Sven Murmann und Sibilla Kawala sind aus Pflichtgefühl ins Familienunternehmen eingestiegen und haben sich dann aber doch für die Selbständigkeit entschieden. Über den Antrieb, eigenes zu schaffen.

“Ich war einfach nicht glücklich.“ Dr. Sibilla Kawala hatte sich größte Mühe gegeben. Ihr Vater hatte einst ein Stahlhandelsunternehmen in Hamburg gegründet. Als einzige Tochter war es für sie selbstverständlich, in seine Fußstapfen zu treten. „Seit ich denken kann, wollte ich unternehmerisch und selbständig arbeiten“, erinnert sich die 32-Jährige, die daher auch Betriebswirtschaft studiert hatte. Doch sie merkte bald, dass sie sich für das Geschäft mit dem Stahl nicht begeistern konnte. Eingestehen wollte sie sich das nicht so schnell. Erst als ihr Vater sie ansprach, ob ihr die Arbeit wirklich Spaß mache, bröckelte ihre Front. „Ich merkte, ich war nicht richtig dabei, konzentrierte mich nicht, machte Fehler.“ Danach ging alles sehr schnell. Sie löste ihren Bausparvertrag auf, ergatterte ein Darlehen und gründete im Jahr 2010 mit zwei Programmierern den Online-Shop LIMBERRY. Dort konnten Kunden zu jener Zeit, allen voran Frauen, ihre Mode selbst kreieren. Zuvor hatte sie angefangen, über das Thema Mass-Customization zu promovieren.

Ähnlich, aber dann doch ganz anders, verlief bei Dr. Sven Murmann die unternehmerische Laufbahn, die 2004 mit dem Erwerb eines kleinen Verlags in München mit jährlich zehn bis zwölf Titeln begann. Sven Murmann erfüllte sich damit einen Jugendtraum. Als Schüler hatte Murmann bereits ein Umweltmagazin gegründet, hierfür Anzeigen bei Banken und Fahrradläden verkauft. Zwei Jahre zuvor war er als jüngstes Kind von fünfen in die Familienholding eingestiegen. Sein Vater Klaus Murmann, viele Jahre in der Öffentlichkeit bekannt als Arbeitgeberpräsident, hatte den Hydraulik-Spezialisten Sauer-Sundstrand groß gemacht. Svens vier ältere Geschwister hatten dem Vater bereits eine Absage erteilt. Und obwohl Sven eine feste Assistentenstelle an der Universität Zürich hatte und über Ethik und politische Philosophie habilitieren wollte, entschied er sich für Sauer-Sundstrand. „Ich sah die Nöte meines Vaters um familiäre Unterstützung, als er bereits die Fusion mit dem dänischen Hersteller Danfoss eingeleitet hatte“, erinnert sich der 49-jährige Vater von vier Kindern.

Wie lernt man Unternehmersein?

Da er als Philosoph aber „nichts konnte“, ging er zunächst „in die Lehre“. Erst bei IBM und dann beim Maschinenbauer HAKO, der von Tyll Necker – als BDI-Präsident ebenso wie Vater Klaus eine öffentliche Person – geleitet wurde, der ihn unter seine Fittiche nahm. „Die Kontakte meines Vaters halfen mir sehr in den ersten Jahren.“ Er ahnte, dass im Familienunternehmen wohl viele dachten: „Der kann nichts und hat als Unternehmersohn alles.“ Daher wollte er sich nicht ins Haifischbecken begeben und in den operativen Einheiten des Unternehmens mitarbeiten, sondern strebte eine Position in der übergeordneten Holding an, in der er ab 2002 schließlich die Beteiligungsunternehmen steuerte. Parallel dazu war er Begleiter und enger Berater des Vaters, der den Ausstieg der Familie aus dem Unternehmen Sauer-Danfoss langfristig plante.

Sein Job in der Holding ließ ihm aber genug Zeit, parallel seinen kleinen Verlag aufzubauen: den Murmann Verlag, heute die Murmann Publishers GmbH. In den ersten Jahren lernte Murmann zu differenzieren: „Ich fragte mich oft, worum geht es in dieser Angelegenheit und bei dieser Entscheidung eigentlich? Um Fachliches, Gedankliches, Strategisches, Menschliches? Die Herausforderung für mich bestand darin, aus dem Intellektuellen in das Gestaltende zu wechseln. Man kann viel über das Gründen lesen, aber man muss es wirklich selbst erleben“, fasst er heute zusammen.

Und auch das Scheitern muss man selbst erleben, denn selten folgt dem Gründen der schnelle Erfolg. Beide, Sibilla Kawala und Sven Murmann, mussten kämpfen für den Erfolg und ihr Geschäftsmodell regelmäßig überprüfen und anpassen. Sibilla Kawala hatte mit ihren beiden Geschäftspartnern gearbeitet bis zum Umfallen, „wie Besessene“, erzählt sie. Die Klickraten im Online-Shop waren hoch, aber die Verkaufszahlen viel zu niedrig. Nach drei Jahren war vom Startkapital nichts mehr übrig. „Ich war verzweifelt. Bisher hatte eigentlich immer alles funktioniert, was ich mir vorgenommen hatte. Aber ich war mit dieser ersten Geschäftsidee gescheitert.“

Für die Unternehmertochter gab es zwei Optionen: aufgeben oder ein neues Konzept entwickeln. Sie griff auf ihr Netzwerk zurück, sprach mit Professoren und E-Commerce-Spezialisten. „Ich war betriebsblind geworden und brauchte neutrale Blicke von außen“, sagt sie. Und fügt hinzu: „Ich wollte unbedingt weitermachen. Denn ich hatte das Gefühl, immer noch nicht restlos alles gegeben zu haben.“ Eine letzte Chance gab sie sich noch, jedoch mit einer festen Deadline: „Im Dezember 2015 muss ich den Turnaround geschafft haben. Sonst ist Schluss.“ Eine neue Finanzspritze erhielt sie von Freunden und ihren Eltern. Den Online-Shop LIMBERRY führte sie fort, aber mit einer neuen, radikalen Fokussierung: Nur noch Trachtenmode können Frauen sich nun selbst kreieren.

Auch Sven Murmann hat an seinem Geschäftsmodell gedreht. Nach den ersten Jahren stellte er fest, wie schwer es ist, mit Büchern Geld zu verdienen. „Der Erfolg eines Buches ist schwer kalkulierbar“, sagt er nüchtern. Er ging in kleinen Schritten vor, analysierte fortwährend den Markt, übernahm kleinere Verlage, baute das digitale Geschäft auf und entschied, in das Corporate-Publishing-Geschäft einzusteigen. Den Erfolg will er unbedingt. „Ich will gute Arbeit leisten und nicht mittelmäßig sein. Mich reizt die Exzellenz.“ Heute bringt die Verlagsgruppe, zu der auch die Weiterbildungsplattform Pink University und der Regionalverlag Wachholtz gehören, 60 bis 80 neue Titel pro Jahr auf den Markt und beschäftigt rund 50 Mitarbeiter. Umsatzzahlen werden nicht veröffentlicht. Nur so viel: „Der Buchbereich bleibt schwankend, das Geschäft

Rückschläge verkraften

Rückblickend sagt Sven Murmann: „Der Weg, sich dauerhaft zu etablieren, hat länger gedauert und war teurer als gedacht. Ich bin dankbar, dass ich die finanziellen Ressourcen hatte, um durchzuhalten und um mein Geschäftsmodell rechtzeitig zu diversifizieren.“ Und es soll natürlich weitergehen. Synergien aus den Bereichen Buch, Magazin, Digital und Dienstleistungen wie Corporate Publishing sollen stärker genutzt werden. Große Sprünge plant er nicht.

Auch Sibilla Kawala hat es vorerst geschafft. Seit Ende 2014 schreibt ihr Portal schwarze Zahlen. Im August dieses Jahres folgte eine weitere Kapitalspritze: In der VOX-Gründer-Show „Höhle des Löwen“ haben Carsten Maschmeyer und Teleshopping-Queen Judith Williams entschieden, 250.000 Euro zu investieren. Im Gegenzug erhalten sie 20 Prozent der Anteile. Mit dem zusätzlichen Kapital möchte die Gründerin das Trachtensortiment erweitern und die Internationalisierung forcieren. Kunden bestellen nicht nur aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, sondern auch aus Übersee. Heute beschäftigt die LIMBERRY Kawala Handels GmbH neun Mitarbeiter.

Sibilla Kawala und Sven Murmann sind trotz ihrer Selbständigkeit ihren Familien eng verbunden geblieben. Die Entscheidung, eigenes auf die Beine zu stellen, bedeutete nicht den Bruch mit der Familie. Ganz im Gegenteil. Sibillas Eltern arbeiten sogar in der Firma ihrer Tochter. Die Mutter unterstützt bei der Entwicklung der Kollektion, der Vater hilft bei Logistik, Buchhaltung und berät in Strategiefragen. Auch Sven Murmann stand seinem Vater bis zu dessen Tod 2014 sehr nah. Mit seinen Geschwistern habe er sich immer gut verstanden. In seiner Funktion als Repräsentant der Gesellschafter wacht er über das Family Office, das das Familienvermögen nach dem Ausstieg aus Sauer-Danfoss im Jahr 2010 managt.

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