Die Glockengießerei Rincker hat keine Nachfolgesorgen. Die 14. Generation steht schon bereit. Doch mit dem Glockengießen lässt sich kein Geld mehr verdienen. Trotzdem möchte die Familie Rincker die Tradition unbedingt fortsetzen.

Im Schmelzofen der Glockengießerei Rincker brodelt es. Anspannung und Hitze liegen in der Luft: „Wir wollen in Gottes Namen gießen“, gibt Hanns Martin Rincker, Chef des Handwerksbetriebs im hessischen Sinn das Zeichen, den Schmelzofen zu öffnen, und 4,8 Tonnen des flüssigen Kupfer-Zinn-Gemischs fließen in die 5 Meter tief eingegrabene Glockenform. Der Boden vibriert. Mit einem Druck, der dem Mehrfachen des Eigengewichts der Glocke entspricht, wird die Glockenspeise in den Lehmboden gepresst. Mit Metallschilden wehren die Glockengießer die 1.100 Grad heißen Spritzer ab. Aus den Windpfeifen schlagen Flammen. Nach gut 3 Minuten ist der Kessel leer und Hanns Martin Rincker erleichtert. Der Guss der neuen Glocke scheint gelungen. Die eigens samt Priester angereisten Vertreter der katholischen Gemeinde Flörsheim im Taunus stimmen „ Großer Gott, wir loben Dich“ an.

Selbst nach 35 Jahren ist das Gießen einer Glocke für Rincker immer noch ein besonderer Moment. „Ich bin vor jedem Glockenguss nervös und schlafe schlecht“, gibt der Chef zu. Es kann immer etwas schiefgehen. Nicht nur finanziell wäre dies ein Desaster. Fehler lassen sich später kaum mehr korrigieren. Jede Glocke wird auf einen 16tel Halbton genau gegossen.

Für Hanns Martin Rincker, der sich die Geschäftsführung mit seinem jüngeren Bruder Fritz Georg teilt, ist das Glockengießen kein Beruf, sondern eine Berufung. Nicht nur von Berufs wegen pflegt die Familie von jeher einen engen Kontakt zur Kirche. Seit 13 Generationen wird das Geheimnis um die Konstruktion des Glockengerippes von Generation zu Generation weitergegeben. Die Familienchronik reicht bis ins Jahr 1590 zurück. Rincker war schon im Mittelalter eine Berufsbezeichnung und wird mit Ringund Rotgießer übersetzt. Über zwei Jahrhunderte lang zogen die Gießer umher und gossen die Glocken in den Auftrag gebenden Gemeinden. Seit 1817 ist Sinn bei Herborn offizieller Firmensitz.

Schwieriges Geschäftsmodell: Lebensdauer 300 Jahre

„Ich bin als Glockengießer geboren“, sagt der Senior mit dem geschwungenen schwarzen Oberlippenbart. „Wir sind als Familie eigentlich immer in die Firma eingebunden gewesen. Das habe ich auch nie in Frage gestellt.“ Auch die 14. Generation arbeitet schon mit im Unternehmen. Neffe Christian hat vor einem Jahr die Gesellenprüfung in Sinn abgelegt. Demnächst geht es für den 22-Jährigen auf die Walz. „Mein Bruder und ich hoffen, dass der Christian die Firma einmal übernehmen kann. Er möchte ja auch gerne“, sagt Hanns Martin Rincker, der selbst zwei Töchter hat.

Seitdem der Neffe die Lehre beendet hat, werden keine Lehrlinge mehr ausgebildet. „Wir können hier keinem eine Zukunft bieten“, sagt Rincker sichtlich betrübt. Allein durch das Glockengießen können die Rinckers schon lange nicht mehr leben. Fünf Konkurrenten gibt es in Deutschland, die unter sich den Markt, der rund 90.000 Kirchenglocken umfasst, aufteilen. Weitere ernstzunehmende Wettbewerber sitzen in Frankreich, den Niederlanden und Österreich. Angesichts der Haltbarkeit der Glocken, die bei rund 300 Jahren liegt, stellt das Glockengießen in Friedenszeiten kein tragfähiges Geschäftsmodell dar. Nur wenige Gemeinden leisten sich eine neue Glocke, deren Preis je nach Größe und Marktpreis für Kupfer und Zinn zwischen 5.000 und 100.000 Euro liegen kann, und kaufen stattdessen gebrauchte Glocken, die dank zahlreicher Kirchenschließungen auf den Markt kommen.

„Mit dem Neuguss verdienen wir fast gar nichts“, räumt Rincker ein, „nur an dem Wartungsdienst in den Folgejahren, wenn wir den Auftrag dafür erhalten.“ Das Geschäftsfeld Service und Wartung macht zwar nur 30 Prozent des Gesamtumsatzes aus, erwirtschaftet aber den Großteil des Ertrages des Handwerksbetriebs mit insgesamt 29 Mitarbeitern. Mit derzeit 3.500 Wartungsverträgen im Jahr ist das ein Feld, das sich noch ausbauen lässt. Drittes Geschäftsfeld ist die Kunstgießerei, die Rinckers Vater Hans Gerd in den fünfziger Jahren aufgebaut hat. In verschiedenen Verfahren, die dem des Glockenformens und -gießens ähneln, werden in Zusammenarbeit mit Künstlern Kunstobjekte aus Metallen wie Kupfer, Neusilber, Bronze und Eisen gegossen und veredelt. Auch dieser Geschäftsbereich arbeitet profitabel.

Herz und Seele: Glockengießerei

„In den 425 Jahren unserer Firmengeschichte hatten wir immer einen Schutzengel“, sagt Rincker. Es gab immer einen Nachfolger. „Trotz schwierigster Zeiten gab es da eine Macht, die uns in die richtige Richtung geleitet hat. Wir haben bis heute überlebt, daher bin ich auch nicht pessimistisch, was unsere Zukunft angeht.“ Vielleicht werde sich sein Neffe auf die Renovierung von Glocken konzentrieren und die Glockengießerei schließen, sagt der Firmenchef traurig. „Aber das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Das ist für mich undenkbar, trotz der Verluste, die wir in diesem Bereich einfahren.“ Dies wäre auch für die Mitarbeiter fatal, die zum Teil schon Jahrzehnte und in zweiter Generation für die Firma arbeiten.

Noch ist es nicht so weit. Die Auftragslage für dieses Jahr ist überraschend gut. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele Eisen- und Stahlglocken gegossen, die nun verrosten und ausgetauscht werden müssen. Einige gute Aufträge konnte Rincker ergattern. Als Glücksfall erwies sich auch die Übernahme der Hamburger Turmuhrenfirma W. Iversen, Dimier & Cie. Nachf. 2010. Mit dem neuen Standort und der Ausweitung des Serviceangebots konnte Rincker seine Marktposition vor allem in Norddeutschland ausbauen. Eine nach der Wende erworbene Kunstgießerei im ostdeutschen Lauchhammer wurde 2012 verkauft. Den Erwerb dieser Firma bezeichnet Rincker im Nachhinein als „großen Fehler“.

An Ideen für die Zukunft fehlt es Rincker nicht. „Aber die haben immer irgendwie mit Glocken zu tun“, gesteht er. Sein Vater hatte sich seinerzeit einmal im Industrieguss versucht. Doch das passte mit dem Glockenguss nicht zusammen. „Die Mentalität der Mitarbeiter ist eine völlig andere“, sagt der heutige Senior. Rincker hofft, dass er mittelfristig das internationale Geschäft ausdehnen kann. In fast alle Länder der Welt haben die Glockengießer aus Sinn schon geliefert. In drei Wochen steht die Montage eines Glockenspiels für eine Freikirche in Südkorea an.

Zu wissen, dass die Glocken bedeutender Kirchen aus seinem Haus kommen, erfüllt Hanns Martin Rincker mit großem Stolz. Sein Großvater hat die Glocken für acht Dodationskirchen im Stadtkern Frankfurts am Main gegossen und das große Stadtgeläut mitkonzipiert. Rincker selbst hat im vergangenen Jahr zwei Glocken für den Hamburger Michel ausgeliefert. Bei der Montage wird er selbstverständlich persönlich dabei sein und den Klang überprüfen. Die Glocke für Flörsheim wird erst in einer Woche ausgegraben werden. Es wird eine weitere Woche vergehen, bis sie vollständig erkaltet ist. Erst wenn der Sachverständige festgestellt hat, dass der Klang einwandfrei ist, weiß Rincker, ob sich die Arbeit der vergangenen drei Monate gelohnt hat.

Info

Älteste Glockengießerei Europas

Die Ursprünge der Glockengießerei Rincker reichen bis ins Jahr 1576 zurück. Als Gründungsvater gilt Hans Rincker, der sich in Aßlar und Umgebung als Glockengießer einen Namen macht. Im Laufe der Generationen dehnt sich der Wirkungsradius der Glockengießerfamilie Rincker aus. 1817 verlegt Philipp Heinrich Rincker seine Gießereiwerkstatt ins damals nassauische Sinn. Sowohl der Erste als auch der Zweite Weltkrieg bringen das Familienunternehmen in Existenznot. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges bauen die Brüder Fritz und Curt Rincker das Unternehmen wieder auf. 1962 übernimmt Hans Gerd Rincker den Handwerksbetrieb seines Lehrmeisters Wilhelm Kurtz in Stuttgart und integriert ihn in den Familienbetrieb. Er erweitert das Unternehmen um das Geschäftsfeld Kunstgießerei. Nach seinem Tod übernehmen Hanns Martin und sein jüngerer Bruder Fritz Georg Rincker den Betrieb. Während Fritz Georg Rincker sich um den Bereich Kunstguss kümmert und die kaufmännische Verantwortung trägt, verantwortet Hanns Martin Rincker den Bereich Glocken und Technik. Beide sind mit jeweils 50 Prozent am Unternehmen beteiligt. Mit Christian Rincker, Sohn von Fritz Georg Rincker, arbeitet bereits die 14. Generation im Unternehmen.

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