Freitag, 05.02.2021
Tobias Merckles zweites grosses Projekt

Crowdinvesting: Wie die Hoffnungsträger Stiftung neue Wege geht

Das Niedrigzinsumfeld zwingt Stiftungen zum Umdenken. Die Hoffnungsträger Stiftung von Stifter Tobias Merckle hat eine Lösung: Sie investiert in sich selbst. Einen Teil des Stiftungskapitals legt sie als Impact-Investing in die eigenen Immobilienprojekte an und finanziert die laufenden Kosten aus den Erlösen. Per Crowdinvesting soll noch ein finanzielles Standbein hinzukommen.
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Von der Förderstiftung zur operativ tätigen Stiftung: Die Hoffnungsträger Stiftung baut heute selbst.

 

Foto: Hoffnungsträger Stiftung

Start-ups und Stiftungen könnten verschiedener nicht sein. Fokus auf schnelles Umsatzwachstum, wechselnde Gesellschafter und gar ein potentieller Verkauf auf der einen Seite. Auf der anderen Seite ein Modell, das darauf angelegt ist, für die Ewigkeit zu funktionieren, mit einer langen Tradition, in Deutschland fast ausschließlich der Gemeinnützigkeit verschrieben und das mit deutlich begrenzten Gestaltungsmöglichkeiten. 

Dass sich in ihrer Stiftung eben diese beiden Welten verbinden würden, konnten Marcus Witzke und Tobias Merckle zwar erahnen, aber geplant war es bei der Gründung nicht. Ursprünglich wollte Tobias Merckle eine reine Förderstiftung gründen. Mit seinem Verein Seehaus e.V. in Leonberg setzt sich der Sohn des Ratio­pharm-Gründers Adolf Merckle seit 2003 für straffällig gewordene Jugendliche ein und bietet ihnen die Chance auf einen „Jugendstrafvollzug in freien Formen“ mit Berufsvorbereitung und sozialem Training. 

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Im Jahr 2013 entschied sich der studierte Sozialpädagoge, mit der Hoffnungsträger Stiftung eine Institution ins Leben zu rufen, die Kindern und Familien von Straffälligen auf der ganzen Welt helfen soll. Ganz klassisch fördernd angelegt mit lokalen Partnern, deren Projekte unterstützt werden sollen. Zugleich möchte er eine Plattform schaffen, die Menschen zusammenbringt und sie selbst zu Hoffnungsträgern macht. Eine Art Hilfe zur Selbsthilfe. 

Für die Stiftung wollte Merckle, der Mitglied im Aufsichtsrat von Heidelberg Cement ist, einem Konzern mit rund 55.000 Mitarbeitern, den Vorstandsposten mit jemandem besetzen, der sich mit dem Gründen und Aufbauen von Firmen auskannte. Er engagierte für die Suche einen Personalberater – und der fand Marcus Witzke. Witzke ist Ökonom und war in der Autoindustrie, in Start-up-Inkubatoren und in seinem eigenen Beratungsunternehmen tätig. Er leitete Hotels und fungierte als Co-Geschäftsführer eines Verlags. Merckle konnte sich eine Zusammenarbeit mit Witzke vorstellen. Und der sich die Vollzeitstelle als Stiftungsvorstand ebenfalls: „Was mich reizte war, wieder bei null anzufangen und etwas Neues aufzubauen. Das kannte ich aus meiner Zeit im Start-up-Umfeld. Die Kapitalstärke, die die Stiftung im Rücken hatte, bot mir hierbei aber ganz neue Möglichkeiten.“ Zudem war er damals als Geschäftsführer eines konfessionellen Jugendverbandes in Baden-Württemberg bereits im Non-Profit-Sektor unterwegs. Wo sich die Stiftung auch ansiedeln sollte: in Leonberg. 

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Tobias Merckle ist Sohn des Unternehmers Adolf Merckle. Er ist Verfasser diverser Werke für Kriminalprävention und Corporate Social Responsibility.

 

Foto: Hoffnungsträger Stiftung

Die Hoffnungsträger Stiftung startete also 2013 mit Witzke als Ein-Mann-Betrieb und einer Aushilfskraft. Im Zuge der Flüchtlingsthematik seit 2015 wurde sowohl dem Stifter als auch dem Vorstand klar, dass die Stiftung neben ihrem ursprünglichen Tätigkeitsbereich einen Beitrag liefern sollte, Geflüchteten eine Heimat zu bieten.

 

Der Plan: Immobilien in Süddeutschland sanieren und so Wohnungsraum für Geflüchtete schaffen. Ein schwieriges Unterfangen, wie sich allerdings herausstellte. Denn alle Kommunen in Süddeutschland nutzten bereits leerstehende Immobilien als Unterkünfte für Asylsuchende. Diese Nische war leergefegt, es gab keine Objekte, die die Stiftung hätte erwerben können.

 

Hier sei seine Start-up-Denke zutage gekommen, erinnert sich Witzke. „Wenn ein Projekt oder ein Produkt nicht funktioniert, dann muss man sich klar und schnell entscheiden: Stampfen wir es ein, oder entwickeln wir es weiter?“ Diesen Ansatz brachte er in die Meetings ein, und der Stiftungsrat traf einen schwerwiegenden Entschluss. Die Stiftung selbst wurde als Bauträger tätig und entschied, Unterkünfte in Zukunft neu zu bauen, statt alte Gebäude zu sanieren. Der Weg von der Förderstiftung zur operativ tätigen Institution bescherte Wachstum: Aus einem wurden bis heute knapp 50 in Voll- und Teilzeit angestellte Mitarbeiter.

In Zusammenarbeit mit dem Städtebau-Institut der Universität Stuttgart und einem jungen Architekturbüro ließ die Hoffnungsträger Stiftung ein modulares Haus mit Holz als zentralem Baustoff entwerfen, das multiplizierbar gebaut und dementsprechend skaliert werden kann. Wichtig auch: stilistisch weit weg von der Containerlogik, die die Flüchtlingskrise zu diesem Zeitpunkt prägte, sagt Witzke.

In den sogenannten Hoffnungshäusern sollen jeweils zur Hälfte in Deutschland Geborene und Flüchtlinge wohnen, insgesamt 30 Menschen. Eine Finanzierung aus den Erträgen der Stiftung kam allerdings nicht in Frage. Das würde den finanziellen Rahmen der Stiftung bürgerlichen Rechts sprengen. Also musste nach anderen Wegen gesucht werden. 

Gemäß den von der Stiftungsaufsicht in Baden-Württemberg geforderten Auflagen investiert die Stiftung ihr Stammkapital zu 40 Prozent in risikobehaftete Felder wie Aktien. 35 Prozent liegen in Absolute-Return-Fonds, Rohstoffen und Renten-Wertpapieren, 5 Prozent in Cash. Mit den restlichen 20 Prozent des Stiftungskapitals geht die Stiftung einen ungewöhnlichen Weg: Diesen Anteil investiert sie in Impact-Investing. Und das nicht in irgendein Projekt, sondern in das eigene Projekt der Hoffnungshäuser. Witzke erklärt den Ansatz: „Der Hebel, den wir durch diese Finanzierungsmöglichkeit bekommen, ist vielfach größer im Vergleich zum Modell, Projekte durch Erträge aus dem Stiftungskapital zu finanzieren. Wenn wir beispielsweise 10 Millionen in unser Immobilienprojekt investieren, kommt alles dem Impact zugute. Wenn ich ein Projekt mit nur 2 Prozent Zinsen aus dem Stammkapital starte, dann hat das viel weniger Ertragskraft.“

Diesen Weg geht die Stiftung seit dem ersten Hoffnungshaus, das 2016 in Leonberg eröffnet wurde, gradlinig weiter: Ende 2019 waren es bereits neun Hoffnungshäuser in vier Kommunen, bis Ende 2020 wird es insgesamt 15 Hoffnungshäuser in sechs Gemeinden geben. In Konstanz sollen ab 2021 vier Hoffnungshäuser hinzukommen. Witzke wünscht sich, dass Stiftungen 20 Prozent ihres Vermögens in Impact-Investments anlegen würden. Denn neben den sozialen Argumenten für solche Anlageklassen seien auf monetärer Seite die Hoffnungshäuser ebenfalls positiv, versichert der Geschäftsführer. „Die Investi­tionen in die Immobilien bringen eine Eigenkapitalverzinsung zwischen 2 und 5 Prozent“, sagt Witzke. 

Teurer als Fugger, der Reiche

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Der Ökonom Marcus Witzke kennt sich mit dem Gründen und Aufbauen von Firmen aus. Heute ist er Vorstand der Hoffnungsträger Stiftung.

 

Foto: Hoffnungsträger Stiftung

Wichtig für Witzke ist zunächst die Einnahmequelle: Die Stiftung subventioniert keine Mieten. Alle Parteien in den Häusern zahlen monatlich für ihre Wohnungen – rund ein Drittel unter dem lokalen Mietpreis. Entsprechend zahlreich sind die Anfragen. „Die Frage bei der Vermietung ist nicht, ob wir genug Mieter zusammen bekommen, sondern wie hoch die Mietanfragen überzeichnet sind“, sagt Witzke. Damit grenzt sich die Stiftung von Organisationen und Institutionen ab, die ohne oder mit geringem Gegenwert Mietraum anbieten. Die Augsburger Fugger Stiftung erhebt für katholische Bürger lediglich 88 Cent Kaltmiete für die Wohnungen in der Fuggerei im Jahr. Der Betrag ist an den Wechselkurs einer „Rheinischen Gulde“ gekoppelt, den Jakob Fugger, der Reiche, im Jahr 1521 als Maßstab für seine Wohnungen anlegte.

 

Weil die Hoffnungsträger Stiftung bezahlbaren kommunalen Wohnraum schafft, qualifiziert sie sich für das Förderprogramm Wohnungsbau des Bundeslandes Baden-Württemberg, in dem sich alle Häuser befinden. „Das Fördergeld kann bis zu 30 Prozent des Baupreises ausmachen“, sagt Witzke. Die Häuser der Hoffnungsträger Stiftung sind zudem nach KfW-Effizienzhaus-Standard 55 gebaut, mit Wärmepumpen und Solaranlagen ausgestattet, was einen Investitionszuschuss und zinsgünstige Darlehen der KfW garantiert. Und: Einige der Kommunen, in denen gebaut wird, kommen der Stiftung beim Preis der Grundstücke entgegen, solange die Auflage erfüllt wird, dass dort langfristig bezahlbarer Wohnraum geschaffen wird.

Aus den Erträgen, die die Stiftung durch dieses Modell erlösen kann, finanziert sie soziale Projekte in allen Hoffnungshäusern. Sie sollen die Integration der ausländischen Personen erleichtern. Dazu gehören beispielsweise Hilfestellungen für das Erlernen der deutschen Sprache oder für den Start im Arbeitsmarkt. Ansprechpartner für die Häuser ist meist ein Ehepaar, das ebenfalls dort lebt. Dadurch solle ein Austausch geschaffen und Integration gelebt statt das Ganze als Arbeit oder Projekt angesehen werden, erklärt Witzke. Das Prinzip erinnert an die Start-up-Welt, in der der Stiftungsvorstand unterwegs war. Auch dort leben viele Unternehmen davon, dass der Job für Mitarbeiter mehr ist als nur Arbeit und sie sich mit Herzblut über den Arbeitsalltag hinaus dafür einsetzen. 

Begeisternde Rendite

Für die Stiftung kommt das neue Feld einem Paradigmenwechsel gleich. „Wir werden zu einem großen Vermieter. Das ist ein eigener Bereich der Stiftungsarbeit, der organisiert werden muss“, sagt Witzke. Die Hoffnungsträger Stiftung beschäftigt mittlerweile ein eigenes Immobilienteam. Wird sich die Stiftung nun lediglich auf Immobilienprojekte fokussieren? Eine naheliegende Tendenz, der Witzke entgegenwirken will. 

Er hat eine weitere Quelle ausgemacht, über die die Stiftung monetäre Zuflüsse generieren und flexibler sein kann: die Crowd­investing-Plattform Xavin. Hier können Organisationen wie Vereine oder Stiftungen ihre Projekte vorstellen, und Privatpersonen können mit einem Darlehen bei der Finanzierung unterstützen. Die Projekte, die gelistet werden, müssen immer einen sozialen Impact haben. Seit 2020 ist die Stiftung mit ihren Hoffnungshäusern dabei. Für das Hoffnungshaus in Konstanz, das 2021 fertiggestellt werden soll, hat die Hoffnungsträger Stiftung erstmals Geld auf Xavin eingesammelt. Witzke sieht mehrere positive Aspekte: „Seit der Gründung der Stiftung sind einige Privatiers auf uns zugekommen, die uns mit Darlehen unterstützen wollen und nicht mit Spenden.“ Auch aus steuerrechtlichen Gründen, gibt Witzke zu, denn wer auch die Erträge aus einem Darlehen an die Stiftung gibt, hat steuerliche Vorteile. 

Info

Die Hoffnungsträger Stiftung

  • Stiftungszweck: Engagement für Patenkinder, Flüchtlinge und Restorative Justice in ­Deutschland und weltweit
  • Gründungsjahr: 2013
  • Stiftungskapital: 63 Millionen Euro
  • Stifter: Tobias Merckle
  • Mitarbeitende: Hauptamtlich etwa 50 Vollzeit- und Teilzeitkräfte 

Für die Stiftung Hoffnungsträger ist das Crowdinvesting nicht nur eine Chance, Geld einzusammeln. Sie will so auch die Gesellschaft für Impact-Investitionen begeistern und möglichst viele Menschen an den Projekten teilhaben lassen. Die erste Investment­runde erreichte die Ziele, die sich die Stiftung gesteckt hatte: Insgesamt flossen 570.000 Euro in die Kasse und deckten damit 8 Prozent der Baukosten des Hoffnungshauses Konstanz. Den Anlegern boten sich zwei Möglichkeiten des Investments: einmal mit einer Laufzeit von fünf Jahren mit einem Zinssatz (Festzins) von 1,20 Prozent, das 23 Investoren abschlossen. Dort sammelte die Stiftung 365.000 Euro ein, sogar mehr, als die ursprünglich angepeilten 350.000 Euro. Auch für das Investment mit dem Zeitraum von acht Jahren (Zinssatz von 1,50 Prozent) lag die Summe höher als geplant: Statt 150.000 Euro kamen 205.000 Euro zusammen, elf Geldgeber investierten.

Die Größe der Stiftung hilft

Mit den Investoren kommuniziere die Stiftung – zeitgemäß – in Online-Konferenzen zum Stand des Baus, sagt Witzke. In dessen Team sind aktuell fünf Mitarbeiter im Bereich Fundraising, die auch die Kommunikation mit den Impact-Investoren übernehmen. Witzke will das Crowdinvesting ausbauen: „Ein Investment in Immobilien ist sehr risikoarm, und die Hoffnungshäuser haben eine doppelte Rendite – monetär und emotional. Vor allem für die Bewohner vor Ort, die mit unseren Ideen verbunden sind, lohnt sich diese Art des Investments.“ 

Dass das gesamte Projekt der Häuser und des Crowdinvestings nicht auf alle Stiftungen übertragen werden könne, weiß der Geschäftsführer aber auch. Stifter Merckle steht mit einem großen Millionenbetrag hinter der Stiftung. Falls ein Fundraising-Ziel einmal nicht erreicht werden sollte, zerbreche ein Projekt daran nicht. Ganz im Gegensatz zu einer kleinen Stiftung oder einem jungen Unternehmen, das Finanzierungsziele nicht erreicht. Nicht jede Stiftung könne ein Immobilienteam aus dem Boden stampfen, gibt Witzke zu. Und Projekte zu haben, die sich klar mit Zahlen abbilden lassen und finanzielle Rendite gewährleisten, gilt ebenfalls nicht unisono für den dritten Sektor. 

Nicht zu vergessen ist zudem, dass Witzke als Ökonom die Stiftung in Vollzeit führt. Im Investorenkreis der letzten Finanzierungsrunde der Hoffnungshäuser befindet sich auch eine Stiftung. „Das freut mich ungemein“, sagt Witzke. Stiftungen sollten Impact-Investing nicht mehr so stiefmütterlich behandeln, plädiert er abermals. Es müsse nicht gleich ein eigenes Projekt sein, legt er nach. Teil einer Crowdinvesting-Aktion zu werden könne ein erster sinnvoller Berührungspunkt sein. Für seine Stiftung hat er wohl den richtigen Weg gefunden. Zur Finanzierung des nächsten Hoffnungshauses sagt er: „Wir wollen nicht jedes Mal etwas Neues ausprobieren. Wenn eine Sache funktioniert, dann muss man sie weiter nach vorne treiben.“ Ein Spruch, der wohl für Stiftungen und Start-ups gelten sollte.