Unverdient reich zu sein ist nichts Schlechtes. Schlecht ist nur, wenn man nichts Rechtes damit anzufangen weiß. Pecunia-Mitgründerin und Bosch-Enkelin Ise Bosch über den schwierigen Umgang mit dem Reichtum.

Frau Bosch, Pecunia ist ein Forum ausschließlich für Erbinnen. Erben Frauen anders?

Frauen erleben große Erbschaften weniger selbstverständlich als Männer. Sie suchen nach einem auch unter ethischen Gesichtspunkten sinnvollen Umgang mit ihrem Vermögen. Sicherlich gibt es viele Frauen, die kein Problem damit haben, reich zu sein. Sie geben ihr Geld aus und fühlen sich damit pudelwohl. Doch es gibt auch Frauen, für die das Vermögen keinen Segen darstellt.

Die meisten Menschen träumen davon, reich zu sein. Wo liegt das Problem?

Es kann psychisch belastend sein, am oberen Ende des Armut-Reichtum-Gefälles zu stehen. Manche schleppen das schlechte Gewissen schon seit ihrer Kindheit mit sich herum, andere sind über eine Erbschaft überraschend vermögend geworden und kommen mit ihrer neuen Rolle nicht klar. Oft spielen frühkindliche Prägungen vom Umgang mit Geld oder auch schwierige Eltern-Kind-Beziehungen eine Rolle, zum Beispiel das Gefühl, dass der Vater die Firma immer wichtiger genommen hat als seine Kinder.


Wie verändert eine Erbschaft das Leben?

Wenn man plötzlich erbt, muss man das Leben neu sortieren. Die Erbschaft eines größeren Vermögens kann beispielsweise die Dynamik in einer Partnerschaft umkehren, wenn die Frau erbt und der Mann bis dato der Hauptverdiener war. Viele Partnerschaften zerbrechen daran. Häufig brechen auch durch den Tod eines Elternteils und die damit verbundene Erbschaft alte Eltern-Kind-Konflikte wieder auf. Viele Frauen in meiner Generation sind auch mit dem Vorurteil groß geworden, dass Männer mit Geld besser umgehen können als Frauen. Oder das Geld kommt von der Generation des Großvaters und galt immer als unantastbar. All dies macht es schwierig, das Vermögen als sein eigenes anzuerkennen und selbstbestimmt damit umzugehen.

Info

Ise Bosch

Ise Bosch ist in Stuttgart aufgewachsen und hat in den USA Geschichte studiert, bevor sie sich dem Musikstudium in Berlin widmete und Jazzmusikerin wurde. Sie engagiert sich neben Pecunia in verschiedenen anderen gemeinnützigen Organisationen wie Filia – die Frauenstiftung. Sie ist Initiatorin des International Fund for Sexual Minorities der Astraea Lesbian Action Foundation in New York/USA und ist Mitglied im Anlageausschuss der GLS-Bank und des ökologischen Beirats der oeco capital lebensversicherung. Ise Bosch ist eine Enkelin des Unternehmers und Stifters Robert Bosch. Die Robert Bosch GmbH ist heute zu 92 Prozent im Besitz der Stiftung. Acht Prozent der Anteile hält die Familie.

Ist Pecunia eine Selbsthilfegruppe für reiche Frauen mit schlechtem Gewissen?

Nein. Die Erbinnen sollen in die Lage versetzt werden, selbst zu entscheiden, was sie mit ihrem Geld anfangen. Das kann bedeuten, dass sie viel von ihrem Vermögen spenden, eine Stiftung gründen oder es investieren und vermehren. Wichtig ist, dass man pflichtbewusst mit dem Geld umgeht. Wir wollen den Frauen vermitteln: Du musst nicht die Welt retten, aber fange etwas mit deinem Vermögen an. Dazu gehört, mit Zahlen und Beratern umgehen zu können, sich Grundwissen in Finanzdingen anzueignen und seine neue Rolle in der Familie zu finden. Selbst gestandene „Karrierefrauen“ wissen oft mit ihrem neuen Reichtum nichts anzufangen. Auch hier helfen wir uns gegenseitig und beantworten Fragen wie beispielsweise: „Wie baue ich ein Spendenbudget auf, oder wie gestalte ich meine Altersvorsorge?“


Wie funktioniert das konkret?

Pecunia ist ein autonomes Netzwerk und hat kein Programm per se – das ist auch gut so. Wir wollen nicht der erhobene Zeigefinger sein. Die Frauen finden ihre Themen selbst. Der Vorstand ist nur für die Verwaltung zuständig, um die inhaltlichen Dinge kümmern sich die Erbinnen selbst. Insgesamt arbeiten wir in fünf Regionalgruppen, die über ganz Deutschland verteilt sind. Die Gruppen treffen sich regelmäßig für einen Nachmittag zu Gesprächskreisen, die wir selbst vorbereiten. Von Zeit zu Zeit laden wir auch externe Referentinnen zu Spezialthemen ein. Einmal jährlich bereitet eine Regionalgruppe unser Jahrestreffen vor. Die Tagung findet meistens im Open-Space-Format statt, das heißt, die Teilnehmerinnen entscheiden selbst, worüber sie sprechen wollen.


Das klingt nach Kaffeekränzchen …

Ganz und gar nicht. Die Frauen kommen schnell zur Sache und sprechen die Dinge direkt an. Das Programm dauert zweieinhalb Tage. Die Erbinnen haben also viel Zeit, sich in Diskussionsgruppen über Themen und Fragen wie „Welche Verpflichtungen habe ich mitgeerbt?“ oder „Was möchte ich meinen Kindern vererben, wie bald und in welche Form?“ oder aber „Erfahrungen mit privaten Darlehen“ auszutauschen. Das Ganze findet in einer sehr persönlichen Atmosphäre statt. Jede Teilnehmerin stellt kurz ihre Biographie vor und erzählt, woher sie ihr Vermögen hat. Es ist wichtig zu wissen, wo die Leute herkommen, denn man erbt nicht nur Geld, sondern auch Werte.


Haben Sie heute ein anderes Verhältnis zu Ihrem Erbe als früher?

Traditionell bleibt man in der Oberklasse unter sich. Und wer das nicht tut, ist sehr vorsichtig, aus Furcht vor Entführung, aber auch aus Angst vor Neidern oder falschen Freunden. Den Reichtum anderen nicht zu verschweigen erfordert einen gewissen Mut. Der Austausch und die Arbeit mit anderen Frauen in ähnlichen Situationen haben mir geholfen, aktiv und öffentlich zu einem Selbstbild zu kommen. Heute lebe ich den Lebensstil, den ich leben möchte. Das Geld sehe ich als Arbeitsmaterial.

Info

Pecunia – das Erbinnennetzwerk e.V.

Bereits vor zehn Jahren gründeten zehn Erbinnen das lernende Netzwerk Pecunia. Erklärtes Ziel der Pecunia- Frauen ist der selbstbestimmte Umgang mit dem geerbten Vermögen. In Seminaren und Workshops können die Erbinnen das Know-how anderer Mitglieder nutzen und sich austauschen. Neben praktischen Themen wie ethischer Geldanlage, Testament und Stiftungsaufbau spielen auch psychologische Fragen wie der Umgang mit der neuen Situation in der Familie und im direkten Umfeld eine wichtige Rolle. Mitglied werden können Frauen, die über eine Erbschaft im Wert von mindestens 500.000 Euro verfügen. www.pecunia-erbinnen.net

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