Der Kaffeehersteller Illy zahlt den Kaffeebauern höhere Preise, als sie auf dem internationalen Markt erzielen würden. Nicht aus Gutmenschentum, sondern damit die Bauern in die Qualitätssteigerung ihrer Bohnen investieren.

Andrea Illy wirkt gehetzt. Gerade hat er bei einer Veranstaltung mit DAX-Vorständen über Nachhaltigkeitsthemen diskutiert. Im Allgemeinen und im sehr Speziellen – bei illycaffè zum Beispiel, dem drittgrößten italienischen Kaffeehersteller nach Segafredo und Lavazza. Die Grupo Illy hat sich jüngst von der norwegischen Prüfungsgesellschaft Det Norske Veritas (DNV) zertifizieren lassen. Über 200 Kriterien entlang der Produktions- und insbesondere der Lieferkette wurden durchleuchtet, um zu prüfen, wie nachhaltig wirklich gewirtschaftet wird. Nun reist Andrea Illy in Europa herum, besucht auch andere Kaffeehersteller, um sie zum Mitmachen zu bewegen. Auch Tee- und Kakaoproduzenten könnten mit dem Zertifikat „Responsible Supply Chain Process“ arbeiten, sagt er.

Nachhaltigkeit bedeutet für Andrea Illy vor allem eines: Nur mit einer wirtschaftlich, sozialen und ökologisch sinnvollen Produktion kann Illy sein erklärtes Ziel erreichen, den besten Kaffee der Welt zu produzieren. Dieses Ziel hatte einst Francesco Illy, Gründer und Großvater von Andrea, ausgegeben. Aus Ungarn kam er nach Triest und begann 1933 mit einem kleinen Kaffeehandel, inspiriert von den vielen Kaffeehäusern in Wien, wo er zuvor gelebt hatte.

Die Qualität des Kaffees muss sehr hoch sein. Was rechtfertigt sonst den hohen Preis, den Konsumenten für eine Tasse Illy-Espresso zahlen? Illy bedient den Premiummarkt. Nicht ohne Grund war Andrea für die Qualitätskontrolle verantwortlich, als er im Jahr 1990 mit 24 Jahren in das Familienunternehmen einstieg. Vier Jahre später war er CEO. Er schaute in jeden Winkel des Unternehmens – auch mit Hilfe von Prüfungsunternehmen. In seine Zeit fallen diverse Zertifizierungen, u.a. die verfahrensbezogenen nach ISO 9001 und ISO 14001 sowie die produktbezogene Qualité France. Auch nach EMAS, dem Eco-Management and Audit Scheme der EU, sind die Italiener zertifiziert. „Die Qualitätsmaxime hat jeder einzelne Mitarbeiter verinnerlicht“, sagt Andrea Zappalorto, der das Illy-Deutschland-Geschäft von München aus leitet. Er ist seit 13 Jahren dabei.

Wissenschaft und Genuss

Andrea Illy, das jüngste Kind von vieren, ist genau wie sein Vater Ernesto Chemiker. „Mein Vater und ich – wir mögen Komplexität und das Denken in Systemen“, sagt er und verliert sich wieder schnell in komplexe Zusammenhänge. Spricht von Perkolation und Hyperinfusion, von Wasserdruck und Röstung. „Wissenschaft und Technologie er – möglichen, das beste Aroma zu schaffen. Ungefähr 1.500 chemische Eigenschaften bestimmen den Charakter eines Kaffees.“

In Triest hat das Unternehmen eine Universität gegründet, die Università del caffè. Für die Zielgruppe: für Endverbraucher, für Baristas, für Restaurant- und Hotelbesitzer, aber auch für Agrarexperten und andere Wissenschaftler. Die Forschungsergebnisse werden u.a. an die Kaffeebauern weitergereicht. Wie sie zum Beispiel beim Kaffeewaschen weniger Wasser verbrauchen oder das Abwassersystem verbessern.

Info

Die Meilensteine von illycaffè

Im Jahr 1933 gründete der gebürtige Ungar Francesco Illy in Triest einen Kaffeehandel. Er erfand eine Espressomaschine, die als Vorläufer weiterer Maschinen gilt. Sein Sohn Ernesto legte den Grundstein für die wissenschaftliche Forschung im Unternehmen. Er errichtete Laboratorien, suchte den Kontakt zu Universitäten und entwickelte bereits im Jahr 1974 die ersten Kaffeepads.

Heute ist Andrea Illy Chairman und CEO der illycaffè S.p.A. Er stieg im Jahr 1990 in das Familienunternehmen ein. Seine Akzente setzt er auf Qualitätssicherung, Nachhaltigkeit und Internationalisierung. Im Jahr 1999 wurde die Università del caffè gegründet, seit 2003 ist das Unternehmen mit einer eigenen Kaffeebarkette im Markt und seit 2007 auch mit einem eigenen Kapselsystem.

Illycaffè produziert ausschließlich am Firmenstandort in Triest. Im Vergleich zu anderen Kaffeeherstellern, die verschiedene Sorten und Röstungen anbieten, gibt es bei Illy nur eine einzige Espressomischung: Neun Arabica- Sorten kommen aus vier verschiedenen Kontinenten. Die Grupo Illy setzte im Jahr 2011 über 342 Millionen Euro um und beschäftigte knapp 800 Mitarbeiter. Der Exportanteil betrug 56 Prozent.

Keine Zwischenhändler

Denn mit der Bohne fängt alles an. „Unsere Technologie kann noch so ausgefeilt sein, aber aus einer schlechten Kaffeebohne kann man keinen perfekten Kaffee machen“, sagt Andrea Illy. Vor über 20 Jahren habe sein Vater festgestellt, dass die Qualität der Kaffeebohne aus Brasilien kontinuierlich nachgelassen habe. Vater und Sohn Andrea reisten dorthin. Was sie sahen, gefiel ihnen nicht. „Mein Vater war schockiert von den ärmlichen Bedingungen, unter denen die Kaffeebauern dort arbeiteten“, erinnert sich Andrea Illy.

„Wenn es ums pure Überleben geht, ist die Qualität der Produkte nicht unbedingt das Erste, an das man denkt.“ Sein Vater verbrachte mehr Zeit in Brasilien, wollte verstehen, was die Bauern brauchen, um wieder hochqualitative Bohnen anzubauen.

Heute verbringt Andrea Illys Schwester Anna Belci drei bis vier Monate im Jahr bei den Kaffeebauern vor Ort – in Mittel- und Südamerika, in Afrika und in Indien. Knowhow-Transfer und Schulungen stehen auf der Tagesordnung. Die Bindung nach Brasilien ist traditionell eng. Jedes Jahr schreibt Illy einen Preis aus. Und kauft die Bohnen des Gewinners mit einem Aufschlag. Aber auch in den anderen Ländern verzichtet Illy auf Zwischenhändler. „Wir entlohnen mit einem Premiumpreis, der im Schnitt 30 Prozent höher liegt als der Preis auf den internationalen Märkten. Der Kaffeebauer braucht einen ökonomischen Anreiz, um in Verbesserungen zu investieren“, so das wirtschaftliche Kalkül von Andrea Illy.

So wird der „Illy-Faktor“ – so nennt Andrea Illy das Bestreben, niemals zufrieden zu sein und immer seine Grenzen zu überwinden – von Triest aus bis zu den Kaffeeplantagen exportiert. „Manchmal frage ich mich schon, warum sich alle meine Gedanken um diese eine kleine Kaffeebohne drehen. Passion kann einen auch wahnsinnig machen“, sagt Andrea Illy. Doch seine Besessenheit motiviert seine Mitarbeiter und prägt die Unternehmenskultur. Wie weit aber reicht seine Strahlkraft? Noch hat er den Überblick über sein Unternehmen. „Ich bin immer wieder überrascht, wie gut er auch über Details Bescheid weiß“, bestätigt Zappalorto. Mit dem Wachstum aber steigt nicht nur die Zahl der Mitarbeiter, die Andrea Illy nicht persönlich kennen, sondern auch derer, die nicht in Italien leben und arbeiten. Wie wird das Streben nach Perfektion in Zukunft an alle Mitarbeiter weitergetragen?

Diese Herausforderung für sein Unternehmen beschäftigt Andrea Illy. Er hat gerade seinen Master zum Thema „Transforming leaders into global executives“ in Harvard abgeschlossen. „Langfristig wird Andrea Illy zum Botschafter für Nachhaltigkeit werden“, glaubt Zappalorto. Gefragt als Redner ist er bereits. Im vergangenen Jahr hat er auf dem UN-Nachhaltigkeitsforum in Rio de Janeiro einen Vortrag gehalten. Dabei steht er stets im Dienste der Firma.

Info

Der Patriarch und seine vier Kinder

CEO Andrea Illy ist das jüngste von vier Kindern von Ernesto Illy. Und das einzige, das auch Chemie studiert hat. „Ernesto und Andrea Illy standen sich sehr nah und waren sich vom Temperament her ähnlich“, sagt Andrea Zappalorto, Leiter der Niederlassung Deutschland. Er hat auch noch Andreas Vater Ernesto kennengelernt. „Ernesto hatte Charisma, kümmerte sich um die Belange der Mit – arbeiter und konnte somit auf sehr natürliche Art und Weise sein Streben nach Perfektion auf die Belegschaft übertragen.“ Ernesto Illy starb im Jahr 2008.

Ernesto Illy war der Ansicht, dass die Firma nicht ihm, sondern den Kunden und Mitarbeitern gehöre. „Ich werde euch die Firma nicht schenken“, sagte er zu seinen Kindern. So hat jedes der vier Kinder im Jahr 2003 seine Anteile – jeweils ein Viertel – im Rahmen eines Management-Buy-outs erwerben müssen. Andrea Illys drei ältere Geschwister arbeiten im oder für das Unternehmen. Riccardo Illy war in den achtziger Jahren operativ tätig, ging dann in die Politik. Heute ist er Vice Chairman im Verwaltungsrat. Schwester Anna Belci ist Vorstandsmitglied. Francesco Illy ist Designer und Fotograf und entwickelte mit anderen Kreativen die erste Illy-Tassenkollektion.

Aktuelle Beiträge

So sichern Unternehmer­familien ihr Vermögen
Whitepaper sichern »
Whitepaper sichern »
So sichern Unternehmer­familien ihr Vermögen