Abseits von Ritter Sport gründete Alfred T. Ritter 1988 das eigenständige Solarthermie-Unternehmen Ritter Energie. Als er 2005 ins operative Schokoladengeschäft ging, kümmerte sich sein Sohn Moritz Ritter um das Energieunternehmen. Die Geschäftsführung hat dieser heute wieder verlassen, denn nachhaltiges Denken heißt auch loszulassen, wie Moritz Ritter erzählt.

Moritz Ritter, Sie waren zwischen 2015 und 2020 in der Geschäftsführung von Ritter Energie. Jetzt sind Sie – wie bereits vor dem Einstieg – wieder im Beirat. Was kann eine Beiratsposition für die Unternehmerfamilie und auch für das Unternehmen leisten?

Ein Beirat kann auf der einen Seite eine gute Vorbereitung auf den Einstieg ins Tagesgeschäft sein. Nachfolger können an Aufgaben herangeführt werden. Auf der anderen Seite kann man durch eine Rolle im Beirat als Familie das Unternehmen sehr gut steuern und vor allem den Überblick behalten, wenn es mehrere unterschiedliche Geschäftsfelder oder sogar Unternehmen gibt, an denen die Familie Anteile hält.

Sie waren einige Jahre operativ für Ritter Energie verantwortlich. Was war Ihre Motivation?

Es gibt Momente, in denen muss man als Familie einstehen und ein Zeichen setzen. Selbst der beste Fremdmanager – mit kompletter Zustimmung des Beirats und Rückhalt der Familie – hat nicht so einen großen Hebel bei der Belegschaft und bei den Kunden wie ein Gesellschafter. So war das auch bei meinem Einstieg in die Geschäftsführung von Ritter Energie. Mein Plan war nie, in die operative Geschäftsführung einzusteigen. Ich habe meine Doktorarbeit damals an den Nagel gehängt, um dem Unternehmen zu helfen. Das war ein ziemlicher Wechsel von einem ITler zu einem Unternehmer. Aber ich hatte bereits Erfahrung im Beirat gesammelt und die Aufgabe dort aktiver wahrgenommen, als das normalerweise üblich ist.

Da haben Sie etwas mit Ihrem Vater gemeinsam. Er trat 2005 in das operative Geschäft von Ritter Sport ein, weil das Unternehmen schwierige Zeiten durchstehen musste. Warum ging es Ritter Energie zehn Jahre später so schlecht, dass Sie ebenfalls in die Operative mussten?

Der Energiemarkt hatte sich zu dem Zeitpunkt stark verändert, und er ist sehr politisch, das haben wir vielleicht – aus der Schokoladenindustrie kommend – unterschätzt. Solar ist nicht gleich Solar. Wir machen Solarthermie, also Wärme und keinen Strom. Die gesellschaftliche Debatte ging damals – und eigentlich bis heute – fast ausschließlich um Strom. Die Photovoltaik wurde mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) sehr stark gefördert. Dadurch ist die Solarthermie bei den Kunden ins Hintertreffen geraten. Die Umsätze im Solarthermie-Markt sind zu dieser Zeit drastisch eingebrochen, innerhalb weniger Jahre ging der Markt auf 40 Prozent des Ursprungs zurück. Das war der Status quo bis vor drei Jahren.

Was hieß das für Ihr Unternehmen?

Wegen des krassen Marktrückgangs mussten wir Mitte der 2010er Jahre restrukturieren. Beispielweise haben wir ein Joint Venture in China mit fast 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wieder veräußert. Wir mussten uns auf den deutschen Markt fokussieren und haben in Europa alle Standorte aufgegeben, um uns an einem Standort aufs Wesentliche zu konzentrieren. Das war eine radikale Konsolidierung. Da muss die Familie sich zeigen und schwere Entscheidungen treffen. Wir haben allen betroffenen Mitarbeitern Angebote gemacht, mit an den anderen Standort zu kommen. Das sind die Momente, in denen eine Familie zeigt, dass sie ihre Verantwortung ernst nimmt. Und wenn man rationale und logische Entscheidungen als Unternehmerfamilie transparent und offen macht, dann hilft das, denke ich, auch der Belegschaft.

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Ritter Energie wurde 1988 von Alfred T. Ritter als Ritter Energie- und Umwelttechnik GmbH & Co. KG. gegründet. Sein Sohn Moritz Ritter stieg 2009 als Beirat ein. Sechs Jahre später wurde er Teil der Geschäftsführung. Matthias Johler, mit dem Moritz Ritter zwischen Oktober 2018 und Dezember 2020 als Doppelspitze agierte, ist seit Anfang 2021 alleiniger Geschäftsführer. Der Familienvertreter nimmt seitdem wieder die Rolle des Beirats ein und leitet diesen als Vorsitzender. Neben dieser Tätigkeit ist Moritz Ritter Präsident für Solarthermie im Bundesverband Solarwirtschaft. Er studierte Technische Informatik an der Universität Mannheim.

Würde es das Unternehmen Ritter Energie heute noch geben, wenn es nicht von einem Familienunternehmer gegründet worden wäre?

Definitiv nicht. Eine AG hätte schon lange die Reißleine gezogen. Aber wir sind eben überzeugt von der Idee. Es geht jetzt mit der Energiewende endlich wieder voran. Zusätzlich wirkt die aktuelle Gaskrise wie ein Katalysator, alles geht noch schneller. Das nun wiedereinsetzende Wachstum macht mindestens genauso viel Arbeit wie damals, als wir konsolidieren mussten. Aber dass mein Vater sieht, dass seine Idee nun doch Früchte trägt, macht mich als ehemaligen Geschäftsführer und jetzt als Beiratsvorsitzenden umso glücklicher.

Dabei hat Ihr Vater Sie und Ihre Geschwister eigentlich mit etwas Distanz zu den beiden Unternehmen aufwachsen lassen.

Das stimmt. In seiner Generation war Ritter Sport ein sehr dominantes – vielleicht zu dominantes – Thema. Wir wuchsen hingegen abseits der Unternehmen auf. Wir waren zum Beispiel im Gegensatz zu unseren Großeltern nicht in einem Ort wohnhaft, an dem sich auch der Unternehmenssitz befindet. Aber ich bereue den Einstieg in die Geschäftsführung von Ritter Energie absolut nicht. Auch wenn meine erste Ansprache als Geschäftsführer eine war, die schwerfiel, weil alles verändert werden musste. Die Aussicht, nicht nur als Familienmitglied Verantwortung zu übernehmen, sondern auch ökologisch etwas voranzubringen, hat mich total motiviert.

Nachdem Sie die Geschicke von Ritter Energie mehrere Jahre operativ geleitet haben, sind Sie seit 2021 wieder im Beirat. Warum?

Nachhaltigkeit gilt nicht nur mit Blick auf die Natur. Ich möchte, dass das Unternehmen Ritter Energie unabhängig ist von einzelnen Personen. Deshalb soll sich das Unternehmen wieder ohne mich entwickeln. Ich bleibe aus dem Beirat heraus involviert – sowohl bei der Energie als auch bei der Schokolade. Zukünftige Führungskräfte sollen in der eigenen Unternehmung heranwachsen. Und diese Entwicklung, die Unternehmenskultur und das Wissen müssen übergeben werden können, ohne dass ein Familienunternehmerkopf dafür einstehen oder vermitteln muss.

Wie kam es überhaupt dazu, dass sich Ihr Vater 1988 schon der Solarthermie gewidmet und ein Unternehmen in diesem Bereich gegründet hat?

Da mein Großvater sehr früh verstorben ist und unsere Familie sich danach zunächst auf eine Beiratsrolle fokussierte, hatte mein Vater unternehmerische Freiheiten: Er musste sich nicht primär um die Schokolade kümmern. Er war früh bei ökologischen Investitionen wie Elektroautos und beispielsweise bei Solarsiedlungen in Freiburg dabei. Meine Tante, die den anderen Familienstamm bei Ritter Sport vertritt, hat ihren Bruder machen lassen und sich mit einem kleinen Anteil beteiligt. Und in seiner Anfangszeit war Ritter Energie – auch wenn man es damals nicht so genannt hätte – ein Start-up, mit einigen Mitgründern und Gesellschaftern. Auch damals haben Start-ups in der Anfangszeit viel Glaube an den Erfolg und Kapital benötigt. So kam es, dass heute wieder alle Gesellschafter aus der Familie sind.

Das Engagement ist noch größer geworden, als sich 1986 die nukleare Katastrophe in Tschernobyl ereignete. Dadurch wurden die Haselnüsse in der Türkei verseucht. Das Land machte seinerzeit fast 80 Prozent der globalen Ernte aus. Die Sorte Vollnuss konnte demnach von uns nicht mit diesen Nüssen hergestellt werden. Diese starke Auswirkung auf das eigene Geschäft prägte meinen Vater so sehr, dass er als Unternehmer bessere Alternativen im Bereich der Energieversorgung vorantreiben wollte. Damals war die Frage der endlichen Ressourcen eine zusätzliche Triebfeder. Für ihn sollte die Sonne im Zentrum der Energie stehen. Tschernobyl hat letztendlich den Ausschlag für die konkrete Gründung von Ritter Energie gegeben.

Braucht die Menschheit Katastrophen, um Veränderungen loszutreten beziehungsweise sich diesen zu widmen?

Ich frage ich mich oft, seitdem ich im Energiebereich dabei bin, ob die Menschheit überhaupt dazu in der Lage ist, Probleme, bei denen Ursache und Wirkung weit auseinanderliegen, anzugehen und zu lösen. Hinzu kommt bei der Energiewende, dass nicht ein einzelnes, sondern alle Länder auf der Erde an einem Strang ziehen müssen. In solchen Zeiten Krieg zu führen ist für mich noch unverständlicher als sowieso schon. Da fällt es mir wirklich schwer, ruhig zu bleiben. Das klingt jetzt vielleicht emotional, aber wenn wir das schaffen wollen, können wir das nur zusammen hinbekommen. Wir brauchen nicht nur eine soziale, sondern eine sozial-ökologische Marktwirtschaft, die das Klima schützen kann. Günstige fossile Energie heißt für mich Raubbau an der Natur.

Wie hat sich das Geschäft von Ritter Energie bis heute entwickelt?

Zu Beginn trat Ritter Energie lediglich mit der Marke „Paradigma“ auf. Als eine Art Ingenieurbüro wurden Lösungen für Ein- und Zweifamilienhäuser mit Produkten aus dem bestehenden Markt geplant. Der Fokus lag darauf, so viel Energie wie möglich mit der Sonne zu erzeugen. Heute nennt man das Hybridheizung. Da es den aus unserer Sicht passenden Solarkollektor für die Solarthermieanlagen nicht gab, gingen wir schließlich selbst in die Produktion. Heute ist mit „Ritter XL“ ein weiteres Geschäftsfeld dazu gekommen. Hier setzen wir Großprojekte um. Beispielsweise für die Stadtwerke Greifswald, denen wir die größte Solarthermieanlage Deutschlands mit einer Kollektorfläche von knapp 19.000 Quadratmetern gebaut haben. Beide Geschäftsfelder vereinigen sich unter dem Namen Ritter Energie.

Sie hatten bereits angesprochen, wie politisch der Energiemarkt ist. Sie engagieren sich seit 2014 im Vorstand des Bundesverbands Solarwirtschaft e.V. als Präsident für den Bereich Solarthermie. Ihr Vater hatte in der Vergangenheit verschiedene Auseinandersetzungen mit dem politischen Apparat, etwa mit dem Bundeskartellamt und auch mit der Stiftung Warentest, die durch den Wirtschaftsminister vertreten und mit Steuermitteln gefördert wird. Mussten Sie innerfamiliäre Überzeugungsarbeit leisten, um Ihre Lobbyarbeit und die Nähe zur Politik zu rechtfertigen?

Überhaupt nicht. Mein Vater ist ja nicht per se gegen den „politischen Apparat“. Allerdings muss man sich bei ungerechtfertigten Anschuldigungen für sein Recht einsetzen. Und bei Ritter Energie ist das eigentlich recht ähnlich. Man muss für seine Produkte und Lösungen werben und sie der Politik erklären. Wer das nicht tut, wird auf lange Sicht verschwinden – vor allem im Energiebereich, der von Subventionen und Regularien geprägt ist.

Wie steht es Ihrer Meinung nach um die Energiewende in Deutschland?

Ein Exportschlager wird unsere Energiewende aus Deutschland nicht mehr. Wir waren anfangs vorne dabei, aber haben verschlafen, das weiterzutreiben. Da sind unsere Karten schon schlechter geworden im globalen Vergleich. Wir haben über Jahre einfach zu wenig getan. Aber heute haben wir eine sehr motivierte Regierung, die die Energiewende wieder ernst nimmt.

Ganz überzeugt klingt das nicht.

Ein Beispiel: Der Einbau von neuen Gasheizungen soll ab 2024 verboten werden beziehungsweise nur noch als Ergänzung fungieren, beispielsweise zu einer Wärmepumpe. Das betrifft 70 Prozent des aktuellen Markts in Deutschland! Wie soll sich eine Branche in weniger als zwei Jahren darauf einstellen? Zumal die Frage ist: Was ist die angedachte Alternative? Jedes Bestandsgebäude mit einer Wärmepumpe auszustatten ist energetisch sehr fragwürdig. Und wo der ökologische Strom in den notwendigen Mengen in so kurzer Zeit im Winter herkommt, ist auch nicht klar. Und Biomasse, also Pelletkessel, werden mit der gerade aktualisierten Förderung klar benachteiligt.

Was wünschen Sie sich von der Politik?

In erster Linie müssen die fossilen Energien endlich entsprechend ihren wahren Kosten bewertet werden. Auf dieser Basis würde ich mir einen Pfad wünschen, der klare Ziele vorgibt, dabei aber technologieoffen ist. Klar, man muss schnell handeln, und da bin ich auch dankbar dafür, dass das jetzt endlich erkannt wird. Aber die Energiewende ist Handwerksarbeit und noch dazu sehr komplex. Da kann man nicht in ein paar Jahren das aufholen, was 16 Jahre lang stiefmütterlich behandelt wurde. Es ist ein unglaublicher Umbau, bei dem viele Akteure zusammenarbeiten müssen. Dafür braucht es stabile Rahmenbedingungen, die lange gelten, mit verlässlichen Förderungsmöglichkeiten. Wenn mit der nächsten Wahl in der Energiepolitik wieder ein Umdenken kommt, dann sind die Fortschritte wieder dahin. Eine Energiewende auf den Weg zu bringen dauert länger als vier Jahre. Das muss man in größeren Perioden anschauen – also mindestens zehn Jahre vorausplanen.

Solarthermie ist also auch nicht die Lösung für alles?

Das sage ich auch gar nicht. Die Zukunft ist ein Mix aus den verschiedenen Technologien. Man muss vor allem erkennen, dass es nicht eine Technologie ist, die die Wende bringt. Es braucht einen großen Strauß an Energieträgern. Die Quintessenz ist doch vor allem, dass man so wenig CO2 ausstößt wie möglich. Im Winter scheint die Sonne weniger, logisch. Damit können Sie nicht genug produzieren, um zu heizen. Da braucht es Wind und Biomasse als Alternativen. Das mögen die Deutschen nicht so sehr.

Bleiben wir in Deutschland abhängig von Energieimporten?

Es ist utopisch zu denken, dass wir unseren Energiebedarf in kurzer Zeit komplett aus Deutschland heraus abdecken können. Aber je mehr im Binnenmarkt bleibt, umso besser. Das muss die Denkweise sein. Warum sollten wir zulassen, dass Kapital für Energie ins Ausland abfließt, gerade da es durchaus umsetzbare Lösungen für nachhaltige Energieerzeugung gibt und wir dort sogar lange Zeit Vorreiter waren?

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