Hans-Jürgen Schrag, zweite Generation des Anlagenbauers Oschatz aus dem Ruhrgebiet, war in seiner Nachfolge komplett auf sich allein gestellt. Seinen Söhnen möchte er das nicht zumuten. Das erschwert ihm das Loslassen.

Es ist so vieles anders gekommen, als Dr. Hans-Jürgen Schrag (66) sich das einmal gedacht hat. Zum Beispiel in seiner eigenen beruflichen Karriere. Er wollte Kinderarzt werden und begann nach seinem Abitur in Tübingen zunächst, Psychologie zu studieren. Psychologie ist ihm wichtig. „Man muss doch verstehen, was in einem Menschen vorgeht, wenn man ihn als Arzt behandelt“, findet er.

Mitten im Studium, als er 21 Jahre alt war, erkrankte sein Vater Hans schwer. Dr. Hans Schrag hatte den 1849 gegründeten Kesselbauer Oschatz, in den er 1936 als Konstruktionsleiter eingestiegen war, nach dem Krieg wieder neu aufgebaut. Die Gründerfamilie Oschatz gab ihren Namen her und ließ sich dafür an der neu gegründeten Firma beteiligen.

Am Sterbebett äußerte der Vater den Wunsch, dass sein einziger Sohn Hans-Jürgen die Firma weiterführen solle. „Das war keine Frage, das war ein Befehl“, erinnert dieser sich genau. Er entgegnete, getrieben vom Trotz: „Ich werde das besser machen als du!“ Sein Vater hatte ihm bereits alle seine Anteile übertragen, seine beiden Schwestern anders abgefunden. Der Sohn sattelte auf ein Maschinenbaustudium um, schloss innerhalb von sechs Jahren als promovierter Ingenieur ab.

Unfreiwillige Nachfolge

Heute freut sich Hans-Jürgen Schrag fast schon diebisch. „Und ich habe es tatsächlich besser gemacht als mein Vater.“ Stolz ist er auf das, was er geschaffen hat: ein Unternehmen, das im Anlagenbau, in der Energierückgewinnung und in der Kraftwerkstechnik Kunden auf allen fünf Kontinenten bedient. Oschatz beschäftigt rund 1.400 Mitarbeiter, fertigt in Deutschland, China, in Tschechien und in der Türkei. Ungefähr 80 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet das Unternehmen im Ausland. Als Schrag 1977 einstieg, beschäftigte Oschatz gerade mal 130 Menschen.

Vergangenes Jahr, im März 2014, wurde er 65 Jahre alt und zog sich nach 20 Jahren an der Unternehmensspitze zurück. Er übergab die Geschäftsführung an seinen älteren Sohn Jan-Christopher (40) und an den externen Manager Andreas Albrecht, mit dem er bereits 16 Jahre lang Schulter an Schulter im eigenen Betrieb gearbeitet hatte. Albrecht scheint in Schrags Gnaden zu stehen, eine große Ausnahme. Denn eigentlich hält er überhaupt nichts von Fremdmanagern, weil sie „niemals mit so viel Herzblut die Firma führen können“, sagt er. „Lieber verkaufe ich das Unternehmen, als es Fremdmanagern zu überlassen“, dachte er sich, als seine Söhne noch klein waren und er nicht ahnen konnte, dass beide einmal im Familienunternehmen arbeiten wollten.

Steiniger Weg

Seine Erinnerungen prägen, ja quälen ihn fast bis heute. „Mir schlugen in meinen ersten Jahren Spott, Häme und kalte Abweisung entgegen. Unsere Fremdmanager regierten von oben herab und holten für sich das meiste heraus.“ Die Situation hat er ausgesessen, lernte alle zwei Jahre neue Bereiche des Unternehmens kennen, angefangen von der Entwicklung und Konstruktion über die Abwicklung und den Einkauf bis zu den Finanzen. Seinen Status als Gesellschafter wollte und konnte er nicht ausspielen. „Dann wäre es mit dem Respekt vorbei gewesen.“ Außerdem war die Gesellschafterkonstellation diffizil. Unterschiedliche Gesellschafter aus unterschiedlichen Stämmen machten die Gemengelage nicht einfacher. In den 17 Jahren, die es brauchte, bis er 1994 zum Geschäftsführenden Gesellschafter aufstieg, fühlte er sich oft einsam und vermisste seinen Vater.

All das möchte er seinen beiden Söhnen ersparen. „Früh stand für mich fest: Ich möchte meine Kinder niemals so alleinlassen, wie ich selbst alleingelassen wurde.“ Sieben Jahre lang hielt er seine schützende Hand über Jan-Christopher, der 2008 ins Unternehmen kam, und über den drei Jahre jüngeren Sohn Tim, der bereits 2007 dazustieß. Klare Vorstellungen hatte er davon, was seine Söhne für die Übernahme der Verantwortung wappnen sollte: Jan-Christopher ist wie er selbst promovierter Ingenieur, Tim ist Physiker. Der Ältere verdiente sich erst bei Envirotherm und dann bei Voest Alpine die Sporen, der Jüngere begann direkt in der Verfahrenstechnik bei Oschatz. Seit Januar 2015 ist Tim als Geschäftsführer der Tochtergesellschaft in Istanbul tätig und soll in zwei bis drei Jahren in die Geschäftsführung nach Essen berufen werden, so Hans-Jürgen Schrags Plan.

Zu viel Fürsorge

Der Vater gesteht seinen Söhnen eine weitere Übergangszeit zu. Bevor er in den Beirat wechselt, ist er in seiner aktuellen Funktion als „Konsulent der Geschäftsführung“ noch sehr präsent im Unternehmen, sein Büro liegt in direkter Nähe zu dem von Jan-Christopher. „Ich will ein Ratgeber für meine Söhne sein“, sagt er. Bis mindestens 2016, heißt es.

Die Übergangszeit gesteht er aber vor allem sich selbst noch zu. Hans-Jürgen Schrag legte in den vergangenen 20 Jahren Tausende Kilometer zurück, um das Unternehmen rund um den Globus aufzubauen. „Zwei Drittel des Jahres war ich durchschnittlich im Ausland“, resümiert er. In seiner Funktion als Konsulent war er gerade noch in Australien, Südkorea und Singapur bei Kunden unterwegs. Langjährige Geschäftspartner aus Fernost verlangten nach ihm persönlich, meint er. „Die wollen von Senior zu Senior auf Augenhöhe sprechen.“

Jan-Christopher scheint das nicht zu stören. Er verantwortet den Vertrieb, reist wie einst sein Vater zu Kunden auf der ganzen Welt. Seine größte Herausforderung sieht er in der Akquise von Aufträgen und Großprojekten. Da hat er wenig Zeit, sich über das Loslassen des Vaters Gedanken zu machen. „Zwei Jahre rechne ich noch mit meinem Vater“, sagt er und lächelt dabei ein wenig. Hans-Jürgen Schrag gibt unumwunden zu: „Es ist nicht immer einfach, sich zurückzunehmen.“ Er versucht, sich zumindest geographisch Stück für Stück zu entfernen. Seinen Hauptwohnsitz hat er bereits vor einiger Zeit nach Garmisch-Partenkirchen verlegt, wo er in Zukunft noch mehr Zeit verbringen möchte. Dort hat er auch gemeinsam mit dem örtlichen Pfarrer Salon-Gespräche initiiert.

Wie lange der Nachfolgeprozess bei Oschatz noch währt, wird sich zeigen – in der Geduld der Söhne mit ihrem Vater und im Vertrauen des Vaters zu seinen Söhnen: Schrag hat seinen Söhnen zwar jeweils die Hälfte seiner Anteile übertragen, sichert sich aber mit seinem Restanteil von 1 Prozent die Stimmrechtsmehrheit.

Info

166 Jahre Oschatz

In Meerane in Sachsen wurde Oschatz 1849 gegründet und stellte schon bald Dampfkessel und Brauereizubehör her. Die Firma wurde im Krieg zerstört und danach von den Siegermächten enteignet. Dr. Hans Schrag, der seit 1936 als Konstruktionsleiter im Betrieb tätig gewesen war, gründete die Firma 1948 in Mannheim neu. Mit der Gründerfamilie Oschatz hatte er verhandelt, den Namen beibehalten zu dürfen. Drei Jahre später zog das Unternehmen nach Essen um. Die ersten Abhitzekessel wurden entwickelt. Im Jahr 1970 verstarb Hans Schrag. Daraufhin brach sein Sohn Hans-Jürgen sein Psychologiestudium ab und studierte stattdessen Maschinenbau. Als promovierter Ingenieur stieg er 1977 ins Unternehmen ein und wurde 1994 Geschäftsführender Gesellschafter. Seitdem fährt die Oschatz GmbH einen steilen Wachstumskurs, vor allem auf internationalen Märkten. Heute beschäftigt die Oschatz GmbH rund 1.400 Mitarbeiter und unterhält 14 Tochtergesellschaften und zahlreiche Vertretungen um den Globus.

Info

Oschatz für mehr Nachhaltigkeit

Die Kernkompetenz des Unternehmens ist das Abkühlen heißer Gase, die in verschiedenen Produktionsprozessen entstehen, um die Wärme aus dem Abgas zur Energierückgewinnung zu nutzen. Die Anlagen hierfür werden in unterschiedlichen Industrien genutzt: Stahl- und Chemieunternehmen zählen zu den Oschatz- Kunden ebenso wie Firmen, die Anlagen zur Gewinnung und Verarbeitung von Nichteisenmetallen wie Kupfer, Nickel oder Zink benötigen. Ein weiteres Standbein ist der Kraftwerksbau, wo Müll oder Biomasse verbrannt und daraus Wärme und Strom produziert wird. Mit der Bildung einer firmeneigenen Filtersparte wurde das Know-how der Oschatz Gruppe auf dem Sektor Abgasbehandlungs- sowie Entstaubungsanlagen komplettiert. Im Sommer 2013 wurde Oschatz der „Fray International Sustainability Award“, ein amerikanischer Preis für besondere Leistungen auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit, verliehen. Oschatz erhielt den Award für die langjährige Arbeit in den Bereichen Energierückgewinnung und Ressourceneffizienz.

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