Klaus Tschira hat sich mit seiner Stiftung seit 15 Jahren der Förderung der Naturwissenschaften in unserer Gesellschaft verschrieben. Seine Entscheidung zu stiften, hat der SAP-Mitbegründer nie bereut, wohl aber die gewählte Struktur.

Wann und wie haben Sie Ihre Stiftung gegründet?

Ich habe 1995 einen Großteil meines Vermögens gestiftet. Dazu habe ich allerdings eine gemeinnützige GmbH gegründet, die nur das Wort „Stiftung“ im Namen trägt, aber rein rechtlich keine Stiftung ist. Das hat den Vorteil, dass ich den Stiftungszweck ändern kann, wenn ich das möchte. Sollte ich also plötzlich mit dem letzten Rest Zurechnungsfähigkeit beschließen, alles in die Alzheimer-Forschung zu stecken, könnte ich das tun.

Bis dahin ist der Stiftungszweck aber ein anderer?

Ja, wir fördern Naturwissenschaften, Mathematik und Informatik, angefangen im Kindergarten über Schulen und Hochschulen bis hin zu Forschungseinrichtungen.


Wie hoch ist das Vermögen der Klaus Tschira Stiftung?

Der Buchwert des Vermögens belief sich 2009 auf rund 1,9 Milliarden Euro. Die für Projekte in diesem Zeitraum ausgezahlten Fördermittel umfassten fast 12 Millionen Euro.


Damit fließt nur ein Bruchteil Ihres gestifteten Vermögens in Projekte. Warum?

Das liegt in der Natur der Sache. Wenn das Vermögen der Stiftung erhalten werden soll, was vom Gesetzgeber vorgeschrieben ist, dann können nur die Zinserträge bzw. Dividenden für gemeinnützige Arbeit ausgegeben werden. Und auch das nicht in vollem Umfang, weil Sie auch Teile zum Inflationsausgleich zurückhalten müssen.


Hätten Sie Ihr Vermögen also deutlich effektiver einsetzen können, wenn Sie nicht gestiftet hätten?

Sagen wir so: Wenn ich noch einmal stiften würde, würde ich nicht mehr alles auf einen Batzen stiften. Stattdessen würde ich mehrere kleine Stiftungen gründen.


Welchen Vorteil hat das?

Man ist einfach flexibler. Ein Beispiel: Das aktuell bestehende Endowment-Verbot verhindert, dass ich einen Lehrstuhl, den ich fördern möchte, mit Stiftungskapital ausstatten kann, aus dem sich dieser Lehrstuhl dann selbst finanziert und wo die Universität dann die Vermögensverwaltung übernimmt. Ich bin rechtlich verpflichtet, um den Status der Gemeinnützigkeit zu behalten, die Mittel, also die Erträge aus dem Stiftungskapital, zeitnah zu verwenden. Einen Lehrstuhl langfristig mit Stiftungskapital auszustatten wäre keine zeitnahe Verwendung. Im amerikanischen Stiftungswesen hingegen wäre so etwas möglich.

Info

Die Klaus Tschira Stiftung

  • Gründungsjahr: 1995
  • Vermögen (Buchwert 2009): ca 1,9 Mrd. Euro
  • Fördervolumen 2008: 19,5 Millionen Euro
  • Fördervolumen 2009: 12 Millionen Euro
  • Ziel: Förderung von Naturwissenschaften, Mathematik und Informatik und ihrer Wertschätzung in der Gesellschaft
  • Projekte: Die Stiftung weckt über verschiedene Projekte in Kinder – gärten und Schulen die Begeisterung von Kindern für Naturwissenschaften, fördert Nachwuchswissenschaftler, unterstützt Lehrstühle und vergibt u.a. einen „Preis für verständliche Wissenschaft“.

Hätten Sie das nicht bei der Stiftungsgründung absehen können?

Im Prinzip ja, aber konkret: Nein, ich kann unmöglich bei Gründung einer Stiftung alle Eventualitäten im Blick haben. Ich kann nur hoffen, dass das Endowment-Verbot in Deutschland eines Tages fällt.


Neben dem Fördern von Wissenschaft und Forschung investieren Sie auch in Unternehmen? Was für Firmen interessieren Sie?

Das mache ich allerdings privat, nicht mit Stiftungsgeldern. Ich bekomme sehr viele Angebote, mich an Unternehmen zu beteiligen. Manche Geschäftsideen sind hanebüchen. Andere interessieren mich. Die lasse ich dann prüfen. Grundsätzlich engagiere ich mich aber nur dort, wo ich mich auskenne oder wenigstens dies glaube. Das sind die Bereiche Physik, Medizintechnik und Informatik.


Welche Rolle hat die US-Initiative von Bill Gates und Warren Buffet für die deutsche Stifterlandschaft gespielt?

Ich persönlich brauchte keinen Bill Gates, um auf die Idee zu kommen, die Hälfte meines Vermögens zu spenden. Da bin ich vor 15 Jahren ganz allein draufgekommen. Genauso auch Gevatter Hopp und andere Stifter, die ich kenne.


Sie könnten andere Vermögende zur Nachahmung auffordern?

Daran habe ich kein Interesse. Ich glaube nicht, dass sich jemand durch meine Empfehlung zu so einem Schritt entschließen würde, wenn er/sie nicht vorher sowieso mit dem Gedanken gespielt hat. Wenn jemand dann für meine Erfahrungen interessiert, berichte ich gerne.


Die Initiative hat in Deutschland eine Debatte um die Aufgaben des Staates und die Möglichkeiten und Grenzen privaten, bürgerlichen Engagements aufgeworfen. Was halten Sie davon?

Natürlich wäre auch bei uns ein US-amerikanisches Modell denkbar, in dem die Bürger deutlich mehr Verantwortung für das Gemeinwesen übernehmen, als das derzeit bei uns der Fall ist. Damit könnte ich gut leben. Aber solange der Staat einen hoheitlichen Anspruch auf die Förderung bestimmter Bereiche anmeldet und dafür Steuern erhebt, muss man natürlich auf eine Trennung achten.

Info

Stifterland Deutschland

Pro Jahr werden in Deutschland fast 1.000 neue Stiftungen gegründet. Derzeit gibt es rund 70.000 Stiftungen mit einem geschätzten Vermögen von 100 Milliarden Euro. Rund 10 Milliarden Euro werden jährlich von diesen Stiftungen für gemeinnützige Projekte ausgegeben. Allerdings sind Stiftungen in der Größenordnung der Klaus Tschira Stiftung die Ausnahme. 70 Prozent haben ein Stiftungsvermögen unter 1 Million Euro. Nur 3 Prozent haben ein Vermögen von über 250 Millionen Euro.

Der Bundesverband Deutscher Stiftungen schätzt, dass sich die Zahl der Stiftungen alle zwölf Jahre verdoppelt. Dieser Stiftungsboom ist u.a. demographisch begründet. Die geburtenstarke Generation der Nachkriegsunternehmer ist heute im Rentenalter, in dem viele über eine Stiftungsgründung nachdenken. Außerdem ist ein überproportional hoher Anteil in dieser Altersgruppe kinderlos.

Inwiefern kooperieren Sie mit staatlichen Stellen bei Ihrer Stiftungsarbeit?

Stiftungen können oft nur Impulsgeber sein. Für einige Projekte, z.B. im Bildungsbereich oder bei der Förderung von Lehrstühlen, kommt immer der Punkt, an dem die Nachhaltigkeit erst durch eine staatliche Kooperation gewährleistet werden kann. Manche Projekte können nur so perpetuiert werden. Ich habe schon öfter gesehen, dass bei Projekten die Fördermittel ausliefen und dann die Arbeit ruhte.


Wie eng sind Sie noch mit SAP verbunden?

Ich verfolge natürlich, was bei SAP passiert. Enge direkte Kontakte habe ich aber kaum noch. Ich selbst bin 1998 aus der Geschäftsleitung und 2007 aus dem Aufsichtsrat ausgeschieden. Als ich ging, hatte SAP 13.000 Mitarbeiter, heute sind es 60.000. Nachdem Henning Kagermann, den ich selbst noch persönlich 1982 eingestellt habe, im letzten Jahr ausgeschieden ist, ist jetzt schon die dritte Führungsgeneration am Ruder.


Zahlreiche Familienunternehmen engagieren sich – teilweise mit erheblichen Summen – für bürgerschaftliche Zwecke. Die dahinterstehenden Familien wollen oft jede Öffentlichkeit vermeiden aus Angst, Neid in ihrem Umfeld zu provozieren. Würden Sie Unternehmerfamilien raten, offener zu ihren Stiftungen zu stehen?

Wir leben in einer Neidgesellschaft. Wie man damit umzugehen hat, muss jede/r für sich entscheiden.

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