Seit 1987 gehört die Würth Gruppe den Würth-Familienstiftungen. Die Familie hat dadurch keinerlei Besitzansprüche am Unternehmen, gestaltet aber über die Gremien mit. Bettina Würth als Beiratsvorsitzende. Wie viel Familie steckt noch in dem Milliardenkonzern für Montage- und Befestigungstechnik?

Bettina Würth richtet die grünen Kissen auf dem Sofa. Snacks und Himbeerkuchen stehen für Gäste bereit. Das Haus, gut 20 Minuten von der Firmenzentrale in Künzelsau entfernt, ist ein Rückzugsort für Besprechungen, Zusammenkünfte und Workshops der Würth-Gruppe. Hier kann gemeinsam gekocht, auf der Terrasse sinniert werden, umgeben von dichter Vegetation. Hier ist es ruhig.

Robert Friedmann (56) und Bettina Würth (60) nehmen nebeneinander Platz. Die beiden arbeiten seit 16 Jahren zusammen. Robert Friedmann ist seit 2005 Sprecher der Konzernführung der Würth-Gruppe, Bettina Würth seit 2006 Vorsitzende des Beirats. Sie haben gute und schlechte Zeiten erlebt. „Reinhold und Bettina Würth strahlen in Krisen ein hohes Maß an Ruhe aus“, sagt Friedmann. „Sie verbreiten keine Panik, das hilft, um solch ein großes Unternehmen durch Krisen zu führen. Wir steuern auf 20 Milliarden Euro Umsatz zu.“

Seit die beiden zusammenarbeiten, hat erst die Finanzkrise das Unternehmen durchgeschüttelt und herbe Umsatzeinbrüche beschert. Dann kam die Coronakrise, die den Umsätzen dank Umbau- und Renovierungsboom zwar nicht geschadet hat, aber viele der 84.000 Mitarbeiter, die meisten davon im Ausland, mussten ins Homeoffice geschickt und die Kommunikation aufrechterhalten werden. Aktuell schüren die Kriegsfolgen noch mehr Unsicherheit über die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung des Konzerns und der Weltwirtschaft. Im Jahr 2021 setzte die Würth-Gruppe 17,1 Milliarden Euro um, das Betriebsergebnis lag bei 1,2 Milliarden Euro.

Woher kommt die Ruhe der Familie Würth? „Es ist einfacher, wenn man das Unternehmenseigentum nicht im Nacken hat. Dieser Druck, das Eigentum zu wahren oder sich Gedanken darüber zu machen, wer wie viele Anteile bekommen soll – der ist bei uns dank der Stiftungskonstruktion nicht da“, sagt Bettina Würth. Die Verantwortung, die sie nun trägt, ist eine andere. Sie konzentriert sich auf ihre Aufgabe als Beiratsvorsitzende.

Wie Reinhold Würth seine Familienstiftungen aufsetzte

Die heutige Stiftungskonstellation geht auf ihren Vater Prof. Dr. h.c. mult. Reinhold Würth zurück, heute Vorsitzender des Stiftungsaufsichtsrats der Würth-Gruppe. Er hat 1987 seine Firmenanteile in fünf privatnützige Familienstiftungen eingebracht, die seine Nachkommen ausreichend versorgen. Außerdem errichtete er im gleichen Jahr gemeinsam mit seiner Frau Carmen die gemeinnützige Stiftung Würth. Die Familie hält keine Firmenanteile mehr, benennt aber die Mehrheit der Mitglieder des Stiftungsaufsichtsrats und des Beirats der Würth-Gruppe und entscheidet somit über wesentliche strategische Weichenstellungen des
Unternehmens mit (siehe Kasten).

Sehenden Auges ans Steuer: Robert Friedmann ist seit 30 Jahren bei Würth.

Sehenden Auges ans Steuer: Robert Friedmann ist seit 30 Jahren bei Würth. / Foto: Frank Blümler

Unter diesem Konstrukt mit eigenen Governance-Regeln wirkt die Familie im Unternehmen Würth mit. Wohlgemerkt: „Nicht im Operativen“, bekräftigt Robert Friedmann. Diese Mitwirkung folgt dabei unterschiedlichen Mustern. Es gibt zum einen die formelle Kommunikation. Der Beirat der Würth-Gruppe, der mehrheitlich aus familienfremden Mitgliedern besteht, überwacht und kontrolliert die Konzernführung und beruft deren Mitglieder. In einem Regelwerk, dem „Kompendium“, sind Rechte und Pflichten festgehalten, es gibt institutionalisierte Sitzungen, wie Bettina Würth erklärt. „Wir haben eine strenge Protokollkultur.“

Zum anderen gibt es eine Menge spontaner Kommunikationskanäle zwischen Familie und Konzernführung. Ein systematischer Dialog darüber, wer aus der Familie wann mit welchem Führungsmitglied sprechen darf, findet nicht statt. „Jeder bewegt sich frei und ist jederzeit ansprechbar, die Familie ist in das Unternehmen verwoben“, sagt Bettina Würth. Robert Friedmann nickt und fügt hinzu: „Es sind ja noch nicht so viele Familienmitglieder wie bei anderen großen Familienunternehmen, das ist alles überschaubar.“ Der Draht zwischen Robert Friedmann und Bettina Würth ist sehr kurz, ihre Büros liegen nah beieinander, sie sprechen manchmal mehrmals am Tag. Auch die drei Vertreter der Nachfolgegeneration (siehe Kasten), seit einigen Jahren in unterschiedlichen Funktionen im Unternehmen tätig und in den Gremien vertreten, suchen den kurzen Weg zur Konzernführung, wenn es ein Thema gibt, das sie besprechen möchten.

Bettina Würth und der Krieg in der Ukraine

Und auch ohne offizielle Funktion oder Position strahlt die Familie ins Unternehmen. So setzt Bettinas Schwester Marion, die einen Demeterhof nahe des Firmenstandorts in Künzelsau betreibt, immer wieder Impulse zu Nachhaltigkeitsthemen. Die Familie nimmt für das Unternehmen auch zu gesellschaftlichen und politischen Fragen Stellung. „Wir brauchen eine Haltung“, sagte Beiratsvorsitzende Bettina Würth kurz nach Ausbruch des Ukrainekriegs.

Die Familie entschied, die Belieferung der russischen Gesellschaften der Würth-Gruppe zu stoppen und sich von diesen über einen Management-Buy-out zu trennen. Und das, obwohl die Familie eine enge Bindung zu Russland hat. „Wir kennen viele Menschen in Moskau. Ich selbst habe Russland mit meiner Familie mit der Transsibirischen Eisenbahn bereist, bis nach Wladiwostok. Das war wunderbar“, sagt Bettina Würth.

Info


Reinhold Würth seine Firmenanteile 1987 in fünf privatnützige Familienstiftungen übertrug, gab er ihnen jeweils die Namen seiner Ehefrau Carmen, seines Vaters Adolf und seiner drei Kinder Bettina, Marion und Markus. Im gleichen Jahr errichtete er gemeinsam mit seiner Frau Carmen die gemeinnützige Stiftung Würth, die Projekte in den Bereichen Kunst und Kultur, Bildung und Erziehung sowie Forschung und Wissenschaft fördert. Der Stiftungsaufsichtsrat aller Stiftungen setzt sich aus fünf Personen zusammen. Drei Mitglieder werden durch die Familie gewählt, zwei Mitglieder kooptieren, das heißt, sie wählen ihre Nachfolger selbst. Vorsitzender des Aufsichtsrats aller Stiftungen ist Reinhold Würth, der sich in den Satzungen Sonderrechte bei allen Entscheidungen vorbehalten hat. Der Beirat der Würth-Gruppe besteht aus neun Personen, von denen fünf durch die Familie und vier durch den Stiftungsaufsichtsrat bestimmt werden. Vorsitzende des Beirats ist Bettina Würth.

Im Juli verriet Reinhold Würth der „Heilbronner Tageszeitung“ seine Zukunftspläne für die beiden Söhne von Bettinas Schwester Marion Würth (63): Sebastian (37) soll den Beiratsvorsitz von Bettina übernehmen und Benjamin (41) ihm selbst als Vorsitzender des Stiftungsaufsichtsrats folgen. Bettinas Tochter Maria Würth, eines von vier Kindern, ist stellvertretende Geschäftsbereichsleiterin für den Bereich Kunst und Kultur in der Würth-Gruppe, Mitglied im Kunstbeirat der Würth-Gruppe sowie im Vorstand der gemeinnützigen Stiftung Würth.

Und Reinhold Würth funkt noch munter aus dem Stiftungsaufsichtsrat heraus, ohne dass er sich mit den anderen Gremien oder der Konzernführung abspricht: sei es mit Kommentaren zu Politikern oder zu Gewerkschaften; sei es mit seinen Briefen an die Belegschaft, die manchmal ihren Weg in die Öffentlichkeit finden. Oder er ruft direkt bei Pressechefin Sigrid Schneider an, wenn er eine konkrete Frage hat. Allerdings sind „die Blitze vom Zeus weniger geworden“, wie Bettina Würth kürzlich dem „Handelsblatt“ sagte.

Ohne Zweifel, die Familie ist im Konzern präsent. „Wir wohnen hier ja auch mehr oder weniger alle zusammen um das Unternehmen herum, unsere Wege sind auch physisch kurz“, erklärt Bettina Würth. Robert Friedmann scheint sich in all den Jahren mit dem Familieneinfluss arrangiert zu haben. „Was Reinhold Würth sagt, findet Gehör“, sagt Friedmann und erzählt von der Jubiläumsfeier in diesem Sommer, zu der mehr als 10.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie deren Angehörige eingeladen waren. „Als er sprach, war die Menschenmenge mucksmäuschenstill.“ Für Friedmann ein Zeichen des Anstands und des Respekts, der dem Gründer entgegengebracht wird.

Robert Friedmanns Weg bei Würth

Bevor Robert Friedmann Sprecher der Konzernführung der Würth-Gruppe wurde, war er bereits 15 Jahre im Unternehmen, er wusste also, worauf er sich einließ. Die Zusammenarbeit und die Aufgabenverteilung seien keinem zuvor definierten Prozess gefolgt, sondern haben sich evolutionär entwickelt, sagt er. Das Regelwerk, die Rahmenbedingungen, der Spielraum für die Konzernführung hätten sich kontinuierlich weiterentwickelt – innerhalb der vorgegebenen Rahmen der Eigentümerstiftungen mit ihren Satzungen und Stiftungszwecken.

Vertrauen fällt als Wort oft, vor allem bei Friedmann. Er meint damit das Verhalten der Familie in der Krise. „Wir sind uns schnell einig, besinnen uns auf das Wesentliche. Liquidität lautet in einer Krise das Gebot der Stunde. Das ist wichtiger als Rendite“, sagt er und fügt hinzu: „In guten Zeiten ist das Diskussionspotential größer, denn dann geht es um die Frage, wo und wie wir investieren. Über die Wege zu einem strategischen Ziel lässt sich vortrefflich streiten.“ Friedmann meint mit Vertrauen aber auch die einfachen Dinge im Alltag, zum Beispiel ob er Bettina Würth in bestimmten Mails mit in Kopie nimmt oder nicht.

Ob die junge Generation um Maria, Sebastian und Benjamin Würth, die wiederum zum Teil auch bereits Kinder haben, überlegt, ob und wie der Familieneinfluss in den nächsten Jahren gebündelt oder kanalisiert werden sollte, bleibt offen. Auf die Arbeit an einer Familiencharta hat die Familie bislang verzichtet. „Wir brauchen so etwas nicht, wir müssen ja keine Besitzfragen klären, es gibt schlichtweg keine Erben“, sagt Bettina Würth. „Es ist ein wunderbares Gefühl, nicht für Eigentumsfragen verantwortlich zu sein. Das gibt mir Freiraum, Leichtigkeit und Sicherheit.“

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