Freitag, 06.11.2020
Thomas Schneider folgt doch auf seinen Vater

Generationenwechsel bei Hasenkamp: Wie der Kölner Dom

Thomas Schneider war fast schon weg vom europäischen Kontinent und damit auch vom Logistiker Hasenkamp. Auf Geheiß seiner Mutter hat sein Vater ihn vom Speditionsriesen Kühne + Nagel ins eigene Familienunternehmen geholt. Dort reiht sich Baustelle an Baustelle.
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Es durfte nur einer sein: Thomas Schneider (rechts) folgte auf seinen Vater Hans-Ewald Schneider.

 

Foto: Hasenkamp

Das Unternehmen Hasenkamp transportiert Weltgeschichte: Krieger der chinesischen Terrakotta-Armee, die Totenmaske des ägyptischen Pharaos Tut­anchamun, Gemälde von Leonardo da Vinci, die Bernwardsäule aus dem Hildesheimer Dom. Dass heute mit Dr. Thomas Schneider die fünfte Familiengeneration dieser Leidenschaft nachgeht und aus der Führungsetage in Frechen bei Köln grüßt, ist kein Selbstverständnis. 

Für ihn ist das Jahr 1981 und damit der Einstieg seines Vaters Hans-Ewald Schneider einer der größten Meilensteine in der über 100-jährigen Unternehmensgeschichte. Hans-Ewald Schneider entwickelte Hasenkamp zu einem globalen Logistikunternehmen. „Er übernahm das Unternehmen von seinem Vater und steuerte das Unternehmen durch sehr schwierige Zeiten,“ sagt sein Sohn über Hasenkamp, das damals nicht in der Markt- und Finanzlage wie heute war. Derzeit erwirtschaftet das 1903 gegründete Unternehmen einen Umsatz von knapp 150 Millionen Euro und bietet über 900 Mitarbeitern einen Arbeitsplatz. Neben Kunsttransporten gehören zum Geschäftsmodell von Hasenkamp Dienstleistungen wie Privatumzüge, Archiv- und Depotdienste sowie Hightech-Transporte. Das Unternehmen versteht sich als Projektlogistiker und transportiert alles, was hochwertig und sensibel ist, für unterschiedlichste Kundengruppen – bis hin zur Europäischen Raumfahrtagentur.

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Dass der Weg dahin kein leichter war, daraus machte Hans-Ewald Schneider kein Geheimnis. Sein Sohn erinnert sich, wie omnipräsent das Unternehmen in seiner Jugend war. „Mein Vater war und ist Vollblutunternehmer, der Familienbelange stets Hasenkamp und dessen Mitarbeitern unterordnete“, sagt Thomas Schneider.

Zu viele Zahlen, zu wenig Menschen

Nicht überraschend also, dass weder Thomas noch sein älterer Bruder noch seine jüngere Schwester vor ihrem Studium Ansprüche auf die Unternehmensnachfolge äußerten. Auch weil ihr Vater nie den Wunsch an seine Kinder herantrug, eines der drei solle das Unternehmen übernehmen. Jedes Kind dürfe eben dem nachgehen, was ihm oder ihr Spaß mache, gab der Vater seinen Kindern vor. Thomas’ älterer Bruder blieb mit dieser Freiheit im Kopf nach einem Aufenthalt in den Vereinigten Staaten mit 16 Jahren einfach dort. Sein Lebensmittelpunkt ist die Hotelbranche an der Westküste der USA. Thomas’ jüngere Schwester widmete sich an der Universität den Fächern Kunstgeschichte und Volkswirtschaft, sie ist heute in der Versicherungsbranche tätig und fokussiert sich auf Kunst. 

Thomas Schneider studierte indes BWL mit Schwerpunkt Controlling und Finanzen. Ausschließlich mit Zahlen zu tun zu haben, das merkte der Student während seiner Praktika bei den Banken in Frankfurt, New York oder Hongkong, war nichts für seine Zukunft. Zwischen Analysen am PC und langen Tabellen fehlte ihm zunehmend die menschliche Komponente, aber auch das Operative und Strategische kamen ihm zu kurz. 

Den Rheinländer zog es infolgedessen zum Speditionsriesen Kühne + Nagel, wo er im Controlling- und Finance-Bereich Aufgaben übernahm, die seinen Vorstellungen entsprachen. Den Konzern empfand Thomas Schneider als eine Kaderschmiede des Finanzbereichs. „Dort vereinten sich Theorie und Praxis super,“ resümiert er die Zeit bei dem Logistiker. „Ich bin bis heute fasziniert, wie makellos das Unternehmen auf finanzieller Seite gesteuert wird, und habe mir vorgenommen, ein ähnliches Niveau in unserem Unternehmen zu erreichen.“ 

Aber der Reihe nach. Wieso entschied er sich für das kleine Nischenunternehmen Hasenkamp und gegen eine Zukunft im Großkonzern? Das entscheidende Wort sprach seine Mutter, sagt Thomas Schneider. 

Nicht auch den zweiten Sohn verlieren

Während seiner Zeit bei Kühne + Nagel klettert Thomas Schneider die Karriereleiter nach oben, arbeitet in Toronto für den dortigen CFO und soll aus Vancouver heraus einen eigenen Bereich leiten. Stolz erzählt Thomas Schneider seinen Eltern davon. Seiner Mutter macht das Sorgen: Nachdem der ältere Sohn schon in die USA gegangen ist, soll auch das nächste Kind Europa verlassen und langfristig auf dem nordamerikanischen Kontinent unterwegs sein? „Da kam ein bisschen der Mutterinstinkt in ihr durch“, erinnert sich Thomas Schneider an das Jahr 2013 mit einem Lachen zurück. Sie habe zu ihrem Mann gesagt: „Wenn du ihm jetzt nicht ein Angebot machst, dann ist auch er weg.“ 

Jetzt konnte Hans-Ewald Schneider einen klaren Schritt nicht länger hinauszögern, denn seine eigenen Statuten zur Nachfolge besagen, dass nur ein Schneider aus jeder Generation in die Führung des Unternehmens darf. „Diese Bestimmung zur Nachfolge so klar zu formulieren ist meinem Vater schwergefallen. Trotz der Notwendigkeit objektiver Entscheidungen zum Wohle des Unternehmens ist es bei drei Kindern nicht einfach. Am liebsten möchte man immer alle Kinder gleich behandeln.“



Thomas Schneider nimmt das Angebot an und ist seitdem gern im Familienunternehmen. Die Verantwortung als Gesellschafter und die Herausforderungen im Unternehmen sind für ihn so reizvoll, dass er die großen Forderungen, die er ursprünglich aufstellen wollte, aufgibt. „Ich habe mich in Zurückhaltung geübt und ein paar Lehrjahre im eigenen Unternehmen in Kauf genommen“, sagt er. Und weniger Gehalt, natürlich. Denn der Logistiker Hasenkamp brennt auf finanziell kleinerer Flamme als der Speditionsriese Kühne + Nagel. 

Weicher Einstieg mit Promotion

Einen weiteren Unterschied sieht der Nachfolger: „Ich habe in unserem Familienunternehmen zwar nicht die Finanzkraft, aber dafür kann ich die Entscheidungen treffen.“ Bevor es so weit ist, lernt Thomas Schneider durch einen „weichen Einstieg“, wie er die ersten Jahre beschreibt, das Familienunternehmen kennen. 2014 wird er Assistent des Geschäftsführers – also seines Vaters. Zudem widmet er dem Thema „Internationalization of Family Firms in regards to foreign direct investments (FDI)“ an der Universität Witten/Herdecke seine Promotion und vollzieht so den Weg nach, den sein Vater wählte, um mit dem Familienunternehmen Hasenkamp im Ausland Fuß zu fassen. 

Unter der Führung von Hans-Ewald Schneider lag der Fokus klar auf Umsatzwachstum. Doch dem Sohn offenbarten sich Defizite bei Kostenanalysen und Kontenstrukturen. Die Bereiche waren eingefahren. „Mein Vater hatte schließlich zuerst das Unternehmen zu sanieren und sich dann ganz dem Wachstum verschrieben. Durch seinen Erfolg ist das Unternehmen zu schnell gewachsen, und die Strukturen konnten nicht mithalten.“ Hier neue Impulse zu geben und eine zahlengetriebene Kultur zu implementieren, die Transparenz ermöglicht, machte Thomas Schneider zu einer seiner großen Aufgaben.

Für die Personen, die solche Dinge jahrelang verantwortet haben und sich nun der Kritik des jungen Nachfolgers stellen müssen, ist das nicht einfach. Dann klare Entscheidungen zu treffen, die das Fortbestehen des Unternehmens gewährleisten, nennt Thomas Schneider einen „schwierigen Weg zwischen Diplomatie und harten Bandagen“. Seit 2019 ist er nicht nur Geschäftsführer, sondern auch Gesellschafter. „Meine Motivation ist, das Unternehmen weiterzutreiben und in die Zukunft zu führen,“ sagt Thomas Schneider. Auch wenn das bedeute, entschlossen zu sein und Entscheidungen durchzusetzen, die nicht allen gefallen. 

Oft seien diese mit einem kulturellen Wandel verbunden, oder man müsse Entscheidungen zurückdrehen. „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und ist erstmal sehr skeptisch gegenüber allen Veränderungen. Das merkt man besonders, wenn man IT-Systeme verändert und Leute sich auf einmal an neue Abläufe gewöhnen müssen“, erläutert er. Aber dies sei die Aufgabe des Geschäftsführenden Gesellschafters, anders als die eines Angestellten. „Wenn ich einen schweren Fehler bei Kühne + Nagel mache, würde ich im Extremfall gefeuert werden. Das wäre nicht schön, aber ich müsste das nur mit mir allein ausmachen, weil es niemand anders betrifft“, sagt er. „Als Gesellschafter eines Unternehmens stehe ich unter mehr emotionalem Druck, denn ich habe hier Mitarbeiter, die mich als Kind kennen. Und die zählen auf mich.“ 

Hart, aber fair

Er selbst zählt dagegen auf seinen Vater Hans-Ewald Schneider. Dieser fördere und motiviere seinen Sohn, sagt Thomas Schneider, der die Kritikfähigkeit und die harten, aber fairen Diskussionen mit seinem Vater schätzt. Hans-Ewald Schneider ist weiter im Unternehmen als Geschäftsführer tätig, und Sohn Thomas baut nicht nur auf dessen Sparring, sondern auch auf das Wissen der vierten Unternehmergeneration. Vor allem bei Themen, die mit Vertrieb zu tun haben: Der Vater fungiert sozusagen als Außenminister und der Sohn als Innenminister. Er könnte zwar auch Finanzminister sein, aber bei seiner Dreijahresstrategie, die er im Jahr 2019 auf den Weg gebracht hat, zielt Thomas Schneider neben dem Finanzbereich auch auf Marketing, IT, Personal und die Marke Hasenkamp. Das Unternehmen müsse effizienter werden und mit den Herausforderungen der fortschreitenden Digitalisierung mithalten können.

Hier allerdings macht die Corona-Pandemie dem Nachfolger einen gehörigen Strich durch die Rechnung. „Wir haben die volle Breitseite abbekommen, da unsere Nische extrem getroffen ist,“ sagt Thomas Schneider über die bisherigen Eindrücke vom Geschäftsjahr 2020. Wie geht es weiter? Nicht den Kopf in den Sand stecken, wiederholt Thomas Schneider gebetsmühlenartig. Und predigt den Mittelweg zwischen Cost-Cutting und Investitionen. Dementsprechend stoppt er auch nicht die Projekte, in denen er aktuell mit Kollegen arbeitet, um Themen wie Effizienz, Digitalisierung sowie Mitarbeiterbindung und -motivation voranzutreiben. 

Zudem verweist Schneider auf sein rheinländisches Gemüt, Dinge positiv zu sehen, und sieht Parallelen zwischen Hasenkamp und dem bekanntesten Gebäude entlang des Rheins. „Ein Unternehmen zu führen ist vergleichbar mit dem Kölner Dom: Irgendwo ist immer eine Baustelle, und fertig ist man nie.“ Kein schlechter Vergleich, denn der Dom steht bekanntlich noch. Wenn auch mit Gerüst, aber er ist Teil der Weltgeschichte. Ein bisschen wie Hasenkamp.