Er ist großartig, unkaputtbar, enorm kreativ, einmalig abschlusssicher. Seine Schöpferkraft und sein unzerstörbarer Optimismus reißen alle mit. Doch Erfolg korrumpiert. Aus Gründerteams werden Hofstaaten. Und: Auch Patriarchen altern. Sie stoßen an Grenzen, an die wir alle stoßen, irgendwann. Und dann?

Der Patriarch ist ursprünglich eine biblische Figur aus dem Alten Testament. Die Erzväter Israels – Abraham, Isaak und Jakob – gelten als Patriarchen. Die Wirtschaftswelt kennt das Patriarchat ebenfalls seit Jahrhunderten in Form des Eigentümerunternehmers. In ihm schließen sich Herrschaft und Fürsorge, Führung und Verantwortung zusammen.

Diese Spezies des Kapitalismus ist im Unterschied zu Managern oder Erben von besonderer Ausstrahlungskraft. Dies nicht nur, weil der Eigentümerunternehmer sein eigenes Geld oder das seiner Familie investiert, sondern vor allem wegen seiner davon unabhängigen Lebensleistung als Führungspersönlichkeit. Hat ein Unternehmer es geschafft, in die Welt der Patriarchen aufgenommen zu werden, dann umgibt ihn eine fast mythische Kraft, die mit der Zeit eine Parallelwelt jenseits der realen Biographie des Patriarchen mit immer neuen Taten anreichert. Ein Status tritt ein, den die meisten dieser Unternehmer sich zu Beginn ihrer Karriere nicht haben träumen lassen und wofür sie auch jeder ihrer Bankiers und Kunden abgestraft hätte: Unerreichbarkeit, Unantastbarkeit, Unvergleichbarkeit.

Auf der Suche nach der psychischen Struktur erfolgreicher Unternehmenspatriarchen wähle ich drei Kristallisationspunkte ihres Schaffens. Die Gründungsphase (Anfang), der Eintritt der Erfolgsgeschichte (Ankunft) und das vermeintliche Niederlegen der Ämter und die Übergabe der Verantwortung (Abschied).

Anfang

Der Gründer ist der Risktaker, er hat gewagt und gewonnen, dafür schätzen und bewundern ihn seine Mitarbeiter. Man wird nicht als Patriarch geboren, die Geschichte bringt Patriarchen hervor. Möglich ist der Fall, dass man ein Amt übernimmt, das vorher ein Patriarch innehatte. Doch erst die Art und Weise, wie dieses Amt ausgefüllt wird, macht aus dem Amt ein Patriarchat.

Am Anfang einer Unternehmerkarriere mögen Persönlichkeitsmerkmale patriarchalischer Struktur eine Rolle spielen. Ob diese Merkmale sich zu einem Patriarchat einer sich dauerhaft in diesem Status haltenden Unternehmerpersönlichkeit verdichten, bleibt zunächst offen.

Handelt es sich beim Patriarchen um den Gründer des Unternehmens, dann benötigt dieser eigentlich keine Ämter, um Gründer zu sein. Ob der Gründer geschäftsführender Gesellschafter, Vorstandsvorsitzender oder Aufsichtsratsvorsitzender genannt wird, spielt für die Bedeutung seiner Persönlichkeit im Unternehmen keine Rolle: Er ist der Gründer, seinetwegen sind wir hier, und er ist um des Unternehmens willen mit und für uns hier.

Entscheidend ist, dass der Gründer des Unternehmens erst durch das Gelingen und den wirtschaftlichen Erfolg die Position des Patriarchen erklimmt. Ein für das Unternehmen und seine Geschichte identifizierbarer Anfang ist die Basis, auf der das Patriarchat sich über die Jahre aufbaut. Der Patriarch findet aber nur zu sich selbst, indem er die hürdenreichen und von Fehlern nicht freien Anfänge bewältigt, hinter sich lässt: Aus der lokalen Gründung wird globales Wachstum. Die Dynamik der antreibenden Steigerung bleibt ein Kraftfeld der Patriarchenpsyche, das den Zustand des Erfolges oder des Ankommens durch permanentes Weitersteigern vor möglicher Erschöpfung bewahrt.

Info

Dr. Sven Murmann

Sven Murmann ist Geschäftsführer der Sauer Holding GmbH, eines der beiden Hauptaktionäre der Sauer-Danfoss Inc. Das Unternehmen ist mit über 9.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 1,5 Milliarden Dollar einer der größten Hersteller und Lieferanten von Mobilhydraulik. Der 38-Jährige leitet die Sauer Holding GmbH gemeinsam mit seinem Vater Dr. Klaus Murmann. Sven Murmann ist promovierter Philosoph. Er gründete 2004 mit dem Murmann Verlag seinen eigenen Sachbuchverlag.

Das Führen und Umgreifen einer auf neue Herausforderungen sich ausrichtenden Vorwärtsdynamik lernt der Unternehmer in der Gründungsphase und legt diese Dynamik nie wieder ab. Der zum Patriarchen fähige Unternehmer personifiziert die untrennbare Verbindung von Unternehmensgründung und Unternehmensentwicklung, von Anfang und Wachstum, von Herkunft und Zukunft. Er ist ein lebendes Denkmal. Das Unternehmen wächst rasant, alles bewegt sich im Überlebenskampf der Mitbewerber und der Märkte, der Patriarch besteht. Vor diesem Hintergrund wird plausibel, dass die Gründungsgeschichte des Unternehmens meist als Legitimitätsgrund erfolgreicher Patriarchen fungiert. Im Unterschied zu manchen kirchlichen und politischen Organisationen besteht zwar für Wirtschaftspatriarchen durch den erfolgreichen Aufbau des Unternehmens ein messbares Leistungskriterium, jedoch wandert dieses Leistungskriterium mit der Zeit als Gründungsmythos in die Sphäre des Unantastbaren, Uneinholbaren, Unvergleichbaren. In dieser Sphäre gibt es keine Preise, keine Ratings und kein Controlling: der Unternehmer hat sich von der täglichen Last des Kaufmanns und Wirtschaftsmenschen befreit und ist im Patriarchat angekommen. Er trägt nun die Verantwortung für das Ganze, für die Vergangenheit und die Zukunft, die Arbeit verrichten die Manager. Mit dem Management geht der Patriarch von nun an hart ins Gericht. Das Drama patriarcharlischer Führung beginnt.

Ankunft

Ist das Unternehmen einmal etabliert, äußert sich die Psyche der Patriarchen am offensichtlichsten in ihrem Führungsstil. An der Art und Weise, wie sie die Erfolge der Anfangszeit noch weiter steigern, wie sie mit dem nicht ausbleibenden partiellen Scheitern umgehen und wie sie ihre Truppen führen, können wir die Psyche der patriarchalischen Führung erkennen.

Auf der Ankunftsebene ergeben sich neue interne Fronten. Zum einen die Familie. Sie muss in ihrer sozialen und wirtschaftlichen Komplexität zusammengehalten werden. Das verlangt sie vom Patriarchat. Zugleich verlangt der Patriarch von ihr Loyalität gegenüber ihm und dem Unternehmen; wobei diese Differenz vom Patriarchen ungern eingeräumt wird, ist doch die Verlockung fast unwiderstehlich, die Trinität aus Familie, Patriarch und Unternehmen in einer Einheit zu sehen und ihr den eigenen Namen zu geben. Wären da, zum zweiten, nicht die Manager. Ihr Dasein rechtfertigt sich durch Freiräume, die aus den Differenzen – oder neutraler – sich faktisch ergebenden Abständen zwischen dem Patriarchen und der Familie einerseits und dem Unternehmen andererseits entstehen.

Die vom Patriarchen angestellten Manager können sich unternehmerisch nur entfalten, wenn sie diese Abstände zum Patriarchen vergrößern, ohne sich selbst von ihm zu weit zu entfernen. Es entwickelt sich zwischen Patriarchat und Management eine dramatische Abhängigkeit: Der Patriarch kann auf der Ankunftsebene den Erfolg seines Unternehmens ohne das Management nicht steigern. Das sehen und begrüßen auch in gewisser Weise seine Familiengesellschafter. Das Management ist auf der anderen Seite abhängig von den Freigaben des Patriarchen.

Den erfolgreichen Patriarchen gelingt es, diese spannungsreiche Konstellation zwischen Familie, Unternehmen und Management zu übergreifen, ja man möchte fast sagen, sie managen diese Konstellation. Das Patriarchat professionalisiert sich auf der Ankunftsebene. Hat es in den Anfängen die Steigerungsdynamik beherrscht, so gilt es für den Patriarchen nun mehr denn je, sich selbst zu beherrschen. Denn beide internen Fronten, Familie und Management, erfordern ein hohes Maß an Ordnungssinn. Charisma alleine reicht nicht (reichte eigentlich nie!). Gefordert ist nun ein Vorbild mit Dynamik und Substanz. Aus Ich bin das Unternehmen muss spätestens jetzt Ich bin sein höchster Diener werden.

Abschied

Kann es vor dem Tod einen friedlichen Abschied des Patriarchen geben? Nein.

Patriarchen treten in der Regel nicht freiwillig ab, sonst wären sie keine. Schon der bloße Gedanke an Szenarien des Abschieds stresst ihre Psyche. Und da sie es nicht gewohnt sind, sich über Seelenbeschwerden auszutauschen, setzt grantiges Abwehrverhalten ein. Die von ihnen selbst so geliebte Einheit von Familie, Unternehmen und Patriarchat bewirkt, dass zum Beispiel ein Verkauf des Unternehmens, ohne gleichzeitig ein neues zu gründen, dem Selbstmord gleichkäme.

Also bleiben sie in der Regel dem Unternehmen, der Familie und dem Management – in welcher offiziellen Funktion auch immer – erhalten. Ihr Älterwerden führt im besten Fall zu unternehmerischer, beratender Weisheit, im schlechtesten Fall zu der Hybris, dass sie alles besser machen würden, wären sie noch am Ruder. In der Mitte dieser beiden Extreme mag sich die Altersmilde über die Seele der Patriarchen legen und uns ein für alle Mal für sie einnehmen.

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