Immer wieder musste die Reeder- und Unternehmerfamilie Rickmers Krisen überstehen – und manchmal auch wieder von vorn anfangen. Eine Chronik der Familiengeschichte erinnert an die unternehmerischen Wurzeln und zeigt auch Parallelen zu heute auf: Gründervater Rickmers litt unter Weltwirtschaftskrisen, stieß in neue Geschäftszweige und Märkte vor und bremste seine Söhne, die in neue Technologien investieren wollten.

Der Schiffszimmerer R. C. Rickmers hatte den Grundstein für seine Reederei 1849 gelegt. Sie war aus einer kleinen Schiffsbauwerkstatt hervorgegangen, die Rickmers im Erdgeschoss seines Hauses 1834 in Bremerhaven eingerichtet hatte. Aus der Werkstatt war im Laufe der Jahre eine erfolgreiche Werft für Holzschiffe geworden, die Ende der 1850er Jahre zu den größten und modernsten an der Nordseeküste gehörte. Als die Weltwirtschaftskrise 1857 Europa erreichte und sich kaum noch Käufer für Schiffe finden ließen, entwickelte sich der Reederei – betrieb zum Motor des Unternehmens. Ohne die Gewinne aus diesem Geschäftszweig hätte die Rickmers-Werft möglicherweise nicht überlebt. Der Deutsch-Französische Krieg stellte das Unternehmen nun auf eine weitere harte Probe: Im Sommer 1870 kündigte Frankreich einen Handels- und Kaperkrieg zur See an. Damit war die inzwischen elf Schiffe umfassende Rickmers-Flotte einer ebenso unvorhergesehenen wie akuten Bedrohung ausgesetzt. Die meisten Schiffe befanden sich bei Ausbruch des Krieges in asiatischen Gewässern. Rickmers wies alle Kapitäne an, sichere oder neutrale Häfen aufzusuchen.

Zugleich bediente er sich jener bereits erprobten Methode, mit der er im ersten Deutsch- Dänischen Krieg (1848–1851) Erfolge erzielt hatte. Um einer Kaperung durch französische Kriegsschiffe zu entgehen, wollte er seine Schiffe unter der Flagge eines unbeteiligten Landes fahren lassen, wofür sich wiederum England anbot. Die französische Marine erkannte jedoch diese Umflaggungen nicht an, und so wurden dennoch zwei Schiffe seiner Flotte von den Franzosen aufgebracht und beschlagnahmt, die Sophie Rickmers und die Robert Rickmers.

Gründung der Geestemünder Bank

Dieser Krieg war ein Konflikt zwischen zwei europäischen Großmächten. Seine Dauer schien nicht absehbar, Rickmers war gleichzeitig gezwungen, die Mannschaften weiter zu bezahlen und die Instandhaltung der Schiffe zu finanzieren, um sie seetauglich zu halten. Hinzu kamen zusätzliche Kosten, weil Befrachter wegen der Kriegsgefahr ihre Frachtverträge aufgehoben hatten oder Regressansprüche für ihre inzwischen verdorbene Ladung erhoben. Diesen indirekten Kosten stand ein fast hundertprozentiger Einnahmeausfall des Reedereigeschäftes gegenüber. Schließlich lag die eigene Werft mehr oder minder brach, da der Seehandel nahezu eingestellt worden war und somit Rickmers auch keine neuen Schiffe benötigte.

Frankreich wurden nach dem Friedensschluss Reparationszahlungen in Höhe von 5 Milliarden Goldfrancs auferlegt. In der Folge erlebte Deutschland einen Wirtschaftsboom wie nie zuvor. 1871 wurde die Geestemünder Bank gegründet. R. C. Rickmers wurde in den Verwaltungsrat berufen und übernahm dessen Vorsitz. Dieses Engagement außerhalb seines eigenen Unternehmens war einerseits neu für ihn und dokumentierte andererseits seine Geltung innerhalb der Führungsriege der Geestemünder und auch der Bremerhavener Wirtschaft und Gesellschaft. Im selben Jahr wurde Rickmers zum stellvertretenden Vorsitzenden der Geestemünder Handelskammer ernannt. Der Boom der Gründerzeit währte nicht lange. Im Oktober 1873 kam es, ausgehend von den Finanzplätzen New York und Wien, zu einer großen Bankenkrise, in deren Folge allein in Deutschland und Österreich über 60 Banken bankrottgingen. Die sogenannte Gründerkrise führte in vielen industrialisierten Ländern zu einer lang anhaltenden Stagnation. Der wirtschaftliche Niedergang erreichte seinen tiefsten Punkt 1878, und erst in der zweiten Hälfte des Jahres 1879 trat eine von den USA und England ausgehende Besserung ein.

Neue Geschäfte: Rickmers wird Reismüller

Schon während des Deutsch-Französischen Krieges hatte sich Rickmers Gedanken über die künftige strategische Ausrichtung seines Unternehmens gemacht. Im Mittelpunkt seiner Überlegungen stand die Suche nach Möglichkeiten, das Handelsgeschäft mit Reis weiter zu stabilisieren und auszubauen. Der Gedanke, sich nicht nur im Reistransport und im Reishandel zu betätigen, sondern auch in der Reisverarbeitung Fuß zu fassen, war nicht nur naheliegend, sondern auch wirtschaftlich reizvoll. Schließlich ergab sich eine passende Gelegenheit. Das Bremer Mühlenunternehmen Ichon & Co. war in Schwierigkeiten geraten und suchte nach einem finanzkräftigen Investor. Im Juli 1872 erwarb Rickmers eine Beteiligung in Höhe von 112.000 Mark. Sein Anteil entsprach etwa einem Fünftel des gesamten Umfangs des Mühlenbetriebs. Gemeinsam mit Lois Ichon gründete er die OHG Ichon & Rickmers. Es war ein Entschluss mit weit reichenden Folgen. Bezogen auf eine Reisladung konnte Rickmers nun gleich dreifach profitieren: Mit dem Transport auf seinen eigenen Schiffen sparte er die Frachtraten und belebte gleichzeitig sein Reedereigeschäft. Durch den Verkauf an die Reismühle Ichon & Rickmers konnte er den Reis zu einem stabilen Preis absetzen. Verkaufte dann die Reismühle den verarbeiteten Reis und die Reisprodukte auf dem europäischen Markt, verdiente Rickmers als Teilhaber des Mühlenbetriebs an den erzielten Gewinnen.

Aus diesen Vorteilen entstand aber auch sein vitales Interesse an einem effizienten und kostengünstigen Betrieb der Reismühle. 1875 erhöhte Rickmers seinen Anteil an der Mühle auf 200.000 Mark und ermöglichte so weitere Investitionen in die Maschinen und die Ausstattung des Unternehmens. Die Reisverarbeitung nahm einen immer größeren Stellenwert innerhalb der Rickmerschen Unternehmen ein. Schließlich übernahm R. C. Rickmers auch noch sämtliche Anteile seines Geschäftspartners am Mühlenunter – nehmen, das in „Rickmers Reismühle“ umbenannt wurde. Innerhalb von fünf Jahren war R. C. Rickmers damit vom Teilhaber zum Besitzer einer Reismühle geworden. Sie ergänzte als dritte Säule das Unternehmen und stützte als Abnehmer eines der wichtigsten Transportgüter den Betrieb der Reederei, während diese durch die Übernahme von Schiffen den Werftbetrieb aufrechterhielt. Trotz dieses Erfolgs gestalteten sich der Ausbau des Reedereigeschäfts und – damit verbunden – die Stabilisierung des Werftbetriebs immer schwieriger. Vor diesem Hintergrund führte jene raffiniert geknüpfte strategische Wertschöpfungskette nicht nur zu einer willkommenen Belebung des Reisgeschäfts. Mehr noch: Dieses spielte zusehends eine existentielle Rolle.

Der Rickmers-Konzern

Der Grund für die Probleme lag letztlich in den revolutionären technischen Entwicklungen jener Jahre und in der Art und Weise, wie der deutsche Schiffbau und mit ihm R. C. Rickmers darauf reagierten. Seit Beginn der 1860er Jahre steckte der Schiffbau an den deutschen Küsten in einer tiefen Strukturkrise. Die Preise, die für die hölzernen Neubauten gezahlt wurden, sanken ständig. Das hing im Wesentlichen mit den von England ausgehenden Innovationen im Schiffbau zusammen. Eisen verdrängte zunehmend das traditionelle Baumaterial Holz. Für den Schiffbau an der Unterweser hatte das verheerende Konsequenzen. Das Verharren im alten Trott führte zu einem regelrechten Einbruch, in dessen Verlauf viele kleinere Werften ihren Betrieb gänzlich einstellen mussten.

Vielen fehlte das nötige Kapital für eine Umstellung ihrer Betriebe. Handwerker des traditionellen Schiffbaus wie Schiffszimmerleute und Segelmacher standen den neuen Entwicklungen ablehnend gegenüber. Sie glaubten nicht daran, dass sich die Dampfschifffahrt bzw. der Eisenschiffbau dauerhaft durchsetzen würden. Die mangelnde Veränderungsbereitschaft hatte zur Folge, dass der Bedarf deutscher Reedereien an modernen Schiffen überwiegend durch britische Werften gedeckt wurde. Die Vormachtstellung des englischen Schiffbaus, die sich in dieser Zeit herausbildete, blieb über Jahrzehnte unangetastet.

Holzschiffbauer aus Leidenschaft

Die sinkende Auftragslage des eigenen Werftbetriebs forderte von Rickmers entschlossenes Handeln, wollte er den Schiffbau nicht ganz einstellen. Trotz einiger vielbeachteter Neubauten war die Auslastung seiner Werft insgesamt sehr schlecht. Von 1870 bis 1880 wurden lediglich zehn Schiffe gebaut, im Schnitt also eines pro Jahr. Diese dramatische Situation zwang Rickmers dazu, für den Schiffbaubereich seines Unternehmens Rationalisierungsmaßnahmen einzuleiten.

In einem entscheidenden Punkt unterschied er sich allerdings von anderen Schiffbauern in seiner Umgebung: Aufgrund der Einnahmen aus dem Reedereigeschäft und aus der Reismühle musste er nicht um sein Einkommen fürchten und war in der Lage, auf Erlöse aus dem Schiffbau – betrieb zu verzichten.

Dennoch war die Situation unbefriedigend. Besonders auf den Routen nach Ostasien war die Segelschifffahrt zunehmend von der Konkurrenz durch Dampfschiffe bedroht. Seit der Eröffnung des Suezkanals 1869 hatte sich die durchschnittliche Reisezeit für Dampfschiffe von Europa in asiatische Häfen enorm verkürzt, sodass sich der Transport auf ihnen bei einigen Gütern trotz der vergleichsweise höheren Frachtraten lohnte.

Rickmers beklagte sich zwar bei Geschäftsfreunden über die schwierige Situation des Reedereigeschäftes und des Schiffbaus, doch er war nicht gewillt, den eigenen Werftbetrieb umzustellen, um den neuen Ansprüchen bezüglich schnellerer und zuverlässigerer Schiffe mit hoher Tragfähigkeit nachzukommen. Seit Jahren schon hatten ihn seine Söhne Andreas Clasen und Peter Andreas, die Erfahrungen im Ausland gesammelt hatten, immer wieder gedrängt, sich mit technischen Innovationen zu befassen, die Werft für den Eisen- und Dampfschiffbau fit zu machen oder die Flotte der eigenen Reederei durch den Einsatz von Auxiliarseglern mit Dampfmaschine als Hilfsantrieb zu modernisieren. All das kam für ihn nicht in Frage. Er war Holzschiffbauer aus Leidenschaft. Dieses Handwerk hatte er gelernt, und daher konnte oder wollte er sich mit den neuen Antriebsformen nicht auseinandersetzen, obwohl sich gegen Ende seines Lebens Dampfschiffe auch in der deutschen Handelsschifffahrt durchzusetzen begannen. R. C. Rickmers hatte sich seinen exzellenten Ruf als Schiffbauer durch spektakuläre Segelschiffneubauten erworben.

Bis zu seinem Lebensende wohnte R. C. Rickmers inmitten seines Werftgeländes und war so seinen Arbeitern immer präsent. Am 27. November 1886 verstarb er nach langer Krankheit in seinem Haus in Geestemünde. An seiner Beerdigung in Bremerhaven nahm, wie berichtet wird, „ein gewaltiges Gefolge“ teil. Es war der Abschied von einem Mann mit außergewöhnlichen Begabungen. Als Sohn eines Fischers hatte er sich aus bescheidensten Anfängen zum Inhaber eines weit über Deutschland hinaus bekannten und geachteten Konzerns hochgearbeitet.

Info

Die fünfte Generation

Der größte Einschnitt in der Geschichte der Rickmers kam Ende der 1980er Jahre: Die Rickmers- Werft musste Konkurs anmelden, und die Rickmers-Linie wurde verkauft. Doch die Unternehmergene arbeiteten weiter. Heute führt die fünfte Generation die Tradition fort mit zwei unabhängig voneinander gegründeten Reedereien und schifffahrtsnahen Unternehmen. Die Unternehmen von Erck Rickmers sind unter dem Dach der E.R. Capital Holding zusammengefasst. Hierzu gehört die E.R. Schiffahrt, eine Reederei und Schiffsmanagement-Gesellschaft in den Bereichen Container-, Massengut- und Offshore-Schifffahrt mit einer Flotte von 114 Schiffen in Fahrt und in Bau. Ein weiterer Schwerpunkt der Unternehmensgruppe liegt in der Schiffsfinanzierung. Über das Emissionshaus Nordcapital wurden bisher rund 100 Schiffsfonds aufgelegt. Weitere Anlageprodukte konzentrieren sich auf die Bereiche Immobilien, Private Equity und erneuerbare Energien. Ergänzt werden die Geschäftsaktivitäten durch die Private-Equity-Gesellschaft equitrust AG.

Die Rickmers-Gruppe unter der Leitung von Bertram Rickmers ist ein international aufgestellter Schifffahrtskonzern. Als Schiffseigner und -manager betreut der Konzern eine überwiegend aus Containerschiffen bestehende Flotte. Aktuell werden mehr als 100 Schiffe disponiert. Ein weiteres wich tiges Geschäftsfeld der Rickmers-Gruppe ist die Linienschifffahrt. Als Spezialist für Seetransport von Stückgut, Schwergut und Projektladung unterhält die Rickmers-Linie weltweit Niederlassungen und Agenturen. Die Aktivitäten der Gruppe werden durch die Geschäftsfelder Investments, Real Estate und maritime Dienstleistungen ergänzt.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Familie Rickmers aus „175 Jahre Rickmers“, Hoffmann und Campe, Hamburg (2009)

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