Als Vater und Sohn arbeiten Volkmar (80) und Torsten Wywiol (50) seit 16 Jahren gemeinsam in der Hamburger Stern-Wywiol Gruppe mit über 1.000 Mitarbeitern. Wie hält der Sohn das aus? Ein Erklärungsversuch.

Er ist so, wie der klassische Patriarch im Bilderbuche steht. Aber in keinem Berater-, Experten- oder Best-Practice-Buch. Volkmar Wywiol ist mit 80 Jahren noch jeden Tag im Unternehmen und Mitglied der Geschäftsführung, wenn auch in zweiter Reihe. „Ran und dran“ ist sein Credo, es sind Lieblingsworte, mit denen er nicht nur seine Leute, sondern auch sich selbst antreibt. Denn er will eines: „Die Firma vorantreiben, weiterbringen, gestalten, die Mitarbeiter einfach machen lassen.“

„Ich bin kein Patriarch, ich bin ein Macher“, beteuert er. Und muss dabei selber lachen. Sein Sohn Torsten auch. „Natürlich bist Du tendenziell ein Patriarch“, wirft er ein. „Du wolltest immer entscheiden, und zwar schnell und am liebsten allein.“ Aber nein, entgegnet sein Vater. Er habe schon immer Mitarbeiter gehabt, auf die er sich verlassen musste und die er mit einbezogen habe in seine Überlegungen.

Die Wortgefechte der beiden kommen humorvoll daher. Beide beherrschen ihre Rollen perfekt und antworten routiniert auf die immer wiederkehrende Frage von Außenstehenden, wie es überhaupt sein kann, dass Vater und Sohn schon so lange zusammenarbeiten, ohne sich im Machtgerangel zu zerfleischen oder das Unternehmen zu gefährden: „Toleranz und gegenseitiger Respekt für die Leistung und Stärken des jeweils anderen“, sagen beide und nicken ausnahmsweise einhellig.

Aber da muss noch mehr sein, was Vater und Sohn zusammenhält. Zum einen ist da der wirtschaftliche Erfolg, den die beiden als Bestätigung für ihr Miteinander sehen. Die Stern-Wywiol Gruppe, 1980 von Volkmar Wywiol als Einmannbetrieb gegründet, produziert Zusatzstoffe für die Lebensmittel- und Tierernährungsindustrie. Die Zahlen zeigen nach oben, versichern beide. Gewinn und Eigenkapitalquote werden zwar nicht offengelegt. Aber der Umsatz ist in den vergangenen fünf Jahren von 270 Millionen Euro auf 444 Millionen Euro gestiegen, eine Folge der Internationalisierung, die Torsten Wywiol angestoßen hat. Die Exportquote liegt bei 80 Prozent.

Arbeit als Lebenselixier

Zum anderen ist da aber auch der innere Konflikt des Sohnes, der ihn davon abhält, seinen Vater aus dem Unternehmen zu drängen. „Mein Vater würde eingehen wie eine Primel, wenn er nicht mehr arbeiten dürfte.“ Eine Bürde und Verantwortung zugleich, mit der nicht jeder Nachfolger klarkommt. Immer wieder versuchen Freunde und Berater – mal mehr, mal weniger direkt – dem Vater schmackhaft zu machen, in den Beirat zu wechseln. „Ich? Nie und nimmer! Kontrollieren? Das geht gar nicht. Ich will ja machen. Ran und dran“, schmettert er ab. Und legt nach: „Wenn ich nicht mehr jeden Tag ins Büro könnte, würde ich meine Frau verrückt machen oder gar die Ehe aufs Spiel setzen. Ich wüsste natürlich immer alles besser, zum Beispiel wie es im Garten oder in der Küche zu funktionieren hat.“

Das Anderssein akzeptieren

Dennoch ist Volkmar Wywiol klug genug gewesen, seinem Sohn Brücken zu bauen, ihm die Gesamtführung zu übergeben und sich aus dem Tagesgeschäft zurückzuziehen, damit dieser wiederum nicht das Handtuch wirft. Volkmar Wywiol ist zwar ein Patriarch, aber einer mit der Fähigkeit zur Selbstreflektion und der Fähigkeit, externen Rat anzunehmen – auch wenn er ihn nicht immer vollständig oder erst mit einigen Jahren Verzögerung befolgt hat. „Selberstricken ist die größte Gefahr bei der Nachfolge“, ist er überzeugt. Seine wichtigste Erkenntnis aus den vielen Beratergesprächen: „Beim Aufbau der Firma braucht man eine andere Persönlichkeit und andere Fähigkeiten als für den Ausbau. Mein Sohn hat diese Fähigkeiten – auch durch seine Erfahrungen außerhalb des Unternehmens – und dafür bin ich dankbar.“

Das hatte er damals im Jahr 2000, als er 65 Jahre alt wurde, noch nicht so gesehen. Da dachte er, er bräuchte einen „Ran und dran“-Typen als seinen Nachfolger, einen, der genau so tickt wie er selbst. Er wurde eines Besseren belehrt. Zunächst hatten ihn die bohrenden Fragen der Banken dazu bewogen, einen Berater aufzusuchen, der sich auf Familienunternehmen spezialisiert hatte. Es folgte ein Nachfolgeprozess in vielen einzelnen Schritten. Das Ergebnis 16 Jahre später: Heute ist Volkmar Wywiol mit 28 Prozent zwar noch größter Teilhaber, hat aber jeweils 24 Prozent an seine drei Kinder übertragen. Eine Familienverfassung klärt, welche Rechte und Pflichten die Gesellschafter haben und wie hoch die Ausschüttungsquote sein darf. Ein dreiköpfiger Beirat wurde installiert, der mehrheitlich mit familienexternen Mitgliedern besetzt ist. Und: Sein Sohn Torsten ist seit 2010 CEO. Volkmar Wywiol ist zwar Mitglied der Geschäftsführung und verantwortlich für Marketing, Werbung und PR, berichtet aber an seinen Sohn und nimmt an den Geschäftsführersitzungen nicht teil. Torsten erklärt die Rolle seines Vaters so: „Mein Vater ist unser Joker, so wie Lukas Podolski, den ich in manch einer Situation gerne einsetze.“

Und so macht Volkmar Wywiol das, was ihm Spaß macht: Marketing. Dazu zählen auch die Weiterentwicklung des firmeneigenen Museums „MehlWelten“ und der Skulpturen-Galerie. Er ist froh, dass sein Sohn heute all das ihm „Unangenehme“ erledigt: kritische Gespräche mit Kunden, Mitarbeitern oder Banken führen sowie Organisations- und Führungsstrukturen modernisieren, wozu auch die Trennung von langjährigen Führungskräften gehörte, die dem Gründer Volkmar Wywiol einst geholfen hatten, die Firma groß zu machen.

Nur noch zweite Reihe

Vielleicht ist genau dieses Feingespür von Torsten Wywiol sein Geheimrezept: seinem Vater seine Spielwiese lassen und sich selber nichts vormachen. Sein Vater wird so lange ins Unternehmen kommen, bis er nicht mehr kann. Dagegen anzukämpfen bringt nichts, weiß der Sohn. Genau daran sind bereits viele Nachfolgen gescheitert.

Und zu guter Letzt lässt es sich mit Humor auch besser leben. „Heute laufen die Wetten schon, wer wohl zuerst in Rente geht“, grinst Torsten Wywiol. Während sein Vater keinerlei Altersgrenze akzeptiert, steht mittlerweile im Gesellschaftervertrag festgeschrieben, dass für alle nachfolgenden Geschäftsführer, einschließlich Torsten Wywiol, mit der gesetzlichen Altersgrenze Schluss ist in der operativen Geschäftsführung. Dann wäre Vater Volkmar 95 Jahre alt. Unsterblich aber glaubt sich Volkmar Wywiol nicht. Oder doch? Er weiß jetzt schon, was er auf seinem Grabstein geschrieben haben möchte: „Verrückte sterben nie!“

Info

Das Unternehmen: Schnelles Wachstum

Die Stern-Wywiol Gruppe GmbH & Co. KG ist ein Hersteller von Zusatzstoffen für Lebensmittel und Tierernährung sowie von Nahrungsergänzungsmitteln und handelt mit oleochemischen Spezialitäten. Beispiele sind Mehlverbesserungsmittel, Enzyme, Fleischadditive oder Aromen. Elf Spezialbetriebe produzieren innerhalb der Gruppe, die sich zu 100 Prozent in Familienbesitz befindet. Das 1980 in Hamburg gegründete Unternehmen setzte im Jahr 2015 mit etwa 1.000 Mitarbeitern 444 Millionen Euro um. Produziert wird an 18 Standorten weltweit, exportiert in über 135 Länder. Die Exportquote beträgt 80 Prozent. Zu Stern-Wywiol gehören auch ein Museum und eine Galerie. Volkmar Wywiol legte 2008 den Grundstein für das Museum „MehlWelten“ in Mecklenburg-Vorpommern, in dem ca. 3.100 Mehlsäcke aus 130 Ländern ausgestellt werden. Im Jahr 2012 rief er zudem die „Stern-Wywiol Galerie“ ins Leben, die heute als Empfang für den Firmensitz an der Außenalster dient und zeitgenössische Skulpturen zeigt.

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