Christina Rehm ist Beirätin im eigenen Familienunternehmen. In ihrer Kolumne erläutert sie, wie dort der Generationenwechsel angegangen wird.

5G ist als aktueller Mobilfunkstandard der fünften Generation derzeit in aller Munde. Er steht dafür, dass wir ganz neue Formen der Interaktion mit digitalen Services umsetzen können werden. Die fünfte Generation hält derzeit aber auch bei vielen Familienunternehmen Einzug. Was wird diese „Long Term Evolution“ wohl Neues bereithalten?

Für diejenigen, die den früheren Generationen angehören, stellen sich im Hinblick auf die Kontinuität und den Zusammenhalt in der Familie eine Reihe von Fragen.

Zum einen: „Wie motivieren wir die neue Generation, sich für das Unternehmen einzusetzen?“ Zum anderen: „Was hinterlassen wir dieser jetzigen Generation, die in den Startlöchern steht, um unser Familienunternehmen einmal fortzuführen?“

Als ich vor neun Jahren als Gesellschafterin in unser Familienunternehmen eintrat, war ich eine der letzten „Neuen“ der vierten Generation. Da mein Zweig der Familie in den vergangenen Jahrzehnten nicht unmittelbar im Unternehmen aktiv war und ich so nicht mit dem Familienunternehmen sozialisiert wurde, war es anfangs aufreibend, neu in dieser Familienkonstellation zu sein.

Es war aber auch spannend, in eine Gruppe mit besonderen und interessanten Aufgaben zu kommen und mitgestalten zu dürfen. Uns verband zwar einiges, aber wir hatten wenig Gemeinsames erlebt in den vergangenen Jahrzehnten. Es gab viele ungeschriebene Gesetze, die nur darauf warteten, von mir entdeckt zu werden. Nach einigen Diskussionen war uns allen bewusst, dass wir über unsere Werte, unsere Vorstellungen und unsere persönlichen Einstellungen reden sollten. Und warum? Damit die nächste Generation an Gesellschafterinnen und Gesellschaftern es einfacher hat, verantwortungsvoll agieren zu können. Auch, damit es für die früheren Generationen einfacher wird, mit Zuversicht Aufgaben abzugeben und die Gesellschafterinnen und Gesellschafter neue Wege beschreiten zu lassen.

Die Ergebnisse der vielen Diskussionen sind bei uns in einem gemeinsam erarbeiteten Familienleitbild festgehalten, das in regelmäßigen Treffen zu einem lebendigen Referenzpunkt für Diskussionen geworden ist.

Onboarding-Plan für die NextGen

Allerdings – nur weil ein Familienleitbild existiert, heißt das noch lange nicht, dass die nachkommende Generation etwas damit anfängt. Auch sind nicht alle motiviert, sich in dem erforderlichen Maße, zum Beispiel in den geschaffenen Gremien, zu engagieren. Auch die Werte, die gegenüber Familie und Unternehmen vertreten werden, verändern sich. In einem ersten Schritt haben wir daher einen Leitfaden erstellt, der das Onboarding der neuen Generation leichter machen soll. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass die Diskussion über die Firma und die ganzen Themen drum herum mit Menschen außerhalb der Kernfamilie oftmals neue Sichtweisen, kreative Ideen und alternative Lösungen mit sich bringt. Dies hilft dabei, Gedankenknoten zu lösen, die sich ansonsten gern zwischen den Generationen als Konflikte verfestigen.

Um einen Dialog zwischen den Generationen anzustoßen, waren die von uns eingeführten Gesellschafterfamilientage wegweisend. Diese zwei- bis dreitägigen Treffen, die außerhalb der Unternehmenszentrale die Möglichkeit zur Diskussion und auch Freiraum für Gespräche boten, halfen und helfen dabei, sich kennenzulernen, sich zu unternehmensbezogenen Themen auszutauschen – eben nicht nur auf familiärer Basis – und somit Verständnis und Vertrauen über die Generationen hinweg zu entwickeln. Dabei haben wir zum einen erkannt, dass die nächste Generation mit großem Engagement am Unternehmen mitgestalten will. Zum anderen haben wir auch gemeinsam ein neues Thema entdeckt:

Nachhaltigkeit betrifft uns alle

Die Aufgabe, Antworten auf den Klimawandel zu finden, bringt – wie für viele andere auch – für unser Unternehmen in der Nutzfahrzeuglogistik Herausforderungen und Spannungen.

Wir haben eine Arbeitsgruppe gegründet, in der wir uns dem Thema Nachhaltigkeit aus sehr unterschiedlichen Richtungen angenähert haben. Die Arbeitsgruppe besteht aus Mitgliedern der vierten und fünften Generation. Wir haben verschiedene und gemischte Stimmen und Meinungen dazu gehört sowie unterschiedliche Formate ausprobiert (die nicht alle gut ankamen), um unsere Ideen, Meinungen und Einsichten darzustellen und zur Diskussion zu stellen. Die Begegnungen waren manchmal krass, neu und überraschend. Durch die Einbindung der gesamten Gesellschafterfamilie hat das Gespräch über das Thema mehrfach neue Wendungen genommen. Es bleibt spannend.

Durch die Gespräche zu diesem schwierigen Thema ist es uns gelungen, die nächste – und auch Teile der aktuellen – Generation für das Unternehmen zu begeistern, aufzuwecken und neugierig zu machen. Die daraus entstehenden Einsichten und Impulse kann ich als Beiratsmitglied unserer Unternehmensgruppe in die Strategiefindung einbringen.

Neues zulassen

Ich sehe derzeit zwei Erfolgsfaktoren, die uns beim Generationenübergang helfen:

Erstens: Kommunikation auf Augenhöhe. Das Familienleitbild ist für uns die Basis der Zusammenarbeit. Die darin beschriebenen Kommunikationswege erlauben es allen, sich zurechtzufinden in vorhandenen Strukturen, und sie unterstützen das Ankommen der nächsten Generation in der Gesellschafterfamilie. Für uns bedeutet es, dass jeder seine Themen ansprechen kann, Konflikte entstehen dürfen und wir es dennoch gemeinsam schaffen, einen guten Weg in die Zukunft zu gehen.

Zweitens: Themen finden und Neues zulassen. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Nachhaltigkeit hat uns die Möglichkeit eröffnet, über ein alternatives Thema gemeinsam an einem Ziel zu arbeiten und uns dadurch nicht nur besser kennenzulernen, sondern auch etwas Gemeinsames, Verbindendes und Gewinnbringendes für die Firma und uns selbst zu erarbeiten. Der Vorteil eines Familienunternehmens ist es, dass Themen innerhalb der Gesellschafterfamilie besprochen, diskutiert, bewegt und neu gestaltet werden können.

Die Technologie 5G verändert unsere Lebensumwelt, und sie sollte von uns sorgsam eingesetzt und kontrolliert werden. Die fünfte Generation unserer Gesellschafterfamilien wird unsere Unternehmen in der nahen Zukunft gestalten. Wir sollten ihr daher nicht nur unsere Werte vermitteln, sondern sie dazu befähigen und ihr die Möglichkeit geben, ihre neuen Wege selbst zu finden.

Info


Dr. Christina Rehm ist Geschäftsführerin Innovation&Transfer an der HFT Stuttgart und Mitglied einer Unternehmerfamilie sowie Beirätin.

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