Sabine und Georg Willmann verkauften ihr Unternehmen WST Präzisionstechnik an einen Finanzinvestor. Ihren Söhnen wollten sie die Nachfolge nicht zumuten.

Herr Willmann, im Jahr 2012 haben Sie die Mehrheit an den Finanzinvestor Finatem veräußert. Dabei waren Ihre beiden Söhne bereits im Unternehmen tätig und hätten die Nachfolge antreten können.

Ja, und die beiden sind immer noch in der Firma aktiv. Der ältere Sohn Manuel leitet den Vertrieb, der jüngere, Jörg, verantwortet die Prozessentwicklung. Und ich bin als technischer Geschäftsführer auch noch mit an Bord. Meine Frau hat im vergangenen Jahr die kaufmännische Geschäftsführung an Alexander Beck abgegeben. Wir haben in und mit der Familie sehr lange und gründlich überlegt und diskutiert. Der Verkauf an Finatem mit einer Rückbeteiligung der Familie von 15 Prozent war die beste Lösung. Den Einstieg eines Private Equity Investors haben wir bisher keine Sekunde bereut.

Gab es keine Alternative?

Meine Frau und ich haben 1993 die Firma gegründet. Ganz klassisch in der Garage, ohne Eigenkapital und ohne Kontokorrent. Zehn Jahre lang haben wir Tag und Nacht gearbeitet, keinen Urlaub genommen. Wir haben die Firma gemeinsam aufgebaut. Heute beschäftigen wir über 400 Mitarbeiter, setzen dieses Jahr etwa 66 Millionen Euro um. All das hatte seinen Preis, wir haben keine Hobbys oder Freundeskreise wie andere Menschen. Aber alles war gut. Bis die Krise 2008/2009 kam. Unser Umsatz brach um 50 Prozent ein. Wir haben es trotzdem geschafft, in den schwarzen Zahlen zu bleiben und uns nur von zwölf Mitarbeitern zu trennen. Über Kurzarbeit und extrem motivierte und loyale Mitarbeiter konnten wir vieles auffangen. 70 Prozent unserer Mitarbeiter sind Menschen mit Migrationshintergrund. Unsere Mitarbeiter kommen aus 17 Ländern, darauf sind wir sehr stolz. Als das Schlimmste überwunden war, sagte meine Frau: „So kann es nicht weitergehen. Noch so eine Krise überleben wir nicht.“ Unsere Eigenkapitalquote war auf 8 Prozent gesunken.

Aber es ging doch wieder aufwärts.

Ja. Und es war in den Verhandlungen auch von essentieller Bedeutung, dass wir eben nicht mit dem Rücken zur Wand standen und vor allem keinen Zeitdruck hatten. Das hat unsere Verhandlungsposition gestärkt. Meine Frau und ich waren uns einig, dass wir unseren Söhnen die Nachfolge nicht zumuten wollten. Das Tempo, die Last der Verantwortung, Existenzängste in Krisen und die Banken im Nacken: Die Belastung ist sehr hoch. Unsere Söhne haben unsere Entscheidung akzeptiert. Wenn sie das nicht getan hätten, würden sie wahrscheinlich auch nicht mehr im Unternehmen arbeiten.

Info

WST Präzisionstechnik GmbH

Im Jahr 1993 gründeten Sabine und Georg Willmann die WST Präzisionstechnik GmbH. Das Unternehmen aus dem Hochschwarzwald fertigt Präzisionsdreh- und frästeile für Kunden aus den Branchen Automobil, Antriebstechnik, Medizintechnik und Elektronik. Daimler und Porsche zählen ebenso zu den Kunden wie Freudenberg, ThyssenKrupp oder Bosch Rexrodt. Im Jahr 2008 beschäftigte WST etwa 140 Mitarbeiter und setzte knapp 28 Millionen Euro um. Im Jahr 2012 veräußerte die Familie die Firma an den Finanzinvestor Finatem, wurde aber mit 15 Prozent rückbeteiligt. Alle vier Familienmitglieder arbeiten noch im Unternehmen mit. WST ist seit 2012 auf Wachstumskurs. Die Firma beschäftigt heute 400 Mitarbeiter, der Umsatz im Jahr 2014 betrug 55 Millionen Euro.

Warum haben Sie die Mehrheit abgeben? Zur Stärkung des Eigenkapitals hätte auch eine Minderheit gereicht.

Ja, das wollten wir ursprünglich auch. Aber eine Minderheitsbeteiligung gehen die meisten Eigenkapitalgeber nicht ein. Es kam auch nicht in Frage, komplett an einen strategischen Investor zu verkaufen. Meine Frau und ich wollten das Unternehmen ja weiter vorantreiben können, nur anders als bisher. So haben wir innerlich gerungen. Am Ende, als es konkret um die Höhe des Kaufpreises ging, stand für mich die wesentliche Frage im Raum: Wie viel ist es mir wert, wieder schlafen zu können – ohne persönliche Bankbürgschaften?

Was hat sich seit dem Einstieg von Finatem geändert?

Was mich persönlich betrifft: Ich arbeite weiterhin meine 60 bis 70 Stundenwoche, aber ich fühle mich freier. Im Arbeitsalltag mischt sich unser Investor überhaupt nicht ein, er hat uns auch nicht neue Geschäftsführer vor die Nase gesetzt. Meine Frau hat sich selbst ihren Nachfolger ausgesucht. Finatem wirkt über den neu installierten Beirat mit, der als Sparringspartner sehr wertvoll ist. Was das Unternehmen betrifft: Wir haben unsere Produktionsfläche und -hallen endlich vergrößern können. Wir haben seit 2012 unsere Mitarbeiterzahl von etwa 300 auf 400 erhöht. Auch unseren Umsatz konnten wir seitdem um über 50 Prozent steigern. Wenn wir heute für eine Finanzierung für die Anschaffung neuer Maschinen zur Bank gehen, zucken die nicht mit der Wimper. Mit einer Eigenkapitalquote von über 50 Prozent sind wir stark aufgestellt.

Wo sehen Sie Ihr Unternehmen in fünf bis zehn Jahren? Welche Herausforderung müssen Sie meistern?

Wir haben nun endlich die Möglichkeit, mit unseren Kunden auch international zu wachsen. Wir beliefern u.a. Daimler, Porsche, VW und Audi und wollen für sie nach China und in die USA gehen. Das ist ein gewaltiger Schritt. Und natürlich mache ich mir über den Exit Gedanken. Mit Finatem sind wir eine Partnerschaft auf Zeit eingegangen. Ich kann also nicht so tun, als ließe sich dieses Wachstum, das wir gerade gemeinsam stemmen, ewig fortführen. Es ist gut, jetzt schon dafür sensibilisiert zu sein.

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