Der Beruf des Bestatters ist anspruchsvoll. In jeglicher Hinsicht. „Die Menschen werden heute älter und schwerer“, sagt Christoph Kuckelkorn (49). Sein Bruder, auch Bestatter, musste aus rein physischen Gründen seinen Beruf aufgeben. Der Rücken. Auch psychisch verlangt der Beruf den Mitarbeitern viel ab. Denn die Arbeit mit und an dem verstorbenen Menschen ist die eine Sache. Die Arbeit mit den Angehörigen eine andere.
Kuckelkorn und seine 13 Mitarbeiter essen jeden Tag gemeinsam zu Mittag. Dabei über das im Arbeitsalltag Erlebte zu sprechen ist wichtig, sagt Kuckelkorn. „Um zu verarbeiten und um mit einem freien Kopf abends nach Feierabend nach Hause zu kommen.“ Denn mit der Familie und mit Freunden über Tod, Abschied, Angst und Verlust zu sprechen ist schwierig – und alles mit sich selbst auszumachen nicht gesund. „Als Bestatter müssen Sie in sich ruhen, eine gefestigte Persönlichkeit sein. Da spielt Vorbildung keine Rolle. Ob Sie aus einfachen Verhältnissen oder aus dem Bildungsbürgertum kommen ist egal, wenn man für den Beruf so richtig brennt.“
Christoph Kuckelkorn kann das – vormittags die Beerdigung von Willy Millowitsch durchführen, nachmittags mit Eltern eines verunglückten Kindes Beratungsgespräche führen und abends bei einem Kölsch über den Kölner Rosenmontagszug diskutieren, dessen Leiter er seit 2005 ist. Ehrenamtlich. „Das hat nichts mit Verdrängen, Herunterspielen, Schönmalerei oder rheinischem Frohsinn zu tun. Das hat etwas mit Loslassen zu tun.“
Beruf als Berufung
Vielleicht liegt diese Fähigkeit in den Genen seiner Familie, vielleicht hat er sie sich von Kindsbeinen an erworben, sinniert er. Früher, als es kein Internet und keine Mobiltelefone gab und sein Vater berufsbedingt unterwegs war, musste er den Hörer abnehmen, wenn das Telefon klingelte: ständige Rufbereitschaft. Er führte – oft auch unfreiwillig – Gespräche mit Menschen, die gerade einen geliebten Menschen verloren hatten. „Das hat mich geprägt und meine Sinne geschärft.“ Zuhören und sich in einen Menschen hineinversetzen, der einem völlig fremd ist, das hat er gelernt. Auch Nähe zuzulassen – soweit sein Gegenüber das wünscht. Und wenn ein Gespräch mit dem Hinterbliebenen ihn zutiefst berührt: „An der Tür muss ich ihn wieder loslassen. Sonst gehen Sie kaputt.“
Fünf Generationen haben es bislang geschafft, an diesem Beruf nicht zu zerbrechen. Als Kind legte sich Christoph Kuckelkorn seine Schürze um und zimmerte auf seiner eigenen kleinen Hobelbank auf dem Firmengelände alles Mögliche zusammen. Damals hat die Firma noch eigene Särge produziert. Aufregend waren für ihn die Auslandsüberführungen, auf die sich sein Vater spezialisiert hatte. In den Ferien durfte er seinen Vater im Leichenwagen nach Portugal, Spanien oder Italien begleiten. Er erinnert sich gern. „Großes Kino!“
Kuckelkorn setzte mit seinem Einstieg einen neuen Akzent im Betrieb: die Totenfürsorge. „Wir sind Trauerbegleiter, aber wir sind keine Sargbauer mehr“, sagt er. Er versteht sich als Dienstleister am Menschen. „Wir wollen dem Menschen das zurückgeben, was er durch Krankheit oder durch einen Unfall vielleicht beim Sterben verloren hat: die Würde.“
Nach seiner Ausbildung zum Elektroniker und Bürokaufmann – sein Vater mahnte ihn, zunächst einen „echten“ Beruf zu erlernen, weil Bestatter damals kein Ausbildungsberuf war – ließ er sich zusätzlich zum Thanatopraktiker ausbilden. Das sind Spezialisten, die den verstorbenen Körper nach dem Waschen einbalsamieren oder auch Unfallopfer wieder so herrichten, dass eine offene Aufbahrung des Toten möglich ist. Davon gibt es nur etwa 30 in Deutschland. Kuckelkorn gehört dem Deathcare Team Deutschland an, das im Jahr 2004 deutsche Tsunami-Opfer in die Heimat brachte.
Der Realität ins Auge schauen
Kuckelkorn ermutigt die Familien zu helfen, den verstorbenen Menschen zu berühren, zu waschen, anzuziehen. Ihnen etwas mitzugeben auf die Reise, zum Beispiel dem Radfahrer seinen Helm und dem Karnevalisten seinen Orden. Haptisch zu „be-greifen“, dass ein Mensch tot ist, und diese Realität anzunehmen, das ist die Voraussetzung für das Abschiednehmen und für das Loslassen. Davon ist Kuckelkorn zutiefst überzeugt. „Sonst holt Sie die Trauer und die Tragödie irgendwann im Leben wieder ein.“
Als der Tod ihm vor 14 Jahren plötzlich und unerwartet seine Frau nahm – seine beiden Kinder waren zu jener Zeit 6 und 13 –, war er sofort zur Stelle. Er kümmerte sich als Ehemann, Vater, Bestatter und Thanatopraktiker zugleich. Er stieß an seine Grenzen. Aber: „Diesen großen letzten Dienst – das war ich meiner Frau schuldig.“ Sonst wäre er nie über den Verlust seiner Frau hinweggekommen, sagt er heute rückblickend. „Meine Frau bis zum Ende begleitet zu haben, das ist auch heute noch mein größter Schatz.“
Kuckelkorn sieht Loslassen als Chance, etwas Neues zu beginnen. Dann habe Loslassen etwas Bereicherndes. Wenn man spürt, dass die Zeit reif ist für einen Abschied, kann man vielleicht jeden einzelnen letzten Schritt bewusst gehen und zelebrieren. „Dann kann Loslassen vielleicht auch so etwas wie Genuss bedeuten.“
Gegründet 1864: Bestattungshaus Kuckelkorn
Christoph Kuckelkorn (49) führt in der fünften Generation den Familienbetrieb, den Leo Josef Kuckelkorn im Jahr 1864 als Schreiner gegründet hat. Christophs Großvater Leo Jakob Medard promoviert 1925 in Philosophie, sein Vater Fro übernimmt den Betrieb 1963. Im Jahr 1984 steigt Christoph in die Firma ein. Er ist ausgebildeter Elektroniker, Bürokaufmann, Thanatopraktiker und Bestattermeister. Christoph Kuckelkorn freut sich, dass sein Sohn mit dem Einstieg in den Betrieb liebäugelt. Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre begann er, im Marketing eines großen Automobilherstellers zu arbeiten, doch er sucht die Selbständigkeit. Kuckelkorns Tochter arbeitet als Hotelfachfrau.
Petra Gessner ist Diplom-Volkswirtin und seit 2015 Chefredakteurin des wir-Magazins. Ihr akademischer Weg führte sie von Freiburg im Breisgau in die USA und nach Chile, wo sie sich mit der Wirtschaftsgeschichte Lateinamerikas auseinandersetzte. Seit 2000 arbeitet sie in der F.A.Z.-Verlagsgruppe und ist Gründungsmitglied des Corporate Finance Magazins „FINANCE“, wo sie die Themen M&A und Private Equity verantwortete.

