wir-Kolumnist Tobias Rappers meint, Familienunternehmen können und müssen die Unternehmensnachfolge zum eigenen Vorteil nutzen. Austausch ist für ihn ein Schlüssel.

Bei deutschen Familienunternehmen sehen wir vielerorts einen umfangreichen Transformationsprozess und einen damit einhergehenden Kulturwandel voranschreiten. Damit diese Vorhaben nachhaltig gelingen, muss in den Unternehmen ein Umdenken von Geheimniskrämerei zu mehr Offenheit stattfinden – doch das tut es noch viel zu selten. Wo sich etwa Start-ups nahezu natürlich innerhalb ihres Netzwerks zusammentun, um gemeinsam an zentralen Herausforderungen zu arbeiten, muss bei Familienunternehmen erst zusammenwachsen, was bisher durch Konkurrenzdenke getrennt war. Doch gerade mit der Unternehmensnachfolge und der neuen Generation, die in den Unternehmerfamilien mehr und mehr Verantwortung übernimmt, vollzieht sich ein Umdenken.

Nachfolgeprozesse werden heute früher und systematischer angegangen

Eine grundlegende Sache ist mir wichtig zu betonen: Es geht beim Thema Nachfolge nie darum, das Alte über den Haufen zu werfen! Zukunft braucht gleichzeitig auch Herkunft, denn die Historie und die Erfahrungen aus Generationen von Unternehmertum sind essentiell wichtige Assets.

Wenn wir uns die Nachfolgeprozesse genauer anschauen, beobachten wir, dass sie heutzutage früher beginnen und auch systematischer angegangen werden als in der Vergangenheit. Eine der am längsten vorbereiteten Firmenübergaben dürfte die von Clara und Laura Sasse sein, die Anfang 2022 die Führung der Dr. Sasse Gruppe von ihrem Vater übernommen haben. Und der nahm sie schon mit zu Kunden, als sie noch Kinder waren. Aus Sicht der Sasses ist dieser lange Vorlauf die optimale Voraussetzung, um das fast 50-jährige Unternehmen in die Zukunft zu führen.

NextGens wie Clara und Laura Sasse stehen vor der Herausforderung, die Balance zu finden zwischen Neuem und Alten: Einerseits müssen sie Innovationen vorantreiben und neue Geschäftsbereiche explorieren, andererseits ins Kerngeschäft und in Etabliertes investieren. Bei genau diesen Themen sind natürlich auch Generationenkonflikte nicht ausgeschlossen, die es zu meistern gilt.

Unternehmensnachfolge: Nachhaltigkeit als Wettbewerbsvorteil

Doch besonders wenn es um das Thema Nachhaltigkeit geht, sehen wir auch viel Einigkeit. Schließlich haben Familienunternehmen in der Regel schon seit jeher die Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt gestellt, sie handeln mit einem eigenen Wertesystem und aus einem ganz besonderen Verantwortungsgefühl.

Die Nachfolgegeneration nimmt sich dieses Themas nun noch stärker an, es gehört zum Zeitgeist und es ist zweifelsohne das richtige Momentum, um neue Dinge umzusetzen. Der Hygienepapier-Hersteller Wepa beispielsweise stellt ganz bewusst die eigens gesetzten nachhaltigen Ziele an oberste Stelle.

Ein weiterer Aspekt, weshalb die eher jüngeren Unternehmer:innen Nachhaltigkeit in den Fokus stellen, ist der dadurch entstehende Wettbewerbsvorteil im Recruiting: Junge Talente schauen bei Firmen genau hin und machen den Faktor Nachhaltigkeit zum wichtigen Kriterium bei der Wahl des Arbeitgebers. Die eigenen Nachhaltigkeitsbemühungen im Kontext des Employer-Brandings sind tatsächlich ungemein wichtig geworden ist.

Momentum der Nachfolgegeneration

Nachfolger:innen haben gerade jetzt eine enorme Chance, Dinge nachhaltig zu verändern. Über die Unternehmensnachfolge können viele notwendige Veränderungen – wie die eingangs genannten Transformationsprozesse sowie der damit einhergehende Kulturwandel – authentisch angestoßen und vorangetrieben werden. Herausforderungen werden nicht ausbleiben, keine Frage. Doch auch hier gilt: Wer sich öffnet und mit Gleichgesinnten austauscht, kann optimistisch in die Zukunft blicken.

Info


Tobias Rappers ist Geschäftsführer der Maschinenraum GmbH, einer Innovationsplattform vom Mittelstand für den Mittelstand. Rappers war zuvor bei Roland Berger und als Geschäftsführer der Digitalisierungsinitiative Spielfeld Hub tätig. Er selbst ist im Umfeld eines Familienunternehmens aufgewachsen.

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