Der Fall Merckle zeigt: Unternehmer lieben Verschachtelungen als Steuersparmodell. Doch die Grenze zwischen Transparenz und Wildwuchs ist fließend. In der Krise kann daran die Rettung scheitern.

Transparenz sieht anders aus. Beim Blick auf das Firmengeflecht der Merckle-Gruppe stellt sich Außenstehenden spontan eine Frage: Wer soll bei diesem Gewirr aus Kapital- und Kreditbeziehungen, das vom schwäbischen Blaubeuren bis ins friesische Norderfriedrichskoog reicht, durchblicken? Welche Intention hinter der ausgefeilten Verschachtelung steckt, ist nicht schwer zu erraten: Die gesamte Struktur der Gruppe ist darauf ausgelegt, Steuern zu sparen. Das ging viele Jahre gut. Doch wie verhält es sich damit in Krisenzeiten, wenn dringend Liquidität benötigt wird – sei es durch den Verkauf von Beteiligungen oder durch die Aufnahme von neuen Schulden?

Wie sicher sind Sicherheiten?

Auch wenn beide Unternehmen nicht direkt miteinander vergleichbar sind: Sowohl das aktuelle Beispiel Merckle als auch die Insolvenz der Schieder Möbelgruppe vor eineinhalb Jahren legen den Verdacht nahe, dass derart komplizierte Konzernstrukturen nur bedingt „schlechtwettertauglich“ sind. Das gilt insbesondere dann, wenn die Frage nach dem Wert der Sicherheiten nicht eindeutig geklärt werden kann. Bei Schieder beispielsweise waren wohl nur einige wenige Köpfe mit der Gruppenstruktur vertraut. „Selbst nach Erstellung eines Organigramms im Rahmen der Restrukturierung bedurfte es intensiver weiterer Recherchen, um die Verflechtungen und Querverbindungen innerhalb der Gruppe zu erkennen“, erinnert sich Dr. Sven-Holger Undritz von der Kanzlei White & Case, der seinerzeit als Insolvenzverwalter eingesetzt worden war.

Lange Zeit fühlten sich die Banken bei Europas größtem Möbelhersteller sicher, obwohl ihnen lediglich die Anteile an nahezu sämtlichen Konzerngesellschaften verpfändet worden waren. Wie werthaltig diese waren, stand nicht zur Debatte. Als die Krise offensichtlich wurde und eine Brückenfinanzierung auf die Beine gestellt werden musste, kam allerdings „Besicherungsdruck“ in die Angelegenheit. „Eine solche Finanzierung war nur noch gegen die Gewährung harter Sicherheiten möglich. Unter massivem Zeitdruck wurde im In- und Ausland ein erheblicher Aufwand betrieben, um freie Sicherheiten für die Gewährung des Brückendarlehens zu erhalten“, erklärt Undritz. Der Überbrückungskredit bedeutete damals Verzicht für die Senior Lenders. Die ursprünglich vorrangigen Gläubiger – allen voran die Deutsche Bank – rutschten de facto in den Nachrang – und werden aller Voraussicht nach leer ausgehen.

Dieses Schicksal dürfte den Gläubigerbanken im Fall Merckle erspart bleiben. Denn die wesentlichen Beteiligungen des Firmenimperiums haben keine leistungswirtschaftlichen Probleme. Ihr Geschäftsmodell ist grundsätzlich intakt. Das einzige Problem sei die Finanzierung, attestiert Eberhard Braun, Rechtsanwalt der Unternehmerfamilie, der seit Januar 2009 das Familieninteresse der Merckles in den Verhandlungen mit den Banken vertritt. Ein viel zu großes und vor allem viel zu riskantes Finanzierungsrad hat Firmenpatriarch Adolf Merckle in der Vergangenheit gedreht. Rund 5 Milliarden Euro Schulden hat er über die beiden zentralen Holdingfirmen VEM und Spohn Cement aufgetürmt und daraus ein höchst intransparentes Firmenportfolio gestrickt. „Die Verschachtelung war durchaus Prinzip“, erklärte Merckle-Sohn Philipp Daniel Anfang Januar in einem Spiegel-Interview. Am Schluss habe aber selbst dem Vater der Überblick gefehlt. „Mein Gefühl war schon seit längerem: Dieses Firmenkonstrukt kann nicht mehr funktionieren. Aktiv steuerbar ist mittlerweile ohnehin nichts mehr.“

Unkontrollierbares Konstrukt

Bereits in den Verhandlungen über die Verlängerung des im Januar 2009 vereinbarten Überbrückungskredits in Höhe von 400 Millionen Euro ging geraume Zeit gar nichts, da keine der rund drei Dutzend Banken in dem Beteiligungsdschungel der Merckle’schen Unternehmen ins Hintertreffen geraten wollte. Erst nach langem Hauen und Stechen einigten sich die Gläubiger Ende März auf eine zweimonatige Prolongation. Und auch jetzt, da es um die Umwandlung des laufenden Überbrückungskredits in einen Restrukturierungskredit geht, ist Sand im Getriebe. Ein Grund: die komplizierten gesellschaftsrechtlichen Strukturen bei den beiden operativen Hauptunternehmen, dem Pharmahersteller Ratiopharm und dem Pharmagroßhändler Phoenix.

Ein Problem unter vielen: Ratiopharm ist nicht komplett unter dem Dach der Merckle-Holding VEM aufgehängt. Einzelne Teile des Generikaherstellers, wie etwa kanadische Tochterfirmen sowie die Mehrheitsbeteiligung am Schweizer Pharmahersteller Mepha, liegen direkt bei der Familie. Noch undurchsichtiger ist die Situation bei der Phoenix- Gruppe. Der aus etlichen Unternehmen zusammengewürfelte Pharmahändler sei „gesellschaftsrechtlich kompliziert“, attestiert selbst Rechtsanwalt Braun. Phoenix befindet sich zu kleinen Teilen noch im Besitz von börsennotierten Mantelfirmen mit externen Aktionären, wie beispielsweise der F. Reichelt AG. Zudem ist das Unternehmen mit diesen Mantelfirmen über komplizierte Pachtverträge vernetzt.

Nach Meinung von Undritz dürften hochverschachtelte Konzernstrukturen künftig noch genauer unter die Lupe genommen werden. Insbesondere die Intercompany Loans führten zu zum Teil unübersichtlichen Finanzierungsstrukturen. Viele multinational agierende Unternehmen nutzen diese, um Kapitalkosten zu minimieren und um Gewinne in Niedrigsteuerländer zu transferieren. In der Insolvenz stelle sich häufig die Frage, ob diese Forderungen als Upstream Loans gleichrangig – beispielsweise zu Bankforderungen – zu betrachten seien oder als Gesellschafterdarlehen – von oben nach unten – zu einem Nachrang führten. „All diese Themen spielten bis dato bei der Analyse von Insolvenzszenarien keine große Rolle. Das dürfte sich zukünftig ändern“, so Undritz.

Kritik am Wildwuchs

Soweit es wirklich zu Steueroptimierungen kommt, werden komplexe Konzernstrukturen aber auch zukünftig ihre Berechtigung haben. Unternehmen müssten im operativen Geschäft gehörig aufs Gaspedal treten, um die positiven Effekte, die sich aus etwaigen Strukturveränderungen ergeben könnten, auszugleichen. Beim zweitgrößten deutschen Stahlkonzern Salzgitter beispielsweise beliefen sich die steuerlichen Vorteile aus der Änderung der Konzernstruktur auf 150 Millionen Euro.

„Der Trend hin zu steueroptimierten Strukturen ist ungebrochen“, bestätigt auch Dr. Sebastian Benz, Fachanwalt für Steuerrecht, Tax & Audit bei Linklaters. Nach seinen Erfahrungen haben sich externe Kapitalgeber noch nie an Verschachtelungen gestört und werden es auch künftig nicht tun – solange alles im rechtlichen Rahmen bleibt und der Zugriff auf Sicherheiten gewährleistet ist. Schließlich sind es die Unternehmen selbst, die für die Kosten strukturerklärender Gutachten aufkommen müssen. Zudem haben Kapitalgeber bei Verstößen gegen festgelegte Kreditbedingungen ein außerordentliches Kündigungsrecht. Er räumt jedoch ein, dass es Unternehmen mit der „Kreativität“ manchmal übertreiben. Das Einziehen von Verlustmänteln als Zwischenholdinggesellschaften sei so ein Beispiel. „Darin können unübersehbare Risiken schlummern, die einen Konzern umhauen können“, sagt Benz.

Sowohl Undritz als auch Benz gehen davon aus, dass komplizierte Konzernstrukturen von den Kreditgebern künftig kritischer hinterfragt werden. Wurde noch vor ein, zwei Jahren den vorgelegten Bilanzen fast blind vertraut, schauen Geldgeber nun stärker auf das Gesamtrisiko. Vor allem muss klar sein, wie sich die Beteiligungsverhältnisse bei eventuell insolvenzrechtlich gebotenen Umstrukturierungen darstellen. Ein Thema, das in den kommenden Monaten auf das eine oder andere Unternehmen zukommen dürfte.

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