Die elfte Generation trifft bei dem Weinglashersteller Riedel derzeit auf die zehnte Generation. Der Vater bietet dem Sohn eine eigene Plattform, um sich seine Sporen zu verdienen. Die Distanz ist dabei entscheidend.

Georg Riedel schwenkt den dunklen Pinot Noir aus dem Weinbaugebiet Edna Valley in Kalifornien in einem bauchigen Riedel-Glas. Der Familienunter- nehmer in zehnter Generation sitzt mit seiner Frau beim Abendessen in Kufstein. Die Haferl-Schuhe glänzen, das lindgrün und rot karierte Hemd ist perfekt auf die rote Krawatte und den grünen Janker abgestimmt. „Du, das ist der Wein, den der Max aus den USA geschickt hat“, sagt Eva Riedel in leicht wienerischem Dialekt. Ihr Mann nickt anerkennend als er den Wein, den sein Sohn ihm hat schicken lassen, im Mund prüft. Genuss vermitteln ist ein wichtiger Teil des Riedel-Geschäfts. „Wir stellen das Werkzeug her, aber unsere Kunden brauchen auch das passende Getränk und die Affinität dazu“, sagt Georg Riedel. Sein Vater, Claus Josef Riedel, legte einst den Grundstein für den Erfolg der mundgeblasenen, rebsortenspezifischen Gläser des Unternehmens. Georg Riedel stieg in die Maschinenfertigung ein und erschloss sich ausländische Märkte. Diese Aufgabe führt nun sein Sohn Maximilian zusammen mit ihm fort.

Aus Fehlern lernen

Mit 24 Jahren ist Georg Riedel in das Unternehmen eingestiegen. Von der Zeit mit seinem Vater im Unternehmen erzählt er nicht viel. Wenn er seinem Gegenüber sonst fest in die Augen schaut, schweift sein Blick bei dem Gespräch über Claus Josef Riedel ab. „Funkenflug ist immer dabei, wenn Generationen aufeinandertreffen“, sagt Georg Riedel. Sein Vater sei kreativ, spontan und ein Visionär gewesen. Es muss schwierig für den Nachfolger gewesen sein. Trotzdem stellte sich für den heute 61-jährigen Georg Riedel nie die Frage, ob er woanders arbeiten will: „Ich bin in die Thematik hineingeboren. In der zehnten Generation ein Familienunternehmen führen zu dürfen ist ein Glück.“ Riedel hat sich Nischen gesucht, um sich schnell etablieren zu können und wo er nicht aneckt – wohl auch mit dem Vater. „Das Verhältnis in der Familie von meinem Vater zu meinem Großvater war eher kühl“, erinnert sich Maximilian Riedel.

Claus war das Genie, Georg der Unternehmertyp, der das Geschäft vorangetrieben hat. „Früher haben wir noch in einem Mietshaus gewohnt“, erzählt Maximilian Riedel, der CEO der Riedel Crystal America ist. Heute gehören der Familie in Kufstein zwei traditionelle Häuser und ein modernes. Sie stehen in einer Reihe am Berg, und dorthin lädt der Unternehmer gern Geschäftskunden zum Essen und Wein trinken ein.

Info

Die Riedel-Dynastie

Die Riedel-Glasdynastie begann im Jahr 1756 in Böh- men mit einer Waldglashütte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Unternehmen zwar verstaatlicht, aber Claus Josef Riedel konnte mit Unterstützung der Familie Swarovski die Tiroler Glashütte in Wattens aus dem Konkurs übernehmen. Er entwickelte die Gläserformen für die einzelnen Weinsorten. Georg Riedel und sein Sohn Maximilian führen das Familienunternehmen nun in zehnter und elfter Generation weiter. Im Jahr 2004 übernahm Riedel das bayerische Glasunternehmen Nachtmann mit den Marken Nachtmann und Spiegelau, das sich bis dahin auch in Familienhand befunden hatte. Die Schuldenübernahme und die Kapitalaufstockung finanzierte Riedel aus Eigen kapital. Inzwischen arbeiten für „Riedel Glass Works“ rund 1.200 Mitarbeiter, und 2011 sollen rund 50 Millionen maschinengefertigte und mundgeblasene Gläser produziert werden. Das Unternehmen machte im Geschäftsjahr 2010 einen Umsatz von 233 Millionen Euro.

Georg Riedel hat für maschinengefertigte Gläser gekämpft. Das Unternehmen sollte mit der Zeit gehen, denn die Kunden waren immer weniger bereit, für handgefertigte Gläser viel Geld auszugeben. „Handgemachte Gläser haben eine Seele, aber es gibt Maschinengläser von so hoher Qualität, dass der Unterschied für den Laien nicht mehr unterscheidbar ist“, sagt Georg Riedel. 1990 beginnt er die unterschiedlichen Kundenbedürfnisse mit verschiedenen Preisklassen seiner Gläser abzudecken. Und er erschließt dem Familienunternehmen die Welt. 1979 baut er eine Tochtergesellschaft in den USA auf, im Jahr 2000 in Japan, und seit 2010 ist das Unternehmen auch in China aktiv. Inzwischen gibt es Riedel-Gläser in 125 Ländern zu kaufen.

Als seine Kinder Maximilian und Laetizia heranwachsen, kommen mindestens einmal in der Woche Geschäftspartner ins Haus der Riedels zum Essen. „Wir waren immer eingeladen und durften an der Ess- und Weinkultur teilhaben“, sagt Maximilian Riedel. Von klein auf sind die Geschwister auch Repräsentanten des Unternehmens. „Wenn wir uns nicht mit an den Tisch gesetzt hätten, hätte es eben auch nichts zu essen gegeben.“ Die Kinder halfen dem Koch in der Küche oder lauschten den Geschichten der Partner aus aller Welt. Bei Laetizia war schnell klar, dass sie studieren will und Anwältin wird. „Je älter Kinder werden, desto mehr Freiheitssinn haben sie auch“, sagt Vater Georg Riedel. Maximilian war hingegen schon mit 12 Jahren im Unternehmen als Hilfskraft tätig. Er lief den ganzen Tag in der Glashütte umher und schlug die fertigen Gläser von der Pfeife ab. Mit 18 Jahren besuchte er Managementkurse und arbeitete nebenher im Unternehmen. „Ich habe mir schon die Frage gestellt, ob ich auch woanders arbeiten möchte“, sagt Maximilian, „aber ich habe das Geschäft und die Kultur von der Pike auf gelernt, und es bereitet mir Freude.“

Lange Leine

1997 sagt Georg Riedel zu seinem Sohn: „In Österreich ist der Platz für uns beide zu klein. Ich möchte, dass du dir deine Sporen verdienst und biete dir eine Plattform dafür. Lass mich wissen, ob es dir gefällt.“ Maximilian reist durch Japan, China und die Vereinigten Arabischen Emirate. Er geht auf Messen, lernt Märkte und Kunden kennen und kehrt wieder zurück nach Österreich. Maximilian wird 23, und sein Vater sagt zu ihm: „Es wird Zeit, dass du das Nest verlässt.“

Maximilian wird CEO von Riedel in den USA und leitet heute die Nordamerika-Geschäfte. „Ich hatte plötzlich eine Riesenverantwortung, keinerlei Erfahrung und Heimweh“, erzählt Maximilian. Er musste das Unternehmen in den USA komplett umstrukturieren und stieß auf viel Widerstand. Sein Großvater ruft ihn einmal in der Woche an, sein Vater täglich. Maximilian steigert den Umsatz in den USA erheblich, designt erfolgreich Dekanter und neue Gläserserien und will sich in Zukunft verstärkt auf die Auto- und Bauindustrie konzentrieren. Denn Riedel fertigt auch Bauelemente und Scheinwerfer, zum Beispiel für Mercedes-Benz, Volkswagen, MAN oder Ford. Außerdem stellt das Unternehmen Lichtsysteme für Kreuzfahrtschiffe, moderne Energiespar-Straßenlaternen sowie Artikel für den Zahnärzte bedarf her. Riedel will diese Geschäftsfelder in Zukunft deutlich ausbauen. In einem Forschungsprojekt mit dem Fraunhofer-Institut und verschiedenen bayerischen Universitäten entwickelt das Familienunternehmen zum Beispiel Dachziegel mit Nanobeschichtung, die auf Sonnen- und Lichteinwirkung reagieren.

Immer wieder sagt Georg Riedel, dass er in Österreich nicht mit seinem Sohn auf Tuchfühlung gehen will, damit die beiden sich nicht auf die Füße treten. „Aufgrund der Distanz stehen wir nicht unter Konkurrenzdruck. Das hat mein Vater sehr intelligent geregelt“, sagt Maximilian. Die beiden beraten sich bei allen wichtigen Entscheidungen. Und manchmal zieht Georg Riedel dann auch die rote Karte, die „Besitzerkarte“, wie Maximilian erzählt, um das letzte Wort zu haben. „Wir sind aus ähnlichem Holz geschnitzt und beide sehr vernünftig. Wenn wir einen Kompromiss eingehen, sehen wir es nicht als Niederlage“, sagt Georg Riedel. Das „wir“ betont er, und wieder schweift sein Blick leicht ab.

Im Testament ist die Übergabe bereits geregelt. Zwischen 20 und 40 Prozent der Anteile an den verschiedenen Unternehmen und Tochtergesellschaften gehören Maximilian schon. Claus Josef Riedel hatte mit seinem Sohn Georg einen festen Zeitpunkt vereinbart, wann dieser das Unternehmen verlässt – mit 69 Jahren. Georg Riedel denkt noch nicht an seine Übergabe. „Ich will erst sehen, dass unsere Marke in China nachgefragt und anerkannt wird“, sagt der 61-Jährige. Seine Frau beugt sich über den großen Esstisch, an dessen Kopf ende sie sitzt und flüstert: „Außerdem hat der Maximilian erst vor ein paar Tagen aus den USA angerufen und den Vater gebeten, noch lange mit ihm das Unternehmen zu führen.“ So lange sein Sohn das will, wird Georg Riedel auch bleiben.

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