„Bildung als Chance“ ist eines der größten Collective-Impact-Projekte im Kampf gegen Bildungsarmut in Deutschland und wird von der Haniel Stiftung koordiniert. Fachwissen, Zeit, Ressourcen und Erfahrung von Akteuren aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik werden hier gebündelt. Wie gelingt bei so vielen Playern effiziente Zusammenarbeit?

Dass viele Köche nicht zwangsläufig den Brei verderben müssen, zeigt das Kooperationsprojekt Bildung als Chance (BaC) aus Duisburg: Dabei verzahnen die drei Sozialunternehmen apeiros e.V., Chancenwerk e.V. sowie die Teach First Deutschland gGmbH ihre Arbeit, um die Zukunftschancen bildungsbenachteiligter Kinder in der Stadt gemeinsam zu verbessern und die Schulabbrecherquote zu senken. Initiiert wurde es im Jahr 2010 von der in Duisburg ansässigen Franz Haniel und Cie. GmbH, einem mit der Stadt tief verwurzelten Familienunternehmen. 2013 ging das Projekt in den Verantwortungsbereich der Haniel Stiftung über, die es seitdem gemeinsam mit Ashoka Deutschland koordiniert und begleitet und auf dem Deutschen Stiftungstag im Mai in Leipzig vorstellte.

Das Konzept von BaC beruht auf der Idee des Collective Impact. „Das bedeutet“, sagt Dr. Rupert Antes, Geschäftsführer der Haniel Stiftung, einleitend, „bei der Lösung komplexer sozialer Probleme gemeinsam mehr zu erreichen als jeder für sich genommen.“ Collective- Impact-Projekte im Bildungsbereich sind in Deutschland jedoch noch nicht sehr verbreitet. Sozialunternehmen, Organisationen und Initiativen konkurrieren mit ihren jeweiligen eigenen Ansätzen um Fördermittel, und obwohl sie hervorragende Arbeit leisten, bleibt diese dann meist nur Stückwerk. Seitens der Schulen fehlt es an Personal, Zeit und Koordination, um die betreffenden Schüler intensiv zu betreuen, und Jugendämter und Eltern werden oft zu spät kontaktiert. Die Bildungslandschaft ist folglich viel zu fragmentiert, um ein gesamtgesellschaftliches Problem im Alleingang lösen zu können. Um sich der Bildungsarmut in bestimmten Gegenden in Duisburg zu stellen, holten die Initiatoren des Projektes die folgenden Akteure an einen Tisch:

  • die Vertreter aus der Kommune Duisburg und dem Land Nordrhein-Westfalen,
  • Ashoka Deutschland, eine gemeinnützige Organisation, die Sozialunternehmer unterstützt und Gründungspersönlichkeiten im sozialen Bereich aufspürt und ihnen Rückenwind gibt,
  • apeiros e.V., arbeitet im Bereich Schulabsentismus und liefert zum Thema Schulverweigerung eine differenzierte Diagnostik des betreffenden Kindes, hilft mit Elterngesprächen und Hausbesuchen, abwesende Kinder wieder zum Lernen zu motivieren, und unterstützt Schulen mit einem ausgefeilten Fehlzeitenmanagementsystem, das frühzeitig Schüler identifiziert, die immer unregelmäßiger zur Schule kommen,
  • Chancenwerk e.V., ermöglicht Lernförderung für Schüler aus finanziell schwachen Familien mittels sogenannter Lernkaskaden: Oberstufenschüler erhalten kostenlose Intensivkurse von Studenten in ihren schwachen Fächern und geben als Gegenleistung jüngeren Schülern Nachhilfe in ihren starken Fächern,
  • Teach First Deutschland gGmbH, bringt herausragende Hochschulabsolventen an Schulen in sozialen Brennpunkten, die sich dort im Rahmen eines zweijährigen Fellow-Programms in Vollzeit für Chancengerechtigkeit für benachteiligte Kinder und Jugendliche einsetzen.

Das gemeinsame Ziel war schnell festgelegt: jene Kinder erreichen, deren Schulabschluss in Gefahr ist. Das wollten alle Akteure. Dafür kämpfen sie auch eigenständig seit Jahren in Duisburg (und deutschlandweit) – nur auf unterschiedlichen Wegen. In keiner anderen Stadt im Ruhrgebiet brechen so viele Kinder die Schule ab, mit 7 Prozent ist sie der traurige Spitzenreiter. „Wir wollen an alle 31 Duisburger Haupt-, Real- und Gesamtschulen“, formuliert Antes weiter. Nun ging es aber erst einmal darum, eine gemeinsame Organisationsstruktur zu finden, Leistungsindikatoren zu entwickeln, die eigene Komfortzone zu verlassen und vor allem auch, sich zu vertrauen. Das passiert nicht mal eben an drei Nachmittagen. „Es gibt zwar einmal im Monat ein Netzwerkmeeting, aber eigentlich sitzen wir ständig zusammen“, erzählt Antes. „Gemeinsame Ideen entwickeln ist das eine, sie umsetzen das andere. Dazu braucht es Ausdauer. Da rauchen schon mal die Köpfe, und manchmal müssen wir auch streiten“, lacht Murat Vural, geschäftsführender Vorsitzender von Chancenwerk.

In den Anfangsjahren wurde in erster Linie eine gemeinsame Wirkungskette erarbeitet, bei der sichtbar wird, wie und wo die Aktivitäten der drei Partner ineinandergreifen: Vereinfacht gesagt, können diese bei dem Schüler ansetzen, der die Schule verweigert und dessen Abschluss dadurch gefährdet ist. Mit Hilfe von apeiros wird er wieder in das Regelschulsystem eingegliedert. Ein Fellow von Teach First Deutschland, der an der Schule für zwei Jahre in Vollzeit tätig ist, begleitet ihn und andere Schüler individuell und ist deren Ansprechpartner und Vertrauter. Durch das Nachhilfesystem von Chancenwerk wird der Schüler von einem Studenten weiter unterstützt und kann im Gegenzug seine Stärken an jüngere Schüler weitergeben. Die ganze Wirkungskette funktioniert wie eine Art kollegiale Supervision, in der sich Fellows, Studenten, Lehrer und Sozialarbeiter gegenseitig austauschen und beraten.

Info

Das Budget von “Bildung als Chance”

Für das Gesamtprojekt stehen von der Haniel Stiftung jährlich 250.000 Euro zur Verfügung. Dabei gehen 100.000 Euro an Teach First Deutschland, 90.000 Euro an das Chancenwerk und 60.000 Euro an Ashoka Deutschland. Die Initiative apeiros wird durch die Welker Stiftung mit im Schnitt 50.000 Euro im Jahr unterstützt. Als weiterer Unterstützer konnte die Sparkasse Duisburg-Stiftung mit je 20.000 Euro für die Jahre 2015/16 und 2016/17 gewonnen werden. Die Duisburger Schulen beteiligen sich in den Schuljahren 2015/16 und 2016/17 durch Kapitalisierung nicht besetzter Lehrerstellen insgesamt mit 45.000 Euro.

Die Haniel Stiftung und Ashoka halten sich aus dem operativen Geschehen heraus. Sie fungieren als eine Art Klammer um das Projekt, finanzieren und koordinieren es und liefern einheitliche Ansprechpartner in allen Verwaltungsangelegenheiten, so dass die drei Sozialunternehmen sich auf ihre konkrete Arbeit konzentrieren können. Diese wiederum ist von Schule zu Schule verschieden und hängt im Wesentlichen von den Gegebenheiten und Bedürfnissen vor Ort ab. „Wie und in welchem Umfang wir an der Schule zusammenarbeiten, können wir im Vorfeld nicht genau absehen“, erklärt Antes, „so kann es auch vorkommen, dass einer der drei gar nicht gebraucht wird. Unser Ziel ist es aber, als gemeinsame Marke BaC wahrgenommen zu werden.“

Das gebündelte Auftreten öffnet auch die Türen zur Politik und erleichtert die Lobbyarbeit. Die Stadt Duisburg ist ein wichtiger Partner, man profitiert gegenseitig von dem Projekt. Da, wo die Stadt finanziell nicht mehr leisten kann, kommt BaC ins Spiel, und umgekehrt kann die Stadt viel gezielter Fördermittel einsetzen. „Bildung als Chance“ ist mittlerweile fest in der Region verankert und wird gern als Leuchtturmprojekt beschrieben, das zeigt wie Sozialunternehmen, Kommune und Zivilgesellschaft erfolgreich zusammenarbeiten können. An mittlerweile 20 Schulen ist die Initiative vertreten, davon an vier Schulen mit allen drei Partnern, an sechs mit mindestens zwei Partnern.

„In der Theorie hört sich das wahrscheinlich einfach an, es stecken aber viele ungezählte Arbeitsstunden darin“, sagt Antes, „und ohne eine gehörige Portion Idealismus kann man so ein Projekt vermutlich nicht stemmen.“ Vor allem steckt wie so oft der Teufel im Detail. „Das Projekt steckt noch in der Implementierungsphase“, sagt er, „das Centrum für soziale Investitionen und Innovationen in Heidelberg und die Universität Duisburg-Essen sind gerade mit der Evaluierung beauftragt. Konkrete Zahlen können wir noch nicht umfassend liefern, die qualitativen Einschätzungen seitens der Beteiligten sind aber durchweg positiv.Und wir sitzen weiterhin sehr oft zusammen und feilen daran, was wir besser machen können.“

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