Rucksäcke, Zelte, Taschen: Die Sportmarke Vaude rüstet Bergsteiger wie Großstädter aus. Und nebenbei zieht die Chefin Antje von Dewitz vier Kinder auf.

Für Chefs von Outdoor-Unternehmen gehört es dazu, dass sie stets aussehen, als seien sie gerade von einer Expedition heimgekehrt. Antje von Dewitz ist da keine Ausnahme. Sie leitet die Bergsportfirma Vaude und trägt im Job Jeans, Karohemd und Surfer-Sandalen. Dabei ist sie so schlank und drahtig, dass man mit ihr lieber keinen Berg besteigen möchte. Wahrscheinlich hätte sie schon das Zelt aufgeschlagen und ein Süppchen gekocht, bevor man selbst oben angekommen wäre. Wer Antje von Dewitz treffen will, sollte besser nicht mit dem Zug anreisen. Denn er muss nach Obereisenbach, in ein Dorf ohne Bahnhof weit und breit, dafür mit Kirchturm, Freibad und einer größeren Firma: Vaude. Auf dem Weg dorthin wird die Straße immer schmaler und die Region immer lieblicher. Rechts klettert der Hopfen an Drahtseilen meterhoch in den Himmel, links versuchen die Apfelbäumchen dagegen nicht allzu niedlich zu wirken, dahinter Hügel um Hügel, die in kleinen Wellen zum Boden see hin abfallen. Die Landschaft ist weit, offen und weich, wie auch der Dialekt, der hier gesprochen wird.

Und obwohl Antje von Dewitz ihre „sanften Hügel“ in höchsten Tönen lobt, ist sofort klar: Diese Frau passt so wenig in die Gegend, dass es selbst ein Besucher aus der fernen Großstadt bemerkt. Statt der katholischen, den lokalen Singsang sprechenden Unternehmertochter, wie man sie hier vermutet hätte, kommt sie nordisch-abgeklärt, fast ein wenig spröde daher. Sie schmettert kein „Grüß Gott“ zur Begrüßung, sondern ein einfaches „Hi“, und sie weiß selbst am besten, dass sie anders ist. „Meine Familie und ich sind evangelisch, sprechen hochdeutsch, und das auch noch ziemlich schnell“, fasst sie es zusammen. „Damit waren wir hier anfangs eher Exoten.“

Eine eigene Fabrik in China

Trotzdem ist das hier ihre Heimat. Nur wenige Kilometer weiter, im noch kleineren Nachbardorf Untereisenbach ist sie aufgewachsen, „vier Häuser, 15 Einwohner, jeder kennt jeden“. Ihr Vater Albrecht von Dewitz hatte sich dort niedergelassen. Als Kind war er aus Ostpreußen vertrieben worden, wohnte dann in Celle und entdeckte später gemeinsam mit seiner Frau die Schönheit des Bodensees. Hier bleiben wir, beschlossen die beiden. 1974, die zweite Tochter Antje war gerade zwei Jahre alt, gründete Albrecht von Dewitz sein eigenes Unternehmen. Vaude, benannt nach den Anfangsbuchstaben seines Nachnamens, nähte Rucksäcke. Im Alltag waren die damals noch nicht üblich, nur für Bergtouren. Aber der Gründer fuhr jedes Jahr wochenlang in die Natur und glaubte, dass das bald viele so machen würden.

Das Büro der Firma war in der familieneigenen Wohnung, die Rucksäcke wurden im Hopfenstadl des Bauern gelagert. „Wenn die Ernte kam, mussten die Rucksäcke raus“, erinnert sich Antje von Dewitz. Vaude wuchs schnell, produzierte bald auch Schlafsäcke und Zelte, zog in den achtziger Jahren nach Obereisenbach – und dann mit der Produktion gen Asien. 1991 eröffnete Vaude als eines der ersten deutschen Unternehmen eine eigene Fabrik in China. „Mein Vater war ein Pionier“, sagt von Dewitz. „Er hat viele Entwicklungen vorhergesehen.“

Heute ist Vaude eine der bekanntesten Marken im OutdoorGeschäft. Insbesondere bei Bergsteigern und Radlern ist sie beliebt, doch auch den Trend vom Berg in die Stadt hat sie mitgemacht. Während größere Konkurrenten wie Jack Wolfskin den deutschen Stadtmenschen mit wetterfesten, gut sitzenden Jacken gegen die Stürme der Großstadt rüsteten, besetzte Vaude erfolgreich ein anderes Segment: Taschen. Anfang der 2000er eroberten Umhängetaschen von Vaude die Fußgängerzonen, Radwege und Büros: sportlich und wetterfest, nichts für den Laufsteg, aber doch schick genug, um aufzufallen. Es sind die Details, die den Unterschied machen.

Es war Antje von Dewitz, die diesen dritten Teil der Firma aufbaute und damit das Vaude-Logo erst über die Bergsportszene hinaus bekannt gemacht hat. Damals war sie Mitte 20, stand kurz vor dem Abschluss ihres Studiums der Kulturwirtschaft und machte ein Praktikum in Vaters Firma. Der Marketingleiter hatte die Idee, der ungewöhnlichen Praktikantin die Aufgabe mit den Taschen zu übertragen. Produktentwicklung, Design, Marketing, alles musste sie sich selbst zusammensuchen. „Das hat Spaß gemacht“, sagt von Dewitz. Sie blieb, wurde Produktmanagerin und gleichzeitig schwanger, brachte ihr Kind im firmeneigenen Kinderhaus unter, arbeitete weiter, bekam noch ein Kind – und beschloss, dass sie das Geschäft übernehmen wollte. „Ich hatte erwartet, dass mein Vater mich mal fragt“, sagt sie. „Das tat er aber nicht.“ Also fragte sie selbst – „und er sagte nur: ,Dann ist es ja schön.‘“, erinnert sich von Dewitz. Er ist eben eher der nüchterne Typ. Wie seine Tochter.

Info

Vaude

1974 von Albrecht von Dewitz ge- gründet, beschäftigt der Outdoor-Aus rüs ter heute über 1.500 Mitarbeiter. Der geschätzte Jahresumsatz liegt im oberen zweistelligen Millionenbereich. Die promovierte Kulturwirtin Dr. Antje von Dewitz trat 2005 in das Unternehmen ein und übernahm 2009 die Geschäftsleitung. Eines ihrer Ziele: Vaude soll das ökologischste Outdoor-Unternehmen Europas sein. Auch das Thema Familie nimmt sie ernst. Einen Betriebskindergarten gibt es bei Vaude schon seit zehn Jahren (sas).

Die hat im Jahr 2009 die Geschäftsführung übernommen. Seither kann Albrecht von Dewitz sich wieder ganz auf das konzentrieren, was ihm am meisten Spaß macht: Pionier arbeit. Er baut eine Fabrik in Vietnam auf und leitet nebenher die vor wenigen Jahren neu gekaufte Firma Edelrid, einen Kletterausrüster. In der Zentrale von Vaude hingegen hat nun Antje von Dewitz das Sagen. Der Vater habe losgelassen, sagt sie. Er mischt sich ins tägliche Geschäft nicht ein, aber er beobachtet sie genau. „Er sitzt im Beirat und lässt sich reporten“, sagt sie und fügt grinsend hinzu: „Derzeit ist er das einzige Mitglied.“ Und das ist nicht die einzige Kontrollmöglichkeit des Gründers. Wenn seine Tochter zwei oder drei Jahre in Folge unter dem Branchenschnitt liegen würde, wäre das ein Kündigungsgrund als Geschäftsführerin. Das hat ihr Vater im Vertrag festschreiben lassen.

Vielleicht fürchtet er, dass seine Tochter das mit den Geschäftszahlen nicht so ernst nehmen könnte wie er. Schließlich hat sie einen ganz eigenen Kopf, was sich schon darin zeigt, wie sie ihre 55-Stunden-Arbeitswoche gestaltet. War der Vater eigentlich immer für die Firma im Einsatz, möchte sie Zeit für ihre vier Kinder und den (in Teilzeit arbeitenden) Lebensgefährten haben. Deshalb lässt sie sich alle Termine straff hintereinander planen, so dass sie möglichst viel in möglichst wenig Zeit schafft. „Zwei Nachmittage in der Woche gehe ich um 17 Uhr nach Hause“, sagt sie. Das hört man von Unternehmenschefs eher selten und wird sicherlich auch vom Vater vorsichtig beäugt.

Für ihre Mitarbeiter wünscht sie sich ebenfalls Flexibilität und bietet eine Menge Teilzeitstellen an, auch für Führungskräfte. Seit 2001 gibt es ein Kinderhaus auf dem Firmengelände. „Seither kommen hier Babys nach wie wild.“ Und noch eine Vorliebe hat von Dewitz. Sie redet so viel von Nachhaltigkeit, Öko-Zertifizierung und Ressourcenschonung, dass man sich kurzzeitig beinahe beim WWF wähnen kann. „Wir wollen das ökologischste Outdoor-Unternehmen Europas werden“, sagt sie. Dafür stellt Vaude ganze Produktionen um und lässt sie streng zertifizieren.

Das ist teuer, wie sie selbst zugibt. Doch sie hofft, dass die Kunden die Bemühungen sehen und honorieren. Die Zahlen zumindest stimmen bisher. Das versichert von Dewitz. Da das Unternehmen vollständig in Hand von Familienmitgliedern ist, muss es keine Umsatzzahlen veröffentlichen und tut das auch nicht. Ein Erbe des Gründers, der bei den Übertreibungen in seiner Branche nicht mitmachen wollte. Irgendwann möchte von Dewitz das ändern und Zahlen bekanntgeben, womöglich in zwei Jahren. Wieso gerade dann, verrät sie nicht. Vielleicht hofft sie, dann die 100-MillionenEuro-Umsatzgrenze zu knacken. Bis dahin nur so viel: „In den vergangenen drei Jahren ist der Umsatz von Vaude immer um 10 bis 15 Prozent gewachsen.“ Beim Gewinn sieht es offenbar nicht ganz so rosig aus. „Grundsätzlich kosten uns unsere ökologischen und sozialen Bemühungen Ertrag“, sagt von Dewitz. „Trotzdem: Ich bin überrascht, wie gut sich das Ökonomische mit idealistischen Zielen verknüpfen lässt.“

Dass sie ihre Träume von einer besseren Welt einmal in der Firma des Vaters verwirklichen würde, das hat sie lange nicht gedacht. In Obereisenbach blieben sie und ihre Schwestern immer ein bisschen fremd – als Zugereiste und Unternehmerkinder. „Wir wurden anders angeschaut und mit freundlicher Skepsis behandelt“, erzählt von Dewitz. „Wir waren halt die Neigschmeckten.“ So nennt man am Bodensee die Nicht-Einheimischen. Kein Wunder, dass Antje von Dewitz immer dachte, sie würde einmal in Berlin enden oder in New York. Doch dazu kam es nie. Dass sie sich entschlossen hat, am Bodensee zu bleiben, liegt an der Natur und der Familie – aber vor allem an Vaude. „Die Firma ist meine Heimat.

zuerst erschienen unter dem Titel „Die Wandersfrau“ in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung am 23.08.2011. ©Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

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