Freitag, 06.11.2020
Tobias Becker von LogMeIn im wir-Webinar

Führung von zu Hause

Die Pandemie rüttelt Unternehmen auf. Wie können Organisationen, in denen das Büro immer die zentrale Austauschstelle war, aus dem Home-Office funktionieren? Tobias Becker von LogMeIn, unter anderem Anbieter der Software "GoToWebinar", erzählt, wie sein Unternehmen "Work from anywhere" umsetzt und was Familienunternehmen daraus lernen können.
Tobias Becker, LogMeIn, GoToWebinar, Führungskultur, Johannes Sill, Home-Office, Daily Huddle, Onboarding

Wer hat an der Uhr gedreht? Für Führungskräfte geht es in Zeiten der Pandemie um andere Dinge als Zeitkontrolle.

 

Foto: mrmohock – stock.adobe.com

Herr Becker, welche Kompetenzen muss der digitale Leader mitbringen?

Es geht in diesen Zeiten eher um die Soft Skills, die für eine Führungskraft derzeit essentiell sind. Wenn Sie Ihre Mitarbeiter nicht mehr täglich im Büro sehen, dann müssen Sie versuchen, ein Gespür zu entwickeln, wie es dem Mitarbeiter gerade geht, um mit ihm entsprechend über bestimmte Themen ins Gespräch zu kommen. Der Führungsstil wird viel individueller.

Wo liegen hier die Herausforderungen?

Man muss sorgfältig überlegen, mit welchem Medium man kommuniziert. Wie wird eine kurze Mail vom Mitarbeiter wahrgenommen? Was bedeutet es, wenn eine Führungskraft im Home-Office anruft? Welchen Kanal benutzt man also für was? Darüber hinaus machen sich viele Mitarbeiter natürlich Sorgen um ihren Arbeitsplatz, weil er sich durch das Digitale, das überall einzieht, stark verändert. Viele Mitarbeiter fürchten, ihren Job in einer digitalen Arbeitswelt zu verlieren. Da Angst sich oft in Widerständen niederschlägt, sollten Führungskräfte diese adressieren.

Tobias Becker, LogMeIn, GoToWebinar, Führungskultur, Johannes Sill, Home-Office, Daily Huddle, Onboarding

Tobias Becker

 

Foto: LogMeIn

Wie geht man das an?

Die größten Hürden bei Digitalisierungsprojekten sind mangelndes Fachwissen und fehlende Bereitschaft. Hier ist die Antwort schlicht, aber weitreichend: Mitarbeiter wie Führungskräfte müssen für diese Themen sensibilisiert und geschult werden. Dafür gibt es heutzutage virtuelle Trainingslösungen, um die Kompetenzen in alle Etagen zu tragen. Hier können alle Themen abgedeckt werden, ob das Mitarbeiterschulungen für den richtigen Umgang mit Software oder Soft-Skill-Webinare zur Führungskultur sind. Bei LogMeIn hat die Personalabteilung beispielsweise Trainings ausgerollt, wie das Remote-Management funktionieren kann, denn wir sind schon das ganze Jahr zu 100 Prozent im Home-Office.

 

Angenommen, Ihre Mitarbeiter sind ausgebildet und haben genug digitales Wissen erworben, um ihre Aufgaben vollends von zu Hause aus zu erledigen: Wie gehen Sie als Führungskräfte mit den Themen Vertrauen und Kontrolle um?

Vor allem Vertrauen ist entscheidend. Das ist in diesen Zeiten viel wichtiger als die Kontrolle. Ein Mitarbeiter muss nicht zehn Stunden vor dem PC sitzen, um zu rechtfertigen, dass er oder sie genug gearbeitet hat. Wir müssen als Führungskräfte ein Ambiente schaffen, indem Mitarbeiter sichtbar zeigen können, dass sie gewissenhaft und gut ihre Tasks erfüllt haben. Dafür definieren wir Aufgaben und Meilensteine, die wir pro Tag oder pro Woche oder pro Monat erreichen wollen. Das ersetzt nicht die Kontrolle und den Austausch aus dem Büro, aber es hilft, die Sorgen und Probleme frühzeitig zu erkennen. Währenddessen und ungeachtet davon, ob die Ergebnisse positiv oder negativ sind, muss die Führungskraft erreichbar sein und den Team-Spirit hochhalten.

Welche Tools nutzen Sie selbst, um die genannten Punkte umzusetzen?

Wir geben uns Mühe, den Büroalltag in den neuen Alltag von zu Hause zu übertragen. Dafür nutzen wir Daily-Stand-up-Huddles, in denen morgens oder abends Teams kurz zusammenkommen und sich auszutauschen können – über Fragen, Erfolge oder Schwierigkeiten. Daily Huddles sollten nicht länger als 15 bis 30 Minuten dauern. Zudem hat unser CEO jede Woche einen Virtual Coffee ins Leben gerufen. Dort teilt er einmal pro Woche für eine knappe halbe Stunde seine Perspektive zu den aktuellen Entwicklungen und geht auf Fragen, die alle Mitarbeiter einreichen können, ein. Zudem haben wir ein Corona-Info-Center, das alle Mitarbeiter virtuell besuchen können. Bei uns gilt in diesen Zeiten bei der Kommunikation lieber zu viel als zu wenig.

Ihr Unternehmen fährt schon seit Jahren eine "Work from anywhere"-Strategie und produziert unter anderem mit "GoToWebinar" selbst Lösungen zur digitalen Kommunikation. Haben Sie einen Vorsprung gehabt, als es ins Home-Office ging?

Ehrlich gesagt schon, denn im Vergleich zu anderen Unternehmen lebt unsere Führungskultur seit Jahren davon, dass wir unsere eigenen Tools nutzen, um den Arbeitsalltag zu strukturieren. Den Mitarbeitern haben wir immer eine gewisse Autonomie gegeben und ermöglicht. Früher hat man vielleicht einen Tag von zu Hause gearbeitet. Heute ist es jeden Tag. Die Hardware, das technische Equipment, das man nicht vergessen darf, war bei uns schon vorhanden. Also waren wir gut vorbereitet.

Heute kann man als Unternehmen Onboarding online machen. Doch der Einstellung von Mitarbeitern geht ja ein Schritt voraus: War das Angebot für Home-Office schon vor der Pandemie ein gewinnbringendes Argument bei der Mitarbeitersuche?

Ich sehe da einen Shift. Früher wurde in Gesprächen häufig das Statussymbol des Firmenwagens thematisiert. Die Menschen, die jetzt in den Arbeitsalltag einsteigen – Vertreter der Millennials und der Generation Z – wünschen sich eher eine flexible Arbeitsstruktur. Dass wir bei uns bereits seit Jahren Home-Office anbieten konnten oder auch, dass Mitarbeiter beispielsweise ihre Kinder aus Schule oder Kindergarten abholen und danach weiterarbeiten können, wissen viele Bewerber zu schätzen.

Tobias Becker ist Manager Enterprise Sales Central Europe bei LogMeIn. Er ist erreichbar unter Tobias.Becker@logmein.com