Ernst Prost nimmt es mit den Größten der Welt auf, mehr noch: Sein Ulmer Motorenölhersteller Liqui Moly soll in den nächsten zehn Jahren von 250 auf 800 Millionen Euro Umsatz wachsen. Wie er das erreichen will? Mit einer Mischung aus Liebe und schwäbischem Arbeitsethos.

Da sitzt er, breitbeinig. Das Haupthaar schütter und ergraut, so wie sein Schnauzer. Das Gesicht erzählt von vielen arbeitsreichen Jahren, aber das Grinsen ist jungenhaft geblieben. Da sitzt er und erzählt aus seinem Leben. In einfachen, schwäbisch eingefärbten Sätzen. Von seiner Jugend, der Zeit als es nicht viel gab in der Familie. Wie er das Bett mit der Großmutter teilen musste. Wie er die ersten Schultage nach Weihnachten litt, weil er keine Geschenke vorzeigen konnte. Nein, er war kein guter Schüler. Renitent würde er sich nicht nennen, aber da ist schon was dran an der Vermutung, dass er bereits in jungen Jahren seinen eigenen Kopf hatte und Anpassen keine große Stärke von ihm war.

Obwohl der heute 53-Jährige schon viele Herrenjahre erlebt hat, prägen ihn die frühen Erlebnisse und harten Lehrjahre bis heute. Voller Respekt spricht er von den einfachen Arbeitern bei Liqui Moly, die er „Mitunternehmer“ nennt. Er weiß, dass an jedem Arbeitsplatz die Existenz einer Familie hängen kann. Die dürfe man nicht gefährden, dafür habe er eine unternehmerische Verantwortung. Nicht für hohe Gewinne, Dividenden, Chefgehälter. Und ausgerechnet der ist Schlossbesitzer, 20 Zimmer, plus/ minus. Es war ein Spontankauf, das erste Mal hatte er von dem Schloss in Leipheim einen Tag vor dem Versteigerungstermin gehört. Da hat er schnell zugegriffen. Das erinnert an einen Neureichen, wie man sie im Privatfernsehen vorgeführt bekommt. Zu schnell zu Geld gekommen, und nun muss man es der Welt zeigen. In den USA gilt ein eigenes Schloss vielleicht als „Anreiz für jeden Kfz-Lehrling, es dem Besitzer gleichzutun“, in Deutschland hingegen gilt man damit eher als Snob.

Nach seinem Vermögen zu fragen verbietet der Anstand, aber Prost hat kein Problem, über Zahlen zu reden. Rund 15 Millionen Euro Gewinn hat Liqui Moly im vergangenen Jahr erwirtschaftet, er ist Alleineigentümer. Das renovierungs bedürftige Schloss war ein Schnäppchen, er hat es für den halben Verkehrswert ersteigert. Und sowieso sagt er: „Eher verkaufe ich mein Schloss, als dass ich einem Mitunternehmer betriebsbedingt kündigen muss.“ Er will den Erfolg nicht verstecken, aber andere Werte sind ihm wichtiger. Man darf ihn beim Wort nehmen. Denn der künftige Erfolg von Liqui Moly hängt auch von der Glaubwürdigkeit seines Eigentümers und obersten Managers ab.

Das Gesicht von Liqui Moly

Seit diesem Jahr ist Ernst Prost eine öffentliche Person. Es begann mit einer großen Medienkampagne Anfang des Jahres. Mehr als 100-mal, teils zur besten Sendezeit direkt vor der Tagesschau, erschien Prost auf deutschen Fernsehschirmen. Er verkauft über Werte: „Liqui-Moly-Motorenöle produzieren wir ausschließlich in Deutschland, und hier zahlen wir auch unsere Steuern“, sagte er in die Kamera. Motoren – öle haben einen so hohen technischen Standard erreicht, dass die Qualitätsunterschiede minimal sind. Weil Design auch kein Differenzierungsmerkmal sein kann, bleiben nur der Preis und das Marketing.

Doch bei einem Preiskampf hätte der Mittelständler schnell das Nachsehen gegen die Konkurrenten wie BP, Shell oder Exxon Mobil mit ihren Milliardenbudgets und der Möglichkeit zur Quersubventionierung. Auch mit ihren Marketingaufwendungen könnten die Konzerne ihn schnell übertrumpfen. Aber er kann mit Emotionen gewinnen. Wie weit sich Konzerne von den Einstellungen und Empfindungen der Motorenölkonsumenten entfernt haben, zeigte der damalige BP-Chef Tony Hayward während des Deepwater-Horizon-Unglücks im Golf von Mexiko. Er war ein katastrophaler Kommunikator.

Ganz anders Prost. Er schafft es, unterschiedlichste Zuhörer für sich einzunehmen. Ob vor Hunderten Unternehmern, bei Harald Schmidt oder Anne Will in der Talkshow oder einfach im Unternehmen selbst. Es ist die Mischung aus schwäbischer Bodenständigkeit und Weltverbesserei, aus Unternehmer- und Gutmenschentum. Da ist einer geerdet, wie man es gerade im Fernsehen nur noch selten erlebt. Der auch mal verlegen wirkt, der keine Schere im Kopf zu haben scheint, der aneckt – der aber, gerade weil er das nicht scheut, so sympathisch ist.

Kurz: endlich einer, der „echt“ ist. Natürlich befriedigt er, gerade in Zeiten der Finanzkrise, die Sehnsucht nach wahren Werten. Banker: korrupt. Manager: gierig. Politiker: feige. Selbst auf die katholische Kirche ist kein Verlass mehr. Und nun spricht einer von Verpflichtung und Demut, Respekt und – ja: Liebe.

Liebe zum Menschen, zum Kunden, zur Arbeit. „Mit Liebe geht es besser, Hass hat noch nie etwas Gutes gebracht.“ Das ist ziemlich banal. Doch wer bekennt sich noch, als gestandener Mann, als erfolgreicher Unternehmer, zu solchen grundsätzlichen Werten? Die Zeitungen würden jedem Politiker Naivität, jedem Manager Unglaubwürdigkeit vorwerfen. Prost jedoch, bübisch lächelnd, lässt man das durchgehen. Manch einer ist ein wenig irritiert – hoffentlich dreht er nicht ab wie der Wolfgang Grupp! –, viele nicken innerlich. Er ist für viele Unternehmer Projektionsfläche. Denn da zeigt einer: Es geht tatsächlich, mit Werten kann man Erfolg haben. Prost erhöht freiwillig die Gehälter um 2,5 Prozent, als die Gewerkschaften sich mit einer Nullrunde begnügten. Das klingt glaubwürdig.

Überzeugungstäter

Oder ist das alles Marketingkalkül, positioniert Prost Liqui Moly in einer bestimmten „Gefühlsnische“, so wie Unternehmen weltweit alltäglich Marktnischen erforschen und dann besetzen? Prost war 1990 als Vertriebsleiter bei Liqui Moly eingestiegen. Da weiß einer, was sich verkauft und wie es sich verkauft. Und doch, wenn er so dasitzt und aus dem Leben, von seiner Jugend, seinen Werten berichtet, da glaubt man ihm auch ein Zyniker, dass das alles wirklich Bedeutung für ihn hat, dass das kein Marketingtrick ist.

Info

Ernst Prost und Liqui Moly

1990 wird der gelernte Kfz-Mechaniker Vertriebsleiter beim Ulmer Hersteller von Additiven, Schmierstoffen und Ölen, Liqui Moly. 1998 übernimmt er die 1957 gegründete Liqui Moly im Alter von 41 Jahren vollständig, finanziert mit zwei Existenzgründerdarlehen und aus eigenen Ersparnissen. 2006 kauft Liqui Moly den saarländischen Motorenölhersteller Méguin, der damals in einer schweren Unternehmenskrise ist. Prost gelingt es, Liqui Moly und Méguin auch durch schwere Zeiten – vor allem wegen der hohen, volatilen Rohölpreise – zu führen. In den nächsten zehn Jahren will Prost den Umsatz von derzeit rund 250 Millionen auf 800 Millionen Euro, den Gewinn von 15 auf 50 Millionen Euro steigern.

Dabei hat der Motorenölhersteller mächtige Konkurrenten wie Exxon Mobil und Shell, die selbst Erdöl fördern und raffinieren, damit also günstiger als Liqui Moly produzieren können. Doch die Größe der Konzerne ist auch ihre Schwäche: Zum einen ist das Motorenölgeschäft für sie nicht so erfolgsentscheidend wie für Liqui Moly, sondern nur eine Randaktivität. So bleiben die Ulmer trotz eines dreistelligen Millionenumsatzes relativ unbehelligt; ihr Erfolg beeinflusst den Konzernerfolg der Mineralölriesen kaum. Zum anderen, sagt Prost, sei Liqui Moly als vertriebsstarker Spezialist im Markt sehr präsent und akzeptiert. Mit seiner Positionierung als Mittelständler trifft er zudem in Deutschland und vielen anderen Ländern auf Sympathien.

Für seine hervorragenden unternehmerischen Leistungen wurde Prost u.a. zum „MACHER des Jahres 2010“ gekürt und steht auf der Kandidatenliste des Preises „Mutmacher der Nation“. Prost hat angekündigt, einen Großteil seines Vermögens einmal in eine wohltätige Stiftung einzubringen.

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