Brigitte Vöster-Alber führt seit über 40 Jahren die GEZE GmbH. Drei Kinder laufen sich im Unternehmen schon warm. Wie die Führung des Spezialisten für Tür-, Fenster- und Sicherheitstechnik in einigen Jahren aussehen soll, weiß noch keiner so recht.

Brigitte Vöster-Alber hat sehr klare Vorstellungen. Zum Beispiel darüber, dass es für Unternehmer nicht sinnvoll ist, sich selbst eine Altersgrenze für den Rückzug aus dem operativen Geschäft zu setzen. „Ich bewundere amerikanische Unternehmer. Die sind oft bis ins hohe Alter noch geistig fit und in der Firma tätig“, sagt sie. Oder auch darüber, wie eine gerechte Verteilung der Unternehmensanteile auf ihre vier Kinder aussieht.

An die Kinder, die zwischen 25 und 36 Jahre alt sind, hat sie jeweils 12 Prozent übertragen. Drei arbeiten im Unternehmen, die zweitjüngste Tochter ist Medizinerin. Wer im Unternehmen wie viel Verantwortung trägt, spielt für sie keine Rolle. „Für ihre Arbeit bekommen meine Kinder ihr Gehalt. Operative Tätigkeit und Gesellschafterstatus sind zwei komplett unterschiedliche Paar Schuhe“, erklärt sie. Ihre 52 Prozent will sie bis zum Lebensende behalten. „Ich möchte ja auch noch mitentscheiden“, sagt die geschäftsführende Gesellschafterin von GEZE und lächelt. Seit 46 Jahren führt sie in fünfter Generation den schwäbischen Hersteller von Tür-, Fenster- und Sicherheitstechnik mit weltweit 2.600 Mitarbeitern und etwa 350 Millionen Euro Umsatz. Nach ihrem Tod werden die Anteile zu gleichen Anteilen auf die vier Kinder verteilt.

Nachfolger initiieren Familiencharta

Weniger klare Aussagen macht sie darüber, wer das Unternehmen führen soll, wenn sie sich zurückzieht. „Das müssen die Kinder unter sich ausmachen.“ Große Sorge scheint ihr der Gedanke nicht zu bereiten. „Solange die Kinder sich gegenseitig vertrauen, wird es keine allzu großen Probleme geben“, ist sie sich sicher.

Tochter Andrea-Alexandra Alber weiß, dass Familien immer an einem guten Miteinander arbeiten müssen. „Wir wären natürlich die erste Familie, in der es keine Konflikte gäbe“, sagt sie. „Konflikte sind doch völlig normal. Wichtig ist, dass man sie konstruktiv löst.“ Seit 2007 ist die Politik- und Sozialwissenschaftlerin, die im Nebenfach auch Psychologie studierte, in der Firma und seit 2012 in der Geschäftsführung für Strategie, Marketing und IT verantwortlich. Im Jahr 2013 wurde eine Familiencharta entwickelt, nach der sich alle Gesellschafter im täglichen Miteinander richten.

Info

Die GEZE GmbH

Ob das Airport Center in München, die Ferrari World in Abu Dhabi oder das Neue Akropolis-Museum in Athen – GEZE ist längst ein großer Spieler auf dem internationalen Parkett, wenn es darum geht, Flughäfen und Bahnhöfe, Büro- und Firmengebäude oder Sport- und Kultureinrichtungen mit Tür-, Fenster- und Sicherheitssystemen auszustatten. Das Familienunternehmen mit Sitz in Leonberg bei Stuttgart hat 31 Tochtergesellschaftern, davon 27 im Ausland, ist mit Vertriebs- und Servicegesellschaften in 110 Ländern präsent, beschäftigt etwa 2.600 Menschen und setzt knapp über 350 Millionen Euro um. Die Eigenkapitalquote liegt bei 80 Prozent. Produziert wird in Leonberg, in China, in Serbien und seit 2013 auch in Spanien. In den USA ist GEZE derzeit wegen der Risiken der Produkthaftung nicht vertreten. Seit 2010 hat GEZE in Deutschland etwa 14 Millionen Euro in die Erweiterung und Modernisierung der Fertigungs- und Verwaltungsgebäude investiert. Im August dieses Jahres fand in Leonberg der Spatenstich für eine 6.500 Quadratmeter große Produktionshalle statt. 60 Prozent der in Leonberg produzierten Systeme werden ins Ausland exportiert.

Vor allem über den Finanzbereich wacht Brigitte Vöster-Alber. Sie ist Zahlenmensch durch und durch. Nach zwei Ölkrisen brach Anfang der achtziger Jahre der Umsatz um 70 Prozent ein. „Es ging damals um die Substanz, beliehen wurde fast alles“, erinnert sie sich. Geschafft hat sie es trotzdem. Die Eigenkapitalquote liegt heute bei 80 Prozent. Das macht sie weder übermütig noch leichtsinnig. Im Gegenteil: „So eine komfortable Situation kann schnell kippen.“

Die Vorsitzende der Geschäftsführung möchte, dass das von ihrem Ururgroßvater 1863 gegründete Unternehmen in Familienhand bleibt. Generationenübergang im Sinne von Nachhaltigkeit – das hat in ihrem Wertekodex oberste Priorität. Wöchentlich eintrudelnde Übernahmeangebote schlägt sie aus. Ein vor einiger Zeit mit einer renommierten Sozietät überarbeiteter Gesellschaftervertrag soll den Fortbestand sichern. Die Risiken sieht sie woanders: „Auf Markt- und Produktseite werden die Herausforderungen viel größer sein als innerfamiliär“, ist sie überzeugt.

Einstieg als Assistenten der Geschäftsleitung

Daher hat sie auch eine klare Vorstellung darüber, welche Schule ihr Nachwuchs durchlaufen sollte, um das Unternehmen im globalen Wettbewerb – das dreimal so große Familienunternehmen Dorma aus Südwestfalen ist der bekannteste Mitstreiter in Deutschland – zu positionieren: Alle drei Kinder, die heute im Unternehmen tätig sind, starteten als Assistenten in der Geschäftsführung: Andrea-Alexandra und die jüngste Schwester Sandra Daniela als Assistentinnen der Mutter, Bruder Marc Philip als Assistent des Vaters Hermann Alber in der technischen Geschäftsführung.

Marc Philip Alber hat Betriebswirtschaft studiert und verantwortet nach den Lehrjahren bei seinem Vater den Bereich Geschäftsleitung Technik. Sandra Daniela Alber ist Wirtschaftsjuristin und hat sich auf Compliance-Themen spezialisiert. GEZE kämpft seit 2012 gegen ein Urteil des Kartellamts. Der Vorwurf: Preisabsprachen unter neun Herstellern von automatischen Türsystemen. „Wir waren bei dem besagten Treffen nicht dabei“, sagt Brigitte Vöster-Alber. Und man hegt keine Zweifel daran, dass die bestimmt auftretende Unternehmerin den Streit mit dem Kartellamt bis zur letzten Instanz führen wird. Aufgeben kennt sie nicht, ihre harten Einstiegsjahre haben Spuren hinterlassen. Als ihr Großvater 1968 starb – ihr Vater war bereits fünf Jahre zuvor gestorben –, übernahm sie mit 24 Jahren das Ruder. Niemand traute ihr die Geschäftsführung zu.

Eigentlich wirkt Brigitte Vöster-Alber wie eine Führungskraft der „alten Schule“. Von der Sinnhaftigkeit von Familiencoachings und Familienverfassungen ist sie nicht überzeugt, von Literatur und Seminaren über moderne Management- und Führungssysteme auch nicht. „Führung lernt man nur durch Erfahrung“, sagt sie.

Familie steht über Firma

Dennoch lässt sie sich nicht in die konventionelle Schublade stecken. „Die Familie war mir immer wichtiger als die Firma“, bekräftigt sie. Wenn sie abends nach Hause gekommen sei, habe sie die Firma gedanklich hinter sich gelassen. Sie habe immer gut schlafen können, auch in Krisenzeiten. Eine Eigenschaft, um die ihre Tochter Andrea-Alexandra sie beneidet.

Ihr Mann, den die Tierliebhaberin auf einem Reitturnier kennengelernt hatte, hütete die Kinder. Erst 1982 kam Hermann Alber in die Firma, um halbtags zu arbeiten. „Mit vier Kindern hatte ich nach der Arbeit zu Hause nie Langweile“, sagt sie. Zeit für Freundschaften außerhalb von Firma und Familie blieb keine.

Für Brigitte Vöster-Alber schließen Führungsverantwortung und Teilzeitarbeit einander nicht aus. Die Frauenquote in Führungspositionen ist im Unternehmen mit 25 Prozent überdurchschnittlich hoch. „Teilzeitkräfte halten sich kürzer und arbeiten effizienter. Das strahlt positiv auf das Umfeld ab“, ist sie überzeugt.

Für Andrea-Alexandra Alber spiegelt sich hier ein Unternehmenswert wider, den sie in ihrem Arbeitsalltag tagtäglich spürt. „Wer ein Bedürfnis hat anzupacken und mitzuwirken, dem wird in der Regel auch Verantwortung übertragen. Auch jungen Mitarbeitern ohne viel Erfahrung. Sie müssen nur wollen“, sagt sie. So wie sie selbst. Sie hat sich freigestrampelt und sich ihren Raum geschaffen. „Das ist für die Glaubwürdigkeit der Nachfolger innerhalb der Belegschaft wichtig.“ Auch ihre beiden Geschwister haben jeweils ihr Terrain abgesteckt. Überschneidungen gibt es inhaltlich nicht.

Dass sie jederzeit loslassen kann, betont Brigitte Vöster-Alber in Interviews immer wieder. Wann das denn sein wird? „In ein bis zwei Jahren vielleicht“, sagt die Chefin. Andrea-Alexandra lacht: „In zehn Jahren vielleicht?“ Die Motive ihrer Mutter sind auch hier klar und deutlich: „Erst wenn ich im Finanzbereich einen würdigen Nachfolger finde, kann ich mich beruhigt zur Ruhe setzen“, sagt sie. Und fügt hinzu: „Das kann im Übrigen auch ein Fremdgeschäftsführer sein.“

Info

In sechster Generation: Familie Vöster

Den Grundstein für das Unternehmen, das heute in fünfter und sechster Generation geführt wird, legen der Drehermeister Georg Friedrich Vöster, der Mechaniker Max Wessinger und der Kaufmann Friedrich Carl Bauer im Jahr 1863. Im Jahr 1911 stößt Maschinenbauingenieur Reinhold Vöster zum Unternehmen. Die ersten Auslandsaktivitäten mit Baubeschlägen, Türschließern und Skibindungen – Letztere waren entwickelt worden, um das im Winter brachliegende Baugeschäft zu kompensieren – werden gestartet. Mit seinem Sohn Walter baut Reinhold Vöster nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die Firma wieder auf. Die Produktion von Skibindungen wird ausgeweitet. Der internationale Durchbruch gelingt 1960, als Heidi Biebl mit GEZESkibindungen olympisches Gold in Kalifornien gewinnt.

Als Walter Vöster 1963 unerwartet mit 48 Jahren stirbt und sein Vater Reinhold fünf Jahre später mit 84 Jahren, übernimmt die einzige Tochter bzw. Enkelin Brigitte Vöster mit 24 Jahren die Geschäftsführung. Sie treibt die Internationalisierung voran und stärkt die Innovationskraft. Unter ihrer Leitung wächst die Zahl der Patente stetig. Heute hält GEZE etwa 1.000 Patente, davon die Mehrzahl im Ausland. Das Geschäft mit Skibindungen, das im Zeitverlauf immer stärker unter Druck geraten war, wird in den achtziger Jahren eingestellt. Brigitte Vöster-Alber ist heute Vorsitzende der Geschäftsführung und verantwortet die Bereiche Finanzen, Verwaltung und Personal, Controlling, Patentwesen und Rechtswesen. Weitere Mitglieder der Geschäftsführung sind ihr Mann Hermann Alber für den Bereich Technik, Tochter Andrea- Alexandra Alber für Strategie, IT und Marketing sowie zwei externe Geschäftsführer: Florian Birkenmayer für Entwicklung und Produktmanagement sowie Horst Jicha für Vertrieb. Neben Andrea-Alexandra sind ihre Geschwister Marc Philip Alber und Sandra Daniela Alber im Unternehmen aktiv. Die sechste Generation steht nun vor den Herausforderungen, die die fortschreitende Digitalisierung und Vernetzung mit sich bringen.

Aktuelle Beiträge

Immobilienvermögen
Wie Unternehmerfamilien in die Assetklasse Immobilien investieren
Studie sichern »
Studie sichern »
Immobilienvermögen