Auch wenn einige schon die De-Globalisierung heraufbeschwören: Auch weiterhin werden Unternehmen ihre Lieferketten weltweit spannen und sich miteinander verknüpfen. Im Angesicht zunehmender Komplexität müssen Banken immer mehr die Rolle des Vernetzers einnehmen.

Die Zukunft gehört Asien: Was jahrelang wie eine Selbstverständlichkeit klang, wird jetzt immer häufiger mit einem Fragezeichen versehen. Geopolitische Spannungen, Handelskonflikte, zerrüttete Lieferketten und die Corona-Pandemie haben aus so mancher Gewissheit eine Unsicherheit gemacht. Die Zweifel an Vernetzung, Austausch und Zusammenarbeit über Bereiche, Grenzen und Märkte hinweg sind gewachsen. Doch ist das, was wir derzeit erleben, wirklich der Beginn einer De-Globalisierung?

Dr. Rudolf Apenbrink, Vorstand Private Banking und Asset Management, HSBC Deutschland

Dr. Rudolf Apenbrink, Vorstand Private Banking und Asset Management, HSBC Deutschland / Foto: HSBC

Trotz aller Herausforderungen und Veränderungen ist die Welt heute so vernetzt wie nie. Die Pandemie und der Ukraine-Krieg haben die globalen Lieferketten gewaltig durchgeschüttelt. Trotzdem ist der Welthandel im ersten Quartal 2022 auf das Niveau von vor der Pandemie zurückgekehrt. Die Globalisierung für beendet zu erklären scheint daher verfrüht.

Vernetzung ist weiterhin das bestimmende Merkmal der heutigen Welt und der globalen Wirtschaft. Ein anderes Merkmal ist Komplexität. Eine Störung am anderen Ende der Welt kann zu massiven wirtschaftlichen Problemen in unserem Land führen. Kaum jemand hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass Lieferketten einmal breit in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Doch leere Regale in Supermärkten oder lange Lieferzeiten für Neuwagen haben das Thema ins Rampenlicht gerückt.

Vernetzung im Wandel

Die Probleme, die wir derzeit sehen, sind nicht zwangsläufig Zeichen dafür, dass die globale Vernetzung an ihr Ende gekommen ist. Doch sie zeigen, dass die globale Zusammenarbeit deutlich herausfordernder geworden ist. Daher wird sich die Vernetzung der Welt nicht auflösen, aber wandeln. Unternehmen werden sich in Zukunft darauf konzentrieren, ihre fragil gewordenen Lieferketten widerstandsfähiger zu gestalten. Nur dann können sie am weltweiten Handel weiterhin teilnehmen und Produktionsressourcen im Ausland nutzen.

Der weltweite Handel, die Nutzung von Produktionsressourcen im Ausland und das Spannen globaler Lieferketten werden nicht verschwinden. Doch für Unternehmen wie Privatpersonen, die weiterhin die Zukunft in Asien sehen, dürfte es künftig holpriger werden. Umso wichtiger wird es sein, diesen Herausforderungen gemeinsam zu begegnen. Das gilt in besonderem Maße für die wahrscheinlich größte Herausforderung unserer Zeit: den Kampf gegen den Klimawandel. Sustainable Finance ist nicht ohne Grund eines der beherrschenden Themen in der Finanzindustrie. Gerade Banken spielen im Kampf gegen den Klimawandel eine wichtige Rolle. Sie leisten einen essentiellen Beitrag – sei es durch nachhaltige Investments oder konkrete Beratung für Unternehmen auf dem Weg zu weniger CO₂-Emissionen. In der Finanzierung von Klimalösungen liegt der Schlüssel für eine nachhaltige Transformation der Wirtschaft.

Weniger bedrohlich – aber nicht weniger disruptiv – ist die Digitalisierung. Sie hat die Art, wie wir leben und arbeiten, bereits jetzt fundamental verändert und wird dies weiter tun. Sie wird ganz neue Formen hervorbringen, wie wir wirtschaften, wie wir uns als Menschen austauschen und organisieren. Es wird unser aller Aufgabe sein, diesen Wandel zu gestalten. Bereichsübergreifend beraten Austausch und Zusammenarbeit über inhaltliche
Bereiche, internationale Grenzen und diverse Märkte hinweg sind dafür entscheidend. In einer Welt, die so vernetzt und zugleich so komplex ist, ist es wichtiger denn je, die richtigen Menschen und das richtige Wissen zur richtigen Zeit zusammenbringen zu können.

Diese Aufgabe fällt auch Finanzinstitutionen zu. Und sie haben nicht nur die Aufgabe, Menschen und Ideen aus unterschiedlichen Regionen dieser Welt miteinander zu vernetzen. In einer immer komplexer und herausfordernder werdenden Umgebung müssen sie in viel stärkerem Maße als bisher ihre Kunden bereichsübergreifend begleiten und beraten. Denn erst das Zusammenspiel von Privatkunden- und Firmenkundengeschäft, von Asset-Management und Kapitalmarktgeschäft schafft für die Kunden einen Mehrwert. Banken müssen die Wandlung, die die Welt derzeit beschäftigt, daher auch bei sich selbst vollziehen.

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