Mit dem Kauf der Marke „flip flop“ hat der Schuhfabrikant Bernd Hummel nicht nur seinem Geschäft auf die Sprünge geholfen. Über flip flop fanden auch seine beiden Töchter ins Unternehmen.

Anfang stand eine Marke mit einem einprägsamen Namen: flip flop. Und ein Produkt, das man als Schuh kaum bezeichnen möchte: Badelatschen. Dass diese Kombination Ausgangspunkt für eine Nachfolgeregelung nach dem Häppchen-Prinzip sein würde, ahnte Bernd Hummel nicht, als er die Marke „flip flop“ Ende 2003 erwarb. Sein Ziel damals: „Wir wollten den Bekanntheitsgrad der Marke nutzen, um daraus eine Modemarke zu machen“, sagt der Schuhunternehmer aus dem pfälzischen Pirmasens, dessen Bernd Hummel Holding GmbH mit der Marke „KangaROOS“ groß geworden ist (siehe Kasten). Seine beiden Töchter Anne-Katrin und Julia band der 62-jährige Unternehmer auch in den Markenkauf ein – aber eher im Sinne einer Zielgruppenbefragung: „Ich habe die Mädels gefragt, was sie von diesen Schuhen hielten.“ Die eindeutige Antwort war: „Die sind gut, die kannst du kaufen.“ Dann kam eins zum anderen: Nach dem Kauf sollte ein erster flip flop-Laden in Berlin her. Eine Aufgabe, die zur heute 33-jährigen Anne-Katrin passte – sie lebte damals ohnehin als Architektin in der Hauptstadt. „‚Papa, ich mach’ das‘, sagte sie, und hat unseren ersten Store gestaltet“, erzählt Hummel in einer weichen Sprache, die aus dem „Papa“ fast ein „Baba“ macht und seine Herkunft aus der Südpfalz verrät.

Ferien der besonderen Art

Ein Einstieg von jetzt auf gleich, weil es um eine coole Marke in einer angesagten Stadt ging – kann das gutgehen? Ganz unvorbereitet waren die Töchter zumindest nicht. Denn nach ihrem Studium hatten sie mit dem Vater fünf Tage Urlaub in Portugal verbracht. Es waren Ferien der besonderen Art: Vater Hummel hatte die Firmenbilanzen mitgebracht und stellte den Töchtern seine Firma im Detail vor. „Dann haben wir darüber gesprochen, inwieweit sie sich künftig engagieren wollen, ob als Gesellschafter im Hintergrund oder in einer aktiven Rolle.

Beide haben ohne Zögern gesagt: ‚Selbstverständlich wollen wir uns einbringen.‘ Wie genau das geschehen sollte, blieb damals offen. Tochter Julia (31) kann sich noch gut an Portugal erinnern: „Damals haben wir uns zum ersten Mal intensiv mit der geschäftlichen Seite des Unternehmens auseinandergesetzt. Ab dem Zeitpunkt habe ich mich damit befasst, ob ich überhaupt einsteigen will und was genau ich in der Firma machen möchte. Es war aber nicht so, dass ich einen detaillierten Einstiegsfahrplan in der Tasche hatte.“

Für Julia Hummel ergab sich die Gelegenheit zum Einstieg nach BWL-Studium und ersten Jobs ebenfalls über flip flop: „Nach verschiedenen Stationen bei Otto sowie bei Mexx und O’Neill in den Niederlanden wurde mir klar, dass ich selbständiger arbeiten möchte.“ Am liebsten, so erinnert sich ihr Vater, wollte Julia Hummel einen flip flop-Laden in Amsterdam, wo sie damals lebte, eröffnen. Bernd Hummels Antwort war denkbar einfach: „Dann mach’ einfach.“ Gesagt, getan: Julia Hummel kündigte bei O’Neill, suchte einen Standort, leitete den Umbau und managte den zweiten flip flop-Store, bis sie „das Gefühl hatte: Jetzt verstehe ich das.“ Der richtige Zeitpunkt für das nächste Häppchen Nachfolge, das ihr Bernd Hummel antrug: E-Commerce für den Kangaroos- Shop. „Das passte zu dem, was ich vorher gemacht hatte. Ich hatte den Eindruck, mich selbst dadurch in einem für das Unternehmen neuen Feld sinnvoll einbringen zu können. Deshalb habe ich gesagt: Ich komme nach Pirmasens.“

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Pfälzische Kängurus

Vom Beginn an produzierte die Bernd Hummel Holding GmbH im Ausland. Denn, so sagt Bernd Hummel, er habe schon bei der Gründung 1976 erkannt, dass man mit der Schuhproduktion in Deutschland kein Geld verdienen könne. Fünf Jahre nach dem Start des Unternehmens erwarb Hummel die Lizenz, die damals neue US-Marke „KangaROOS“ in Deutschland, der Schweiz und Österreich zu vertreiben. Diese etablierte sich schnell unter den Top-Sportschuhmarken im deutschen Markt. Heute ist Hummel mit der Lizenz für 20 europäische Länder der weltweit größte Lizenznehmer der Marke, unter der neben Schuhen Sport- und Freizeitkleidung verkauft wird. Auch „flip flop“ bietet inzwischen mit seiner Schuh- und Kleiderkollektion deutlich mehr als Badelatschen. Es gibt flip flop-Läden in Berlin und Amsterdam sowie Outlets in Zweibrücken und Wolfsburg; weitere Läden in großen deutschen Städten sind geplant. Der Konzernjahresabschluss der Bernd Hummel Holding GmbH verzeichnet für 2008 einen Umsatz von 33 Millionen Euro bei einem Jahresüberschuss in Höhe von 1,22 Millionen Euro.

Keine einfache Entscheidung, wie sie zugibt – der Standort Pirmasens ist aus der Perspektive Amsterdam nicht gerade attraktiv. Schon ein flüchtiger Gang durch das einstige Zentrum der deutschen Schuhindustrie zeigt, dass es dieser Stadt wirtschaftlich nicht sonderlich gutgeht; zudem ist der Ort südlich von Kaiserslautern nicht unbedingt zentral gelegen. „Von meinen Freunden hat niemand darin ein Problem gesehen, dass ich ins Unternehmen meines Vaters einsteige. Aber fast alle waren davon überrascht, dass ich wirklich nach Pirmasens gehe“, sagt Julia Hummel. Bis heute allerdings hat sie zwei Wohnsitze und pendelt regelmäßig nach Amsterdam.

Auch die zweite Tochter Anne-Katrin wuchs Stück für Stück in größere Aufgaben hinein – nach der Eröffnung des Ladens in Berlin fiel die Chefdesignerin für die Schuh- und Kleiderkollektion aus. Anne-Katrin übernahm das selbst, eröffnete außerdem ein flip flop-Büro am Produktionsstandort im südchinesischen Dongguan und ist seit 2007 als Geschäftsführerin von Berlin aus für die komplette Marke verantwortlich. Julia wiederum, die seit 2008 Geschäftsführerin ist, übernimmt aktuell die Verantwortung für die strategische Weiterentwicklung der etwas in die Jahre gekommenen Marke „Kangaroos“. Sehr jung für so viel Verantwortung. Aber andererseits hätten ihm seine Töchter im jugendlichen Modegeschäft und angesichts der zunehmenden Bedeutung von E-Commerce auch einiges voraus, findet Bernd Hummel. Zudem gebe es unter den etwas mehr als 100 Mitarbeitern des Unternehmens auch viele mit reichlich Erfahrung, auf die man sich verlassen könne. „Es kommt auf die Kombination an. Meine Kinder stehen ja nicht allein da.“

Der Vater als Coach

Seine eigene Rolle sieht Bernd Hummel mehr und mehr in der des Coaches. „Wenn ich gefragt werde, sage ich meine Meinung – wie aktuell, als mir meine Tochter Anne-Katrin in Dongguan die neue Kollektion zeigen wollte, weil ich ohnehin geschäftlich in Asien war. Doch mehr als beratende Hinweise gebe ich nicht.“ Im Vordergrund stehe für ihn „Raum geben, machen lassen, Bewegungsfreiheit und Vertrauen schenken“. Dass die Aufgabenbereiche zum Einstieg überschaubar sind, hat außerdem einen Vorteil: „Selbst der allergrößte Fehler würde den Laden nicht umschmeißen. Daher sage ich: ‚Mach’ ruhig deine Fehler – jetzt sind sie noch klein.‘“ Das stehe auch im Einklang damit, wie er mit allen anderen seiner Mitarbeiter umgehe.

Natürlich bleibt es nicht aus, dass es auch bei dieser Rollenteilung zu Konflikten kommt. „Mein Vater und ich sind zum Beispiel beide ziemlich dickköpfig, da will jeder immer recht haben“, sagt Julia Hummel. „Am Anfang sind wir uns auch mal öfter ins Gehege gekommen. Aber ich habe gelernt, in solchen Situationen das Familiäre auszublenden und sachlich zu werden. Man muss dann einfach auf die Fakten schauen und eine Lösung finden. Und das gelingt auch, weil mein Vater sich von mir wie von allen seinen Mitarbeitern mit guten Argumenten immer überzeugen lässt.“ Ein weiterer potentieller Konfliktpunkt ist das Thema der Doppelspitze. Besprochen sei das noch nicht, sagt Bernd Hummel, der längst nicht ans Aufhören denkt, sondern sich nach und nach seine „Rückzugsfelder“ suchen will (siehe Kasten). Doch er plant, einen Beirat einzusetzen. Der soll dann, wenn eine gemeinsame Entscheidung nicht möglich ist, „mit in die Waagschale“ genommen werden. Die Unternehmensanteile hat Bernd Hummel schon überwiegend auf die Töchter übertragen – er selbst hält nur noch einen kleinen Teil. „Damit ich noch den Mund aufmachen kann“, sagt er dazu.

Zufall, Plan, Intuition?

Eine genaue Planung steckt also nicht hinter dem allmählichen Einstieg der Hummel-Töchter. Doch ein Zufall ist er auch nicht. Bernd Hummel hat seinen Geschäftssinn immer mal wieder bewusst und unbewusst an seine Töchter weitergegeben. Aus einem „gewissen Selbstverständnis heraus“, wie er sagt und wie man es ihm sofort abnimmt. So bekamen die Töchter das Taschengeld schon per Überweisung, als sie sechs Jahre alt waren – und wurden dazu angehalten, die Kontoauszüge zu kontrollieren. „Manchmal habe ich extra nichts überwiesen, damit sie merkten, wie wichtig das ist“, erinnert sich Bernd Hummel. Auch das Studium wurde nicht einfach Pi mal Daumen finanziert, sondern erst, nachdem „die Mädels“ einen genauen Plan vorgelegt hatten, wofür sie wie viel Geld benötigen würden.

Das Leistungsprinzip ist ihm wichtig: „Das habe ich bei meinem Vater gesehen, der einen Getränkehandel hatte. Und das haben meine Töchter ebenso gespürt: Erst durch Engagement kann der Betrieb wachsen, kann man sich mehr leisten. Das ist eine Verzahnung, die man in einem Unternehmerhaushalt hautnah miterlebt, und eine Erfahrung, die sehr wichtig ist.“

Tochter Julia hat diese Verzahnung jedenfalls in guter Erinnerung: „Dass ich hier arbeiten will, kommt daher, dass mein Vater Unternehmertum vorlebt und gern darüber spricht. Es ist eben ein Unterschied, ob der Vater nach Hause kommt und nichts über seinen Arbeitstag erzählt oder ob man seinen Beruf so positiv erlebt wie wir – mit tollen, spannenden Berichten über seine Reisen und die Menschen, die er kennengelernt hat –, oder indem man seine internationalen Geschäftspartner selbst zu Hause trifft. Daraus wächst eine emotionale Bindung ans Unternehmen, die mit Bilanzen wenig zu tun hat.“ Angesichts dieser Vorbildrolle ihres Vaters ist es wohl nicht ganz überraschend, dass Julia Hummel zu Beginn der Grundschule ins Freundschaftsbuch einer Klassenkameradin bei der Frage „Was möchtest Du mal werden?“ die Antwort „Chefin von Kangaroos“ eintrug.

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Reichlich Rückzugsfelder

Bernd Hummel hat nur wenig von dem gemütlich brummenden Insekt, das er in seinem Nachnamen trägt. Der wache Blick unter den markanten Augenbrauen macht klar, was seine Tochter Julia mit den „geradlinigen und schnellen Entscheidungen“ meint, die sie an ihm bewundere. „Hummel, you talk straightest“, sagen seine Geschäftspartner über ihn. Die Hauptverwaltung seines Unternehmens befindet sich in einer ehemaligen Schuhfabrik, die Bernd Hummel 1990 erwarb und nach und nach umbauen ließ. Heute birgt die schloss artige Fassade des Gebäudes Innenräume, die zwischen Industrieästhetik und modernem Museumsbau changieren. Sichtlich stolz ist Hummel auf diesen Umbau, der unter anderem mit dem renommierten Deutschen Innenarchitekturpreis ausgezeichnet wurde.

Mit der Bernd Hummel Immobilienprojekte GmbH ist die Holding an weiteren Umbauten in der Region beteiligt. Daneben fördert das Unternehmen Kulturveranstaltungen und nutzt das Foyer der Firmenzentrale für Kunstausstellungen. „Für mich steht fest, dass eine erfüllte Tätigkeit bis ins hohe Alter einen länger im Kopf fit hält“, sagt Bernd Hummel heute. „Aber aktiv bleiben heißt nicht, dass ich meinen Kindern in ihre Geschäftsfelder reinrede.“

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