Klaus Hellmann holte den Wirtschaftsinformatiker Jürgen Burger in das höchste Führungsgremium von Hellmann Worldwide Logistics. Ist der CIO und Netzwerkexperte der Chefstratege der Zukunft?

Klaus Hellmann nimmt es gelassen. „Natürlich verändert die Digitalisierung unsere Gesellschaft, unser Unternehmen und unsere Arbeitswelt. Na und?“ Klaus Hellmann ist Realist und Visionär zugleich. „Es ist irrelevant, ob wir die Digitalisierung für gut befinden oder nicht. Die durch und durch vernetzte Welt wird kommen, und je schneller wir das als Chance begreifen und die Chancen nutzen, umso besser“, ist Klaus Hellmann (66) überzeugt. Für ihn sind die selbstfahrenden Lkw und die selbstfliegenden und sich selbst steuernden Container keine Zukunftsmusik, sondern schon bald Realität. Es sei alles nur eine Frage der Zeit.

Gemeinsam mit seinem Vetter Jost Hellmann ist er Geschäftsführender Gesellschafter der Hellmann Worldwide Logistics GmbH & Co. KG. Das Familienunternehmen, das im Jahr 1871 mit dem Transport von Gütern mit Pferdefuhrwerken begann, ist heute in einem Netzwerk mit etwa 20.000 Beschäftigten in 157 Ländern tätig. Hellmann setzt knapp 3 Milliarden Euro um und bearbeitet täglich 77.500 Sendungen. Während für Hellmanns Vorfahren das Management des realen Gütertransports eine komplexe Herausforderung war, dominiert heute das Management der Datenströme die Alltagsagenda der Cheflogistiker.

Klaus Hellmann witterte die Chance der Informationstechnologie vor über 30 Jahren. In den achtziger Jahren begann er, mit IBM-Computern zu handeln und eine eigene Software zu entwickeln. Daraus ist ein eigener Geschäftsbereich entstanden; dieses Tochterunternehmen existiert heute noch immer und beschäftigt etwa 100 Mitarbeiter. Mit seinem IBM Portable PC, einem sperrigen Kasten, reiste er damals oft nach Asien und in die USA. Die ITAffinität in diesen Ländern habe ihn fasziniert, sagt er heute noch.

Mit Tradition dagegen scheint er nicht so viel anfangen zu können. Am Stammsitz Osnabrück – sein Vetter Jost leitet den Stammsitz in Hamburg – reihen sich in Vitrinen nur wenige historische Fotos von Pferdekarren und den ersten Lkw. Deutlich mehr Raum wird seinen alten IBM-Rechnern und anderen elektronischen Endgeräten bereitgestellt. Klaus Hellmann schaut ungern zurück, lieber nach vorn.

So wie vor über zehn Jahren: Das Familienunternehmen war in den achtziger und neunziger Jahren rasant gewachsen. Innerhalb von 20 Jahren hatte sich der Umsatz bis zur Jahrtausendwende verzwanzigfacht, Auslandsgesellschaften waren hinzugekommen, Firmen übernommen worden. Es gab verschiedene Plattformen mit verschiedenen IT-Systemen. Klaus Hellmann sah die Notwendigkeit einer ganz großen Lösung. „Es wurde höchste Zeit, unsere gesamte Wertschöpfungskette in einem einzigen System abzubilden“, sagt er. Er wusste auch: Das konnte er nicht allein stemmen. So machte er sich auf die Suche nach einem geeigneten Kandidaten, einem, der ihm das Wasser reichen konnte, der ihm auf Augenhöhe begegnete. Und er fand Jürgen Burger (47). Aus einem ursprünglich geplanten einstündigen Bewerbungsgespräch wurde eine fünfstündige Diskussion. Hellmann zauderte nicht lange, am Folgetag hörte Burger die Zusage auf seiner Mailbox ab.

Still im Hintergrund

Burger ist Bankkaufmann und Wirtschaftsinformatiker, analytisch, smart, freundlich zurückhaltend. Fast zehn Jahre hat er bei der ITStrategieberatung Accenture gearbeitet. Im Jahr 2005 stieg er bei Hellmann ein, wurde Chief Information Officer (CIO) und ist heute Mitglied des obersten Führungsgremiums, des Main Boards. In der Deutschland-Geschäftsführung hat Klaus Hellmann im vergangenen Jahr seinen Platz für Jürgen Burger geräumt.

Zuvor aber musste sich Jürgen Burger beweisen. Er wurde Projektchef des Mammutprojektes Hellmann Information and Organization System, kurz HELIOS. Ziel ist es, alle Transport- und Logistikanwendungen in einer Informationslandschaft auf einer einzigen Plattform zu integrieren. Es geht um die gesamte Wertschöpfungskette, alle Bereiche werden erfasst, angefangen von den CRM-Prozessen über die Finanz- und Personalprozesse bis hin zum Auftragsmanagement und der Integration der Lagerlogistik. Das klingt abstrakt. Konkret bedeutet HELIOS ein Investitionsvolumen von etwa 50 Millionen Euro. Über acht Jahre erstreckt sich dieses Projekt bereits und dauert weiter an.

„In kapitalgetriebenen Unternehmen ist so ein Projekt gar nicht möglich“, sagt Burger. „Dort hat niemand so einen langen Atem.“ Das Familienunternehmen Hellmann hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, den „passenden Maßanzug selbst zu schneidern“. Sprich: Die technische Plattform und die zugehörigen Softwareprogramme werden überwiegend inhouse entwickelt. Das ist aufwendig, das ist teuer. „IT-Programme von der Stange, z.B. für HR-Prozesse, kaufen wir zwar ein, aber nicht für unsere Kernkompetenz, für die Logistik“, sagt Burger.

Obwohl das Projekt sich im Zeitplan bewegt, sei es nicht einfach gewesen, die Mitarbeiter in diesem Prozess alle mitzunehmen und zu begeistern. „Das Ergebnis ist zunächst nicht greifbar und liegt in weiter Ferne“, erklärt Burger. Auch Klaus Hellmann sieht die größte Herausforderung im digitalen Wandlungsprozess im Menschen selbst, dem die Geschwindigkeit der Veränderungen zu schaffen macht. „Wir brauchen Menschen mit digitalem Spirit und digitaler Denkfähigkeit.“ Er braucht mehr Menschen wie Jürgen Burger. Denn Klaus Hellmann ist überzeugt: „Die Rolle des CIO wandelt sich. Bis vor einigen Jahren noch war der CIO Chef der IT-Organisation und hat IT-Prozesse überwacht. Heute trägt der CIO entscheidend zur Unternehmenswertsteigerung bei. Wir können den Wertbeitrag von Informationssystemen in Zahlen messen.“

Papierlose Zukunft?

Aber Menschen wie Jürgen Burger gibt es nicht wie Sand am Meer. Daher muss Klaus Hellmann Arbeitsbedingungen schaffen, die Menschen wie Jürgen Burger anziehen. Dabei lässt er sich gern auf seinen Reisen von erfolgreichen IT-Unternehmen inspirieren. Im Jahr 2008 wurde am Standort Osnabrück ein Bürogebäude komplett neu konzipiert und eingeweiht, ein alter Getreidespeicher zur Unternehmenszentrale umgebaut. Das offene Raumkonzept, das bereits mehrfach prämiert wurde, soll Kollegen, Kunden und auch Besucher animieren, sich intensiver auszutauschen. Und wenn wirklich alle Arbeitsschritte und Prozesse digitalisiert sind, soll in den Büros papierlos gearbeitet werden. Das Vorstandsbüro sowie das Vorzimmer hat Klaus Hellmann sowieso schon abgeschafft. Wenn er in Osnabrück ist, sucht er sich erst einmal einen freien Arbeitsplatz. Genau wie Jürgen Burger.

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