Justus Perschmann, fünfte Generation des gleichnamigen Familienunternehmens, wollte nie die Nachfolge antreten. Er hat es aber doch getan. Nicht nur wegen seines Gestaltungsdranges, sondern auch, weil sein Vater den Familienfrieden gewahrt und ihm eine klare Eigentümerstruktur hinterlassen hat.

Wolfsburg ist weltbekannt. Schließlich ist dort die Weltmarke Volkswagen beheimatet. Aber Braunschweig? Braunschweig ist nicht weltbekannt, aber die Heimat von Justus Perschmann (44). Und der ist ein bekennender Fan seiner Stadt. Das war allerdings nicht immer so. Nach dem Abitur wollte er so schnell wie möglich weg aus Braunschweig. Doch er kam zurück. Und leitet heute die Hch. Perschmann GmbH, einen Systemlieferanten für Qualitätswerkzeuge, sowie die Perschmann Calibration GmbH, die insgesamt mit gut 450 Mitarbeitern einen Umsatz von 110 Millionen Euro erwirtschaften. Im Jahr 2016 feierte die Firma ihr 150-jähriges Jubiläum. Ins Familienunternehmen wollte er nie einsteigen.

Seine Eltern waren getrennt, er lebte bei seiner Mutter. „Das Unternehmen war selten ein positiv besetztes Thema.“ Der Großvater mütterlicherseits war in der Holzbranche Vollblutunternehmer und kaum für die Familie da – auch kein motivierendes Vorbild. Für sein Studium der Betriebswirtschaft im Jahr 1993 wählte Justus Perschmann Passau. „Dort kannte man mich nicht und konnte meinen Namen keinem Familienunternehmen zuordnen. Das gefiel mir“, erinnert er sich. Und dann ging es raus in die Welt. Nach einem Auslandsjahr in Frankreich folgten vier Monate Hongkong für seinen späteren Arbeitgeber Audi. „Ich wollte nie von Audi weg. Kulturell herrschte dort ein unglaublicher Spirit, Mitte der neunziger Jahre begann die Ära der neuen, technologisch innovativen Autos. Der ‚Audi Space Frame‘ wurde damals entwickelt“, schwärmt er heute noch.

Annäherung zwischen Vater und Sohn

Und dann doch zurück nach Braunschweig? Sein Vater Ulrich Perschmann (Jahrgang 1936) ging behutsam vor, als er zum ersten Mal das Gespräch auf einen möglichen Generationswechsel brachte. Aus Respekt zu seinem Vater und einer gewissen Neugier war Justus nicht abgeneigt, sich zumindest gedanklich mit dem Familienunternehmen zu beschäftigen. Er willigte ein, an speziellen Seminaren für Nachfolger teilzunehmen. Als graue Eminenz im Hintergrund hatte in dieser Familienangelegenheit außerdem ein Beiratsmitglied mitgewirkt. Das habe er durchaus positiv in Erinnerung behalten, so der Junior. Auch die enge Begleitung durch eine Strategieberatung war maßgeblich für den Generationswechsel. „Das wäre sonst womöglich schiefgegangen“, sagt er heute.

Der enge Austausch zwischen Vater Ulrich und seinem Beirat machte Justus stutzig und zuversichtlich zugleich. „Die Einsamkeit an der Spitze war für mich potentiell die Schattenseite des Unternehmertums. Die schlaflosen Nächte in Krisenzeiten, die jedes Unternehmen zyklisch erlebt.“ Dass sein Vater sich doch nicht so einsam fühlte, wie er vermutete, erlebte er Schritt für Schritt während vieler Wochenenden, die Vater und Sohn von nun an regelmäßig miteinander verbrachten. Denn da schmiedete dieser Pläne und teilte mit seinem Sohn die innersten Gedanken und Gefühle. „Der Austausch auf Augenhöhe wurde immer intensiver, freundschaftlicher, kollegialer, professioneller. Immer ehrlich, wohlgemeint und offen“, erinnert sich Justus.

“Das Unternehmen war selten ein positiv besetztes Thema”

Eine wichtige Weichenstellung erfolgte 1993: Seitdem arbeitet Perschmann im engen Verbund mit der Hoffmann Gruppe aus München. Auch die traditionellen Familienunternehmen Gödde in Köln, Oltrogge in Bielefeld sowie die SFS in der Schweiz sind mit von der Partie. Das Ziel: Synergien bei Einkaufsverhandlungen, in Produktmanagement und Marketing, bei der Katalogproduktion (in 18 Sprachen), der Internationalisierung und vor allem im E-Business heben. Von seinem Vater hat Justus gelernt: Allein schafft man es im knallharten Wettbewerb als Händler nicht unbedingt. „Ohne Kooperation wären wir nicht so erfolgreich und hätten strategisch nicht so große Sprünge machen können“, gibt er unumwunden zu. Mindestens genauso wichtig für Justus Perschmann war die Erkenntnis: „Für meinen Vater war und ist externer Rat Gold wert. Und ich dachte mir: Vielleicht ist man oben an der Spitze doch nicht so allein.“

Justus Perschmanns Gedanken um die Nachfolge waren fortan in Bewegung. Je länger er bei Audi arbeitete, desto mehr lernte er auch die Schattenseite eines Konzerns kennen. „Entscheidungen und Hierarchien sind manchmal politisch geprägt; Expats ziehen heimatlos um die Welt; und vor allem kann man nicht so viel selbst gestalten, wie man möchte.“

Schon zuvor hatte sein Vater begonnen, an der Weichenstellung Nummer zwei beharrlich zu arbeiten. Der Gesellschafterkreis war über die Generationen hinweg heterogener geworden. Zwei Stämme teilten sich 50 Prozent der Anteile. Eine Pattsituation, die Ulrich Perschmann unbedingt auflösen wollte – für die selbstbestimmte Zukunft der Firma. Er überzeugte seine Cousins, ihre Anteile abzugeben. „Wie meinem Vater das gelungen ist, ohne dass böses Blut fließt, war sicherlich nicht einfach“, sagt Justus Perschmann und spricht damit seine Bewunderung offen für beide Seiten der Familie aus. Er und seine Schwester halten nun zwar auch wiederum jeweils 45 Prozent der Anteile. Aber die Stimmrechte liegen komplett bei ihm. Ende 2001 hängte Justus Perschmann schließlich seine Karriere bei Audi an den Nagel und stieg als Geschäftsführer ein. Im Jahr 2004 überließ Ulrich Perschmann seinem Sohn komplett das Ruder und zog nach Berlin.

Alte Spuren, neue Spuren

Seitdem hat Justus Perschmann einiges bewegt, erlebt und überlebt, wie die gescheiterte Expansion nach England, die Wirtschafts- und Finanzkrise 2009 und die Einführung von SAP. Trotzdem steigerte er Umsatz und Ertrag. Im Jahr 2020 soll die 150-Millionen-Umsatz-Marke geknackt werden. Die Eigenkapitalquote liegt bei über 50 Prozent. Und Justus Perschmann investiert kräftig: in die Kalibrierung, die Digitalisierung, die Logistik und vor allem in die Mitarbeiter. Dabei ist er vor allem eines nicht: allein. Und er setzt alles daran, dass sich daran nichts ändert. Zum einen will er den Beirat noch aktiver einbinden. Zum anderen legt Justus Perschmann selber Hand an, wenn die Mitarbeiter sich engagieren und ein Kicker-Turnier oder Kochkurse veranstalten oder im Jugendzentrum die Wände neu streichen. „Die jungen Menschen sollen zu uns in die Ausbildung gehen. Nicht immer gleich nach Wolfsburg zu Volkswagen“, plädiert er. „Hier ist es doch auch ganz attraktiv: Perschmann macht einfach Spaß!“

Info

Fünf Generationen bei der Hch. Perschmann GmbH

Im Jahr 1866 begann Heinrich Perschmann, mit Eisen-, Stahl- und Messingwaren zu handeln. In der vierten Generation arbeiteten die drei Cousins Ulrich, Achim und Heinrich-Karl zunächst mit ihren Vätern zusammen. Eine Konstellation, die Ulrich Perschmann zeit seines Lebens als Unternehmer prägte und motivierte, die Gesellschafterstruktur mit dem Übergang in die fünfte Generation zu verschlanken. Man einigte sich: Achim und Heinrich-Karl stimmten der Ernennung von Ulrich Perschmann zum Kopf des Trios zu. Er öffnete den Standort in Polen, schmiedete mit an der Allianz mit der Münchner Hoffmann Gruppe und setzte den Verkauf von umsatzstarken, aber wenig profitablen Geschäftsbereichen Anfang der neunziger Jahre durch, um sich auf den Handel mit Qualitätswerkzeugen zu konzentrieren. Die Hälfte des Umsatzes brach weg. Als Ulrichs Sohn Justus Perschmann Ende 2001 in die Geschäftsführung einstieg, war die Gesellschafterstruktur zukunftsfähig aufgebaut: Jeweils 45 Prozent der Firmenanteile gehören heute Justus Perschmann und seiner Schwester, die als Architektin einen anderen Berufsweg eingeschlagen hat. Die Stimmrechte liegen zu 100 Prozent bei Justus. Je 5 Prozent behielten die zwei Cousins. Das Ausbezahlen der Gesellschafter konnte Ulrich Perschmann über viele Jahre strecken, so dass die Firma nicht unter der Schuldenlast zu ersticken drohte. Justus Perschmann treibt die Digitalisierung voran und investiert vor allem in die Personalentwicklung und in die Steigerung der Attraktivität als Arbeitgeber in der Region.

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