Murat Vural will mit seinem ChancenWerk für mehr Bildung bei benachteiligten Kindern sorgen. Familienunternehmern gefällt sein Ansatz besonders gut.

Dass er einmal wie ein Unternehmer handeln müsste, war Murat Vural beim Start seines Projektes nicht klar. Schließlich wollte er kein Geld verdienen, sondern ein soziales Problem lösen: Wie kann man die Bildungssituation von benachteiligten Gruppen und insbesondere von Migranten verbessern? Um hierauf eine Antwort zu finden, war der 34-jährige Vural, der derzeit seine Doktorarbeit in Plasmatechnik an der Ruhr-Universität in Bochum schreibt, zunächst mit einem wissenschaftlichen Ansatz vorgegangen – Analyse des Problems und Entwurf eines möglichst effizienten Modells für eine Lösung.

Doch was auf dem Papier so gut aussah, erforderte in der Praxis viele der Eigenschaften, die sonst Unternehmern zugeschrieben werden: immer nach vorne gehen, nicht aufgeben, die eigenen Pläne flexibel an die Wirklichkeit anpassen. Und vor allem: immer mit viel Herzblut und Dynamik für das eigene Projekt kämpfen. Weil Vural so handelte, ist in den vergangenen Jahren aus seiner Idee ein „Sozialunternehmen“ geworden, das vielen Schülern im Ruhrgebiet, in Köln und in Bremen auf ihrem Weg zu besserer Bildung weiterhilft.

Vurals Idee läuft unter dem Namen „Interkultureller Bildungs- & Förderverein für Schüler & Studenten ChancenWerk“, kurz IBFS ChancenWerk. Der Kerngedanke ist ebenso einfach wie bestechend: Oberstufenschüler erhalten zwei Schulstunden pro Woche kostenlose Nachhilfe durch einen Studenten, insbesondere zur Vorbereitung der Abiturprüfungen. Als Gegenleistung erklären sie sich bereit, die Hausaufgabenbetreuung benachteiligter Schüler der Unterstufe zu übernehmen. Diese zahlen für 16 Stunden Unterricht monatlich zehn Euro. Davon wiederum werden die Studenten bezahlt. „Wir haben damit ein sich selbst erhaltendes Mentorenprogramm entwickelt: Ein Student kann acht Oberstufenschüler unterrichten, und jeder von ihnen erreicht wiederum vier Schüler der Unterstufe. Die Oberstufenschüler wirken dabei zugleich als Vorbilder – sie zeigen den Elf- bis Vierzehnjährigen, dass man es in Deutschland zu etwas bringen kann, wenn man sich anstrengt“, meint Vural, dessen Vater einst als Bergarbeiter aus der Türkei nach Herne kam und der selbst als Erster aus seiner Familie studieren konnte.

Unternehmer steigen ein

Geholfen beim Aufbau des ChancenWerks hat Vural – wie vielen Unternehmern auch – gute Beratung: Von 2006 bis 2009 war er „Ashoka Fellow“. Von diesem Fördernetzwerk für „Social Entrepreneurs“ erhielt er nicht nur drei Jahre lang ein Stipendium, um sich ganz seiner Idee widmen zu können, sondern bekam Beratungsleistungen renommierter Consultingunternehmen und Anwälte. Vor allem aber gelang es dem Wissenschaftler, Unternehmer und Stiftungen von seiner Idee zu begeistern. So fördert etwa die Stiftung von Peter Pohlmann (Gründer des Möbeldiscounters Poco-Domäne, siehe WIR 2/2010) sein Projekt, er erhält Unterstützung aus dem Programm „Integration junger Migranten“ der Robert-Bosch-Stiftung ebenso wie von der Rivera-Stiftung und BonVenture, einem Fonds einiger Unternehmerfamilien, der in Unternehmen mit sozialem Geschäftszweck investiert.

Auch die private HIT-Stiftung (HIT-Supermärkte), hinter der eine Unternehmerfamilie steckt, ist im Oktober 2009 eingestiegen. „Erst seit einigen Jahren gibt es mehr Bewusstsein darüber, dass man etwas für Integration tun muss. Und da hat das Projekt von Herrn Vural überzeugt: Mich fasziniert das Verhältnis von Input und Output. Mit wenig Menschen kann sich unglaublich viel verändern“, sagt Birgit Rößle, Leiterin der HIT-Stiftung, deren Ziel es ist, Kindern und Jugendlichen gute Zukunftschancen zu geben. Die Stiftung unterstützt das ChancenWerk auch persönlich: Birgit Rößle begleitet Murat Vural und seinen Mitarbeiter Erkan Budak regelmäßig zu Gesprächen mit Kölner Schulen und nutzt ihre Kontakte in der Domstadt, um die Idee bekanntzumachen.

Dass die Förderung von Bildung in Deutschland gelegentlich einen Umweg über das Ausland machen kann, berichtet Florian Wolff, Geschäftsführer der Bremer Bresche-Stiftung: Entstanden ist die Stiftung 2002, als die Familie das Unternehmen, das im Textilgroßhandel tätig war, im Zuge eines Management Buy-out veräußerte. Mit einem Teil des Verkaufserlöses wurde die Stiftung gegründet, die zunächst Schulprojekte beispielsweise in Peru förderte. „Darüber ist mir erst klargeworden: Auch hier in Deutschland gibt es viele Menschen ohne Schulabschluss“, sagt Wolff. Seit Januar 2010 unterstützt die Stiftung nun das Chancen- Werk. An einer Gesamtschule in einem sozial schwierigen Bremer Viertel – in dem auch das Unternehmen der Wolffs seinen Sitz hatte – bekommen seither 23 Oberstufenschüler und 50 Unterstufenschüler Nachhilfe. „Das ist sehr gut angelaufen. Jetzt fangen wir an der zweiten Schule mit dem Konzept an.“

Das ChancenWerk ist freilich nur eines von vielen Projekten, die in den vergangenen Jahren zu den Themen Integration und Bildung von Migranten entstanden sind. Dafür gibt es laut Pia Gerber, als Geschäftsführerin der Freudenberg Stiftung mit dem Thema eng vertraut, viele Gründe: „Eine Rolle spielt, dass der Integrationsfaktor Arbeit nicht mehr so funktioniert wie früher: Es gibt immer weniger Stellen für unqualifizierte Mitarbeiter.“ Auf Unternehmensseite wiederum sieht Gerber einen erhöhten Druck durch den Fachkräftemangel und dadurch ein vermehrtes Interesse am Bildungsthema: „Den Unternehmen bieten sich im Wesentlichen zwei Optionen: zum einen, mehr qualifizierte Fachkräfte in anderen Ländern anzuwerben, zum anderen, mehr in die Bildung zu investieren, um einen besseren Output zu erhalten.“

Dem Trend lange voraus

Insbesondere Letzteres braucht einen langen Atem. Daher glaubt Pia Gerber auch, dass Familienunternehmen eine besondere Nähe zur Bildungsthematik haben: „Das gilt zum Beispiel für die Familie Freudenberg, die sich traditionell mit Bildung und Integration beschäftigt.“ So war seit Gründung der Stiftung 1984 die Integration von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien ein Schwerpunkt. Bereits im Jahr 1979 unterstützte das Unternehmen die Regionale Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien (RAA). Das lag freilich auch an den Erfahrungen in der Firma Freudenberg: Das Unternehmen stellte damals fest, dass die gut 20 Prozent Mitarbeiter, die aus anderen Ländern stammten, „vor allem erwerbsorientiert, aber nicht bildungsorientiert sind“, wie Gerber berichtet – eine Lücke, die die Stiftung erkannte und sodann erste Projekte startete.

Auch für Peter Pohlmann sind die Einwanderer im eigenen Unternehmen Poco ein Grund dafür, dass er mit seiner Stiftung die Bildung von Migrantenkindern fördern will. Dabei geht es um mehr als nur das Finanzielle: „Herr Pohlmann nimmt sich auch mal ein paar Stunden, um mich zu beraten. Etwa dazu, dass zu schnelles Wachstum problematisch sein kann“, erzählt Vural. „Denn bei der Gründung vor sechs Jahren habe ich noch gesagt: Ich will das Projekt an 100 Schulen umsetzen. Doch mit der Zeit lernt man, seine Grenzen realistisch einzuschätzen.“ Ein Satz, den wohl jeder Unternehmer unterschreiben könnte.

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