Dienstag, 23.06.2020
Gastbeitrag von Dr. Dominik Müller

Immer wieder auf dem Prüfstand: die Nachfolgeregelung

Zu einer guten Nachfolgeplanung gehört nicht nur, dass die Betriebs- und Vermögensübergabe rechtzeitig geplant wird. Die getroffenen Regelungen müssen in der Familie auch regelmäßig überprüft werden, damit es später nicht zu unangenehmen Überraschungen kommt.
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Foto: retrorocket/iStock/ Getty Images Plus

Die Regelung der eigenen Nachfolge gehört zu den wichtigsten Entscheidungen, die ein Familienunternehmer treffen muss. Die formale Ausgestaltung der testamentarischen und vertraglichen Regelungen ist meist aufwendig und kann zu ungewollten Diskussionen in der Familie führen. Daher ist es verständlich, dass die Bereitschaft auf Seiten der Unternehmer, dieses „heiße Eisen“ immer wieder anzufassen, nicht besonders ausgeprägt ist. In der Konsequenz bedeutet das allerdings: In zahlreichen Unternehmerfamilien ist die Nachfolgeregelung nicht auf dem neuesten Stand. Oftmals berücksichtigen sie weder die aktuellen Zielvorstellungen der Familie noch die heute geltenden rechtlichen und steuerlichen Anforderungen.

Regelungen bei Scheidung

Dr. Dominik Müller, Partner Bereich Private Clients, Leiter Family Office Services, Ernst & Young

 

Foto: EY

Die Praxis zeigt, dass zahlreiche Unternehmerfamilien die sachgerechte Behandlung von Trennungen und Scheidungen in der Nachfolge nicht berücksichtigt haben. Oftmals besteht der Wunsch, Familienvermögen im jeweiligen Familienstamm zu halten. Um sicherzugehen, dass nach der Trennung der vormalige Ehegatte im Erbfall nach Möglichkeit keinen Anteil am Familienvermögen erlangt, sollten die Konsequenzen der Nachfolge umfassend analysiert werden.

 

Ein Beispiel: Versterben die Kinder ebenfalls, nachdem der Erblasser zuvor verstorben ist, könnte das Vermögen auf die geschiedene Ehefrau und leibliche Mutter der Kinder übergehen. Zudem hätte die Mutter – und dies unbenommen von Regelungen in etwaigen eigenen Testamenten der Kinder – einen oft betragsmäßig nicht unerheblichen Pflichtteilsanspruch. Hier lässt sich mit einem sogenannten Geschiedenentestament auf Ebene des Erblassers die notwendige Vorsorge treffen. Weiterhin sollte grundsätzlich eine Erbengemeinschaft (und damit die nur gemeinschaftliche Berechtigung mit anderen Erben am ungeteilten Nachlass) verhindert werden, um einer Erbauseinandersetzung und meist langjährigen Erbstreitigkeiten vorzubeugen.

Testamentsvollstreckung und Vorsorge im Unternehmen

Erkennt der Familienunternehmer in seinen Kindern vielleicht (noch) nicht die notwendige Reife, nach dem eigenen Ableben mit einem signifikanten Erbe sorgsam umzugehen, bietet sich insbesondere bei unternehmerischem Vermögen eine Verfügungsbeschränkung über den Nachlass an, die beispielsweise bis zu einem bestimmten Alter der Kinder gelten kann.

 

In diesen Kontext fällt auch die Vorsorge im Unternehmen oder im Family Office. Oftmals agieren Unternehmerfamilien in Funktionen wie Geschäftsführung, Beirat oder auch Investment Committee. Auch hier sollte Vorsorge getroffen und geklärt werden, wer nach dem Ableben im Sinne des Verstorbenen weiter handeln kann und soll.

Sinnvoll: die steuerliche Optimierung

Der herausforderndste Aspekt ist derzeit sicherlich die Planung des Vermögensübergangs unter steuerlichen Gesichtspunkten. Die erbschaft- und schenkungsteuerlichen Begünstigungen von Unternehmensvermögen, umfangreichem Immobilieneigentum, Denkmal- und Kunstbesitz und anderem Vermögen genießen besondere Aufmerksamkeit. Die Thematik ist komplex und zumeist auch an zeitliche Wohlverhaltens- oder Behaltenserfordernisse geknüpft. In der Nachfolgeplanung vernachlässigt werden allerdings oft ertragsteuerliche Aspekte. Insbesondere Entstrickungstatbestände von Betriebsvermögen können signifikante Steuer- und mithin Liquiditätsbelastungen bewirken.

 

Ein plakatives Beispiel hierfür ist sicherlich das ungewollte Beenden einer Betriebsaufspaltung und die damit verbundene Aufdeckung stiller Reserven, wenn beispielsweise die Nachfolgeregelungen von Besitz- und Betriebsgesellschaft nicht gleichermaßen ausgestaltet sind. Daher ist in diesem Zusammenhang eine ganzheitliche Betrachtung unbedingt erforderlich.

Ein plakatives Beispiel hierfür ist sicherlich eine ungewollte Betriebsaufspaltung und die damit verbundene Aufdeckung stiller Reserven, wenn beispielsweise die Nachfolgeregelungen von Besitz- und Betriebsgesellschaft nicht gleichermaßen ausgestaltet sind. Daher ist in diesem Zusammenhang eine ganzheitliche Betrachtung unbedingt erforderlich.

Fallstrick Auslandsaufenthalt

Das Studium im Ausland gehört heute für die Vertreter der jüngeren Generation zu einer guten Ausbildung dazu. Jedoch kann auch der zeitlich begrenzte Aufenthalt im Ausland erhebliche steuerliche Konsequenzen für das Familienvermögen haben.

Ein Beispiel: Die 22-jährige Enkeltochter des Unternehmers möchte zum Studium nach Dänemark gehen. Seit Kindertagen ist sie durch eine Schenkung ihres Großvaters im Besitz eines fremdgemanagten Anteils am Familienunternehmen. Die steuerlichen Konsequenzen aus der vorübergehenden Verlagerung des Wohnsitzes der Enkeltochter nach Dänemark können vielfältig sein:

 

  • das Hochschleusen aller Einkünfte auf das höhere dänische Einkommensteuerniveau
  • die deutsche Wegzugsbesteuerung, die im Zuge der „Anti Tax Avoidance Directive“ der EU aktuell vor ihrer bislang größten Reform steht
  • die dänische Wegzugsbesteuerung nach dem Ende des Studiums und der Rückkehr nach Deutschland
  • die potentielle deutsche Entstrickungsbesteuerung nach § 4 Abs. 1 Satz 3 EStG

Nur eine sorgsame Wegzugsplanung unter der Einbindung von in- und ausländischem Recht, dem Recht der Doppelbesteuerungsabkommen sowie einer fundierten finanzbehördlichen Abklärung (etwa ein „Tax Ruling“) können hier einen Paukenschlag verhindern, der nachhaltigen Schaden für das Unternehmen mit sich bringen würde.