Erich Schuster, Gründer des Direktmarketingspezialisten defacto x, hat mit 63 Jahren die operative Führung an Sohn und Schwiegersohn abgegeben und ihnen seine Anteile und Stimmrechte übertragen. „Sauschwer ist mir das gefallen“, sagt er. Heute möchte er nicht mehr zurück. Denn er hat schon wieder gegründet. Und Fußballweltmeister Philipp Lahm als Investor gewonnen.

Es geht bei der Nachfolge um Machtverlust. Nicht ums Geld.“ Erich Schuster (72) wollte nicht so enden wie „95 Prozent aller deutschen Unternehmer“, nämlich in hohem Alter im Unternehmen allen Menschen zur Last fallen, weil sie nicht loslassen können. „Ich hatte keine Lust, schrittweise fünfmal loszulassen“, sagt Schuster. Also hat er im Jahr 2008 den direkten, klaren Schnitt gemacht und 19 Jahre nach der Gründung seines Unternehmens defacto x die Führung an seinen Sohn Claus Schuster und Schwiegersohn Jan Möllendorf übertragen. Die beiden erhielten, wie auch Tochter Sandra Möllendorf, die Anteile. Defacto x ist eine international agierende Direktmarketingagentur und ein CRM-Dienstleiser, der mit 400 Mitarbeitern und Kunden aus 65 Ländern einen Umsatz von rund 50 Millionen Euro erwirtschaftet.

Das Loslassen ist ihm schwergefallen. „Man verliert Entscheidungsmacht. Das Schwerste ist der Verlust von Macht und Anerkennung. Man ist wer in der Gesellschaft“, sagt er rückblickend. Daher hat er sich frühzeitig überlegt, was er nach dem Tag X machen könnte. „Ich bin ein Unruhegeist. Ich wusste, ich falle in ein tiefes Loch, wenn ich nicht einen Plan schmiede.“ Aus seinen Ideen, Überlegungen und Gesprächen mit seinen Kindern und seiner Frau zu jener Zeit ist noch vor der Stabübergabe die defacto.x stiftung im Jahr 2006 entstanden. Einige Jahre später, im Jahr 2009, gründete er das Gesundheits- und Präventionsunternehmen danova. Zwei Jahre später kaufte er ein Berghaus am Spitzingsee, das er zu seinem Seminarzentrum umbauen ließ.

Neu anfangen

Braun gebrannt, in Jeans und lockerem, weißem Hemd drückt er selbst die Tasten der Espressomaschine, die früher seine Assistentin täglich bedient hat. Er hat sein Büro in der defacto-Firmenzentrale geräumt und ist neu eingezogen in das Haus, in dem er damals 1989 mit seiner Firma gestartet war. Jetzt, als frischer Gründer, der „ja keine Mannschaft mehr hat“, musste er lernen, seinen eigenen Computer zu installieren, sein Smartphone einzurichten und sich erst einmal darum zu kümmern, dass die „Dinge im Büro“ laufen. Viele Anrufe gehen in sein neues Büro ein.

So wie jetzt ein Anruf des Geschäftsführers der Messe Nürnberg. Dieser soll Schuster eine große Halle für seine zehnjährige Jubiläumsfeier des defacto-Stiftungsprojekts „Schüler-Power“ möglichst kostenfrei zur Verfügung stellen. Das Schüler-Power-Projekt, mit dem Haupt- und Mittelschülern in Franken der Weg ins Berufsleben geebnet werden soll, erfüllt Schuster mit Stolz. Zig Unterlagen hält er bereit. Allein die 330 Seiten lange, detaillierte Beschreibung des Dreijahresprogramms füllt einen dicken Ordner. Die Inhalte hat Erich Schuster selbst entwickelt.

Wo kommt Selbstwertgefühl her?

Für diesen vermeintlichen Kleinkram ist sich Erich Schuster nicht zu schade. Akribisch, detailbesessen hat er diesen Ordner zusammengestellt, um allen Beteiligten und Engagierten zu erklären und zu zeigen, wie Schüler-Power funktioniert. Die Idee: Haupt- und Mittelschüler sollen auf dem Weg in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt unterstützt werden, „damit sie ein selbstbestimmtes Leben führen können. Diese Jugendlichen sollen in dem Projekt lernen zu sagen: Hier bin ich, ich kann was und bin für die Gesellschaft wertvoll“, fasst Erich Schuster sein Ziel zusammen. „Der Schlüssel zur Veränderung von Einstellung liegt darin, dass diese Schüler merken, sie werden gebraucht.“ Bislang haben über 600 Schüler das Programm seit der achten Klasse durchlaufen, 90 Prozent von ihnen haben eine Lehrstelle erhalten. Ungefähr je die Hälfte der Teilnehmer kommt aus Familien mit Migrationshintergrund oder mit Hartz-IV-Unterstützung. In Seminaren und Wochenendworkshops werden die Jugendlichen von Pädagogen, Trainern und Coaches unterstützt. Dabei geht es nicht um Nachhilfe in den einzelnen Fächern, sondern um die Entwicklung von Kompetenzen: Konflikt- und Kommunikationsfähigkeit, Persönlichkeitsentwicklung oder Teamgeist.

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Gründer durch und durch: Wird Erich Schuster auch mal kürzertreten?

Foto: defacto x

Die Stiftungsarbeit ist für Erich Schuster mehr als nur eine Herzensangelegenheit. „Sie ist die Erfüllung im dritten Drittel meines Lebens“, sagt er. Sie führt ihn auch zurück zu seinen eigenen Wurzeln. Und ist vielleicht gerade deswegen seine größte Triebfeder. Er selbst war Hauptschüler, arbeitete zunächst als Schriftsetzer und erkämpfte sich später im Vertrieb einer inhabergeführten Firma den Weg bis ganz nach oben. Dann setzte ihm der Firmenchef und Patriarch den Sohn vor die Nase. Das gefiel ihm nicht. Daher machte er sich selbständig. „Ich vermute, dass gut drei Viertel aller Unternehmensgründungen aus Unzufriedenheit entstehen“, beschreibt er nicht nur seine eigene Motivation, sondern auch das, was er in seinem Unternehmerleben in all den Jahren beobachtet hat.

Aber auch sein zweites Steckenpferd, danova, entstand aus einer ganz persönlichen Geschichte. Das Gründen und der Aufbau seiner Firma haben in seinem Leben Spuren hinterlassen. „Ich habe von 4 Uhr morgens bis 23 Uhr abends gearbeitet. Das ging ohne guten Wein gar nicht“, erzählt Schuster heute mit einem Augenzwinkern. Er wog gut 15 Kilo mehr als heute. Sein Arzt las ihm die Leviten, woraufhin er mit eisernem Training und viel Disziplin zurück zu einem „gesunden Lebensstil“ fand. „Burn-out, Diabetes, Herzkrankheiten – wir wissen doch, was gesundheitlich auf unsere Gesellschaft zukommt“, sagt Schuster. Und diese Entwicklung, gepaart mit dem demographischen Wandel, werde für viele Firmen zum Problem, ist er überzeugt. Das war die Basis für die Gründung von danova, einem Unternehmen, das Firmen bei der Gesundheitsvorsorge und Prävention ihrer Mitarbeiter unterstützt.

Die richtigen Leute

Erich Schuster, der in seinem Leben gelernt hat, hartnäckig für seine Überzeugungen zu kämpfen, gewann für danova die Leute, die er brauchte: Experten und ehemalige Mitstreiter von adidas, Metro und Barmer bringen sich ein. Der Durchbruch in der Öffentlichkeit gelang ihm schließlich mit dem Einstieg von Fußballweltmeister und Bayern-Star Philipp Lahm, der 40 Prozent der Unternehmensteile kaufte.

Erich Schuster wirkt zufrieden. „Ich bin glücklich, ich habe eine erfüllende Aufgabe. Ich fühle mich frei, ich trage kein Risiko mehr und keine Verantwortung für Umsatz und Mitarbeiter. Ich schiebe neue Dinge nur an und ziehe mich dann zurück.“ Ist das wirklich so?

Ganz so einfach ist es nämlich nicht. Für danova hat er operativ Verantwortliche und Investoren gefunden. Aber Schüler-Power lebt immer noch hauptsächlich von und mit ihm. Er muss sich ein zweites Mal mit Nachfolgegedanken beschäftigen. Sein Sohn und Schwiegersohn sind zwar beide im Vorstand der Stiftung. Die Sisyphusarbeit, das Eintreiben von Spenden und neuen Kooperationspartnern, macht aber Erich Schuster. Ebenso das ständige Streben nach Weiterentwicklung und Perfektion. Er hat 50 Studenten vom Camous M21, einer privat geführten Hochschule, beauftragt, die Methodik von Schüler-Power zu analysieren und zu verbessern. Mittlerweile ist Erich Schuster mit Schüler-Power in München, Braunschweig, Salzgitter und Gifhorn unterwegs. „Ich muss kürzertreten, sonst kriege ich Ärger mit meiner Frau“, schmunzelt er. „Ich muss die Aufgaben abgeben und brauche hierfür jemanden, der das mit Herzblut macht, aber nicht darauf angewiesen ist, viel Geld zu verdienen.“

Wie die Nachfolgegeschichte Nummer zwei endet, ist noch ungewiss. Nur eines ist gewiss: Auch danach wird Erich Schuster dafür sorgen, dass sein Leben weitergeht.

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