Gemeinnützigen Stiftungen, die einen Großteil ihres Vermögens konservativ angelegt haben, stehen schwere Zeiten bevor. Um die Assetallokation neu auszurichten, fehlt häufig die Fachkompetenz – und manchmal auch der Mut.

Die Niedrigzinsperiode an den Kapitalmärkten wird noch ein paar Jahre andauern, das wird für manche Stiftungen lebensbedrohlich“, sagt Alexander Brochier, Unternehmer und Stifter der Brochier Stiftung, voraus. Viele Stiftungen haben langfristige Förderzusagen gegeben. Doch die Zuflüsse aus den auf das Stiftungsvermögen gezahlten Renditen werden bald nicht mehr ausreichen, um die Zusagen einzuhalten. Bislang zehren die meisten Stiftungen noch von den Erträgen festverzinslicher Wertpapiere, in die sie den Großteil ihres Vermögens angelegt haben. „Doch das geht bald zu Ende“, sagt Brochier. Auch seine eigene Stiftung hat sich mit der Finanzierung eines Kinderheims in Tschechien langfristig verpflichtet. Damit der Betrieb gesichert ist, wird das Kinderheim durch eine jährliche Spende von Brochiers Unternehmen unterstützt.

Doch diese Möglichkeit hätten viele andere Stiftungen nicht. Für sie sehe es in Zukunft eher schlecht aus, so Brochier, der als Vorstandsvorsitzender von Stifter für Stifter derzeit rund 500 Stiftungen berät und treuhänderisch betreut. Auch Peter Anders, Geschäftsführer vom Deutschen Stiftungszentrum, geht davon aus, dass sich die Stiftungen auf deutliche Ausgabenkürzungen einstellen müssen, weil die Ertragslage immer schwieriger wird. „Die Stimmung ist ziemlich gedrückt“, stellt Anders fest. Das Stiftungszentrum bietet verschiedene Dienstleistungen für Stiftungen an und betreut derzeit rund 600 Stiftungen. Seit einigen Jahren wird vor allem die Vermögensanlage nachgefragt. „Noch nie haben wir so viele Neumandate für die Vermögensverwaltung bekommen wie in diesem Jahr.“

Bislang läuft es

Noch ist die Lage nicht dramatisch. „In der Summe hat der dritte Sektor genauso viel gefördert wie in den Jahren zuvor“, beschwichtigt Prof. Dr. Hans Fleisch, Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Aktuelle Zahlen des Verbandes zu den Ausgaben, Erträgen und Renditen seiner Mitglieder zeigen: Die Rendite der befragten Stiftungen lag 2014 durchschnittlich bei 3,3 Prozent (Median). Stiftungen mit einem Vermögen von über 100 Millionen Euro erreichten sogar eine Rendite von 6 Prozent (Median). Knapp 60 Prozent der Befragten planen, die Ausgaben auch künftig konstant zu halten. Ein weiteres Viertel will die Ausgaben sogar steigern.

Zu den Stiftungen, die in diesem Jahr eine „ausgezeichnete Entwicklung des Stiftungsvermögens“ vermelden konnten, gehört beispielsweise die Gerda Henkel Stiftung. Bei einem Kurswertvermögen von 710 Millionen Euro (31.12.2014) kam die gemeinnützige Stiftung, die sich der Förderung der Wissenschaft verschrieben hat, auf eine Rendite von 8,6 Prozent. „Grundlage für die positive Performance ist die Tatsache, dass 81 Prozent des Stiftungsvermögens aus Henkel-Aktien bestehen“, sagt Dr. Michael Hanssler, Vorsitzender des Vorstands der Gerda Henkel Stiftung. Seit Jahren hat die Stiftung die Assetallokation kaum verändert. Selbst als in der Finanzkrise die Börsen auf Talfahrt gingen, hielten die Stiftungsgremien an der Portfoliostruktur fest. Zwei Jahre kann die Stiftung auf Rücklagen in voller Höhe zurückgreifen, ohne die Ausgaben der Stiftung reduzieren zu müssen. Daher sieht Hanssler in der großen Abhängigkeit von der Entwicklung des Unternehmens Henkel auch kein Klumpenrisiko, sondern eine „Klumpenchance“.

Für die Neuausrichtung fehlt das Know-How

Doch viele Stiftungen werden – anders als unternehmensnahe Stiftungen – schon bald gezwungen sein, ihr Geschäftsmodell zu überdenken. Denn die Zahlen des Bundesverbandes zeigen auch, dass 40 Prozent der Stiftungen mit einer Abnahme der ordentlichen Erträge rechnen. Eine Diversifizierung der Anlagen gestaltet sich für kleinere Stiftung allerdings schwierig: „Sie kommen aufgrund ihres relativ geringen Stiftungsvermögens nicht an gute Diversifikationslösungen heran“, sagt Fleisch. Sie müssen eine geringere Rendite durch Fundraising und Spenden ausgleichen.

Neben dem zu geringen Vermögensumfang verhindert häufig auch die fehlende Fachkompetenz eine Anlage in renditeträchtigere Anlageklassen. Viele Stiftungen werden von ehrenamtlichen Mitarbeitern betreut, denen häufig das notwendige Spezialwissen fehlt. Nach einer Studie des Centrums für soziale Investitionen und Innovationen verfügen sogar 41 Prozent der kapitalstärksten deutschen Stiftungen (Stiftungsvermögen mindestens 20 Millionen Euro) über keinerlei Kontrollorgan bezüglich der Finanzanlage. In knapp drei Viertel der Fälle, in denen das Kuratorium bzw. der Beirat die langfristige Anlagestrategie kontrollieren soll, verfügt das Gremium weder über Spezialisten noch wird die Fachkompetenz für die Vermögensverwaltung als relevant betrachtet. Nur jede zweite Stiftung beschäftigt hauptamtliche Spezialisten für die Vermögensverwaltung.

„Wenn es um Aktien und Unternehmensanleihen geht, die nicht mehr im Bereich des Investmentgrade sind, fühlen sich viele überfordert“, sagt Anders. Zudem fehle es an Risikobereitschaft. Weithin werde die Ansicht vertreten, Stiftungen müssten betont sicher anlegen. Dies sei jedoch falsch. „Es gibt in keinem Bundesland Vorschriften, die den Stiftungen vorschreiben, wie sie ihr Vermögen anlegen sollen.“ Lediglich der Erhalt des Vermögens und die Generierung von Erträgen, um die Gemeinnützigkeit zu fördern, sind vorgeschrieben. Unter den gegebenen Umständen sei der Erhalt des Vermögens aber mit einer konservativen Anlagestrategie nicht zu gewährleisten, sagt Anders und fordert die Stiftungsgremien auf, beim Thema Diversifikation mehr Mut zu zeigen.

Stiftungsfonds kein Allheilmittel

Hilfe suchen die Verantwortlichen der Stiftungsgremien bei Banken, freien Vermögensverwaltern und sonstigen Fondsanbietern. In den vergangenen Jahren hat das Angebot spezieller Stiftungsfonds zugenommen. Nach Angaben des Stiftungsfondsberichts des Multi Family Offices PC Portfolio Consulting werden in Deutschland 40 Stiftungsfonds öffentlich angeboten (Stand Ende 2014). Doch die Produkte unterscheiden sich meist nicht wesentlich von gemischten Fonds ohne Stiftungsbezug, so das Ergebnis der Studie. Stiftungsspezifische Besonderheiten oder Aspekte des Stiftungsrechts, wie beispielsweise das Bestreben nach Kapitalerhalt oder die Beschränkung der möglichen Investments, blieben oft unberücksichtigt. Zudem könnten nicht alle Fonds ihre Renditeversprechen erfüllen, so die Autoren der Studie Thomas Schemken und Stephan Müller. Trotz aller Kritik plädieren Schemken und Müller für eine Mischung ausgewählter Stiftungsfonds, um die schwindenden Zinseinkünfte zu kompensieren.

Auch Thomas Peters, ehemaliger IT-Unternehmer und Stifter der Stiftung Sonnenseite, war mit der Anlage in einen großen Stiftungsfonds unzufrieden. Als nach zwei Jahren die erhoffte Performance ausblieb, stieg er aus und nahm die Vermögensverwaltung des Stiftungsvermögens in Höhe von 1,7 Millionen Euro selbst in die Hand. Im vergangenen Jahr verkaufte er sämtliche Anleihen – „mit gutem Gewinn“. Doch nun steht auch er vor der Herausforderung der Wiederanlage. Peters will in Zukunft mehr Risiko eingehen, den Aktienanteil auf über 50 Prozent erhöhen und vielleicht in Nachrang- und Fremdwährungsanleihen investieren. Vor kurzem hat er eine kleine Immobilie erworben. Es sei wichtig, dass man bei der Anlage völlige Freiheit habe, um auf die unterschiedlichen Gegebenheiten zu reagieren, findet er. Außerdem schaut er sich die Gebühren für Depots, Transaktionen und Ausgabeaufschläge ganz genau an. „Ich betrachte die Stiftung wie ein Unternehmen“, sagt Peters. „Wenn ich keine Einnahmen generiere, muss ich die Kosten reduzieren.“ Ohne Zustiftung aus seinem Privatvermögen kommt die Ende 2011 gegründete Stiftung jedoch derzeit noch nicht aus.

Brochier hat das Vermögen seiner Stiftung (5 Millionen Euro) ebenfalls umgeschichtet und den Aktienanteil erhöht. Die Aktien- Kompetenz dafür hat er sich in die Stiftung geholt. Ansonsten ist die Stiftung stark in Immobilien investiert und hat über die Jahre Rücklagen gebildet. Dass es allen Stiftungen gelingen wird, durch gegensteuernde Maßnahmen zu überleben, glaubt er nicht: „Die Zahl der größeren Stiftungen ohne Spendeneinnahmen wird zurückgehen“, prognostiziert er. „Der Trend geht eindeutig zur Verbrauchsstiftung.“

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