Der Architekt und Denkmalpfleger Peter Füssenich ist als 19. Dombaumeister für alle Arbeiten am Kölner Dom verantwortlich und setzt damit ein mehr als 700 Jahre altes Werk fort. Welche Rolle spielt die Arbeit der Vorgänger? Und gibt es an Deutschlands wohl berühmtestem Denkmal auch Freiheit für ganz Neues?

Peter Füssenich, Sie sind seit 2016 Kölner Dombaumeister. Wann wurden Sie gefragt, ob Sie den Job machen wollen?

Zunächst mal wurde ich gar nicht gefragt: Ich hatte 2012 die Stelle als stellvertretender Dombaumeister angetreten. Zu dem Zeitpunkt war Barbara Schock-Werner noch Dombaumeisterin, auf sie folgte wenig später Michael Hauck, der allerdings nicht lange in dieser Position blieb. Das führte dazu, dass ich als Stellvertreter im Sommer 2014 ziemlich unerwartet die kommissarische Leitung der Dombauhütte innehatte, von einem auf den anderen Tag.

Das heißt, eine Übergabe, wie sie bei einer Neubesetzung idealerweise stattfindet, gab es für Sie nicht?

Nein, und zwar zweimal nicht: Mein Vorgänger im Amt des Stellvertreters, Bernd Billecke, war 2012 unerwartet verstorben. Zu dem Zeitpunkt war ich als Baureferent für das Erzbistum Köln tätig. Ich habe zwar seit meiner Kindheit eine tiefe persönliche Verbundenheit zum Kölner Dom und habe auch meine Diplomarbeit über die Reparatur eines Bombentreffers von 1943 geschrieben, aber wirklich an und mit dem Dom gearbeitet hatte ich bis dahin noch nie. Wie der Job funktioniert, musste ich mir selbst erschließen. Für mich war auch sehr wichtig, dass es 2015 noch mal eine
offizielle Ausschreibung für die Stelle des Dombaumeisters gab. Es kann sehr bestärken, wenn man sich in einem Feld von Mitbewerbern durchsetzt, die ja auch alle qualifiziert und erfahren sind.

Was hat Ihnen geholfen, Ihre neuen Positionen auszufüllen?

Zum Glück ist meine Erfahrung, dass unter Druck einige Dinge automatisch passieren, zum Beispiel die Priorisierung zwischen Wichtigem und weniger Wichtigem. Zudem habe ich schnell gemerkt: Ich bin in ein Haus gekommen, das die Erfahrung weiterträgt. Denn so eine große Aufgabe kann man nicht allein schultern, und zwar in doppeltem Sinn: Man braucht ein Team, aber man braucht auch die Vorgänger und die Nachfolger. Als ehemalige Dombaumeisterin signalisierte mir meine Vor-Vorgängerin Barbara Schock-Werner damals, dass sie im Notfall für Fragen zur Stelle sei. Das habe ich als große Sicherheit empfunden. Das Gefühl für das Bauwerk lernt man nicht allein durch Aktenstudium,
sondern vor allem auch durch persönliche Erfahrung.

Trotz der inzwischen jahrhundertelangen Dokumentation?

Für unsere Personal- und Finanzplanung ist es bis heute sehr wichtig, angemessene Zeiträume des Übergangs einzuplanen. Die persönliche Weitergabe von Erfahrungen kennzeichnet die Arbeit der Dombauhütten schon seit Jahrhunderten und ist auch einer der Aspekte, weshalb sie 2019 von der UNESCO als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit ausgezeichnet wurden: Das Wissen um die Kathedralen und die handwerklichen Fähigkeiten müssen wir
von Mensch zu Mensch an die nächste Generation geben. Es gibt keine Berufsgeheimnisse, wir teilen alles miteinander, auch zwischen den Bauhütten. Besonders in der Glasrestaurierung ist die Kölner Dombauhütte europaweit eine sehr anerkannte Institution.

Stichwort Rekonstruktion: Schon Bauherren von Wohnhäusern unter Denkmalschutz unterliegen strengen Auflagen. Gibt es bei einem Vorhaben mit der Größenordnung und der Bedeutung des Kölner Doms überhaupt Spielraum für Neues?

Zunächst mal ist mir wichtig zu sagen: Wenn man mit Denkmälern arbeitet, egal in welcher Größenordnung, ist Angst der falsche Ratgeber. Ein Denkmal zu besitzen heißt nicht, dass man nie wieder etwas daran verändern darf. Im Gegenteil: Es muss und soll genutzt werden, und das kann Veränderung erforderlich machen. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren 90 Prozent der Kölner Innenstadt zerstört, und auch am Dom waren viele Elemente für immer verloren. Damals wurde vieles neu erfunden, wir nennen das heute „schöpferische Denkmalpflege“: Seitdem gibt es unter den Fassadenfiguren auch Fußballspieler und den Geißbock, das Wappentier des 1. FC Köln, als Wasserspeier. Auch das ist eine Besonderheit des Domes: An ihm spiegelt sich das Leben der Stadt, ihre Geschichten werden hier gesammelt.

Gilt das heute immer noch?

Der Kölner Dom ist ein eingetragenes Baudenkmal. Das heißt, alle Arbeiten, die wir vornehmen, stehen unter dem Genehmigungsvorbehalt durch den Stadtkonservator und eine Kommission aus Vertretern des Landes und des Erzbistums. Unsere wichtigste Aufgabe ist immer, den Originalzustand zu erhalten. Wenn es aber an einer Stelle keine exakten Vorgaben oder Dokumente gibt oder nur unzureichende Lösungen, dann bietet uns das die Möglichkeit, auch Elemente mit den Stilmitteln der heutigen Zeit zu rekonstruieren oder ganz neue Werke zu schaffen. Das war übrigens
auch beim Fenster des südlichen Querhauses der Fall, für das der Kölner Künstler Gerhard Richter 2007 eine neue Verglasung entworfen hat. So bleibt der Dom ein lebendiges Bauwerk, das Kunstwerke aus mehreren Jahrhunderten bewahrt.

Heute gehört zu den Zierelementen auch ein in Stein gemeißeltes Portrait Ihrer Vorgängerin Barbara Schock-Werner. Haben Sie das angeregt?

Es hat Tradition, auf diesem Weg Menschen auszuzeichnen, die sich um den Dom verdient gemacht haben. Barbara Schock-Werner hat den Dom entscheidend geprägt – unter anderem mit der Idee für das Richter-Fenster – und war die erste Frau in der Reihe der Dombaumeister. Das musste verewigt werden.

Die früheren Dombaumeister haben oft Bauabschnitte begonnen, von denen klar war, dass sie deren Fertigstellung nicht mehr selbst erleben werden. Heute ist die Technik viel weiter, alles geht viel schneller. Geht es Ihnen trotzdem ähnlich wie Ihren Vorgängern?

Ja, ganz klar. Man wird sehr demütig, wenn man ein solches Generationenwerk betreut. Von der Restaurierung des Strebewerks auf der Südseite des Domes wissen wir jetzt schon, dass sie etwa bis ins Jahr 2070 reichen wird – das werde ich in meiner Dienstzeit nicht mehr erleben. Wir müssen es wie unsere Vorgänger machen und die Aufgabe beginnen im Vertrauen auf die, die uns nachfolgen. Projekte in die nächste Generation geben zu müssen ist für uns ein
ganz normaler Prozess. Denn mit dem Dom wird man nie fertig, das ist einfach so. Das ist auch gut so, denn der Dom ist ein Symbol dafür, was man alles schaffen kann, wenn viele Menschen und Generationen ein gemeinsames großes Ziel haben.

In Familienunternehmen werden den Generationen verschiedene Aufgaben zugeschrieben, es gibt zum Beispiel die Gründer, die Bewahrer und die Internationalisierer. Denken Sie auch in solchen Abschnitten?

Auch am Dom kann man deutlich verschiedene historische Bauabschnitte ablesen. Die ersten Dombaumeister im Mittelalter erdachten den Dom und begannen mit dem Bau, die des 19. Jahrhunderts vollendeten ihn, die des 20. und 21. Jahrhunderts erhielten ihn und waren nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Unter mir als 19. Dombaumeister ist es die Aufgabe der Dombauhütte, den Bau zu erhalten. Dabei spielt auch zunehmend die Digitalisierung eine wichtige Rolle. Zum Beispiel erstellen wir zurzeit mit der Hilfe von Drohnenaufnahmen einen digitalen Zwilling des Domes, an dem wir alle Aufgaben der Zukunft simulieren und planen können. Auch die Digitalisierung unseres Archivs ist eine große Aufgabe. Wobei: Auch das bestmöglich digitalisierte Wissen wird den
menschlichen Erfahrungsaustausch und das handwerkliche Können in Zukunft nicht ersetzen können.

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