Immer mehr Unternehmer vertrauen ihr Unternehmen lieber einer Stiftung anstatt ihren eigenen Kindern. Sie halten das für den sichereren Weg zum unabhängigen Erhalt des Unternehmens.

dm-Gründer Götz Werner hat es getan. Schraubenhändler Reinhold Würth hat es getan. Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn hat es getan. Und viele kleinere mittelständische Unternehmer tun es auch: Sie überführen ihre Unternehmen in Stiftungen, statt ihren Kindern die Gesellschaftsanteile zu übertragen. Dabei ist es keineswegs so, dass ihnen die geeigneten Erben fehlen; die wenigsten Stifter aus dem Unternehmerlager sind kinderlos.

Vielmehr wollen sie ihre Erben mit der Aufgabe, das Vermögen zusammenzuhalten und damit das Unternehmen in seiner Unabhängigkeit zu erhalten, nicht betrauen. Manchen fehlt das Zutrauen in ihre Kinder, andere wollen es ihnen nicht zumuten. Reinhold Würth (75) wollte mit der Errichtung von vier Familienstiftungen, die jeweils 25 Prozent der Anteile halten und seiner Frau und seinen vier Kindern gewidmet sind, vor allem Erbstreitigkeiten unterbinden. Und es gibt noch ein anderes Motiv: Ihr Unternehmen ihren Kindern zu schenken erscheint immer mehr Unternehmern als ungerecht. So seltsam das klingt. Das gilt besonders dann, wenn das Unternehmen über Jahrzehnte sehr erfolgreich war, die Familie entsprechend gut verdient hat und die Kinder bereits finanziell gut ausgestattet sind.

Götz Werner (66), Gründer der Drogeriemarktkette dm, formulierte es jüngst in einem Interview mit der F.A.S. so: „Meine Kinder haben Anspruch auf einen guten Start ins Leben, aber nicht darauf, dass Eltern für den lebenslangen Wohlstand ihrer Nachkommen sorgen.“ Gerhard Metz, Gründer der IST Metz GmbH, eines Anbieters von UV-Technik mit über 600 Mitarbeitern, vertritt eine ähnliche Meinung: „Wir haben das Unternehmen nicht alleine groß gemacht. Daran hatten unsere Mitarbeiter den größten Anteil. Denen wollten wir dadurch, dass wir nicht verkaufen, sondern stiften, zeigen, dass das Unternehmen irgendwie auch ihnen gehört.“ Er und seine Frau haben 51 Prozent der Unternehmensanteile in eine gemeinnützige Stiftung eingebracht. Damit sei die Unabhängigkeit des Unternehmens gesichert und für eine gewisse Arbeitsplatzstabilität gesorgt.

Durchgriffsrechte beschränken

Obwohl fast alle von Unternehmern gegründeten Stiftungen eine mehr oder minder ausgeprägte gemeinnützige Komponente haben und man mit dem Modell einer gemeinnützigen Stiftung die Erbschaftsteuer sparen kann, ist weder die Spenden- noch die Steuersparidee die treibende Kraft hinter den Stiftungen. Zuallererst geht es den meisten Stiftern um den unabhängigen Erhalt des Unternehmens und um eine Beschränkung der Durchgriffsrechte ihrer Nachkommen auf das Vermögen des Unternehmens. Was eine Stiftung mit dem Unternehmen anfangen darf und was nicht, kann man ihr in der Satzung sehr genau diktieren und damit über den Tod hinaus kontrollieren. Was die eigenen Kinder mit dem Unternehmen nach dem Tod des Unternehmers machen, kann man hingegen nicht beeinflussen.

Damit die Stiftung in der Praxis ihrer Doppelrolle als Inhaber und Kontrolleur eines Unternehmens einerseits und als gemeinnütziger Wohltäter andererseits gerecht werden kann, sind in der Praxis sehr komplexe rechtliche Konstruktionen notwendig. Denn gemeinnützige Stiftungen dürfen nicht die Steuerung eines Unternehmens als Stiftungszweck haben. Sobald eine gemeinnützige Stiftung Einfluss auf die operative Führung eines Unternehmens nimmt, verliert sie ihren gemeinnützigen Status (und damit die steuerliche Begünstigung). Auch ist eine gemeinnützige Stiftung verpflichtet, das ihr zur Verfügung stehende Vermögen auch tatsächlich auszugeben. Thesaurierungen der Gewinne im Unternehmen sind damit bei Unternehmen in Stiftungsbesitz nicht ohne weiteres in gleichem Umfang möglich wie bei „normalen Unternehmen“.

Info

Unternehmensträgerstiftungen in Deutschland

In den vergangenen 25 Jahren hat sich nach Erhebungen des Bundesverbands Deutscher Stiftungen die Zahl der unternehmensnahen Stiftungen auf über 1.500 vervierfacht. Insgesamt machen stiftungsgetragene Unternehmen damit zwar nur 0,01 Prozent aller Unternehmen aus. In der Gruppe der 100 größten Unternehmen ist der Anteil jedoch bedeutend größer: 20 Prozent der größten deutschen Industrieunternehmen sind in Stiftungsbesitz, wie Dr. Karin Fleschutz für ihre Dissertation herausgefunden hat. Ein Drittel der 30 größten Arbeitgeber sind stiftungsgetragene Unternehmen. Der Bundesverband Deutscher Stiftungen und einige renommierte Kanzleien beobachten eine zunehmende Popularität des Doppelstiftungsmodells.

Um diese Schwierigkeiten zu umschiffen, wählen viele Stifter das Modell einer Doppelstiftung. Dabei hält eine gemeinnützige Stiftung die Mehrheit der Kapitalanteile und eine andere nicht gemeinnützige Stiftung die Mehrheit der Stimmrechte (siehe Kasten). Auch Karl Schlecht, Gründer des schwäbischen Spezialmaschinenbauers Putzmeister mit heute über 2.000 Mitarbeitern und 500 Millionen Euro Umsatz, hat diese Konstruktion beim Aufbau seiner Stiftung vor zwölf Jahren gewählt. Neben der Doppelstiftung gibt es noch unzählige andere Modelle, die sich für eine Stiftungslösung eignen. Die Ausgestaltung jeder Stiftung ist meist so individuell, wie es auch Unternehmen und Stifter sind.

Auch die Stiftungskonstruktionen von Karl Schlecht und Gerhard Metz unterscheiden sich. Gemein ist beiden, dass sie ihre Nachkommen über ihr Privatvermögen versorgt haben. Beide halten das für die bessere Variante. „Wir haben beispielsweise die Freibeträge für die steuerfreie Übertragung von Immobilien, Wertpapieren und Sparguthaben, die alle zehn Jahre möglich sind, voll ausgenutzt“, erklärt Gerhard Metz.

Ganz oder gar nicht?

Während Gerhard Metz und seine Frau weiterhin 49 Prozent der Anteile am Unternehmen halten und damit auch am Ertrag beteiligt sind, hat Karl Schlecht sein gesamtes Unternehmen eingebracht. Was hat ihn dazu bewogen? „Die Klarheit des Gedankens“, sagt er: „Wenn Sie einmal beschlossen haben, gemeinnützig tätig zu sein, müssen Sie auch gemeinnützig sein, komme, was wolle“, begrüßt Schlecht den selbst gesetzten Zwang. „Ein Unternehmer kann mit dem Übertragen seiner Anteile an eine Stiftung allerdings nicht die Pflichtteilsansprüche seiner Kinder aushebeln“, erläutert Rainer Kögel, Experte für Stiftungsgründungen bei der Kanzlei Hennerkes, Kirchdörfer & Lorz. Die Übertragung des gesamten unternehmerischen Vermögens an eine Stiftung erfordert einen Pflichtteilsverzicht der Kinder oder muss wie im Fall von Karl Schlecht und Gerhard Metz mindestens zehn Jahre vor dem Tod des Unternehmers erfolgt sein.

Fazit positiv

Karl Schlecht und Gerhard Metz sind auch mehr als ein Jahrzehnt nach der Entscheidung, ihr Unternehmen einer Stiftung anzuvertrauen, immer noch hochzufrieden. „Ich würde alles noch einmal genauso machen“, erklärt Karl Schlecht. „Das einzige Risiko, das ich sehe, ist die Gefahr, dass die Stiftungsräte in ihrem Engagement nachlassen“, schränkt Gerhard Metz ein. Denn die handelnden Personen sind der Knackpunkt jeder Stiftungskonstruktion. Eine Stiftung ist als juristische Person nur bedingt zur Steuerung eines dynamischen mittelständischen Unternehmens in wirtschaftlich schwierigen Zeiten geeignet. Das gelingt nur, wenn im Entscheidungsgremium ein unternehmerischer Geist weht. Ob es diesen Geist gibt, hängt weniger von der Konstruktion als vielmehr von der richtigen Auswahl der Stiftungsvertreter ab.

Viele Unternehmer tappen hier in eine Falle. Sie besetzen die entscheidenden Positionen mit langjährigen Weggefährten, denen sie vertrauen. Die Gefahr der Überalterung ist groß: „Das Schlimmste, was ich gesehen habe, war ein Stiftungsgremium mit einem Altersdurchschnitt von 87 Jahren“, berichtet Rainer Kögel von seinen Erfahrungen. Verhindern kann man eine solche Entwicklung, indem man die Notwendigkeit eines Blutaustauschs schon in der Satzung festlegt. Das heißt keine Bestellung auf Lebenszeit, festgesetzte Wahlperioden und Altersobergrenzen. Aber nicht nur das Alter ist für die Qualität der unternehmerischen Entscheidungen der Stiftungsvertreter ausschlaggebend. Karl Schlecht verlangt von seinen Stiftungsbeiräten, dass sie „im Lebens- und im Existenzrisiko erfahrene Persönlichkeiten“ sind. Gerhard Metz hat darauf geachtet, dass seine Stiftungsräte die Zukunftsmärkte seines Unternehmens kennen, und zwei Positionen mit Unternehmern besetzt, die in ihren eigenen Firmen ein starkes China-Engagement haben.

Die dritte Position hat er mit dem Anwalt besetzt, der seine Stiftungskonstruktion ausgearbeitet hat, eine Person seines Vertrauens. Für Dagmar Schmieder (65), selbst Stiftungsvorstand der Unternehmensträgerstiftung, die hinter der familieneigenen Klinikgruppe steht, käme das nicht in Frage. „Ein Anwalt sollte nicht bei der Stiftungskonstruktion beraten und gleichzeitig im Stiftungsgremium sitzen. Für mich ist das ein Interessenskonflikt“, macht sie deutlich.

Aber nicht nur das Engagement des Stiftungsrats ist entscheidend. Auch die Zusammenarbeit zwischen Stiftungsrat und Geschäftsleitung im Unternehmen muss funktionieren. Gerhard Metz hat die Frequenz der Treffen zwischen Stiftungsrat und Geschäftsleitung erhöht: „Die müssen sich aneinander gewöhnen.“ Seine Prokuristen sollen verstehen, warum der Stiftungsrat ihnen welche Fragen stellt, und darauf vorbereitet sein.

Viel Zeit einplanen

Dieses Heranführen ist wahrscheinlich der Schlüssel zum Erfolg einer solchen Stiftungskonstruktion. Denn immer dann, wenn eine Stiftungskonstruktion dazu dienen soll, den Unternehmer zu substituieren, wird es schwierig bzw. erfordert der Prozess Zeit. Nicht jedes Unternehmen ist institutionalisierbar. „Das gilt besonders für kleinere Unternehmen, denen es oft schwerfällt, hochqualifizierte Persönlichkeiten für das Management oder den Stiftungsrat zu finden“, erklärt Kögel. „Wenn das Geschäftsmodell des Unternehmens nicht nachhaltig genug oder die Abhängigkeit von der Unternehmerpersönlichkeit zu groß ist, raten wir von einer Stiftungslösung ab“, sagt er. Auch eine Unternehmensträgerstiftung erst von Todes wegen zu errichten und erst mit Testamentsvollstreckung alle Beteiligten vor vollendete Tatsachen zu stellen sei wenig sinnvoll.

Obwohl Dagmar Schmieders Vater, Gründer der Schmieder Klinik-Gruppe, seine Stiftung nur zwei Jahre vor seinem Tod errichtet hat, war der kurze Übergabezeitraum in diesem Fall kein Problem. „Das war 1988. Ich war damals schon elf Jahre im Unternehmen und kannte alle Ressorts“, erklärt seine Tochter Dagmar Schmieder. Zudem verfolgte ihr Vater mit der Stiftungsgründung eine andere Intention als Karl Schlecht und Gerhard Metz. Er übertrug die Firmenanteile nicht einer gemeinnützigen Stiftung, sondern gründete mit der Prof.- Friedrich-Schmieder-Stiftung eine Familienstiftung, die fast alle Entscheidungsrechte hat. Die Firmenanteile selbst teilte er zu gleichen Teilen an seine Töchter auf. „Die Familie hat den Besitz, die Stiftung das Sagen“, erklärt Schmieder. Das stimmt aber nur formal. Faktisch hat auch die Familie das Sagen, denn Dagmar Schmieder wurde von ihrem Vater zum Stiftungsvorstand auf Lebenszeit bestellt.

Warum dann die ganze Mühe, wenn trotz Stiftung immer noch ein Familienmitglied die gesamte unternehmerische Verantwortung trägt? „Mein Vater hat sich große Mühe gegeben, seine Töchter immer gleich zu behandeln“, erklärt Schmieder. „Für das Unternehmen war es aber sicherlich richtig, die Entscheidungskompetenz in gewissem Maße bei einer Person zu bündeln. Die Stiftungskonstruktion hat ihm das ermöglicht, ohne dass es zum Streit in der Familie gekommen ist“, erläutert sie. Nicht alle Unternehmer können sich für den Stiftungsgedanken erwärmen. Viele fürchten, ihre Entscheidung nicht wieder rückgängig machen zu können. Auch Karl Schlecht wurde von einigen Beratern vor der Endgültigkeit seiner Stiftungsentscheidung gewarnt. Zu Unrecht, wie er heute findet: „Ich kann immer noch jeden Aufsichtsratsbeschluss kippen, wenn ich wollte.“ Genauso hat sich Reinhold Würth das finale Entscheidungsrecht im Stiftungsaufsichtsrat gesichert. Und auch Gerhard Metz und seine Frau können zu Lebzeiten jederzeit alle Beschlüsse kippen, ja sogar die gesamte Stiftung wieder auflösen.

Die meisten Unternehmer behalten sich sogar vor, das Unternehmen doch noch verkaufen zu können, wenn die wirtschaftliche Lage dies erfordert. Kögel rät seinen Mandanten dazu, immer eine solche Klausel einzufügen: „Die wirtschaftliche Lage kann sich so rasant schnell verändern, dass ein Verkauf notwendig werden kann, um das Unternehmen und das Vermögen zu erhalten.“

Info

Große deutsche Unternehmen in Stiftungsbesitz

  • Robert Bosch (270.687 Mitarbeiter, 38,2 Milliarden Euro Umsatz)
  • Schwarz-Gruppe (ca. 280.000 Mitarbeiter, ca. 53 Milliarden Euro Umsatz)
  • Bertelsmann (102.980 Mitarbeiter, 15,4 Milliarden Euro Umsatz)
  • Fresenius-Konzern (130.000 Mitarbeiter, 14 Milliarden Euro Umsatz)
  • Würth-Gruppe (63.600 Mitarbeiter, 8,5 Milliarden Euro Umsatz)
  • ZF Friedrichshafen (59.00 Mitarbeiter, 9,4 Milliarden Euro Umsatz)
  • dm (33.580 Mitarbeiter, 5,2 Milliarden Euro Umsatz)
  • Mahle (43.498 Mitarbeiter, 3,8 Milliarden Euro)
  • Diehl (12.200 Mitarbeiter, 2,2 Milliarden Euro Umsatz)
  • Carl Zeiss (12.800 Mitarbeiter, 2,1 Milliarden Euro)

Aktuelle Beiträge

Immobilienvermögen
Wie Unternehmerfamilien in die Assetklasse Immobilien investieren
Studie sichern »
Studie sichern »
Immobilienvermögen