Wolfram Pfitzer erwarb 1996 mit einer hohen Finanzierung der Banken die Aerocom GmbH, einen schwäbischen Hersteller von Rohrposttechnik mit 250 Mitarbeitern. Jetzt hat er die Firma zu gleichen Teilen auf seine Söhne übertragen, die Tochter erhält Immobilien. Geht das gut?

Wenn dein Vater mal einen guten Mann sucht, dann soll er mich anrufen“, sagte Wolfram Pfitzer 1981 zu einer alten Schulfreundin. Damals ahnte er nicht, dass dieser Anruf sein Leben entscheidend verändern sollte. Der Vater, ein etablierter Unternehmer auf der Schwäbischen Alb, meldete sich tatsächlich. Denn er brauchte tatkräftige Unterstützung: Er hatte im Jahr 1980 die Firma Aeropost aus einer Konkursmasse erworben, ein „Fabrikle“, das bis über beide Ohren in Schwierigkeiten steckte. Das Unternehmen wies über 2 Millionen D-Mark Verluste aus. Wolfram Pfitzer zögerte nicht und trat damals als Berufseinsteiger und Werksleiter ein.

Heute ist er Mitinhaber und Geschäftsführer der Aerocom GmbH & Co Rohrpost Systeme, die 40 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet, davon 75 Prozent im Ausland. Der heutige Eigentümer tümer kämpfte sich rein und wurschtelte sich durch. Gleich zu Beginn führte er ein striktes Sparprogramm ein, in dessen Rahmen er 26 Mitarbeiter entlassen musste. Kein einfacher Schritt, aber notwendig. Gleichzeitig konnte der Umsatz gesteigert werden, das Unternehmen wirtschaftete bald wieder profitabel. „Seitdem haben wir nie mehr Verluste geschrieben“, erzählt er stolz.

Als der Eigentümer 1986 überraschend starb, wurde Aeropost an die Firma Ascom in der Schweiz verkauft. Und als diese sich zehn Jahre später wieder von Aeropost trennen wollte, um sich auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren, schlug endlich die Stunde des Unternehmers Wolfram Pfitzer. Ascom bot ihm ein Management-Buy-out an. Der Werksleiter zögerte er nicht lange und griff zu. „Ich kannte die Firma in- und auswendig und wusste um ihr Potential.“ Genauso wichtig: Die Banken in der Region kannten ihn. 7 Millionen D-Mark gewährten sie ihm für die Übernahmefinanzierung, 1 Million D-Mark brachte er selbst ein. Damit steckte über Nacht das gesamte Eigentum in der Firma. „Ohne meine Frau wäre das alles nicht möglich gewesen“, erzählt Pfitzer. Mit Blick auf das finanzielle Risiko habe sie gelassen reagiert. Als Oberstudienrätin konnte sie zum Glück ein solides Einkommen garantieren. Und ihre pädagogischen Fähigkeiten waren darüber hinaus mehr als wertvoll, denn die Familie war inzwischen fünfköpfig: zwei Jungs, Rüdiger und Roland, und eine jüngste Tochter, Susanne.

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Aerocom und die Rohrposttechnik

Rohrposttechnik wirkt im Verborgenen. In ihrer Blütephase im 19. Jahrhundert sorgte sie dafür, dass Briefe unterirdisch in Stahl- und Messingrohren durch Berlin, Paris oder London rasten. Doch auch heute strotzt sie vor Leben und hat sich zu einer hochmodernen Technik weiterentwickelt, die – da mechanisch so gut wie ausgereift – vor allem im Bereich der Steuerung immer weiter verbessert wird. Heute stützt sich auch die Rohrpost immer mehr auf IT, während in Krankenhäusern, Supermärkten oder Logistikzentren Medikamente, Bargeld oder Ersatzteile mit bis zu 40 Stundenkilometern von A nach B transportiert werden. Die Aerocom GmbH & Co Rohrpost Systeme zählt nach eigenen Angaben zu den führenden Herstellern weltweit. Mit technischen Büros und Wiederverkäufern in Deutschland, europäischen Niederlassungen und weltweiten Vertretungen bedient das Unternehmen die Bereiche Bargeld- und Materiallogistik, Krankenhaus, Apotheke und moderne Kunst mit der vollen Produktpalette: Stationen, Steuerungen und Komponenten. Aerocom beschäftigt 250 Mitarbeiter. Der Umsatz liegt bei 40 Millionen Euro, drei Viertel davon werden im Ausland erwirtschaftet.

Das Unternehmen wuchs nach dem Kauf unter dem Namen Aerocom weiter. Pfitzer begann, eigene Niederlassungen zu gründen und neben der Installation der Anlagen auch Dienstleistungen und Service anzubieten. Heute macht der After-Sales-Service gut ein Drittel des Umsatzes aus. Die inzwischen in Schwäbisch-Gmünd im Remstal angesiedelte Firma exportiert unter dem Label „Made in Germany“ heute in über 60 Länder.

Verkaufsangebot ausgeschlagen

Mit dem Erfolg verschob sich die Perspektive – weg vom finanziellen Risiko hin zur Nachfolgefrage. Den Anlass, das Thema aktiv anzugehen, gab ein Kaufangebot kurz nach der Jahrtausendwende. Die Kinder waren zu jenem Zeitpunkt zum Teil aus dem Haus. Darauf gedrängt, dass die Kinder in seine Fußstapfen treten, habe er nie, versichert Wolfram Pfitzner. Dennoch habe der kleine Roland bereits im Alter von fünf Jahren gefragt: „Mama, was muss ich mal lernen, um das machen zu können, was der Papa macht?“ Und als tatsächlich ein Kaufangebot auf dem Tisch lag, äußerten die Söhne den klaren Wunsch, die Firma nicht herzugeben.

Heute machen Roland und sein Bruder genau das, was der Papa macht – mit unterschiedlichen Talenten. Der eine studierte BWL, der andere Elektroingenieurwesen. Nach dem Studium traten sie nach unterschiedlichen Zwischenstationen ins Unternehmen ein und wechselten vor fünf Jahren in die Geschäftsführung. Seitdem wird Aerocom von einem Dreiergespann geführt.

Tochter geht eigene Wege

Bei Tochter Susanne hatte sich schon früh herauskristallisiert, dass sie kein Interesse am Unternehmen hat. Sie widmet sich der Physiotherapie, bald mit einer eigenen Praxis. In der ersten Phase der Nachfolgeregelung erhielt sie wie ihre Brüder 8 Prozent am Unternehmen, die sie bald an ihre Geschwister verkaufte. Dennoch sind die Bande zum Unternehmen nicht ganz gekappt: Grundstück und Immobilie der Aerocom gehörten seit jeher der Frau des Unternehmers. Grundstück und Gebäude eines Erweiterungsbaus sind nun im Besitz der Tochter, später einmal erbt sie auch den Teil der Mutter. „Solche Assets will ich gar nicht in den Büchern haben“, sagt Pfitzer, „und nebenbei partizipiert der weibliche Stamm der Familie so über die Mieteinnahmen weiterhin an der Firma – wenn auch nicht als Eigentümer.“

Im männlichen Stamm ist der Eigentümerwechsel auf Unternehmensebene nun endgültig vollzogen. Im Januar 2017 erhielten die Söhne durch einen Schenkungsvertrag 96 Prozent am Unternehmen. Vier Prozent der Anteile behielt Wolfram Pfitzer für sich. Aber die Nachfolgeregelung geht noch deutlich weiter – und wer glaubt, der Unternehmer in erster Generation hätte sich hierbei das Blatt aus der Hand nehmen lassen, täuscht sich.

Grenzen ziehen und Freiheit lassen

Auch wenn er betont, dass die Statuten einvernehmlich mit der gesamten Familie festgelegt wurden, tragen sie in manchen Bereichen seine Handschrift: Das Gehalt, das die Söhne aus ihrer Geschäftsführertätigkeit beziehen, ist am besten mit „schwäbisch“ beschrieben. Auch die Summe, die sie pro Jahr maximal aus der Firma ziehen dürfen, ist klar und eng definiert. Aus jedem Familienstamm der beiden Söhne darf künftig nur ein Nachfolger ins Unternehmen eintreten. Ob das zu Konflikten führt, bleibt abzuwarten. Aber so hält Pfitzer es für richtig. „Zu viele Köche verderben den Brei“, begründet er seine Entscheidung und schildert seine Sorge, die Firma könnte irgendwann zu sehr zersplittern. Der Eintritt der Enkel in die Nachfolge ist zudem an Konditionen geknüpft: Sie müssen ein relevantes Studium absolviert haben, unternehmerisches Interesse zeigen und generell „geeignet“ sein. Diese Eignung müsse die Familie allerdings selbst feststellen. Der Seniorchef weiß, dass sich klare Regeln und die Freiheit zur eigenen Entscheidung die Waage halten müssen, soll die Nachfolgeregelung nicht einer Entmündigung der nächsten Generation gleichkommen.

Will einer der Brüder doch vorzeitig aus der Firma aussteigen, muss er seinen Anteil dem anderen Bruder zu Sonderkonditionen andienen. Auch diese sind statutarisch festgelegt, wenngleich sie gemäß der zukünftigen Ertragslage anzupassen und vernünftig zu bemessen sind. „Natürlich kann niemand erwarten, den Gegenwert von 48 Prozent der Firma einfach so in Cash ausbezahlt zu bekommen“, sagt Pfitzer. Dasselbe gilt für die Enkelgeneration. Erst wenn das Vorkaufsrecht nicht ausgeübt wird, darf extern verkauft werden. Doch das sei sehr unwahrscheinlich, ist sich Pfitzer sicher.

Das Vertrauen in seine drei Kinder ist wohl auch der Grund, weshalb manches in der Nachfolge bei Aerocom dann doch nicht explizit festgehalten ist. Eine Fusion mit einem Wettbewerber? Die Aufkündigung der Mietverträge durch die Tochter? „So was gibt’s bei uns nicht“, sagt Wolfram Pfitzer klipp und klar. Manche Dinge müsse oder könne man nicht regeln, die seien eine Frage der guten Erziehung.

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