Wie viel Risiko darf eine Stiftung bei der Vermögensanlage eingehen? Ein Gespräch mit Dieter Lehmann, Mitglied der Geschäftsleitung der VolkswagenStiftung und verantwortlich für die Vermögensanlage, über die Bedeutung von Anlagerichtlinien.

Herr Lehmann, die meisten Stiftungen mussten sich früher über ihre Vermögensanlage keine großen Gedanken machen, denn die Rendite aus sicheren Bundesanleihen war auskömmlich. Das sieht heute anders aus. Das Stiftungsvermögen muss breiter diversifiziert werden, um eine ausreichende Rendite zu erwirtschaften. Welche Rolle spielen dabei Anlagerichtlinien?

Eine ganz entscheidende, wenn nicht sogar die entscheidende Rolle. Viele, die bei den Stiftungen für die Vermögensanlage verantwortlich sind, fühlen sich unsicher, weil nicht klar ist, wie sie das Vermögen anlegen dürfen. Sie befürchten, in Haftung genommen zu werden, wenn sie mehr Risiko eingehen als bisher.

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Die VolkswagenStiftung …

… zählt mit 2,9 Milliarden Euro Stiftungskapital zu den größten Stiftungen Europas. Sie wurde 1961 von der Bundesrepublik Deutschland und dem Land Niedersachsen als rechtsfähige Stiftung bürgerlichen Rechts mit Sitz in Hannover gegründet. Seitdem hat sie über 30.000 Projekte der Wissenschaft und Forschung unterstützt. Sie ist keine Unternehmensstiftung, wie aufgrund ihres Namens gelegentlich vermutet wird.

Jede Stiftung sollte erst einmal die Rahmenbedingungen für die Vermögensanlage schaffen, indem sie Anlagerichtlinien definiert und schriftlich niederlegt. Zudem sollte die Zustimmung der Stiftungsgremien zu den Anlagerichtlinien ordentlich dokumentiert sein. Empfehlenswert ist im Übrigen auch, die Anlagestrategie zu dokumentieren. Je detaillierter die Anlagerichtlinien festgelegt sind, desto einfacher ist es für den Vermögensverwalter der Stiftung. Falls es zu Marktschwankungen kommt, ist er juristisch abgesichert, sofern er sich innerhalb der Anlagerichtlinie bewegt hat.

Viele Stiftungen haben keine Anlagerichtlinien. Der Vorstand entscheidet, wie das Vermögen angelegt wird. Ist das nicht ausreichend? Warum so formal?

Jede Stiftung muss selbst entscheiden, ob und inwieweit sie sich reglementieren möchte. Doch gerade für kleinere Stiftungen, die häufig vor allem ehrenamtliche Mitarbeiter beschäftigen und nicht über das notwendige Kapitalmarktwissen verfügen oder die Vermögensverwaltung in die Hände von externen Dienstleistern gegeben haben, können detaillierte Richtlinien sehr hilfreich sein.


Engen Anlagerichtlinien nicht ein?

Der Stifter oder das Kuratorium können frei entscheiden, wie sie das Stiftungsvermögen anlegen wollen. Theoretisch könnte man sogar 100 Prozent des Vermögens in einer einzigen Assetklasse anlegen. Grundsätzlich sollten die Richtlinien nicht zu allgemein gehalten werden, sondern brauchbar und umsetzbar sein. Das bedeutet aber nicht, dass man sich einengen muss. Hier gilt: Lieber mehr Anlageklassen nennen und eher große Investitionsbandbreiten definieren, um bei eventuellen Marktveränderungen flexibel und schnell reagieren zu können.

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Anlagerichtlinien: Was unbedingt festgelegt werden sollte

  • Maximale Quoten für die unterschiedlichen Asset klassen definieren. Innerhalb der jeweiligen Assetklassen können z.B. Angaben zu geographischen Anlageräumen und Fremdwährungen, jeweils prozentual auf das Gesamtvermögen bezogen, aufgenommen werden.
  • Für festverzinste Titel einschließlich Genussscheinen und Schuldscheindarlehen auf jeden Fall ein Mindestrating vorgeben. Hier empfiehlt sich der Hinweis auf das Mindestrating beim Erwerb des Wertpapiers, damit es nicht sofort verkauft werden muss, wenn es zu einem Downgrading kommt (oft mit einem kurzzeitigen Kursabschlag verbunden). Ist kein Rating vorhanden, kann z. B. festgelegt werden, dass der Stiftungsrat vor Erwerb zustimmen muss.
  • Die Meldepflichten und das Reporting sollten geregelt sein, das Prozedere und die Regelmäßigkeit festgeschrieben werden.
  • Das Risikocontrolling sollte bei größeren Stiftungen per sonell von der Anlage getrennt sein. Auch bei kleineren Stiftungen unbedingt das Vier-Augen- Prinzip einhalten.
  • Berechtigung des Vorstands zur Übertragung der Vermögensverwaltung an Dritte festschreiben.

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