Helmut Rothenberger musste erst fast tödlich verunglücken, um zu begreifen, dass er nicht unsterblich ist. Mit der praktischen Umsetzung dieser Erkenntnis steht er aber noch am Anfang.

Kommen Sie, ich zeige Ihnen das!“ Wer mit Dr. Helmut Rothenberger das neue Firmengebäude des Maschinenbauers in Kelkheim bei Frankfurt am Main besichtigt, sollte besser in Turnschuhen als in Pumps kommen: Der 60-jährige Vorstandsvorsitzende hat einen zackigen Schritt. Abrupt bremst er ab, dreht sich um: „Hier: Das sind unsere Schulungsräume. Wie an der IMD in Lausanne. Tafel, Kreide, Pulte. Was meinen Sie, was für eine Atmosphäre aufkommt, wenn Architekten, Techniker und Vertriebsmitarbeiter hier diskutieren.“ Bevor der Besuch viel sagen kann, hält Rothenberger schon wieder die Tür auf. „Hier lang!“ Atemlos geht es durch das TEC-Center. „Tranparency, Efficiency, Competence – diese Ideale leben wir hier.“

Das TEC-Center, ein architektonisch von Sichtbeton und Glas dominierter Bau, ist Rothenbergers jüngstes Projekt. 20 Millionen Euro hat er in die Hand genommen, um im Rhein-Main-Gebiet eine Firmenzentrale für bis zu 200 Mitarbeiter zu bauen. Sein Ziel? „Im TEC-Center werden Produktion, Forschung, Schulungen, Vertrieb und Management eng zusammenarbeiten. Bisher verbrauchen wir 50 von 100 Euro, um die Produkte von der Fabrik zum Kunden zu bringen. Da stimmt doch etwas nicht.“ Insbesondere bei der Bearbeitung von Reklamationen und der kundenorientierten Verbesserung von Produkten können mit Hilfe einer integrierten Struktur die Nebenkosten minimiert werden. „Das bringt viel mehr, als die Produktion nach China zu verlagern.“ Helmut Rothenberger kleckert nicht. Das war schon immer so.

Pleite in Paris

1982: Helmut Rothenberger ist 33 Jahre alt. Und frustriert. Gemeinsam mit seinen älteren Brüdern Karl und Günter führt er die Geschäfte des väterlichen Unternehmens. Auch Bernd, der jüngere Bruder aus der zweiten Ehe des Vaters, ist im Betrieb tätig. Da Helmut am besten englisch spricht, ist er für den Export zuständig. Zwar ist er viel unterwegs, ernst genommen wird er aber nicht: „Auslandseinsätze setzten meine Brüder Karl und Günter mit Urlaub gleich. Als ich einmal einen Katalog ins Englische übersetzen lassen wollte, hieß es: ‚Das brauchen wir nicht.‘ Für die beiden war ich immer der kleine Bruder.“ Für den ambitionierten Helmut wird die Situation zunehmend unerträglich. Als Erster der Familie hat er studiert, als Einziger bewegt er sich sicher auf internationalem Parkett. Er will nicht bei seinen großen Brüdern um einen englischen Katalog betteln müssen.

Scheinbar merken auch Karl und Günter, dass die Spannungen zu stark werden. Denn als Helmut seinen Plan verkündet, in Paris einen Konkurrenten zu übernehmen und dort die Geschäfte zu leiten, stimmen sie zu: „,Der Kleine soll sich mal die Hörner abstoßen‘, haben sie wohl gedacht. Egal. Ich hatte endlich meine Chance“, erinnert sich Rothenberger. Mit Sack und Pack, seiner Frau Silvia und den beiden kleinen Töchtern Sandra und Sabine zieht Helmut Rothenberger nach Paris. Französisch kann er nicht, aber das wird er schon lernen.

Doch als der frisch gebackene Geschäftsführer am ersten Tag voller Stolz und Elan in seinem Betrieb ankommt, erwartet ihn eine sehr unangenehme Überraschung: Das Unternehmen ist pleite. Der Verkäufer, ein französischer Graf, hatte den jungen Deutschen nach Strich und Faden über den Tisch gezogen: „Mehrere hundert Mitarbeiter, zwei Fabriken, die Zentrale in Paris, kein Geld. Das war ein ziemlicher Schock“, so Rothenberger. Und einen Weg zurück gibt es nicht. Denn den Brüdern kann er unmöglich von seinem Missgeschick erzählen. „Die hätten mich …, ich wäre …, ich hätte verloren. Für immer.“ Noch heute schaut der sonst so selbstbewusst auftretende Rothenberger betreten zur Seite, wenn er sich diese unglaubliche Schmach vorstellt.

Aber nur sehr kurz. Dann fasst er sich wieder, nimmt seine braune Lesebrille in die Hand und erzählt: „Ich setzte alles auf eine Karte. Meinen gesamten Besitz verpfändete ich für einen Kredit. Dann lernte ich den Betriebsratchef kennen. Und ich hatte Glück: Er erkannte in mir die einzige Chance für das Unternehmen und unterstützte mich.“ Gemeinsam können sie die Kosten so weit drücken, dass der Betrieb wieder das tut, was Helmuts Vater immer gepredigt hatte: mehr verdienen als ausgeben. Dann kommt der Durchbruch: Ein Großauftrag aus Algerien, ein neues Werk, zwei Konkurrenten werden übernommen.

Rückkehr als Chef

1985: Der kleine Bruder hat es geschafft. Er steht auf eigenen Beinen, er hat gezeigt, dass er es alleine kann. „Nach der schweren Anfangszeit lief es dann hervorragend. Auch privat: Wir fühlten uns alle sehr wohl in Paris, hatten Französisch gelernt und Freunde gefunden. Meine Töchter gingen auf eine französische Schule. Wir wollten bleiben.“

Doch es sollte anders kommen. Denn in Deutschland beobachtet man mit Sorge, wie der kleine Bruder in Paris dem deutschen Unternehmen zunehmend Konkurrenz macht. So bekommt Helmut Rothenberger nur drei Jahre nach seinem Schritt in die Selbständigkeit Besuch aus der Heimat. Der Beiratsvorsitzende und enge Freund der Familie Rothenberger sitzt in seinem Büro: Ob er nicht zurückkommen wolle. Man brauche ihn dort.

„Eigentlich nicht“, denkt Helmut. Wieder unter das Kommando der älteren Brüder? Bloß nicht. Aber ein einfaches Nein kommt auch nicht in Frage, schließlich geht es um die Familie, um den 1949 vom inzwischen verstorbenen Vater gegründeten Betrieb. Deshalb antwortet er selbstbewusst: „Nur wenn ich Vorsitzender der Geschäftsführung der Rothenberger-Gruppe werde.“ Seine Brüder würden sich da sowieso nie drauf einlassen. Denkt er. Und ein zweites Mal verschätzt sich Helmut Rothenberger: Karl und Günter stimmen zu. Wieder packt er seine Sachen. Mitsamt Frau und Kindern geht es zurück nach Deutschland.

Das Ende der Unsterblichkeit

2006: Helmut Rothenberger sitzt im Flugzeug. In einer privaten Propellermaschine fliegt er gemeinsam mit dem Produktionsleiter von der Betriebsbesichtigung in Tartu in Estland zurück nach Deutschland. Der 57-Jährige fühlt sich stark. In der Mitte des Lebens, im besten Alter – auch wenn er es objektiv nicht mehr ganz ist.

Die vergangenen zwanzig Jahre waren bewegt gewesen: Als Geschäftsführer hatte er das väterliche Unternehmen gemeinsam mit seinen Brüdern von einem 20-Mann-Handelsbetrieb zu einem global tätigen Konzern ausgebaut. In den Hochzeiten Mitte der Neunzigerjahre hatte die Rothenberger-Gruppe 16.000 Mitarbeiter beschäftigt. Doch bei der aggressiven Expansionsstrategie wurden Fehler gemacht, die Presse kritisierte unklare Strukturen und ein nicht adäquates Management. Als dann auf die Wiedervereinigungseuphorie der Kater folgte und der Maschinenbau in eine Krise schlitterte, musste Helmut Rothenberger den Konzern wieder gesundschrumpfen. Gleichzeitig nahm er die Fäden endgültig in die Hand: Dank einer Realteilung im Jahr 1998 hält inzwischen nur noch einer der Brüder eine Minderheitsbeteiligung, die anderen sind weder im Unternehmen beschäftigt noch beteiligt. Über eine Zeit nach ihm denkt Rothenberger nicht nach. Warum auch.

Info

Das Unternehmen Rothenberger

Die Dr. Helmut Rothenberger-Gruppe ist ein diversifiziertes und weitverzweigtes Unternehmen. Herzstück sind die unter der Marke ROTHENBERGER verkauften Rohrwerkzeuge. Neben ROTHENBERGER umfasst der Konzern die AUTANIA, eine Managementholding von sechs mittelständischen Unternehmen im Werkzeug- und Maschinenbau, sowie REAL, eine Immobilienholding. Die Gruppe erzielte 2008 mit fast 3.000 Mitarbeitern einen Umsatz von gut 500 Millionen Euro. Zusammengehalten werden die drei Gesellschaften von einer in Österreich ansässigen Familienstiftung. Während zu Hochzeiten bis zu zehn Gesellschaften börsennotiert waren, ist die Gruppe heute wieder komplett in privatem Besitz.

Der Motor des Flugzeugs schnurrt gleichmäßig, unter den zwei Passagieren ist nur dunkle Nacht. Plötzlich kommt ein Schrei aus dem Cockpit: „Wir stürzen ab!“ Dann geht alles schnell. Extrem schnell. Das Flugzeug stürzt aus 600 Metern in die Tiefe, in den Wald, die Tragflächen brechen ab. Wie ein Pfeil rast der Flugzeugrumpf in den Sumpf. Wider allen Wahrscheinlichkeiten explodieren die rund 1.000 Liter Treibstoff nicht. Doch durch den Aufprall sind der Pilot und die beiden Passagiere lebensgefährlich verletzt. Stundenlang müssen sie auf Hilfe warten. Der Tod ist sehr nah.

Diese Erfahrung erschüttert Helmut Rothenberger tief: „Von jetzt auf gleich war alles fast vorbei. Gerade noch hatte ich mit meiner Frau telefoniert. Plötzlich war ich mehr tot als lebendig. Mir wurde klar: Ich bin nicht unsterblich“, erinnert er sich heute. Während die gebrochenen Knochen langsam wieder zusammenwachsen und die Platzwunden heilen, reift in Helmut Rothenberger eine Erkenntnis: Er muss sich um die Nachfolge kümmern. Das Unternehmen braucht Strukturen, in denen er entbehrlich ist. Keine leichte Aufgabe für einen, um den sich seit Jahrzehnten alles dreht.

Zögerlicher Rückzug

2009: „Ich habe das alles durchgetimt“, antwortet Rothenberger auf die Frage, ob er möchte, dass seine heute 32- und 34-jährigen Töchter irgendwann die Führung übernehmen. Die jüngere Tochter Sabine ist seit sechs Jahren im Unternehmen tätig, derzeit leitet sie – „sehr erfolgreich“, wie der Vater stolz sagt – die Geschäfte in Italien und Griechenland. „Gerade hat Sabine ein Kind bekommen, aber in vier bis sechs Jahren könnte es so weit sein“, so Rothenberger. Hierauf habe er die Strukturen ausgerichtet. Die ältere Tochter Sandra, derzeit Privatdozentin für Pricing in Brüssel und Salzburg, werde sie über den Aufsichtsrat unterstützen. „Und vielleicht“, so hofft Rothenberger, „wird ja auch Sandra eines Tages in das operative Geschäft einsteigen. Man soll nicht aufgeben.“

Nach dem Unfall vor drei Jahren stärkte er zunächst das Fremdmanagement. Der langjährige „Freund und Kollege“ Ralf Weber, Vorstandsvorsitzender der Privatstiftung und im Vorstand der Autania, ist seither zusätzlich für die Finanzen und Steuern der Gruppe verantwortlich. Seit Januar 2009 unterstützt nun Dr. Georg Wagner, vormals Vorstandsvorsitzender der Ratinger Keramag AG, Helmut Rothenberger im Vorstand für das Rothenberger-Kerngeschäft. „Mit diesem starken Rückgrat wird Sabine – und hoffentlich auch einmal Sandra – eine hervorragende Struktur für den Einstieg in die Gruppenführung haben.“ Er selbst, so Rothenberger, werde sich im Laufe der kommenden drei Jahre immer weiter zurückziehen.

Allerdings nicht zu schnell, wie er gleich darauf einwirft. Denn: „Ein abrupter Nachfolgewechsel ist gefährlich. Das ist wie beim Staffellauf. Hier muss der Übergebende auch noch so lange festhalten, bis der nächste Läufer den Stab sicher in der Hand hat. Andererseits darf er auch nicht zu lange festhalten. Sonst bremst der erste den zweiten aus.“

Keine Frage: Helmut Rothenberger hat sich Gedanken gemacht, theoretisch hat er die Sache im Griff. Doch bisher kann sich im Unternehmen kaum einer vorstellen, dass der Lenker sich zurückzieht: „Rente? Der? Rothenberger lässt sich doch gerade erst ein neues Vorstandsbüro einrichten“, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Andere ärgern sich darüber, dass die Verantwortlichkeiten nicht klar sind: „Chaotisch geht es zu. Rothenberger versucht weiterhin, alles zu kontrollieren.“

Info

Dr. Helmut Rothenberger

Helmut Rothenberger wurde 1949 – im Jahr der Firmengründung – als jüngster von drei Söhnen geboren. Während seine zehn bzw. zwölf Jahre älteren Brüder Günter und Karl im väterlichen schweißtechnischen Handelsunternehmen eine kaufmännische Lehre absolvierten, hatte Helmut Rothenberger als Erster der Familie die Möglichkeit zu studieren. 1975 schloss er sein Jurastudium ab, gut 20 Jahre später bekam er den Doktortitel. 1974 erwarben Karl, Günter und Helmut sowie Bernd, ein Sohn aus zweiter Ehe, das Unternehmen von ihrem Vater und bauten das ehemalige Handelsunternehmen zu einem weltweit tätigen produzierenden Konzern aus. Seit 1985 ist Helmut Rothenberger Vorsitzender der Geschäftsführung, mit der Realteilung im Jahr 1998 übernahm er die Mehrheit der Anteile. Helmut Rothenberger ist verheiratet und hat zwei Töchter.

Doch auch er selbst gibt zu, dass ihm der Rückzug nicht leichtfällt: „Entscheidungen abgeben muss man erst lernen. Der Prozess verlangt auch von den nächsten Mitarbeitern viel Einfühlungsvermögen und Geduld.“ Ob seine Tochter Sabine tatsächlich bald selbst die Strippen ziehen wird? Zumindest in strategischen Dingen möchte Rothenberger seinen Einfluss wahren: „Wichtige Entscheidungen werde ich weiterhin treffen. Schließlich habe ich 35 Jahre Erfahrung, bedeutende Kontakte und Verbindungen. Das erlaubt insbesondere in den gegenwärtig stürmischen Zeiten eine gewisse Gelassenheit.“

Das alles wirft neue Fragen auf: Kann Sabine in dieser Konstellation mehr sein als die Marionette des Vaters? Und: Wenn Rothenberger das Fremdmanagement als „starkes Rückgrat“ sieht: Ersetzt Helmut Rothenberger seine eigene Unsterblichkeit nicht vielleicht mit der seiner Tochter? Seine Tochter Sandra scheint bisher jedenfalls lieber ihren eigenen Weg zu gehen. Anfang 2010 beendet sie ihre Habilitation, sollte dann eine attraktive Professorenstelle winken, hätte der Vater wohl eher schlechte Karten.

All dies ist derzeit schwer zu beurteilen. Auf dem Weg zurück zur Lobby verstärkt sich jedoch der Eindruck, dass Rothenberger in der Umsetzung seiner Gedanken zur Nachfolge ganz am Anfang steht: „Kommen Sie, ich zeige Ihnen noch was. Die neue Vorstandsetage. Die hat noch nie jemand gesehen.“ Im Fahrstuhl inspiziert Rothenberger missmutig die leicht verschrammte Tür: „Schlamperei“, ärgert er sich.

Die Vorstandsetage ist völlig leer, gerade erst wurden Wände eingezogen und ein Holzboden verlegt. Der Gang endet an zwei Büros: Eines wird Helmut Rothenberger beziehen, das andere seine Tochter. Hell sind beide, viel Glas wie überall in Helmut Rothenbergers TEC-Center. Aber man muss kein Architekt sein, um etwas stutzig zu werden. Denn ein Blick auf die Zimmeranordnung macht klar: Auch wenn Sabine die Geschäfte übernehmen wird, an ihrem Vater führt so schnell kein Weg vorbei. In den Flur bzw. in ihr Büro kommt sie nur durch das väterliche Büro. Eine eigene Tür hat ihr Büro nicht.

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