Angeheiratete in Unternehmerfamilien sind ein heikles Thema. Sie sind zwar Teil der Familie, aber ob sie auch Gesellschafter werden dürfen, darüber denken Firmeneigentümer ganz unterschiedlich. Thomas Schäfer, Nachfolger in zweiter Generation, hat über dieses Tabuthema geforscht.

Herr Dr. Schäfer, warum haben Sie ausgerechnet über dieses Thema promoviert?

Da gibt es zwei Gründe, denn bei mir schlagen zwei Seelen in einer Brust: Ich bin erstens mit Leib und Seele Familienunternehmer. Mein Vater und mein Onkel haben eine Firma für Präzisionstechnik gegründet, ich bin mit ihr aufgewachsen. Ich kenne hier in Baden-Württemberg viele Familienunternehmen, und ich weiß, dass die Rolle der Angeheirateten ein sehr präsentes Thema ist. Aber richtig offen oder gar systematisch gehen viele das Thema nicht an. Zweitens schlägt mein Herz auch für die Wissenschaft. Daher habe ich nach meinem wirtschaftswissenschaftlichen Studium in diesem Fachgebiet promoviert. Die Wissenschaft mit engem Bezug zur Praxis interessiert mich sehr und somit bin ich auch sehr gerne als Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg tätig. Die Frage, inwieweit die Einbindung der Ehepartner den langfristigen Fortbestand von Familienunternehmen beeinflusst, ist ein weitgehend unerforschtes Phänomen. Das wollte ich ändern.

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Nachfolger und Wissenschaftler: Thomas Schäfer widmete sich in seiner Promotion dem Tabuthema der Angeheirateten in Familienunternehmen.

Foto: Gebrüder Schäfer GmbH

Wie haben Sie das Thema differenziert und „angepackt“?

Ich habe mit 18 großen Familienunternehmen gesprochen (Anm. der Redaktion: Details siehe Kasten). Drei Bereiche habe ich untersucht: Wie steht es um die Einbindung der Angeheirateten in die Geschehnisse des Unternehmens, wie zum Beispiel Firmenveranstaltungen? Arbeiten Angeheiratete im Familienunternehmen mit? Dürfen oder wollen sie die Rolle der passiven Gesellschafter einnehmen?

Was sind Ihre Kernergebnisse?

Das größte Missverständnis, dem viele Unternehmerfamilien unterliegen, ist die Gleichstellung und Gleichbehandlung der Zugehörigkeit zur privaten Familie und zur Gesellschafterfamilie. Im kleinen Mittelstand ist die Differenzierung dieser Rolle kaum ins Bewusstsein gerückt. In den großen Familienunternehmen, die ich untersucht habe, ist das Bewusstsein durchaus vorhanden. Aber man weiß nicht so richtig, wie man damit umgehen soll.

Wo ist der Ehepartner denn am ehesten vertreten: bei Unternehmensevents, in der operativen Arbeit oder in Gremien wie Beirat oder Familienrat?

Am häufigsten bei Geschehnissen rund um das Unternehmen. Aber auch hier werden die beiden Ebenen oft unbewusst vermischt. Ist der Ehepartner bei Kundenveranstaltungen, Betriebsfeiern und Firmenjubiläen dabei? Oder eher bei Familienreisen, Gesellschaftertagen oder gemeinsamen Abendessen? Wird die Präsenz also eher für Mitarbeiter und Kunden als wichtig erachtet oder für die Gesellschafterfamilie? In der Außenwahrnehmung sind die Angeheirateten oft fester Bestandteil der Gesellschafterfamilie, sozusagen in der repräsentativen Rolle. Aus Sicht der Inhaber, also in der Innenwahrnehmung, gehören sie aber nicht zum Kern dazu. Wenn nicht offen und ehrlich erklärt wird, warum das so ist und wie man dennoch ein Zusammengehörigkeitsgefühl erzeugen kann, sind Konflikte programmiert. Nur ein Drittel der untersuchten Unternehmen hat bislang Maßnahmen ergriffen, um hier Brücken über die Gräben zu bauen. Das ist angesichts der Größe der Unternehmen und angesichts der Anzahl der Gesellschafter nicht viel.

Info

Thomas Schäfer

ist Geschäftsführender Gesellschafter der Gebrüder Schäfer GmbH, die sein Vater Dieter und sein Onkel Manfred im Jahr 1965 gegründet haben. Dieter Schäfer erwarb die Anteile seines Bruders, als dieser mit Erreichen des Rentenalters ausstieg. Er übertrug die Firma im Jahr 2015 auf seinen Sohn Thomas, der nun Alleininhaber ist. Im Rahmen seiner Doktorarbeit analysierte Thomas Schäfer 18 große Familienunternehmen, die sich in zweiter bis fünfter Generation befinden und von denen zehn zu den 500 größten Familienunternehmen zählen. Das kleinste Unternehmen beschäftigt 450 Mitarbeiter (Umsatz 75 Millionen Euro), das größte 10.000 (Umsatz 2,4 Milliarden Euro). Der kleinste Eigentümerkreis umfasst zwei Inhaber, der größte 36 Mitgesellschafter.

Oft ist zu hören, dass die Angeheirateten „nur Ärger“ in sonst „harmonische Geschwisterkonstellationen“ bringen. Bestätigen Ihre Untersuchungen das?

Ja, auch wenn das niemand so direkt sagt. Aber auf Gesellschafterebene haben einige der Befragten Unternehmer durchaus negative, persönliche Erfahrungen gemacht. Das Konfliktpotential für Streit unter Gesellschaftern mit Angeheirateten wird als groß erachtet und somit auch als Risiko für den Fortbestand für das Familienunternehmen gesehen. Ein etwas plakatives und doch realistisches Beispiel: Wird der oder die Angeheiratete auf einer hohen Ausschüttung bestehen, um das Ferienhaus auf Mallorca finanzieren zu können? Auch die hohe Rate der Scheidungen in unserer Gesellschaft führt zu einer skeptischen Haltung gegenüber den Angeheirateten als Mitgliedern im Gesellschafterkreis. Daher können in 16 der befragten Unternehmen Gesellschaftsanteile laut Satzung nicht frei an Angeheiratete übertragen werden. Dennoch gibt es Sonderregelungen: Die Gesellschafterfamilie lässt den Gesellschafterstatus auf Zeit bei Angeheirateten durchaus zu, zum Beispiel wenn eine Ehe kinderlos bleibt oder im Todesfall des Gesellschafters, wenn die Kinder zu jenem Zeitpunkt noch minderjährig sind.


Also Ehepartner als Ersatz, wenn sonst nichts mehr geht?

Ja, auch auf der Ebene der Mitarbeit habe ich das während meiner Arbeit beobachtet. In den größeren Unternehmen arbeiten die Ehepartner oft nicht mit, weil man befürchtet, intern und extern könnte eine Mitarbeit als Nepotismus interpretiert werden. Ehepartner kommen aber dann ins Spiel, wenn intern aus der Gesellschafterfamilie niemand für eine bestimmte Aufgabe zur Verfügung steht. Weil die Nachfolger vielleicht nicht wollen oder als nicht fähig gesehen werden. Dann bevorzugen Familienunternehmer eher diesen „halben Inhaber“ als eine komplett familienfremde Führungskraft.

Angeheiratete spielen eine wichtige Rolle in der Erziehung der potentiellen Nachfolger. Wird ihr Einfluss unterschätzt?

Ehepartner beeinflussen nicht nur die Nachfolger. Sie werden oft informell eingebunden, wenn es zum Beispiel um Personalentscheidungen geht. Informell eingebunden ist der Ehepartner auch automatisch dann, wenn der operativ tätige Gesellschafter nach einem Arbeitstag entweder gut gelaunt oder angespannt nach Hause kommt. Wird also ein positives oder ein negatives Bild des Unternehmerlebens projiziert?

Info

Die Promotion von Thomas Schäfer mit dem Titel „Die Rolle Angeheirateter in Familienunternehmen“ ist 2016 im Springer Gabler Verlag erschienen (ISBN 978-3-658-12999-9). Er promovierte bei Prof. Dr. Max Ringlstetter am Lehrstuhl für ABWL, Organisation und Personal der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadts.

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