Angela De Giacomo leitet das Family Office der Unternehmerfamilie Bissell. Eine Aufgabe, die mehr verlangt als nur rationales Zahlendenken. In ihrem Gastbeitrag gibt sie uns Einblicke in die Welt einer Family Officerin.

Ich schwimme gern lange Strecken. Am liebsten draußen in Seen. Beim Schwimmen tauche ich ein in eine andere Welt. Nah am Ufer kann ich den hellen Boden noch sehen. Je weiter ich dann vom Ufer wegschwimme, desto dunkler wird es. Manchmal macht das Angst, den Grund nicht mehr zu sehen. Wenn mir aber meine Angst und Fantasie einen Streich spielen, dann muss ich Ruhe bewahren. Schließlich schwimmen in Berliner Seen keine gefräßigen Krokodile!

Dabei gibt es einige Parallelen zu meinem Berufsleben: Ich bin als Family Officerin für eine reiche Unternehmerfamilie tätig. Es handelt sich um eine anspruchsvolle Aufgabe, denn es geht darum, die ganzheitliche Vermögensanlage der Familie im Blick zu haben. Um das zu gewährleisten, stehe ich in regem Austausch mit der Familie, erhalte tiefe Einblicke und vertrete anschließend ihre Interessen nach außen.

Vermögen anzulegen und darauf zu achten, dass das optimal geschieht und die Bedürfnisse aller Familienmitglieder nach Dividenden und Rendite befriedet werden, wirkt wie eine sehr rationale Angelegenheit. Doch weit gefehlt. Vermögen für eine Familie anzulegen bedeutet einzutauchen in eine andere Welt: Gefordert sind Zahlen, Daten, Fakten sowie Wachstum in Prozent. Dafür versucht man einen möglichst präzisen Blick in die Zukunft zu erhaschen, um Risiken und Renditen einzuschätzen.

Zugrunde liegen den Entscheidungen oft aber auch Gefühle, denn Vermögen bedeutet für jedes Familienmitglied etwas anderes. Manche haben sich das Vermögen hart erarbeitet und wollen das zur Schau stellen, andere wünschen sich genau das Gegenteil. Wieder andere haben geerbt und fühlen sich vom Erbe wie geknebelt, während andere nur so vor Tatendrang sprühen. Die Einstellung zu Kapital und anderen Menschen beeinflusst die Investments.

Deshalb muss ich nicht nur Anlagemöglichkeiten beurteilen, sondern auch empathisch sein für die Belange der Familie. Angst darf ich dabei nicht haben. Das gilt sowohl bei Konflikten zwischen Familienmitgliedern, bei denen ich vermittle, oder auch für Krisen an den Finanzmärkten. Immer wieder werden Börsen stark erschüttert. Wer die Nerven nicht behält, vernichtet Vermögen. In jeder Krise kann man eine Zeit lang den Grund nicht sehen. Daher ist es wichtig, stets Ruhe und einen kühlen Kopf zu bewahren.

Eine reiche Familie zu repräsentieren verleiht Macht. Zum einen öffnet der Name Türen und zum anderen das Vermögen. Es geht bei meiner Tätigkeit oft um vertrauliche Angelegenheiten, Gespräche in Board-Rooms. Häufig führe ich einprägsame Unterhaltungen mit interessanten und prominenten Menschen. Es geht darum, hier einer eleganten Einladung zu folgen und dort einen lukrativen Deal einzufädeln.

Diese Macht schmiegt sich an einen wie ein Neoprenanzug beim Schwimmen. Hauteng. Fast wie die eigene Haut. Aber nur fast, schließlich ist die Macht nur geliehen. Ein Family Officer muss sich dessen stets bewusst sein, um integer, frei von eigenen Interessen und selbstreflektiert die Bedürfnisse aller Familienmitglieder vertreten zu können.

Info


Angela De Giacomo ist Family Officerin für das Family Office der Unternehmerfamilie Bissell in Neu-Delhi. Neben ihren Aufgaben dort ist sie Initiatorin der Plattform Wundernova und engagiert sich für das „German Indian Startup Exchange Program“.

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