Dr. Detlef Graessner und seine Tochter Cornelia führen gemeinsam ein Hotel und ein mittelständisches EDV-Unternehmen. Nichts liegt näher.

Das Hotel liegt nicht am See. Starnbergs Promidichte ist einfach zu hoch. Starnbergs Einwohner wissen geschickt zu verhindern, dass sich ehrgeizige Hotelprojekte im idyllischen Starnberg verwirklichen. Egal wo bisher ein größeres Hotel geplant war, irgendeiner hatte immer etwas dagegen. So fehlte Starnberg seit Jahren ein Tagungshotel mit ausreichend Kapazität für Seminare und Konferenzen.

Damit ist jetzt Schluss. Seit einem halben Jahr gibt es das „Hotel Vier Jahreszeiten Starnberg“. Der Name ist frei erfunden, Ähnlichkeiten mit bestehenden Hotels sind voll beabsichtigt. Auch wenn es keine Verbindung zum Münchener Pendant gibt. Der Starnberger Unternehmer Dr. Detlef Graessner hat kurzerhand selbst ein 4-Sterne-Hotel mit 128 Zimmern auf seinem Firmengelände gebaut. Er brauchte Tagungsräume für die zahlreichen Schulungen, die sein Unternehmen, die Pharmatechnik GmbH, durchführt.

Ein Hotel? Das machen wir selbst

Das Genehmigungsverfahren lief – für Starnberger Verhältnisse – sehr schnell. Das Grundstück liegt ja auch nicht am See, sondern 300 Meter vom Ufer entfernt in der Stadt. 14 Monate nach der Grundsteinlegung – und 13 Millionen Euro aus dem Vermögen der Familie Graessner später – wurde eröffnet. Die Projektleitung lag bei Graessners Tochter Cornelia Graessner-Neiss. Die fühlt sich zu Hause wie zu Hause: „Ich wusste immer: Hier will ich arbeiten. Hier gehöre ich hin.“ Die 39-jährige Juristin arbeitet seit vier Jahren gemeinsam mit ihrem Vater in der Geschäftsleitung von Pharmatechnik.

Warum wollte Graessner das Hotel unbedingt selbst bauen? „Viele haben versucht, in Starnberg ein großes Hotel zu bauen.“ Aber keiner habe ein geeignetes Grundstück gehabt, auf dem so etwas bei den vielen Auflagen der Stadt realisierbar gewesen wäre. Graessner hatte Platz. Einem fremden Bauherrn hätte er den Bau freilich nie übertragen und schon gar nicht das Grundstück verkauft. Das geht gegen den Unternehmerstolz. „Außerdem nutzen die Hotelgäste das Pharmatechnik-Grundstück für die Zufahrt.“

Das Betreiben des Hotels ist inzwischen längst Herzensangelegenheit. „Es sollte ein Familienhotel werden“, sagt die Tochter. Die Inneneinrichtung hat eigenwillige Details: In einigen Zimmern ist eine Badezimmerwand komplett aus Glas. Cornelia Graessner-Neiss lacht offen und herzlich, ganz Münchener Mädel. Die Rolle als Hotelchefin passt. Sie liebt ihr Hotel. Die Graessners empfangen gerne in den dunkelbraunen Ledersesseln der modernen und zugleich klassischen Hotelbar. Graessner senior kommt mit wehendem Schal und perfekt sitzendem Einstecktuch von seinem Büro zum Hotel geeilt.

Info

Das Unternehmen

Pharmatechnik GmbH & Co. KG: Das 1980 von Dr. Detlef Graessner gegründete Unternehmen entwickelt und vermietet EDV-Systeme an Apotheken, Kieferorthopäden und Zahnärzte in Deutschland. Im Jahr 2006 erzielte das Unternehmen mit 568 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von 55 Millionen Euro. Das Unternehmen befindet sich vollständig im Besitz der Familie Graessner. Es wird von Detlef Graessner, zwei weiteren Geschäftsführern und Cornelia Graessner-Neiss geleitet. Das „Hotel Vier Jahreszeiten Starnberg“: Der Unternehmer Dr. Detlef Graessner hat auf dem Firmengelände in Starnberg ein Vier-Sterne-Hotel mit 114 Doppelzimmern und 12 Suiten errichtet. Im Mai 2006 war die Eröffnung. Das Hotel ist das größte in Starnberg.

Vater und Tochter hatten vom Hotelgewerbe keine Ahnung. Das schreckte sie jedoch nicht. Unternehmer Graessner ist überzeugt, dass das Hotel ein wirtschaftlicher Erfolg wird. Tagungs- und Hotelgäste gibt es in Starnberg seit jeher mehr, als die umliegenden kleineren Familienhotels bislang aufnehmen konnten. „Man muss sich schon dumm anstellen, wenn man hiermit kein Geld verdient“, sagt er. Dumm angestellt hat er sich jedenfalls in der Vergangenheit noch nicht. Über 500 Mitarbeiter zählt Pharmatechnik heute. Mit dem Hotel sind noch einmal 40 dazugekommen.

Nach seinem BWL- und Elektrotechnikstudium war Graessner dreizehn Jahre lang für Siemens tätig. Siemens hatte ein System zur Unterstützung des Warenmanagements bei Apotheken entwickelt. Der Konzern wollte die Idee Ende der Siebzigerjahre nicht mehr weiterverfolgen. Graessner schon. Er machte sich selbstständig und arbeitete zunächst allein. „Am 1. Januar 1980 habe ich dann richtig angefangen und im Laufe des ersten Jahres 80 Mitarbeiter eingestellt“, erinnert er sich. Die Idee hatte er von Siemens mitgenommen. Statt Deutschlands Apotheken EDV-Systeme zu verkaufen, hat Graessner Hard- und Software auf Basis von Fünfjahresverträgen nur vermietet. „Siemens hat das mit seinen Telefonanlagen viele Jahre lang gemacht und damit sehr gut verdient“, erinnert er sich.

Am Anfang war die Lochkarte

Sein System hat er ständig weiterentwickelt. Angefangen hat alles mit Lochkarten.Die Tochter lacht:„Mein Bruder und ich haben in unserem Keller Computerteile zusammengebaut und Lochkarten in Magazine gefüllt. Eine Mark pro Magazin haben wir damals bekommen.“ Später wurden verschiedene Niederlassungen in Deutschland errichtet, um Apotheken in ganz Deutschland bedienen zu können. Pharmatechnik verspricht bei Problemen innerhalb von vier Stunden einen Servicemitarbeiter vor Ort zu haben, überall in Deutschland.

Mit der Umstellung auf Computer hat Pharmatechnik dann komplexe Softwareanwendungen entwickelt, die den Apotheker in seinen Geschäftsprozessen unterstützen: von der Bestandsverwaltung über Abrechnungssysteme bis hin zur Verkaufsberatung. „Wir sind der Unternehmensberater der Apotheken geworden“, erklärt Graessner. Das Erlösmodell ist das gleiche geblieben. Graessner vermietet seine Systeme. „Früher war ich viel zu billig“, er lacht; „nur 99 Mark pro Monat hat das Produkt am Anfang gekostet.“

Der Aufwand für die Weiterentwicklung der Systeme ist nicht unerheblich. Auf Neuerungen im Gesundheitswesen muss er reagieren, bevor sie beschlossen sind. Und dann kommt doch alles wieder ganz anders.Graessners Systeme müssen beispielsweise mit der elektronischen Gesundheitskarte klarkommen, bevor es sie gibt. Aber die Geschäfte laufen gut. Von den 21.000 Apotheken in Deutschland sind 5.000 seine Kunden.Weitere 2.000 Kunden hat er unter Kieferorthopäden, Zahnärzten und niedergelassenen Ärzten. „Ein schlafender Riese“, sagt Graessner. Außerdem hält Pharmatechnik pro Jahr mehr als 700 Schulungen ab. Das sind unentgeltliche Produktschulungen, aber auch kostenpflichtige zu allen Themen, die das Personal von Apotheken und zahnmedizinischen Einrichtungen interessieren können. Mit diesen Geschäften erzielt Pharmatechnik einen Umsatz von 55 Millionen Euro. Der Markt ist stabil.

Graessner liebt sein Familienunternehmerdasein. „Viele angestellte Manager agieren viel zu kurzfristig.“ Graessner genießt es, Entscheidungen schnell treffen zu können, kreativ zu sein, Dinge bewegen zu können. „Natürlich trifft man manche Entscheidung dann auch zu schnell“, gibt er zu: „Aber dann muss man hingehen und die Entscheidung schnell korrigieren.“ Bei Konzernen, sagt er, würden Fehlentscheidungen mitunter nie korrigiert.

Das Leben als langer, ruhiger Fluss

Fehlentscheidungen hat es auch bei Pharmatechnik gegeben. Graessner hat Anfang 2000 gemeinsam mit der ARD Gesundheitsfilme produzieren lassen. Die Idee: Apothekenkunden sollten sich in der Apotheke über einen von Pharmatechnik bereitgestellten Monitor über Volkskrankheiten wie Diabetes, Krampfadern und Blasenschwäche informieren. Pilotversuche haben aber gezeigt, dass sich Apothekenkunden hierfür keine Zeit nehmen. „Eine Millionen D-Mark habe ich damals verbrannt“, ärgert er sich noch heute und fügt schnell hinzu: „Ich war einfach acht Jahre zu früh.“ Natürlich, der Markt war schuld. An der Idee kann es ja schlecht gelegen haben.

Heute sorgt ihn eher der Mangel an Programmierern. Die deutschen Hochschulen spucken immer weniger Informatiker aus. „Wir haben in diesem Jahr mehr Programmierer eingestellt als wir brauchen, weil wir fürchten, dass es in drei Jahren einen echten Engpass geben wird.“

Vater und Tochter haben die Verantwortungsbereiche nicht streng aufgeteilt. Sie ist Prokuristin bei Pharmatechnik und Geschäftsführerin im Hotel. Er ist Geschäftsführender Gesellschafter beider Unternehmen. Die technischen Themen liegen klar bei ihm. Sie kümmert sich um die Rechtsabteilung und alle Details im Hotel. Erst bei Geschmacksfragen stößt die familiäre Harmonie an ihre Grenzen. Bei der Inneneinrichtung des Hotels waren die Graessner- Generationen nicht immer einer Meinung. Der Kompromiss: Ein Stockwerk ist nach Vaters Geschmack in dunklen Blautönen und klassischem Design gehalten. Ein anderes Stockwerk ist eher minimalistisch modern, in fröhlichem Rot mit strengen Linien gestaltet. Im Familienjargon: „meine Zimmer“ und „deine Zimmer“. Hat der Bruder auch eine Rolle im Unternehmen? Wo das „Familienunternehmensein“ Vater und Tochter erkennbar so viel Freude bereitet? Der Sohn hat einen anderen Weg eingeschlagen: „Mein Bruder ist Schauspieler geworden“, sagt Cornelia.

Zum Schluss erfahren wir noch, dass Detlef Graessner unternehmerisch vorbelastet ist: „Mir liegt das Unternehmertum im Blut“, erklärt er: „Mein Vater hatte eine große Kakteenzucht.“ Und was ist aus der Kakteenzucht geworden? Graessner winkt ab. Das Thema will er nicht weiter ausführen. Dabei ist der alte Graessner unter Kakteenzüchtern kein Unbekannter. Einige Kaktusarten sind nach ihm benannt. Zum Beispiel der Brasilcactus Graessneri, reingelbblühend und dicht gelb bedornt.

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