Dr. Kristina Stabernack ist Alleininhaberin des Verpackungs- und Displayherstellers STI Group. Das Unternehmen hat sie nach dem Tod ihres Vaters einige Jahre geführt. Sie liebt das Unternehmen. Sie liebt aber auch ihre zweite Berufung – die Medizin. Kristina Stabernack sprach mit „wir“ über die Überwindung der inneren Zerrissenheit.

Frau Dr. Stabernack, Sie tragen geballte Verantwortung: als Ärztin für Ihre Patienten, als Gesellschafterin und Vorsitzende des Beirats für das Unternehmen und seine Mitarbeiter. Und Sie haben eine Stiftung für traumatisierte Kinder, Home for Kids e.V., gegründet, deren Vorsitzende Sie sind. Wird Ihnen das nicht zu viel?

Ich habe Verantwortung nie als Belastung empfunden. Ich sehe meine Welten auch nicht so getrennt, wie sie von außen betrachtet werden. Ich spreche allerdings nicht gern von Verantwortung. Ich spreche lieber von Aufgaben, die sich mir in meinem Leben stellen und die ich mittlerweile dankbar annehme und gerne erfülle.

Das war nicht immer so?

Nein. Ich erinnere mich an die vielen Nächte, in denen ich To-do-Listen abgearbeitet und neue erstellt habe. Ich hatte immer schon einen starken Willen, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt hatte. Und ich bin groß geworden in einer Unternehmerfamilie, in der nie irgendetwas gut genug war. Ich gebe gern, aber ich habe Schwierigkeiten, etwas anzunehmen oder für mich einzufordern. Das hat dazu geführt, dass ich mich zeitweise übernommen habe.


Sie wollten zunächst gar nicht in das Unternehmen, das Ihr Urgroßvater 1879 gegründet hat, einsteigen. Warum nicht?

Ich wollte mich nicht ins gemachte Nest setzen. Ich hatte das Gefühl, es nicht verdient zu haben, von dem zu profitieren, was mein Vater und seine Vorfahren aufgebaut haben. Ich habe viele Jahre gebraucht, meine Rolle als Unternehmerkind anzunehmen und zu akzeptieren.


Warum ist das so schwergefallen?

Das weiß ich nicht genau. Sicherlich hatte es damit zu tun, wie ich aufgewachsen bin. Mein Vater war in der hessischen Provinz um Lauterbach der größte Arbeitgeber. Jeder kannte mich als die kleine Tochter vom Stabernack. Mein Vater war engagiert und hat als Unternehmer auch mit Politikern verkehrt. Das war in den siebziger Jahren. Meine Eltern fürchteten Entführungen. Ich hatte Personenschutz, wurde immer über andere Wege zur Schule gefahren. Auch heute noch möchte ich lieber eine von vielen sein. In meinem Beruf als Medizinerin bin ich das. Dort weiß kaum jemand, dass mir ein großes Unternehmen allein gehört. Das empfinde ich als befreiend.


Trotzdem sind Sie ins Familienunternehmen eingestiegen. Warum?

Nach meinem BWL-Studium habe ich erst einmal das Weite gesucht, habe fast vier Jahre in Frankreich sowohl im eigenen Unternehmen als auch in anderen Unternehmen gearbeitet und zum Schluss die STI-Vertriebsgesellschaft in Frankreich aufgebaut. Eines Tages rief mein Vater mich an, er brauche meine Unterstützung. Er hatte sich mit seinem Halbbruder für eine Realteilung des Unternehmens entschieden. Ohne zu überlegen, kam ich seiner Bitte nach. Das war irgendwie ganz normal für mich. Ich bin ja mit dem Unternehmen groß geworden und habe schon zu Studienzeiten viel mit meinem Vater über das Unternehmen diskutiert. Diese Diskussionen sowie das Unternehmen selbst habe ich immer gemocht. Dass mir damit auch die Rolle der Unternehmertochter aufgebürdet wurde, dafür konnte das Unternehmen ja nichts. Erst als ich sah, dass mein Vater mich nicht richtig in die Verantwortung nahm und ich immer häufiger in Marketingaktivitäten versank und auf Veranstaltungen Blumen überreichte, entschied ich mich für ein zweites Standbein und studierte Medizin.

Wie hat Ihr Vater darauf reagiert? Schließlich war das eine Zurückweisung Ihrerseits.

Er und meine Mutter fanden das gar nicht gut. Warum ich das tun würde, ich sei mit meinen damaligen 31 Jahren doch zu alt, um ein neues Studium zu beginnen? Ich ließ mich nicht abbringen von meinem Plan. Als mein Vater im Jahr 1998 einen Schlaganfall erlitt, wurde ich dann doch wieder in die Firmengeschicke eingebunden. Mein Vater hatte nicht vorgesorgt, so dass außer ihm niemand befugt war, wichtige Dokumente zu unterschreiben.

Er konnte sich aber nicht mehr bewegen. Das war eine juristische Zwickmühle, und ich bin von einem Amt zum anderen gelaufen. Das war eine sehr harte Zeit, weil ich keine Geschwister habe und auf mich allein gestellt war. Mit meinem Vater konnte ich nur noch über seinen Augenschlag kommunizieren. Er hatte zwei Wochen nach meiner Promotionsfeier einen Schlaganfall erlitten und verstarb ein Jahr später an den Folgen. Seine Freude anlässlich meiner Promotion verstand ich erst später. Ich hatte etwas vollendet, was er begonnen hatte, denn vor dem Krieg hatte er Medizin studiert, musste aber nach Kriegsende das Geschäft seines Vaters wieder aufbauen und das Medizinstudium aufgeben.


Dann haben Sie die Leitung des Unternehmens doch übernommen und der Medizin wieder den Rücken gekehrt.

Ich musste und wollte das Unternehmen weiterführen, das ist schließlich die andere Seele in meiner Brust. Das Unternehmen ist ein Teil von mir. Ich verfolgte aber das Ziel, nur einige Jahre das Unternehmen zu leiten, währenddessen ein eigenständiges Management aufzubauen, um mich dann wieder auf die Medizin zu konzentrieren. Ich habe viel Lehrgeld in diesen Jahren gezahlt. Zunächst wurde mir von vielen Seiten nahegelegt, das Unternehmen zu verkaufen.

Die Perspektive fehle, hieß es, da ich weder Geschwister noch Kinder habe. Aber das kam überhaupt nicht in Frage. Unser Beirat empfahl mir daraufhin, einen Geschäftsführer einzustellen. Mein Gefühl war gegen diese Empfehlung. Aber da ich verunsichert war und selbst noch zu wenig Führungserfahrung hatte, stellte ich ihn trotzdem ein – mit dem Ergebnis, dass es nicht passte. Mit der Zeit habe ich gelernt, mehr auf mein Gefühl zu hören.

Info

Der Verpackungsspezialist und seine Inhaberin

Mit der Gründung einer Buchdruckerei legte Gustav Emil Stabernack 1879 das Fundament eines kleinen Imperiums. Wenig später erweiterte er sein Programm und begann mit der Produktion von Kartonnagen. Heute erwirtschaften 2.000 Mitarbeiter einen Umsatz von etwa 300 Millionen Euro. Das Unternehmen mit Sitz im hessischen Lauterbach produziert an 14 Standorten weltweit. Rund die Hälfte der größten europäischen Konsumgüterhersteller sowie führende Industriegüterunternehmen und Handelskonzerne zählen zu den wichtigsten Kunden der STI Group, darunter 20 der deutschen Top-30-Konzerne.

Dr. Kristina Stabernack, Jahrgang 1959, ist die vierte Generation der Familie. Die Alleininhaberin des Unternehmens studierte Betriebswirtschaft und Medizin und promovierte in der Krebsforschung. Nach dem Tod ihres Vaters im Jahr 1999 übernahm sie die Verantwortung zu 100 Prozent, baute ein eigenständiges Management auf und führt das Unternehmen heute als Beiratsvorsitzende. Sie beschleunigte die Internationalisierung und stieg in das Geschäft mit Langzeitdisplays ein, die mittlerweile ein wichtiges Standbein des Unternehmens sind. Da sie selbst keine Kinder hat, das Unternehmen aber auch in Zukunft langfristig als Familienunternehmen weitergeführt sehen möchte, hat sie Prof. Dr. Frank Ohle, CEO der Firmengruppe, als Erben eingesetzt.

Dr. Kristina Stabernack engagiert sich nicht nur im familieneigenen Unternehmen und in der Medizin, sie hat auch den Verein „Home for kids e.V.“ gegründet, der die psychotherapeutische Arbeit mit traumatisierten Kindern in Hamburg und Deutschland sowie in Kriegsgebieten unterstützt. In Hamburg wurde der STI Group deshalb auch die Max- Schmeling-Medaille für außergewöhnliches gesellschaftliches Engagement verliehen.

Sie haben eine Nachfolgelösung gefunden: Prof. Frank Ohle, dem langjährigen CEO der STI Group, werden Sie die Firmenanteile übertragen. Was macht Sie so sicher, dass er die Firma auch wirklich so leiten wird, wie Sie das möchten?

Zunächst einmal stimmt mein Gefühl. Ich sage mit Überzeugung „Ja“ zu meinem Geschäftsführer. Dann stimmen auch die Zahlen. Das Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren prächtig entwickelt und den Umsatz nahezu verdoppelt. Ich vertraue ihm voll und ganz und bin mir sicher, dass er das Unternehmen in meinem Sinne fortführen wird. Er kommt selber aus einer Unternehmerfamilie und hat zwei Söhne, die sich für das Unternehmen interessieren. So bleibt die STI Group ein Familienunternehmen. Von Stiftungslösungen halte ich nicht viel. Da fehlt der unternehmerische Kopf.


Hat sich Ihr Verhältnis zum Unternehmen geändert, seitdem Sie in den Beirat gewechselt sind? Auch geographisch leben Sie in Hamburg auf Distanz zum hessischen Lauterbach.

Nein, für mich ist das Unternehmen immer präsent, egal ob ich operativ arbeite oder woanders lebe. Es ist mein Wegbegleiter. Ich bin überzeugt, dass ein guter Beirat vor allem das Gespür für Chancen haben muss. Dabei ist es sekundär, welche Ausbildung ein Beiratsmitglied hat. Es muss auch nicht unbedingt alle Zahlen immer parat haben. Die Stärke sollte darin liegen, Entwicklungen zu erkennen und Menschen zu verbinden.


Fühlen Sie sich freier, nachdem Sie Ihre eigene Nachfolge geklärt haben?

Ich fühle mich heute freier, aber das hat nicht nur mit meiner Nachfolgeentscheidung zu tun. Mir sind viele Dinge klargeworden in den vergangenen Jahren. Dadurch kann ich mit den vielfältigen Erwartungshaltungen an mich viel besser und gelöster umgehen. Natürlich fühlte ich mich damals gefangen im Zwiespalt und war hin- und hergerissen zwischen der Welt des Unternehmens und der der Medizin. Aber ich betrachte mittlerweile alles als eine große Einheit. Ich kenne die Zerrissenheit vieler junger Nachfolger, weil ich es selber auch so empfunden habe. Ich kann nur raten, Geduld zu haben und achtsam mit sich selbst und seinen eigenen Bedürfnissen zu sein. Diese wirklich herauszufinden bedarf einer gewissen Lebenserfahrung. Jeder merkt doch in bestimmten Lebenssituationen: Mensch, hier funktioniert etwas nicht so richtig. Das sollte man nicht ignorieren. Heute habe ich diese Erfahrung und bin froh, den Einklang zwischen beruflichen und persönlichen Interessen gefunden zu haben, um damit dem nachhaltigen Unternehmenserfolg zu dienen.

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