Die totale Vernetzung der Wirtschaft lässt sich nicht aufhalten. Unternehmen, die ihre Geschäftsmodelle nicht anpassen, könnten schon bald obsolet sein, warnt Karin Frick, Forschungsleiterin für Zukunftstrends und Mitglied der Geschäftsleitung am Gottlieb Duttweiler Institute in Zürich.

Frau Frick, die digitale Vernetzung von Wertschöpfungsketten – kurz Industrie 4.0 – konzentriert sich bislang vor allem auf die Fertigungstechnik. Inwieweit werden diese Prozesse der Verbindung von Menschen, Objekten und Systemen zu dynamischen, echtzeitoptimierten und sich selbst organisierenden Wertschöpfungsnetzwerken auch in anderen Bereichen und Branchen Einzug halten?

Wir sind schon relativ weit. In jedem Unternehmen werden alle Prozesse digital erfasst. Aber sie sind bislang noch nicht miteinander verbunden. Technisch ist die Vernetzung überhaupt kein Problem, denn es ist schon jetzt alles über die gesamte Wertschöpfungskette anschlussfähig. Es fehlt lediglich der Wille.

Warum?

Die Wertschöpfungsketten digital zu vernetzen bedeutet einen radikalen Umbau der Organisation. Menschen verändern sich aber nicht gern. Zudem wird diese Veränderung auch Verlierer hervorbringen. Eventuell werden sogar die heutigen Entscheider davon betroffen sein. Wenn diese ihre Position gefährdet sehen, werden sie sich mit dem Umbau nicht beeilen.

Welche Wirtschaftsbereiche werden betroffen sein?

Diese revolutionäre Veränderung wird sich auf alles und alle bewir_ fokus ziehen, die in irgendeiner Form am Wirtschaftssystem teilnehmen. Es werden Branchencluster entstehen, die wiederum mit anderen Clustern vernetzt sind. Außerhalb des Netzes wird eine wirtschaftliche Tätigkeit kaum mehr möglich sein.


Wie wird dieses Wirtschaftssystem organisiert sein?

Der Austausch zwischen den Wertschöpfungsnetzen wird direkter sein, als wir das heute kennen. Gewisse Organisationsformen wie beispielsweise der Zwischenhandel werden wegfallen. Es wird günstigere und schnellere Verbindungen vom Produzenten zum Endkonsumenten geben.

Wie lange wird es dauern, bis wir diese Umstellung vollzogen haben?

Es wird eine Generation dauern, bis wir unsere Organisationsstruktur neu ausgerichtet haben. Das alte und das neue System werden erst einmal eine Weile lang parallel existieren. Doch der Takt wird von denjenigen angegeben werden, die jetzt auf Innovation und neue Businessmodelle setzen. Sie werden die alten Geschäftsmodelle mittelfristig ersetzen. Das alles wird nicht über Nacht geschehen, denn die Menschen werden ihre Gewohnheiten und Fähigkeiten nicht so schnell verändern. Wenn die Unternehmen in der Ent wicklung schneller sind als ihre Kunden, fehlt die Nachfrage. Aber es ist eine zwangsläufige Entwicklung. Was passiert, wenn man sich dieser Entwicklung verschießt, kann man am Beispiel der Musikbranche sehen und gerade an der Medienbranche nachvollziehen.


Welche Gefahren gehen für die Unternehmen von der totalen Vernetzung aus?

Es besteht die Gefahr, dass das Unternehmen obsolet wird, weil das Geschäftsmodell nicht mehr trägt. Jedes Unternehmen wird zu einem Softwareunternehmen werden. Bei allen Wirtschaftsprozessen wird es darum gehen, Datenströme zu managen. Das ist ein völlig neues Konkurrenzumfeld. Sich zu wehren oder es auszusitzen bringt nichts. Jeder Unternehmer sollte sich überlegen, welche Rolle sein Unternehmen im Zeitalter von Industrie 4.0 spielen könnte und für welche Leistung die Menschen in einer total vernetztenGesellschaft bereit sind, Geld zu bezahlen.


Da dürfte vielen die Phantasie fehlen.

Als Unternehmer sollte man sich fragen: Was würde Google tun?

Ist Google der Maßstab aller Dinge?

Eigentlich gehören neben Google auch Amazon, Facebook und Apple dazu. Diese Unternehmen haben verstanden, dass es vor allem um Software geht. Sie beherrschen die Fähigkeit, Daten zu sammeln und auf Basis dieser Daten den Kunden neue Angebote zu machen. Insbesondere Google kann inzwischen jeden Lebensbereich erschließen.

Aber auch die Unternehmen Uber, ein Online-Vermittlungsdienst für Mitfahrgelegenheiten, und Airbnb, ein Vermittlungsmarktplatz für private Unterkünfte, haben die Spielregeln in ihren Branchen neu definiert. Uber besitzt keine eigene Flotte und Airbnb kein einziges Hotel. Um zu expandieren, benötigen die beiden Unternehmen lediglich ein paar neue Server und Administratoren. Sie sind reine Softwareunternehmen.

Welche Auswirkungen erwarten Sie auf die Gesellschaft insgesamt?

Die Gesellschaft hat die Chance, sich neu zu organisieren. Selbstversorgung und die lokale Tauschwirtschaft werden in dem neuen Wirtschaftssystem eine große Rolle spielen. Roboter und 3-D-Drucker werden eine Welt ermöglichen, die mehr Freiheit und Selbständigkeit bietet. Mit gutem Recycling wird man alte Produkte wieder in ihre Grundsubstanzen zerlegen können, sodass der Konsument über die Grundstoffe verfügen wird, um sich mit Hilfe eines 3-D-Druckers ein neues Produkt selbst herzustellen. Die Produktionsmittel werden günstig, nicht mehr knapp und für jedermann zugänglich sein. Das ist ziemlich revolutionär. Mit Hilfe der neuen Technologie wird es möglich sein, mit weniger Rohstoffen auszukommen und ein gutes Leben zu führen. Die Menschen werden mehr Zeit haben, um Dinge zu tun, die ihnen Freude machen.


Das klingt zu schön, um wahr zu sein. Wie sieht die andere Seite der Medaille aus?

Wer Unternehmergeist mitbringt, hat mehr Möglichkeiten als je zuvor. Doch nur diejenigen, die verstehen, wie das digitale Ökosystem funktioniert, können davon profitieren. Für alle anderen besteht die Gefahr, von zentralen, übermächtigen Netzwerkkonzernen abhängig und manipuliert zu werden. Dies können im Übrigen auch Staaten sein, wenn sie die Rolle des Netzwerkmanagers übernehmen. Billige Unterhaltung wird dafür sorgen, dass die Massen, die sich der Bequemlichkeit überlassen, ruhiggestellt werden.


Suzanne Collins’ Tribute von Panem lassen grüßen …

Ich sehe das optimistisch. Die Open-Source-Initiativen spielen hier eine wichtige Rolle. Sie verhindern, dass das System totalitär wird. So wie wir in Deutschland und in der Schweiz eine gesellschaftliche Gruppe haben, die eine Präferenz für den biologischen Anbau von Lebensmitteln hat, so wird es auch eine Gruppe geben, die Produkte von Open-Source-Herstellern anstelle von beispielsweise Apple bevorzugen wird. Die Zukunft bietet viele Gestaltungsmöglichkeiten. Man sollte seine Energie nicht darauf verschwenden, sich der Entwicklung, die sich ohnehin nicht aufhalten lässt, entgegenzustemmen. Stattdessen sollte man das Beste daraus machen.

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