Freitag, 09.10.2020
Unternehmer, Verbandsfunktionär, Gründer, Unternehmensberater

Holger Bingmann: "Irgendwann stumpfen Sie ab"

Holger Bingmann ist Unternehmer, Verbandsfunktionär, Gründer, Unternehmensberater. Das Jahr 2020 ist ein Einschnitt für ihn. Er tauschte seine beiden Chefposten in der MELO Group und im Bundesverband für Groß- und Außenhandel (BGA) gegen zwei neue Aufgaben in einer Unternehmensberatung und einer internationalen Organisation. Warum?
Holger Bingmann, MELO Group, Bundesverband für Groß- und Außenhandel, BGA, Pressevertrieb München, DBU, Digital Business University of Applied Sciences, DBU Gründer

"Alpha-Tiere verlernen etwas sehr Menschliches, nämlich zuzuhören und dort zu unterstützen, wo Hilfe notwendig ist", Holger Bingmann.

 

Foto: BGA

Herr Dr. Bingmann, seit Mitte dieses Jahres sind Sie Partner in einer Unternehmensberatung und Präsident der Internationalen Handelskammer ICC für Deutschland. Haben Ihnen Ihre alten Aufgaben nicht mehr gefallen?

Nein, so war es nicht. Mein Herz schlägt für den Handel, ich bin Händler aus Überzeugung. Dem BGA bleibe ich ja erhalten, beim ICC reizt mich die internationale Perspektive. Hätte ich in beiden Organisationen meine Aufgaben behalten, wäre ich meiner Verantwortung nicht gerecht geworden. Beide Aufgaben sind zeitintensiv. In der MELO Group habe ich wertvolle Jahre als Geschäftsführender Gesellschafter verbracht. Nach 20 Jahren dachte ich aber, es ist an der Zeit, auch mal etwas anderes zu machen.

Dafür hätten Sie aber auch Ihre Anteile als passiver Gesellschafter behalten können.

Das stimmt, aber so ist es ein klarer Schnitt. Die Nachfolgegeneration der Gründerfamilie Trunk ist jetzt wieder aktiv dabei, zu meiner Zeit nahm sie die Rolle des stillen Gesellschafters wahr. Wir haben begonnen, das Geschäftsmodell der MELO Group zu digitalisieren, haben die Unternehmenskultur und die Arbeitsorganisation verändert. Das Unternehmen ist wirtschaftlich gut aufgestellt für die Zukunft – ein guter Zeitpunkt, um das Ruder in andere Hände zu übergeben.

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Sie haben für die Transformation in der MELO Group eine Leadership-Beratung ins Haus geholt. Warum?

Ich hatte den Eindruck, dass einige Unternehmensbereiche nicht gut miteinander gearbeitet haben. Es knirschte im Gebälk, auch wir als Handels- und Dienstleistungsunternehmen haben den Strukturwandel gespürt, der einen wahnsinnigen Druck auf die Unternehmen ausübt. Es geht eben nicht allein darum, Geschäftsabläufe und -prozesse zu digitalisieren, sondern das gesamte Geschäftsmodell zu digitalisieren. Unser Schweizer Tochterunternehmen hat in diesem Prozess des Changemanagements gute Erfahrungen mit Coaches gemacht. Also habe ich sie nach München geholt.

Und dann sind zuerst Sie durch den Veränderungsprozess gegangen.

Ja, ich war erstaunt und ehrlich gesagt auch ein wenig brüskiert, als der Coach mir sagte, er würde gern bei mir mit Changemanagement beginnen. Ich habe mich aber auf den Prozess eingelassen. Das war seit langem die beste Entscheidung, die ich für das Unternehmen und auch für mich getroffen hatte.

Warum, was waren Ihre Erkenntnisse?

Alpha-Tiere verlernen etwas sehr Menschliches, nämlich zuzuhören und dort zu unterstützen, wo Hilfe notwendig ist. Es ist eigentlich so einfach. Man hat ja zwei Ohren und einen Mund. Alpha-Tiere müssen mit Demut und zugleich Mut neu erlernen, den anderen wirklich mal reden zu lassen und andere Ansichten und Widersprüche auf sich selbst wirken zu lassen. Das klingt so banal, ist es aber nicht. Ich wurde zum Beispiel in meiner Rolle als Geschäftsführender Gesellschafter nie hinterfragt, und ich habe mich selbst auch nicht hinterfragt. Natürlich habe ich Fehlentscheidungen getroffen, der Diskurs im Unternehmen hat gefehlt. Irgendwann stumpfen Sie an der Spitze ab.

Und die Folge war der Rückzug aus der MELO Group, die Sie aufgebaut und geformt haben?

Ja und nein, nicht direkt. Ich merkte, dass es gut war, Entscheidungen zu delegieren und so autonom wie möglich zu gestalten. Als ich verstand, dass ich mich gar nicht so unwohl dabei fühlte, habe ich erstmals ein wenig loslassen können. Und ich habe mir Zeit freischaufeln können, zum Beispiel habe ich wieder meine Freude an Bildung und an der Lehre entdeckt. Ich hatte auf einmal wieder Zeit, mich mit Büchern zu beschäftigen. Gute Worte und gut gehaltene Vorträge bewegen Menschen. Hier habe ich auch viel Neues durch die Verbandsarbeit gehört und gelernt, das ich nun in unserer politischen Kommunikation zwischen Unternehmen, Verbänden und Unternehmen in der Beratung wunderbar ausbauen kann.

Vor diesem Hintergrund haben Sie auch die private Hochschule DBU Digital Business University of Applied Sciences in Berlin gegründet und in Start-ups im Bildungsbereich investiert?

Ja, ich beschäftige mich intensiv mit Bildung und deren Werten im digitalen Zeitalter. Das finde ich für unsere Zukunft sehr wichtig. Wir brauchen neue Ausbildungsangebote, einige Berufe verschwinden, andere entstehen neu. Im Jahr 2017 machte ich mich mit Achim Hecker, einem ehemaligen McKinsey-Berater, auf den Weg, diese private Hochschule zu gründen, um Studenten besser und zielgerichteter auf die digitalisierte Wirtschafts- und Arbeitswelt vorzubereiten. Zum Beispiel heißen zwei unserer Studiengänge „Digital Business Management“ oder „Data Science / Business Analytics“. Knapp zwei Jahre hat es gedauert, bis die Akkreditierung bei der Senatskanzlei für Wissenschaft und Forschung des Landes Berlin durch war. Jetzt arbeitet unser Team daran, die Universität mit einer Mischung aus Online- und Präsenzlehre mit Leben zu füllen. Vorbild für uns ist die private Online-Akademie Udacity, die 2011 im Silicon Valley gegründet wurde.

Info

Der Umtriebige: Holger Bingmann

Im Jahr 2020 stößt Dr. Holger Bingmann Veränderungen in seinem Berufsleben an. Seit Mai ist er Partner der Unternehmensberatungsgesellschaft Bingmann Pflüger International mit Sitz in Berlin und seit Juni Präsident der Internationalen Handelskammer für Deutschland. Dafür hat er den Posten des Präsidenten des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen e.V. (BGA) aufgegeben, dem er aber im Präsidium treu bleibt. Zudem ist Bingmann an der privaten Hochschule Digital Business University for Applied Sciences in Berlin engagiert, die er gemeinsam mit Achim Hecker im Jahr 2017 gegründet hat. Auch ist er weiterhin Geschäftsführender Gesellschafter der Pressevertrieb München Holding GmbH & Co. KG. Der promovierte Betriebswirt beteiligt sich außerdem an jungen Unternehmen rund um den Bildungssektor.

 

Ein großer Einschnitt war der Ausstieg aus der Geschäftsführung und der Verkauf seiner Anteile an der MELO Group in München. Mit 39 Jahren hatte er dort vor 20 Jahren Gesellschafteranteile des Pressevertriebs Hermann Trunk gekauft und mit der Gründer- und Gesellschafterfamilie Trunk im Rücken das Unternehmen MELO groß gemacht: Aus anfangs 100 Mitarbeitern im Pressevertrieb sind heute 2.000 Mitarbeiter in sechs Ländern geworden, die einen Umsatz von ungefähr 300 Millionen Euro erwirtschaften und neben dem klassischen Pressevertrieb (Media Distribution) auch in den Bereichen Logistic-Services, Aviation-Services und Content-Creation tätig sind.