Aus dem Nichts hat Martin Herrenknecht einen Weltmarktführer geschaffen. Inzwischen ist der Tunnelbohrunternehmer 71 Jahre alt, doch an Ruhestand mag er nicht denken. Stattdessen will er expandieren – mit Geothermie.

Martin Herrenknecht ist kein Mann, der sein Licht unter den Scheffel stellt. Am Eingang der Firmenzentrale im badischen Schwanau, verkehrsgünstig an der A5 gelegen, legt eine ganze Wand Zeugnis von seinen Erfolgen ab: Verdienstkreuz am Band und Erster Klasse, ein Ehrendoktor der Technischen Universität Braunschweig und der Karlsruher Innovationspreis für Baubetrieb. Demnächst dürfte eine weitere Urkunde hinzukommen: Im Juni erhielt Martin Herrenknecht den Deutschen Gründerpreis 2013 für sein Lebenswerk.

Seit über 35 Jahren baut Martin Herrenknecht Tunnelvortriebsmaschinen für U- und Eisenbahnen, Autos, Wasser-, Gasund Öl-Pipelines auf der ganzen Welt. Herrenknecht hat den Gotthard durchbohrt, unter dem Jangtse gegraben und den U-Bahn-Tunnel in Katar gebaut. Anfang Juli wurde auf dem Werks – gelände in Schwanau eine Maschine fertiggestellt, die in Kürze in Istanbul einen Verkehrs tunnel unter dem Bosporus bohren wird. Ein Jahr hat die Entwicklung des 110 Meter langen Kolosses mit einem Bohrkopf von 13,6 Metern Durchmesser gedauert.

Unterschätzt

Dass es Martin Herrenknecht einmal so weit bringen würde, hatte ihm im beschaulichen Allmannsweier, nur einen Steinwurf vom Hauptsitz des Tunnelbauunternehmers entfernt, wohl kaum jemand zugetraut – am wenigsten sein eigener Vater. Martin Herrenknecht verließ die Schule zunächst mit der Mittleren Reife. „In Englisch und Französisch war ich keine große Leuchte.“ Auf dem zweiten Bildungsweg holte er schließlich das Fach abitur nach und studierte im Anschluss Ingenieurswesen. Nach fünf Jahren im Ausland machte sich Herrenknecht mit 33 Jahren selbständig und gründete sein eigenes Ingenieurbüro. Heute beschäftigt er 4.800 Mitarbeiter und erzielt einen Umsatz von rund 1,1 Milliarden Euro. Obwohl Herrenknecht mit 55 Prozent weltweitem Marktanteil unangefochtener Marktführer ist, treibt es den 71-Jährigen immer noch voran. Dass ausgerechnet sein Konkurrent Hitachi nun den größten Tunnelbohrer der Welt baut, ärgert ihn. Bislang hielt Herrenknecht mit 15,6 Metern Durchmesser den Weltrekord. „Die Silbermedaille zählt nicht“, sagt Herrenknecht, der dafür bekannt ist, dass er auch selbst gern mal mit dem Kopf durch die Wand geht.

Herrenknecht ist Ingenieur mit jeder Faser. Die ersten Maschinen hat er selbst gebaut und an den Mann gebracht, heute ist der von ihm entwickelte mechanisierte Tunnelvortrieb – wie es in der Fachsprache heißt – Standard. Vor zwei Jahren hat Herrenknecht das letzte Mal an einem Steuerungspult einer seiner tonnenschweren Anlagen gestanden – eine Ausnahme. In den Anfangsjahren fuhr er seine Maschinen mitunter selbst durch das Gestein kilometertief unter der Erde. Nun kümmert er sich vor allem um Großprojekte und den Aufbau neuer Geschäftsfelder. „Doch ich würde mir zutrauen, innerhalb kurzer Zeit so eine Maschine wieder zu steuern“, sagt der Unternehmenschef nicht ohne Stolz.

Wachstumspläne

In seinem Kerngeschäftsfeld sieht Herrenknecht kaum noch Möglichkeiten, Marktanteile hinzuzugewinnen, ohne in einen Preiskampf gegen die verbliebenen Konkurrenten Hitachi und Robbins einzutreten. Stattdessen wollen die Badener im Bereich Vertikalbohrungen und Mining wachsen. Das ist nicht so einfach, denn Bohrungen in die Tiefe verlangen eine andere Technik als Horizontalbohrungen. Doch genau das ist es, was Herrenknecht reizt: die technische Herausforderung. Sein Herz schlägt insbesondere für die Geothermie. Herrenknecht ist überzeugt, dass dies die alternative Energieform der Zukunft ist.

Das Problem: Die Technik steckt noch in den Kinderschuhen, eine standardisierte Bohrtechnik gibt es nicht, und die Vorbehalte in der Politik sind wegen der Gefahr von Erdhebungen und -beben nach wie vor groß. Völlig unberechtigt, wie Herrenknecht findet: „Jede neue Technik, die in Deutschland eingeführt werden soll, wird sofort bekämpft“, beschwert sich der Unternehmer. In zwei bis drei Jahren will er Bohrgeräte entwickelt haben, die so weit standardisiert sind, dass die Geothermie und On- und Offshore-Bohrungen von Gas und Ölvorkommen sowie der Bereich Mining zu tragfähigen Geschäftsfeldern ausgebaut werden können. In den nächsten fünf Jahren will er damit 150 Millionen bis 200 Millionen Euro Umsatz erwirtschaften.

In der Geothermie liegt für Herrenknecht nicht nur eine große Chance, sondern auch Risiko, denn zunächst muss investiert werden: Die 60 Millionen bis 70 Millionen Euro Entwicklungskosten finanziert Herrenknecht nach eigenen Angaben aus thesaurierten Gewinnen. Wie hoch die Rendite in den vergangenen Jahren war, dazu schweigt der Unternehmer, versichert aber, dass diese „nicht schlecht“ gewesen sei. Die Eigenkapitalquote liege bei rund 35 Prozent.

Info

Der Selfmademann

Im Jahr 1975 gründet Martin Herrenknecht mit 25.000 Mark Startkapital, das ihm seine Mutter lieh, ein Ingenieurbüro und entwickelt mechanisierte Rohrvortriebsmaschinen. Vier Jahre später hat Herrenknecht sechs Mitarbeiter und erzielt 1 Million Euro Umsatz. Anfang der Neunziger Jahre expandiert Herrenknecht in die USA, 1998 kommen weitere Tochtergesellschaften hinzu. Heute unterhält die Herrenknecht AG 68 Tochtergesellschaften in 30 Ländern und erwirtschaftet eine Gesamtleistung von 1,1 Milliarden Euro mit rund 4.800 Mitarbeitern (2012), davon arbeiten gut 2000 Mitarbeiter am Stammsitz in Schwanau bei Freiburg im Breisgau.

Dr.-Ing. E. h. Martin Herrenknecht (71) hat drei erwachsene Kinder. Sein Sohn Martin-Devid schließt gerade sein Maschinenbaustudium ab und soll in ein paar Jahren in die Firma eintreten. Im Juni ist Herrenknecht für sein Lebenswerk mit dem Deutschen Gründerpreis 2013 ausgezeichnet worden.

Die Finanzierung des Kerngeschäfts wird im Wesentlichen über einen syndizierten Kredit gestemmt, an dem sich rund ein Dutzend Banken beteiligt. Das funktioniere gut, versichert Herrenknecht, trotz der Finanzkrise.

Nicht immer stand es so gut um die Finanzierung des Tunnelbohrunternehmens. Bis Ende der neunziger Jahre war das Unternehmen vor allem technikgetrieben. Herrenknecht interessierte sich mehr für seine Projekte als für die Zahlen. „Wir haben geschaut, was am Ende des Jahres übrig blieb“, räumt der Inhaber ein. Erst als Herrenknecht einen Börsengang vorbereitete und einen Aufsichtsrat unter dem Vorsitz von Lothar Späth einsetzte, brachen neue Zeiten an. Dieser sorgte erst einmal für ein professionelles Controlling und stellte neue Kontakte zu den Banken her.

Als die Börse im Jahr 2000 einbrach, legte Herrenknecht seine Pläne auf Eis. Heute ist er froh, dass es nicht zum Börsengang gekommen ist. Es wäre auch nicht seine Sache, unzufriedenen Klein – aktionären auf der Hauptversammlung Rede und Antwort zu stehen oder Ad-hoc-Sitzungen zu veranstalten, wenn ein Groß – projekt ins Stocken gerät. Ihm sei es anfangs sogar schwer gefallen, sich von einem Aufsichtsrat kontrollieren zu lassen, gesteht der Unternehmer.

Ruhelos

Viele seiner Visionen hat Herrenknecht schon verwirklicht, doch an den Ruhestand denkt er noch lange nicht. Ständig ist er unterwegs bei neuen und alten Kunden, im Ausland auf Delegations – reise mit Angela Merkel oder in Berlin, um sich für das Projekt Stuttgart 21 starkzumachen. „Solange ich gesund bin, mache ich weiter“, sagt Herrenknecht. In zwei bis drei Jahren soll sein Sohn in das Unternehmen einsteigen und sich dann langsam hocharbeiten. Der 26-Jährige schließt gerade sein Maschinenbau-Studium ab und soll im Anschluss erst einmal Berufserfahrung in einem anderen Unternehmen sammeln. „Die Aufgabe meines Sohnes wird es sein, die Firma zu stabilisieren, doch vorher wollen wir noch expandieren“, sagt Herrenknecht ehrgeizig. Außerdem möchte er sich noch einen Traum erfüllen: einen Tunnelbohrer mit 19 Metern Durchmesser bauen.

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