Das Reiseunternehmen Schauinsland hat kräftig in die IT investiert, 1,5 Milliarden Reiseangebote pro Tag spucken die Rechner aus. Trotzdem setzt Inhaberfamilie Kassner weiterhin auf die Reisebüros als wichtige Vertriebssäule. Über die Suche nach dem optimalen Mix aus digitalen und klassischen Vertriebswegen.

Der Weg in die große weite Welt führt durch einen Duisburger Keller. Weiße Klinkerwände, dicke Stahltüren, Luftmesssensoren, eine hochmoderne Gaslöschanlage: Die mehr als 100 Server der Schauinsland-Reisen-Zentrale werden gut gehütet. Schließlich verbinden sie den Reiseveranstalter mit mehr als 10.000 Reisebüros. In die gehen Kunden, die sich längst nicht mehr nur von Samstag bis Samstag an irgendeinen Strand verfrachten lassen, ohne viele Fragen zu stellen. Viele sehen sich vorab im Internet um. Dort stoßen sie auf mal mehr, mal weniger aussagekräftige Online-Bewertungen ihrer möglichen Unterkünfte.

Das Duisburger Familienunternehmen reagiert darauf mit Transparenz: Seit gut drei Jahren legt es die Reklamationsquote des jeweiligen Hotels offen. Doch seine Kunden bescheren ihm noch viel größere Herausforderungen. Manche Urlauber wollen partout nicht zur Schlafenszeit fliegen. Manche wollen eine einsam gelegene Aussteiger-Lodge. Manche wollen An- und Rückreise sowie ein paar Nächte über einen Reiseveranstalter buchen, sich zwischendrin aber auf eigene Faust durchschlagen. Und natürlich wollen alle all das möglichst günstig. Mehr als 1,5 Milliarden Angebote rechnen die Server im Keller Tag für Tag aus. Gerald Kassner, der Schauinsland-Inhaber und -Geschäftsführer, meint, seine Technik sei dabei besser als die der Mitbewerber.

IT-Fachkräfte gesucht

Für den besten Weg in die große weite Welt kommt es zum Beispiel darauf an, wie schnell ein System berücksichtigt, wenn ein Hotelanbieter für ein paar Restzimmer die Preise senkt. Oder wenn Charter- mit Linienflügen in einem Angebot verbunden werden sollen. Denn einfach so, sagt Kassner, bringen Computer beides nicht zusammen.

Schauinsland hat sich dafür eine eigene Schnittstelle gebastelt. Dabei ist der Chef nach eigener Einschätzung „kein Technik-Junkie“. Der 51-Jährige sagt: „Ich sehe die Notwendigkeit des Investments.“ Das bedeutet nicht nur, sich über 100 Terabyte Festplattenspeicher zu leisten, sondern auch Leute, die damit umgehen können. Mehr als 10 Prozent der 315 Mitarbeiter sitzen in der EDV-Abteilung, sieben davon sind IT-Entwickler. Schauinsland hat sein Personal in den vergangenen Jahren kräftigt aufgestockt. Als die Firma im Jahr 2008 ihren 90. Geburtstag feierte, beschäftigte sie noch etwa 160 Angestellte. Entsprechend jung sind viele Mitarbeiter, die in der Duisburger Zentrale über die Flure laufen. Bemerkenswert oft lächeln sie, wenn ihnen dort eine resolute 73-Jährige begegnet: Doris Kassner, Mutter der Kompanie. Und Mutter des Chefs. Und seine Vorgängerin: 1982, nach dem Tod ihres Mannes, hatte sie die Geschäftsführung übernommen. 1997 gab sie die Verantwortung an ihren Sohn ab. „Auf einmal war ich seine Angestellte“, sagt sie mit neckischem Unterton und verschwörerischem Blick.

Als Personalchefin mischt sie bis heute mit. An diesem Vormittag erkundigt sie sich bei einigen jüngeren Damen im Aufzug besonders nachdrücklich und mit einem kleinem Anflug von Sarkasmus nach dem Wohlbefinden. Denn übers Wochenende war fast die ganze Firma auf Betriebsausflug in der Türkei. Der Seniorchefin war beim frühmorgendlichen Blick auf den Strand irgendwann gedämmert, dass die dort aktiven Schauinsland-Leute nicht schon wieder, sondern immer noch auf den Beinen waren. Grundsätzliche Einwände gegen derartige Leistungsfähigkeit hat Doris Kassner nicht: „Der Touristiker hat Rioja im Blut.“ Auch wenn sie damit nicht in allererster Linie Feierfestigkeit meint, sondern die eigene Lust auf die große weite Welt.

Dabei dürfte am Beginn der Unternehmensgeschichte niederrheinischer Hafer eine viel größere Rolle gespielt haben als südeuropäischer Rotwein. An einer Wand in der Nähe des Schauinsland- Chefbüros hängt eine grobkörnige Schwarz-Weiß-Fotografie. Sie zeigt einen Leiterwagen samt Pferd und somit die Anfangsphase der Firma. Erich Kassner, der Großvater des heutigen Inhabers, gründete 1918 einen Transportbetrieb. Er kutschierte keine Menschen, sondern Gegenstände. 1932 schaffte er den Einstieg in die Personenbeförderung, doch erst 1951 verwandelte sich die Spedition und Umzugsfirma endgültig in den „Ommnibusbetrieb und Reisedienst Erich Kassner“.

Mitarbeiter verzichten auf Betriebsrat

Ab 1962 bucht das Unternehmen auch Plätze in LTU-Fliegern. Fokker- und Caravelle-Maschinen bringen Kunden von nun an Woche für Woche nach Mallorca. Wie ihnen der Weg in die große weite Welt vor ein paar Jahrzehnten gebahnt wurde, zeigt ein angegilbtes Papier, das in der Nähe der Pferdewagen-Fotos hängt. Es ist überzogen mit kleinen Kästchen, in die mit Bleistift feine Striche gesetzt wurden: ein Hotelbelegungsplan.

Doris Kassner seufzt: „Wehe, jemand hat storniert.“ Einen so feinen Strich aus einem so kleinen Kästchen wieder herauszuradieren, muss auch für Feinmotoriker eine Herausforderung gewesen sein. Doris Kassner ist längst nicht die Einzige im Unternehmen, die diese Zeiten noch miterlebt hat. Denn, so beteuert sie: Wer einmal bei der Firma ist, der bleibt meistens auch. Obwohl es keinen Betriebsrat gibt. Mutter und Sohn klingen stolz, wenn sie von der Nichtexistenz einer förmlichen Mitarbeitervertretung sprechen. Denn sie werten diesen Umstand als Beleg für eine gute Atmosphäre. Und Gerald Kassner fügt hinzu: „Meine Tür steht immer offen. Wer etwas auf dem Herzen hat, kann zu mir kommen.“ Für alle, die das nicht wollen, hängt im Keller auch noch ein Kummerkasten. Gerade ist er leer. Und damit im Normalzustand, versichert Doris Kassner. Bei einer Umfrage des Branchenmagazins FVW hat es Schauinsland unter die touristischen Top-Arbeitgeber geschafft und in den Kategorien Betriebsklima sowie Work-Life-Balance sogar auf Platz eins.

Dafür sorgen nicht nur Firmenausflüge in die große weite Welt. Doris Kassner erzählt von Traditionen, die das Wir-Gefühl stärken: dem alljährlichen Sommerfest, der Weihnachtsfeier und dem Probekochen, dem sich Neulinge stellen müssen. Dazu kommen finanzielle Extras, die das Unternehmen seinem Personal spendiert. Doch auch im Verhältnis zu den Geschäftspartnern draußen in der großen weiten Welt, den Hoteliers und den Vor-Ort-Agenturen und im Umgang mit Reisebüros sind die Duisburger für großzügige Provisionen bekannt. Dabei verlagerte sich das Reisegeschäft in den vergangenen Jahren mehr und mehr ins Internet. Doch Gerald Kassner hielt an der Vertriebssäule Reisebüros fest, obwohl er auch in das Online-Geschäft investierte. Lange wurde Kassner daher vom Wettbewerb belächelt. Heute verstummt der Wettbewerb angesichts der neuesten Erfolgszahlen: Im Geschäftsjahr 2013/2014 ist der Umsatz von 784 auf 970 Millionen Euro geklettert, macht einen Anstieg um 23,7 Prozent. Und die Kundenzahl hat erstmals die Millionenmarke geknackt. Zum Vergleich: 2001/2002 brachte es Schauinsland auf einen Umsatz von 66,6 Millionen Euro und auf knapp 107.000 Kunden.

Umgekehrt kann Doris Kassner ganz schön spitze Dinge über hochnäsige Managertypen sagen. Sie selbst, sagt sie, ist „gelernter Industriekaufmann“. Bei Schauinsland hat sie den damaligen Juniorchef geheiratet. Als ihr Mann mit nur 48 Jahren stirbt, ist ihr Sohn Gerald gerade beim Bund. „Da habe ich ihn losgeeist“, berichtet sie. Er studiert in Heilbronn Touristik-BWL, hat vier Jahre später seinen Abschluss. Eigentlich will ihn seine Mutter dann erst einmal in andere Unternehmen schicken, aber er möchte direkt im Familienunternehmen einsteigen. Heute ist er alleiniger Gesellschafter. Immerhin, bescheinigt ihm die Seniorchefin, hat er so konsequent eine ganz eigene Herausforderung gemeistert: „Er hat Mutter ertragen.“

Furcht vor dem Fiskus

Bis 2006 war die ganze Firmenzentrale noch ins ehemalige Wohnhaus der Kassners im Duisburger Stadtteil Marxloh hineingequetscht. Seither residiert die Firma in der Nähe des Innenhafens, also dort, wo Duisburg heute ganz schön schick ist. Doch zu eng wird es trotzdem wieder. Gerald Kassner hat auch schon Gelände zugekauft, wollte auf 10.000 Quadratmeter erweitern. Dieses Vorhaben allerdings hat er jetzt erst einmal zurückgestellt. Grund dafür: eine neue, umstrittene Idee der Finanzämter. Seit 2012 wollen sie von Reiseveranstaltern deutlich mehr Gewerbesteuer kassieren, indem sie den Einkauf von Hotelleistungen zum Betriebsgewinn hinzurechnen – und zwar rückwirkend bis 2008. Branchenvertreter warnen vor eine Pleitewelle. Davon sieht sich der Schauinsland- Chef weit entfernt: „Wir könnten das gut schaffen.“

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