Bei der Miss Germany Studios GmbH & Co. KG ist seit Juli nur noch eine Generation am Ruder. Max Klemmer ist alleiniger Geschäftsführer und Anteilseigner in dritter Generation. Ein Interview über Gesellschafteranteile, Argumentationen über drei Generationen hinweg und Comic-Heldinnen.

Max Klemmer, Sie haben im Juli die Gesellschafteranteile Ihres Vaters erworben und führen Miss Germany nun allein. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Im vergangenen Jahr – nach dem Miss­Germany-Finale im Europa-Park – gab es von einigen Seiten nicht das erhofft gute Feedback. Dazu kamen Corona und auch die Umstellung des Geschäftsmodells, die ich bereits eingeleitet habe. Diese Entwicklungen erzeugen Unsicherheit. In der Folge gab es ein Familientreffen, das sehr emotional war. Da sind viele Dinge gesagt worden, die uns klargemacht haben, dass zum Wohle des Unternehmens nur eine Generation allein führen sollte. Mit unserem Steuerberater und dem Gründer des Unternehmens, meinem Großvater – der mir seine Unternehmensanteile 2017 übertragen hatte – als Mediatoren kamen mein Vater und ich zu dem Ergebnis, mir die alleinige Führung zuzutrauen. Ich habe ihn dann ausbezahlt und er ist operativ und auch als Gesellschafter aus dem Unternehmen ausgeschieden.

Wie hat sich die Anteilsstruktur über die Jahre bis zu dieser Entscheidung entwickelt?

Nachdem ich drei Jahre im Unternehmen war, also im Jahr 2017, hat mir mein Großvater seinen Gesellschafteranteil übertragen. Das waren damals 33 Prozent, mein Vater hatte die restlichen Anteile bei sich. So haben wir zwei Jahre gearbeitet, in denen ich sehr viel Zeit und auch Energie in die neuen Strukturen bei Miss Germany gesteckt habe. Im Zuge dessen haben wir entschieden, die Gesellschafteranteile 50:50 zu verteilen. Zwischen 2019 und 2022 haben wir dann so gearbeitet. Jetzt bin ich allein an der Spitze und habe meinen Vater vollständig ausbezahlt.

Sie haben bereits angesprochen, dass mit Ihrem Einstieg große Veränderungen im Geschäftsmodell umgesetzt wurden. Was ist die wichtigste Neuerung bei Miss Germany?

Wir wollen weg von der Bewertung der Schönheit im Allgemeinen und hin zu Leuchtturm-Persönlichkeiten, die inspirieren. Miss Germany soll eine Auszeichnung für Frauen sein, die Verantwortung übernehmen. Dafür braucht und darf es keine Bikini-Events mehr geben. Auch darf es Restriktionen nicht geben, die früher galten. Zum Beispiel dürfen sich heute Mütter und auch verheiratete Frauen bewerben. Die Altersgrenze haben wir ebenfalls verändert: Heute darf sich jede Frau zwischen 18 und 39 bewerben. Und im Zuge dessen haben wir es als sehr positives Zeichen erachtet, dass sich statt rund 5.000 Bewerberinnen 15.000 gemeldet haben.

Gab es für Sie ein Schlüsselmoment, das den Drang zu diesen Neuerungen ausgelöst hat?

Wenn ich mich richtig erinnere, waren wir 2017 in einem Einkaufszentrum in der Nähe von Hannover bei einem unserer damaligen Wettbewerbe. Der Rummel war groß: Zuschauerinnen und Zuschauer, Jury, Teilnehmerinnen. Der Bikini-Contest fing an und ich sah die Frauen, die neben einem Buchhandel und einer Fleischerei im Bikini umherliefen und sich anzügliche Kommentare aus dem Publikum mit Einkaufstaschen in der Hand anhören mussten. Wenn wir wirklich an den Teilnehmerinnen und deren Geschichten interessiert sind, dann ist dieses Konzept nicht optimal und wird in Zukunft nicht bestehen.

Zu dieser Zeiten waren Sie noch mit Ihrem Vater in der Geschäftsführung. Wie haben Sie versucht, ihn von diesem herkömmlichen Konzept abzubringen, und welche Rolle spielte Ihr Großvater dabei?

Klar, es gab Gegenwind von der Familie, auch von Unternehmenspartnern und aus den eigenen Reihen. Ich war mir aber sicher, dass die Veränderung sein muss, wenn wir das Unternehmen zukunftsfähig machen wollen. Ich habe dann in der Familie meine Argumente an die beiden Generationen und Charaktere angepasst. Man muss verstehen, wer einem gegenübersitzt und wie man diese Person überzeugen kann. Mein Großvater ist eine emotional getriebene Person. Er sieht Dinge immer mit einer Zukunftsvision. Ich habe ihm gesagt, wenn sein Erbe als Unternehmensgründer weiterbestehen solle, dann sei das der einzig richtige Weg, Miss Germany müsse mit dem Zeitgeist gehen.

Mein Vater hingegen ist ein sachlicher, analytischer Typ. Für ihn müssen Zahlen und Umsätze stimmen. Für ihn war es wichtig darzulegen, dass selbst langjährige Unternehmenspartner in Zukunft vielleicht nicht mehr lang bei uns bleiben werden, denn deren Werbebotschaften werden nicht mehr zu Bikini-Schönheitswettbewerben passen, sondern sich um Female-Empowerment-Themen drehen.

2007 haben Ihr Vater und Ihr Großvater die Miss-Titel für alle 16 Bundesländer sowie fünf Regionen als europäische Marken registrieren lassen – ein Meilenstein für das Fortbestehen des Unternehmens, da Wettbewerber diese Titel nicht mehr vergeben durften. Das neue Konzept, das Sie aufgesetzt haben, bricht mit diesem Ansatz. Warum gibt es keine Miss Bayern oder Miss NRW mehr und auch keine Miss 50 plus und keinen Mister Germany?

Abseits von den Bundesländer-Titeln war das schlicht eine finanzielle Entscheidung. Der Return on Investment für die Wettbewerbe bei Mister Germany und Miss 50 plus Germany war negativ. Das heißt aber nicht, dass wir uns für ewig von dem Konzept verabschieden. Vor allem bei Miss 50 plus haben wir schon neue Ideen.

Ähnliches gilt für die Bundesländer-Titel. Die Markenrechte liegen weiterhin bei uns. Vielleicht werden wir sie reaktivieren. Unser Kerngeschäft ist heute, Talente zu fördern, zu begleiten und um die Teilnehmerinnen herum eine starke Community aufzubauen. Zu Beginn haben wir herausragende Talente gesucht, da wollten wir uns nicht darauf beschränken, dass diese unbedingt aus verschiedenen Bundesländern kommen müssen. Das wäre auch traurig, wenn man zu einer Teilnehmerin mit einer tollen Story sagen müsste, sie kann nicht dabei sein, weil sie aus dem falschen Bundesland kommt und von dort schon eine Person ausgewählt wurde.

Jetzt sehen wir langsam, dass Teilnehmerinnen aus allen Bundesländern in das neue Konzept passen und sich bewerben. Da wollen wir lokale Communities bespielen und können uns auf eine gewisse Basis-Fanschaft verlassen. Also es wird nicht das Ende der Miss-Germany-Schärpe sein.

Wie haben Sie die ersten Jahre, als Sie noch keine Gesellschafteranteile hatten, wahrgenommen?

Am Anfang war ich der Junior und wurde nicht wirklich ernst genommen. Das ist nicht schlimm, denn ich bin ja als Azubi eingestiegen und musste wie alle anderen auch Küchendienst und Ähnliches machen. Das hilft, wenn man von der Pike auf lernt und alle Arbeiten durchläuft. Aber selbst nach einigen Jahren, in denen ich schon Erfahrung gesammelt hatte, war das Verhalten, das ich vor allem von Geschäftspartnern erfahren habe, nicht so respektvoll, wie ich das erwartet hatte. Aber wenn man Verantwortung übernehmen will und das Standing fehlt, dann hängt das eben auch mit Gesellschafteranteilen zusammen, die am Ende das untermauern, was man auf dem Kerbholz hat.

Wenn Sie sich an Ihre Anfangszeit im Unternehmen erinnern, was hatten Sie erwartet, wie es mit Ihnen und dem Unternehmen weitergeht, und wie unterscheidet sich das von dem, was wirklich passiert ist?

2017 habe ich gedacht, dass mit meiner Nachfolge im Unternehmen die Konstellation so bleibt, wie das bei meinem Großvater und Vater auch war: Zwei Generationen arbeiten gemeinsam unter einem Dach. Jeder schafft sich seine Nische, und wenn Papa bereit ist für seine Rente, dann übernimmt eines meiner Kinder seinen Posten und arbeitet gemeinsam mit mir. Ich hätte nie damit gerechnet, dass das mit dem Generationenwechsel so schnell geht. Dass Veränderungen wie der technologische Wandel, Konnektivität und Megatrends auf uns und unser Modell zukommen, das war schon in meinem Kopf. Aber mit der Thematik in der Familie, damit habe ich am wenigsten gerechnet.

Wie wird die Zukunft aussehen?

Streaming, Gamification, Interaktion – das sind die Dinge, die Miss Germany in Zukunft prägen werden. Die Zeit, in der man sich linear vor dem Fernseher hat berieseln lassen, neigt sich dem Ende zu. Menschen wollen interagieren mit dem, was sie konsumieren, und Teil von etwas sein. Wir machen viele Events über den Stream-Anbieter Twitch. Da sehen wir enormes Potential und unsere Miss-Wahlen werden interaktiver und hybrider. Wenn das dann den Zuschauenden auch noch Spaß macht, dann bleiben sie dabei und werden treuer Fan. Wir wollen in Zukunft wie eine Art Marvel sein. Miss Germany Studios – wie wir heute heißen – soll unsere Superheldinnen bestmöglich unterstützen, um deren Geschichte und dann auch Marke an die Öffentlichkeit zu bringen und so zu motivieren und zu inspirieren.

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