Start-ups erleben derzeit einen Hype, insbesondere in Berlin. Business-Angels und VC-Investoren berichten, worauf es in der Szene ankommt.

In einem Hipster-Biergarten in Berlin-Kreuzberg trifft sich am frühen Abend die Start-up- und Venture-Capital-Szene bei der „Spätschicht“. Junge Gründer in Shorts und T-Shirts suchen Kontakt zu Geldgebern, die ihre Geschäftsidee finanzieren. Die Investoren, die an diesem Tag klar in der Unterzahl sind, lassen sich äußerlich nur durch die Farbe ihres Lanyards – eines bunten Schlüsselbandes, das um den Hals getragen wird – von den Gründern unterscheiden: Sie tragen schwarze Bänder, die Gründer gelbe. Auf Konventionen wird bewusst verzichtet. Bei Pizza, Bier und Clubmusik lässt sich schnell ins Gespräch kommen. Die neue Generation der Venture-Investoren sucht die Augenhöhe mit den Gründern. Zehn Venture-Fonds, darunter Venture-Capital-Ableger von großen Unternehmen wie Holtzbrinck Ventures, Axel Springer Ventures und e.Ventures (mit der Otto Group als Hauptinvestor), bieten Pitches im Vieraugengespräch und Zehnminutentakt an. Auch neue unabhängige Fonds wie Capnamic Ventures, Fly Ventures, Point Nine und Cavalry Ventures sind vertreten. Sie alle sind auf der Suche nach neuen, revolutionären Geschäftsmodellen, die die Digitalisierung der Industrie hervorbringt. Der regelmäßige Besuch von Matching-Veranstaltungen gehört zum Pflichtprogramm.

Auf der Jagd nach dem nächsten Unicorn

Das Geschäft mit dem Wagniskapital floriert wie schon lange nicht mehr. Während im vergangenen Jahr die Buy-out-Investitionen um 22 Prozent zurückgingen, stiegen demgegenüber die VC-Investments um 16 Prozent. Nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) flossen 780 Millionen Euro in 724 Start-up-Unternehmen, 45 Prozent davon nach Berlin. Mit knapp 350 Millionen Euro und 164 finanzierten Unternehmen (2015) hat die Hauptstadt München (2015: 174 Millionen Euro und 117 Unternehmen) inzwischen weit hinter sich gelassen. Für das Jahr 2015 hat das ebenfalls in der Hauptstadt ansässige Institut für Strategieentwicklung (IFSE) 620 Start-up-Unternehmen in Berlin gezählt mit insgesamt 13.200 Mitarbeitern. 30 Prozent davon sind nach Angaben des „3. Deutschen Startup Monitors“ Venture-Capital-finanziert.

Längst hat das Jagdfieber auch auf Familienunternehmer übergegriffen. Während Beteiligungen an mittelständischen Unternehmen schon lange zum Portfolio gehören, ist das Interesse, vermehrt auch in junge Firmen zu investieren, erst in den vergangenen Jahren gestiegen. Einige Unternehmer treibt der Wunsch an, das eigene Geschäftsmodell zu befruchten und mit Hilfe eines veränderten Geschäftsmodells oder einer neuen Technik 4.0-fähig zu machen; andere möchten eine vermeintlich gute Anlagechance nicht verpassen. 20 Prozent der Family Offices investieren laut einer Studie des Bayerischen Finanz Zentrums bereits in Venture Capital.

Der Einstieg in den Venture-Markt ist schwierig und verlangt einen langen Atem. „Venture Capital ist nichts für Angsthasen“, sagt Alec Rauschenbusch, Gründer und Managing Partner von Grazia Equity. Rauschenbusch hat als Business-Angel und Investor das Platzen der Dot-com-Blase und die Finanzkrise miterlebt. Er weiß aus Erfahrung, dass der Markt zyklisch und riskant ist. Seinen Traum von einer eigenen Beteiligungsgesellschaft hat er sich bereits 1997 mit der Gründung von Grazia Equity erfüllt. Rauschenbusch interessiert sich besonders für junge Unternehmen aus dem Software-, Internet- und E-Commerce-Bereich, die vor allem in Berlin zu finden sind. Auch er besucht regelmäßig die Events der Branche. „Nur wer tief in der Szene drinsteckt, kommt an die guten Deals“, sagt Rauschenbusch. Daher sei es sehr wichtig, vor Ort zu sein. Um künftig „noch näher dran“ zu sein, eröffnet er derzeit einen zweiten Geschäftssitz seiner Beteiligungsfirma in Berlin.

Dass es wichtig ist, tief in die Szene einzutauchen, weiß auch Rouven Dresselhaus. Wie Rauschenbusch stammt auch er ursprünglich aus einer Unternehmerfamilie. 2009 gründete Dresselhaus sein eigenes Unternehmen. Nachdem er operativ ausgestiegen war, heuerte er bei einem Venture-Capital-Fonds an und begann, selbst als Business-Angel in Start-ups zu investieren. „Ich musste mir erst einmal als Investor in der Szene einen Namen machen, um an die wirklich guten Deals zu kommen“, sagt Dresselhaus. Er konzentrierte sich zunächst auf das Netzwerken und traf sich mit Start-up-Gründern und VC-Fonds-Managern – insgesamt drei Jahre lang. Weitere drei Jahre und mehr als 30 Investments später gründete er Anfang des Jahres mit fünf Partnern den Berliner Pre-Seed- und Seed-Fonds Cavalry Ventures. „Gründer mit guten Geschäftsideen suchen sich heute ihre Investoren gezielt danach aus, welchen Mehrwert sie für das junge Unternehmen bieten können“, sagt Dresselhaus. Wie bei vielen der neuen Venture-Fonds sind auch bei Cavalry die meisten General Partners selbst erfolgreiche Start-up-Unternehmer. Und auch die Limited Partners haben alle ein Unternehmen aufgebaut oder mitgegründet – in den meisten Fällen mit Internetbezug.

Qualität des Gründerteams entscheidend

Doch der Zugang zu guten Deals ist nur der Anfang. Ist eine gute Geschäftsidee identifiziert und für gut befunden, wird das Gründerteam unter die Lupe genommen. Viele Investoren glauben, dass die Qualität des Gründerteams sogar eine größere Rolle spiele als das Geschäftsmodell. Falk Strascheg, einer der Gründerväter der deutschen Venture-Capital-Szene und Inhaber des Single Family Offices Extorel hält nichts von starren Prüfkriterien zur Beurteilung des Managementteams. Er entscheidet stattdessen gemeinsam mit seinem Geschäftsführer Mathias Lindermeir schlicht „aus dem Bauch heraus“. Dabei profitiert er von seiner jahrzehntelangen Erfahrung. 1987 gründete er die Technologieholding, eine der ersten Venture-Capital-Gesellschaften im deutschsprachigen Raum. Seit 2000 ist er Privatinvestor. „Entweder glaubt man an die Fähigkeit des Teams oder eben nicht“, sagt Strascheg lapidar. Allerdings holt er sich im Vorfeld über sein Netzwerk Referenzen über das Managementteam ein.

Ein ganz eigenes Prüfungssystem hat Business-Angel Mick Mende entwickelt. Gemeinsam mit seinen zwei Brüdern führt er das familieneigene Gebrüder Mende Family Office. Er hat mehrere Unternehmen aufgebaut und wieder verkauft. Seit fünf Jahren investiert er für sein Family Office in Start-up-Unternehmen, häufig auch gemeinsam mit anderen Privatinvestoren. Um den Gründern auf den Zahn zu fühlen, lädt Mende nach dem offiziellen Pitch den CEO zu einem Waldspaziergang nach Herrenwies im Schwarzwald ein. „Ich hole die Gründer aus ihrer Komfortzone heraus. Nach zwei Stunden im Wald weiß ich genug, um entscheiden zu können, ob ich diesen Menschen mein Geld anvertrauen möchte oder nicht“, sagt Mende.

Damit die Zusammenarbeit zwischen den Investoren und dem Gründerteam am Ende auch tatsächlich funktioniert, müssen sich die Business-Angels oder VC-Geber ihrerseits auch in die Gründer hineinversetzen können. „Ältere Unternehmer tun sich da oft schwerer“, glaubt Rauschenbusch. Die Digital-Szene ticke einfach anders als der klassische Mittelstand. Zu investieren, ohne entsprechende Kontakte und Branchenerfahrung zu haben, hält er für zu riskant.

Mick Mende hingegen sieht weder in seinem Alter noch in der mangelnden Branchenerfahrung – er investiert „querbeet durch fast alle Branchen“ – ein Handicap. Obwohl er mehr als doppelt so alt ist als die meisten Gründer, fühlt er sich in der Szene wohl. Innerhalb der vergangenen fünf Jahre hat er in 26 Unternehmen investiert. Bislang verzeichnet sein Portfolio zwei Ausfälle.

Auch Falk Strascheg glaubt nicht, dass die jüngere Generation von Start-up-Investoren anders agiert als die Vätergeneration. Der Markt sei insgesamt reifer und schneller geworden. Neben der fachlichen Kompetenz komme es darauf an, ob man sich in verschiedene Opportunitäten hineindenken könne. Dies sei keine Frage des Alters, so Strascheg.

Inwiefern sich die Venture-Capital-Investitionen am Ende auszahlen, ist ungewiss. Für Rauschenbusch, Dresselhaus, Mende und Strascheg haben sich die Investitionen bislang gelohnt. Ihre Rendite liegt deutlich über dem Durchschnitt. Nach Angaben des spezialisierten Datenanbieters Preqin lag die durchschnittliche Rendite von Venture-Capital-Investments in den vergangenen Jahren europaweit bei 6,5 Prozent (Netto Investment Rate of Return, Median 2005–2013).

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