Friedhelm Loh ist Unternehmer in der zweiten Generation und christlich engagiert. Er spricht über seine Berufung, seinen Lebensentwurf und darüber, warum er seinen Glauben als befreiend empfindet.

Wie ein Erfolgsrezept für erfolgreiche Unternehmer klingt das nicht: „Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, da sie die Motten und der Rost fressen“, steht in der Bibel. Ist es geschäftsschädigend, ein frommer Christ zu sein? Im Gegenteil, meinte der berühmte Soziologe Max Weber. Dessen These: Das Chrittentum passe zumindest in seiner protestantischen Ausformung wunderbar zum „Geist des Kapitalismus“, habe ihm gar den Boden bereitet. Das erfolgreiche Unternehmen – eine irdische Frucht des Glaubens an das Himmlische?

Ganz so möchte Friedhelm Loh das nicht stehen lassen. Auch wenn die Dezember-Ausgabe der Mitarbeiterzeitschrift der Friedhelm Loh Group mit einem „Geistlichen Vorwort“ aufwartet: „Es gibt kein christliches Unternehmen“, sagt der 63-Jährige knapp und nachdrücklich. Aber es gibt christliche Unternehmer – wie ihn. Der Mann mit den nach hinten gebürsteten und augenscheinlich etwas widerspenstigen grauen Haaren leitet ein Unternehmen mit über 10.600 Beschäftigten, ist Präsident des Zentralverbandes Elektrotechnik- und Elektronikindustrie und Vizepräsident des BDI. Und er ist im Vorstand des Bibellesebunds, Vorsitzender der Stiftung Christliche Medien, Kuratoriumsmitglied der Internationalen Martin-Luther- Stiftung sowie bei Missionskampagnen wie ProChrist und Christival aktiv.

„Ich bemühe mich, den Zehnten meiner Zeit zu geben“, sagt er über seine Ehrenämter. Das eine oder andere davon gehört zu einem Bereich, der gern in die evangelikale Strömung eingeordnet wird. Mag der Begriff auch ein schlechtes Image haben: Loh ordnet sich mit gelassenem Selbstbewusst sein auch selbst darunter ein. Wobei der Schnurrbartträger gleich darauf hinweist, dass nicht alles, was irgendwo und von irgend jemandem als evangelikal bezeichnet wird, tatsächlich evangelikal in seinem Sinn sei. Für ihn bedeutet der Begriff erst einmal nicht mehr und nicht weniger als die konsequente Ausrichtung an den Evangelien: „Die Basis ist das Wort Gottes.“

Die Bibel und das Wirtschaftslexikon

Das Wort Gottes, will sagen: die Bibel, wieder mehr zur Basis zu machen, das ist ein Impuls, der schon am Anfang der Reformation stand. Nicht nur den Spezialisten, den Priestern und Theologen, sollte das Heilige Buch zugänglich sein. Alle sollten darin lesen können. Also mussten alle lesen lernen. Protestantismus zwang zur Bildung: Ein Grund dafür, warum protestantische Gebiete jahrhundertelang wirtschaftlich erfolgreicher waren als katholische. Glaubt man Max Weber, dann gab es für diesen Vorsprung aber auch noch andere Gründe – solche, die noch enger mit der protestantischen Theologie zu tun haben.

Nicht nur die Bibellektüre war in der katholischen Kirche des Mittelalters eine Sache für Spezialisten. Auch die besonders fromme Lebensführung: beten, fasten, in Armut leben – das taten Mönche und Nonnen, und zwar nicht nur für ihr eigenes Heil, sondern stellvertretend auch für das ihrer weltlich lebenden Mitchristen. Die Reformation setzte dieser nicht unpraktischen Arbeitsteilung ein Ende. Die einfachen Gläubigen mussten sich nun selbst am Riemen reißen. Sie wirtschafteten so diszipliniert, wie es zuvor vor allem die Klöster getan hatten: Was eingenommen wird, wird nicht verprasst. Also kann es gewinnbringend wieder investiert werden.

„Innerweltliche Askese“ nennt Max Weber diese selbstbeherrschte, aus seiner Sicht typisch protestantische Lebenshaltung. Als Asket will sich der Protestant Friedhelm Loh allerdings nicht bezeichnen. Das würde auch nicht so recht zu seinem Hobby passen: dem Sammeln von Oldtimerfahrzeugen. Und zum edlen Innendesign seiner Firmenzentrale. Und zu diesen dezenten, aber doch irgendwie extravaganten Metallspangen, die seine schwarzen Lederschuhe zieren.

Und dennoch: „Unternehmer sein heißt immer verzichten“, sagt Loh. „Ich könnte stattdessen viele Dinge tun, die ich nicht tue.“ Warum er die Firma nicht einfach Firma sein lässt und sich ein schönes Leben macht? Loh verweist ausdrücklich auf Luther: auf den Gedanken der Berufung, den der Reformator nicht nur mit dem Priester- oder Ordensleben in Verbindung bringt, sondern auch mit weltlichen Lebensentwürfen. Es ist ein Verständnis, das den Beruf des Unternehmers mehr als einen Job sein lässt. „Früher sagte man: Ein Vorstandsvorsitzender wird berufen“, sagt Loh. „Leider ist das ein bisschen verlorengegangen.“

Der bessere Unternehmer?

Verlorengegangen sei zu einem Gutteil auch die Bindekraft der Kirchen – und damit die Prägekraft religiöser Ideen. Dennoch gebe es bis heute Unternehmer – familien, in denen Soziologen die traditionellen Prägungen entdecken, auch wenn sich die Mitglieder nicht mehr ausdrücklich zum Glauben bekennen. Und: Es gebe auch bis heute ein Milieu gläubiger Protestanten unter den Unternehmern, sagt Veronika Drews, eine Soziologin, die fürs Sozialwissenschaftliche Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland arbeitet. Oft seien es Menschen, die auf „Wertbeständigkeit“ setzten: „Sie laufen nicht jedem Trend hinterher.“ Für ihr wirtschaftliches Engagement suchten sie sich daher oft Nischen, in denen sie sich dann dauerhaft etablieren können.

In Zahlen ist dieses Milieu allerdings kaum zu fassen. Nur Indizien lassen sich aus Statistiken herauslesen. Drews verweist auf Korruptionslandkarten: Nirgendwo werde so wenig geschmiert wie in christlich-protestantisch geprägten Regionen. Und es bleibt der Verweis auf prominente Namen. Heinrich Deichmann zum Beispiel. Auch Adolf Merckle hielt mit seinen Grundüberzeugungen nicht hinterm Berg. Dessen Heimat ist so etwas wie eine Hochburg des protestantischen Unternehmertums: Der „württembergische Mittelstand“ gilt der Soziologin als Musterfall. Das dürfte auch mit der pietistischen Tradition der Region zusammenhängen. Diese im 17. Jahrhundert entstandene Erweckungsbewegung wollte die Protestanten noch einmal auf mehr Frömmigkeit und eine besonders christliche Lebensführung einschwören.

Pietistisch geprägt sind auch große Teile Mittelhessens, des Landstrichs, aus dem Friedhelm Loh kommt und in dem die Friedhelm Loh Group bis heute ihren Sitz hat. Von der Vorstandsetage aus fällt der Blick über einen Parkplatz und Industrie hallen hinweg auf den 20.000-Einwohner-Ort Haiger. Die Gemeinde wird überragt von ihrer Kirche, einem wuchtigen und behäbigen Bau mit durchhängendem Dachfirst, dessen älteste Teile aus dem 11. Jahrhundert stammen. Friedhelm Lohs Kirche ist es nicht. Er hat sich einer freikirchlichen Gemeinde angeschlossen. Nicht untypisch für einen selbständigen Unternehmer, sagt Drews. Angestellte Manager seien eher in den Gemeinden der großen Landeskirchen zu Hause. Nicht unbedingt, weil es sie dorthin ziehe, sondern weil sie hineingeboren würden. Entsprechend selten ließen sie sich dort blicken.

Lohs Entscheidung für eine Freikirche passt nicht nur zu seiner Position. Sie passt auch zu einer Gegend, in der sich viele unauffällige Zweck- und ehemalige Bürogebäude als Gemeindehäuser solcher Freikirchen ausweisen. „Ich habe eine Heimat, dazu stehe ich“, sagt Loh. Auf Prägung allein will Loh seinen Glauben aber nicht zurückführen lassen. Für nostalgische Traditionspflege sei er zu viel herumgekommen, habe zu viele unterschiedliche Facetten des christlichen Glaubens kennengelernt: „Ich gehe auch gerne mal in katholische Gottesdienste.“ Und trotz christlicher Erziehung im Elternhaus: Loh sieht sich als jemand, der sich zum Glauben bekehrt hat. Mit 13 Jahren habe er eine bewusste Entscheidung für Jesus Christus getroffen. „Was macht das hier für einen Sinn?“ – das sei eine Frage gewesen, die ihn dazu bewogen habe.

Info

Friedhelm Loh

Friedhelm Loh ist Inhaber und Vorstandsvorsitzender der Friedhelm Loh Stiftung & Co. KG im mittelhessischen Haiger. Das Kernunternehmen der Loh-Gruppe ist Rittal, ein internationaler Hersteller von Schaltschrank- und Gehäusesystemen. Das Familienunternehmen, das Rudolf Loh im Jahr 1961 gegründet hat, ist mit 11 inländischen und über 60 ausländischen Gesellschaften weltweit aktiv. Die Gruppe beschäftigt ca. 10.600 Mitarbeiter und setzte 2008 ca. 2,2 Milliarden Euro um.

Eine andere kam noch dazu: das Bewusstsein, dass der Mensch im Leben beständig Schuld auf sich lädt. Das lasse sich nur ertragen, wenn es jemanden gebe, der einem die Schuld vergibt, sagt Loh. „Ich muss nicht mein ganzes Lebenspaket permanent rumschleppen“, so fasst er zusammen, warum er seinen Glauben als befreiend erfährt. Als befreiend auch für das unternehmerische Handeln: „Wir können fallen. Entscheidend ist, dass wir wieder aufstehen.“

Weber allerdings vermutete bei protestantischen Unternehmern eher den Einfluss eines anderen großen Reformators: des vor genau 500 Jahren geborenen Johannes Calvin. Dessen Lehre hatte nach Webers Beobachtung nicht die nötige innere Freiheit für wirtschaft lichen Erfolg gebracht, sondern durch Druck zu Höchstleistungen angespornt. Im Hintergrund stand eigentlich ein gegenteiliger Gedanke: die allgemein christliche Überzeugung, dass sich der Mensch nicht durch eigene Leistung selbst erlösen könne, sondern dass ihm die Erlösung von Gott geschenkt werde. Calvin dachte hier mit unerbittlicher Konsequenz weiter: Wenn Gott manchen Menschen unabhängig von deren eigener Leistung Erlösung schenke, dann heiße das im Umkehrschluss auch: den anderen habe er die Verdammnis bereitet, und zwar ebenfalls unabhängig von deren eigener (Fehl-)Leistung. Was ja auch irgendwie das gute Recht eines allmächtigen Herrschers sei.

Für Calvin war klar: Wem welches Schicksal zugedacht sei, würde sich erst nach dem Tod zeigen. Seine Anhänger allerdings wollten sich bis dahin nicht gedulden. So galt irgendwann der irdische Wohlstand als Gradmesser, aus dem sich ablesen ließ, ob man auf Gottes Gnade rechnen durfte oder nicht. Wirtschaftlicher Erfolg als Unterpfand der Erlösung? Friedhelm Loh kann mit diesem Gedanken nichts anfangen: „So einen Garantieschein gibt es nicht.“ So wie umgekehrt der Glaube auch kein Garantieschein für unternehmerischen Erfolg sei, aber als Richtschnur schon dazu beitrage, weil er zu einem Handeln motiviere, das nicht egoistisch und damit auch nicht kurzsichtig sei.

Und doch gehört zum Unternehmerdasein auch Härte. Eine Härte, die für Loh auch vereinbar ist mit dem Gebot der Nächstenliebe – weil am Erfolg des Unternehmens auf Dauer das Schicksal seiner Mitarbeiter hängt. Er bringt das auf eine knappe Formel: „Sozial kann nur sein, wer etwas hat.“ Für einen protestantisch geprägten Unternehmer sei die Wirtschaft eben kein Selbstzweck, sagt Drews. Mag sie auch von Motten und Rost bedroht sein: Eine Sammlung irdischer Schätze muss ja nicht gleich ausschließen, dass auch himmlische zusammenkommen.

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