dominierte der Ansatz: Muss das denn sein, muss alles erforscht werden? Heute kommen im Zuge eines Generationenwechsels neue Impulse bei der Konfrontation mit der Vergangenheit ins Unternehmen.“

Dass sich Unternehmer manchmal vehement gegen Recherchen stellen, hat Schneider-Braunberger selbst erlebt. Für einen Auftrag musste ihr Team das Gelände des Unternehmens verlassen, wenn der Onkel des Geschäftsführers auf dem Betriebsgelände auftauchte. Der wollte partout nicht, dass über die Vergangenheit des Familienunternehmens und seine Vorfahren geforscht wird. Namen nennt die Historikerin nicht.

Auch ein prominenter Unternehmer aus Bielefeld stellte sich gegen eine Aufklärung der Vergangenheit. „Der langjährige Firmenpatriarch Rudolf-August Oetker hatte mit seinen acht Kindern nie über die NS-Zeit gesprochen und sich gegen die Aufarbeitung der Firmengeschichte gewehrt“, sagte der Münchner Historiker Jürgen Finger im Jahr 2013 der „Deutschen Welle“. Der Impuls für die wissenschaftliche Studie, an der Finger mitwirkte, kam erst durch den Einzug einer neuen Generation. Rudolf-Augusts Nachfolger August Oetker entwickelte den Wunsch, die Geschichte des Unternehmens fundamental aufarbeiten zu lassen. „Wir als Familie müssen hinnehmen, dass die handelnden Personen damals das System bejaht und unterstützt haben und in einigen Fällen Entscheidungen getroffen haben, von denen wir uns heute wünschen, sie hätten anders entschieden“, schrieb der damals 69 Jahre alte August Oetker in einer Stellungnahme.

Machte sich in Berlin einen Namen, der in Coburg weiterhin kontrovers diskutiert wird: Max Brose.

Foto: Brose

Für die Unternehmerfamilie Reimann erwies sich der Wunsch der Nachfolger nach Klarheit als Vorteil im medialen Sturm, der im Jahr 2019 über sie hereinbrach: Die „Bild am Sonntag“ (BamS) veröffentlichte nach weltweiten Recherchen ihre Ergebnisse zur Nazi-Vergangenheit der Familie und des Chemieunternehmens Johann A. Benckiser GmbH, das seit Mitte der dreißiger Jahre von Albert Reimann senior geleitet wurde. Nach dessen Tod erbte Dr. Albert Reimann jr. das Unternehmen im Jahr 1952. Die BamS warf der Familie vor, sich mit Zwangsarbeit, Misshandlungen und Folter im Unternehmen schuldig gemacht zu haben.

 

Die Reimanns äußerten sich zwar selbst nicht zu den Vorwürfen, aber Peter Harf, Chef der JAB Holding Company, unter der die Vermögenswerte der Familie seit 2012 verwaltet werden, gab der BamS ein Interview. In diesem stellte er klar, dass die Kinder von Albert Reimann jr. im Jahr 2014 die Entscheidung getroffen hatten, den Wirtschaftshistoriker Professor Paul Erker von der Universität München zu beauftragen, die Historie des Unternehmens komplett neu aufzuarbeiten. Denn in der offiziellen Benckiser-Chronik, die 1978 veröffentlicht worden war, sei die NS-Firmengeschichte vernebelt dargestellt worden, sagte Harf der BamS.

Das Forschungsergebnis von Erker sei den Gesellschaftern einige Wochen vor den Enthüllungen der BamS vorgetragen worden, so Harf. Die Stimmung bei diesem Treffen der fünf Familienvertreter, Historiker Erker und ihm selbst beschrieb Geschäftsführer Harf in der BamS mit den Worten: „Wir haben uns geschämt und waren weiß wie die Wand. Da gibt es nichts zu beschönigen. Diese Verbrechen sind widerlich.“ Infolge der Ergebnisse gab die Familie über ihre Familienstiftung Alfred Landecker Foundation bekannt, zur Unterstützung von Holocaust-Überlebenden 5 Millionen Euro zu spenden und mit weiteren 5 Millionen Euro ehemalige Zwangsarbeiter zu entschädigen.

Der Fernsehfilm und die Quandts

Der offene Umgang der Reimanns mit dem Thema Aufarbeitung brachte der Familie in der Folge positive Resonanz ein. Die Formulierung „Verantwortung übernehmen“ fiel oft in den Kommentarspalten der sozialen Medien. Kommt der Druck zur wissenschaftlichen Aufarbeitung nicht aus der Familie, sondern aus der Öffentlichkeit, wird es schwer mit der positiven Darstellung. Denn die Augen zu verschließen und zu hoffen, dass man als Unternehmerfamilie schweigend der Aufarbeitung entgehen kann, hält Schneider-Braunberger für den falschen Ansatz.

Die Folgen für das Image können dann schwerwiegend sein. So geschehen bei den Bahlsens und knapp 20 Jahre zuvor auch bei Familie Quandt. Gabriele Quandt, Enkelin des Unternehmers Günther Quandt, äußerte sich 2001 in „Die ZEIT“ zusammen mit ihrem Cousin Stefan Quandt zu Anschuldigungen gegen ihre Familie im Dokumentarfilm „Das Schweigen der Quandts“. Die Unterstellung, die Öffentlichkeitsscheu der Familie würde darauf beruhen, dass die Quandts Dreck am Stecken und ihr Geld aus unlauteren Quellen hätten, empfand sie als schmerzhaft und unerhört. Aber das habe die Familie aufgerüttelt, sagte Gabriele Quandt im Gespräch mit der Wochenzeitung. „Der Fernsehfilm hat unsere Familie sehr getroffen, weil die NS-Geschichte darin anders gewichtet wurde, als wir sie für uns gewichtet hatten. Der Film hat uns die Lupe vor das Foto gehalten. Wir haben erkannt, dass es falsch war, nicht ganz genau wissen zu wollen, was damals geschehen ist. Von dieser Haltung mussten wir uns verabschieden, und zwar endgültig“, so die Unternehmerin damals.

Info

Tim Schanetzky lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er wirkte unter anderem bei den Publikationen „Flick: Der Konzern, die Familie, die Macht“ und „‚Kanonen statt Butter‘: Wirtschaft und Konsum im Dritten Reich“ mit. Wie ordnet der Wissenschaftler den Markt für historische Aufarbeitung ein?
>>> Link zum Interview mit Tim Schanetzky <<<

Für die Quandts machte sich schließlich ebenfalls Historiker Joachim Scholtyseck auf die Suche nach Klarheit. Es bestätigte sich, dass Günter Quandt (1881–1954) in der NS-Zeit zu einem der größten Rüstungsproduzenten geworden war und in seinem Unternehmen 50.000 Zwangsarbeiter beschäftigt hatte. Die Studie erwies allerdings nicht, ob die Familie vom Nationalsozialismus profitiert hatte. Stefan Quandt fand diesen Umstand unbefriedigend. Professor Scholtyseck sei zwar zu dem Schluss gekommen, dass sich das Vermögen der Quandts während der NS-Zeit vermehrt habe, aber der Zuwachs sei „bei einer Gegenrechnung mit den Kriegsverlusten nicht mit wissenschaftlichem Anspruch zu klären“, sagte er in dem Zeitungsinterview.

Interpretationsfragen

Eine Recherche kann nicht alle Aspekte endgültig klären. Und die Herausforderungen sind nicht bewältigt, wenn die Studie vorliegt. Schneider-Braunberger beobachtet folgendes Phänomen: „Wirft die Studie ein eher positives Licht auf die NS-Vergangenheit einer Familie, verursacht das manchmal eine größere Welle, als wenn etwas Belastendes herauskommt.“

Einer, der erpicht darauf war, den Ruf seiner Familie zu verteidigen, war der Coburger Unternehmer Michael Stoschek. 2004 wollte er den Leistungen seines Großvaters Max Brose (1884–1968), der das Unternehmen Brose 1908 gegründet hatte, Tribut zollen und die Straße am Firmensitz in Max-Brose-Straße umbenennen lassen. Damals entschied sich der Stadtrat in Coburg dagegen. Die Rolle des Unternehmens während der Zeit des Dritten Reichs sei zweifelhaft, hieß es. In der Folge stellte das Unternehmen Brose Spenden für Projekte und Einrichtungen in Coburg ein. Vier Jahre später zum 100. Jubiläum des Familienunternehmens, das Michael Stoschek als Vorsitzender der Gesellschafterversammlung bis heute leitet, brachte der Erlanger Historiker Gregor Schöllgen das Buch „Brose: ein deutsches Familienunternehmen“ heraus.

Es folgte ein jahrelanger Schlagabtausch zwischen Stoschek und Beteiligten aus der Kommunalpolitik. Der Unternehmer verwies auf die Aufarbeitung und die Ergebnisse des Buches sowie auf das Urteil der Entnazifizierungskammer von 1949, die Brose nur als Mitläufer einstufte, und auf Schilderungen innerhalb der Familie. Dass sein Großvater Zwangsarbeiter beschäftigte, NSDAP-Mitglied war und als Wehrwirtschaftsführer große Verantwortung getragen hatte, bestritt Michael Stoschek hierbei nicht. Das müsste aber im geschichtlichen Kontext gesehen und eingeordnet werden, sagte er.

Elf Jahre nachdem der Stadtrat in Coburg gegen die Umbenennung der Straße gestimmt hatte, rehabilitierte er Max Brose mit 30 zu 8 Stimmen. Der Rat „bedauere“ die Entscheidung von damals, denn dieser sei „keine gründliche Vorbereitung sowie keine ausreichende Beratung vorangegangen“. Der Zentralrat der Juden, die Evangelische Kirche und einige Wissenschaftler äußerten Kritik an der Entscheidung. Seit 2015 spendet das Unternehmen Brose wieder an die Stadt Coburg. Die Adresse auf den Schecks lautet Max-Brose-Straße 1.

Heilende Wirkung durch Aufarbeitung

Die kommunale Saga um Brose zeigt, wie viel Emotionalität und wie viel Interpretationsspielraum bleibt, wenn Publikationen veröffentlicht werden. Allein innerhalb der Unternehmerfamilie können die Nazi-Zeit und die verschiedenen Erzählungen der Familienstämme emotionale Gräben aufreißen. Dabei kann eine Aufarbeitung wieder zusammenbringen. Ein Stamm, der sich in der Opferrolle des Nazi-Regimes gefällt, wird durch die objektive durchgeführte Aufarbeitung mit der wahren Vergangenheit konfrontiert. Gefärbte Erzählungen verlieren mit neutral vorgelegten Ergebnissen ihre Daseinsberechtigung. Zwar seien die Ergebnisse schwierig zu verdauen, aber Schneider-Braunberger versichert, dass sie Familien kenne, die durch den „therapeutischen Charakter“ der Aufarbeitung der Vergangenheit des Unternehmens wieder zueinandergefunden hätten.

Auch die Quandts berichteten im Jahr 2001 von mehr Kommunikation innerhalb der Familie. Stefan Quandt sagte im Interview, dass die Familie durch die Befassung mit der Vergangenheit wieder stärker zueinandergefunden habe. „Die gemeinsame bedauernswerte Vergangenheit ist heute in umgekehrter Weise ein Identifikationspunkt. So wie unsere Vorfahren möchten wir bei der Verwaltung und Gestaltung eines großen Vermögens mit unserer Verantwortung nicht umgehen“, so Stefan Quandt.

Ähnlich ging es Maurice Brenninkmeijer. In seiner Familie führten die Recherchen von Mark Spoerer zu Bestürzung und Aufregung, aber auch zu mehr Dialog untereinander. In seinem Interview 2016 trug er seiner Familie auf, dass sie daran arbeiten sollte, in Zukunft solche Taten nicht mehr zuzulassen und auch unter Druck Haltung zu bewahren. Die Beteiligten sollten über ihr Tun diskutieren. Denn alle Familienmitglieder teilten das gleiche Schicksal, die gemeinsame Verantwortung und die allgemein gültige Erkenntnis der Vergangenheit. Gabriele Quandt sagte über ihren Großvater: „Wir hätten ihn gern anders gehabt.“ Aber so funktioniert Geschichte eben nicht.

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