„Ich erinnere mich daran, dass wir als Familie nicht wie eigentlich geplant in den Urlaub fliegen konnten. Zum Trost hat mir mein Vater eine Carrera-Bahn gekauft.“ Für Patrick Layer ist die Carrera-Bahn heute eine schöne Kindheitserinnerung, denn die Layer-Grosshandel GmbH & Co. KG überwand ihre Krise in den 1990er Jahren nicht nur, sondern aus diesem Tal ging es für das Familienunternehmen aus Tettnang am Bodensee seitdem stetig bergauf.
Diese Krise hatte ein Einkaufsverband verursacht, der insolvent geworden war und zu dem die Layer GmbH & Co. KG damals gehörte. Das führte dazu, dass alle Rechnungen doppelt bezahlt werden mussten. So kam es, dass der Familienurlaub ins Wasser fiel und der sechsjährige Patrick zusammen mit seinem vierjährigen Bruder David stattdessen mit Autos spielen musste, um sich in den Sommerferien die Zeit zu vertreiben. Carmen und Jürgen Layer, die Eltern von Patrick und David Layer, arbeiteten sich währenddessen aus der Krise heraus und bereiteten ihr Familienunternehmen hellsichtig auf das neue Jahrtausend vor. Zwei Themen gingen sie rechtzeitig an, die sich heute, im Rückblick, als entscheidend herausgestellt haben: erstens die Digitalisierung und zweitens die eigene Nachfolge.
Neuland in Tettnang
„Wir haben das Glück, einen wahnsinnig innovativen Vater zu haben“, erzählt David Layer im Podcast mit dem „wir“-Magazin. Schon in den 1990er Jahren hat Jürgen Layer den Katalog seines Unternehmens digitalisiert. Damals wurde dieser allerdings noch per Post auf CD-ROM verschickt, denn Online-Shops gab es noch nicht. „Unser Vater hat vom Internet geträumt, als die meisten noch gar nicht wussten, was das ist. Unsere Bank vor Ort in Tettnang hat ihn damals für verrückt erklärt“, ergänzt Patrick Layer.
Layer ist ein Fachhändler für Handwerksbetriebe, der im Bodenseekreis regional fest verwurzelt ist und gleichzeitig überregional agiert. Fast die Hälfte seines Umsatzes bezieht das Unternehmen heute aus dem Online-Handel. Es hat seinen Stammsitz in Tettnang und zusätzlich sechs Filialen, fünf davon in Süddeutschland und eine in Liebenwalde bei Berlin. 330 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erwirtschaften für das Unternehmen jährlich einen Umsatz von 78 Millionen Euro. „Als ich 2016 angefangen habe, waren wir bei 43 Millionen Euro Umsatz“, erzählt David Layer und ist stolz auf die Beinahe-Verdoppelung in acht Jahren, die von hoher Volatilität in der Baubranche gekennzeichnet war.
„Angefangen“, damit meint er: in das Familienunternehmen und – nach einer dreijährigen Einarbeitungszeit – auch in die Geschäftsführung einzusteigen, nachdem er nach Realschulabschluss und Banklehre noch eine Ausbildung zum Fachwirt gemacht hatte. „Banker auf Lebenszeit, das war dann doch nichts für mich“, so formuliert es David Layer heute, obwohl er die Banklehre in guter Erinnerung hat und sich dort Fähigkeiten aneignen konnte, die er heute als Geschäftsführer von Layer gut gebrauchen kann. Einen offiziellen CFO-Posten gibt es in dem kleinen Unternehmen nicht, aber wenn es einen gäbe, dann hätte ihn David Layer inne – nachdem er ihn von seiner Mutter Carmen Layer übernommen hat. Neben den Finanzen kümmert er sich heute um Logistik, Einkauf und Personal.
Die Integration des Patrick Layer
Dabei gab es zwischen Lehre und Schulabschluss eine Zeit, in der David es sich nicht hätte vorstellen können, ins Familienunternehmen einzusteigen. Mehr aus Verlegenheit fing er die Banklehre an. Trotz seiner Qualifikation und der Unterstützung seiner Eltern merkte er nach seinem Einstieg im Familienunternehmen mit der Zeit: Er schafft es nicht allein. „Das Unternehmen war zu groß geworden, und es gab zu viele Bereiche, die zu spezialisiert waren.“ Seine Zeit als einziger Geschäftsführer beschreibt er heute wie einen Versuch, eine zu große Tischplatte mit einem zu kleinen Tischtuch zu bedecken: „Irgendetwas kam immer zu kurz. Aber dann fiel mir plötzlich ein, dass ich ja eigentlich noch einen großen Bruder habe.“ Wieso „plötzlich“? Und wieso „eigentlich“? Wo war Patrick?
Patrick hatte seine Flügel ausgebreitet und war in die große weite Welt hinausgeflogen. „Mit 18 Jahren war ich im Rahmen eines Praktikums ein paar Wochen in der Nähe von New York, und das hat mich inspiriert. Ich dachte: Ich will raus aus Tettnang.“ China, USA, Portugal, schließlich war er in Amsterdam gelandet und hatte sich verliebt, eine Familie gegründet. Dabei war das Familienunternehmen seine „erste große Liebe“, wie Patrick Layer erzählt, und die Carrera-Bahn für ihn vielleicht so etwas wie der Schlitten „Rosebud“ für Citizen Kane.
Tatsächlich führte ihn seine Karriere nicht nur in ferne Länder, sondern zeitweise auch an die Zeppelin-Universität im zehn Kilometer von Tettnang entfernten Friedrichshafen. „Dort habe ich auch meine Bachelorarbeit geschrieben – ausgerechnet zum Thema Nachfolge in Familienunternehmen.“ Patrick studierte am Bodensee Corporate Management & Economics, kam aber dem interdisziplinären Ansatz der Zeppelin-Uni gemäß auch mit Sozial- und Kulturwissenschaften in Berührung. Von da an kannte er endgültig kein Halten mehr: Er stieg in ein Start-up in den Niederlanden ein und wieder aus, machte sich als Berater selbständig und beriet Unternehmen wie Calvin Klein und Tommy Hilfiger in Sachen Marketing. Auch das Unternehmen Layer zählte zu seinen Kunden.
Als Freiberufler hatte Patrick Layer sein eigenes Familienunternehmen also schon häufiger unterstützt, aber niemals, beteuert er heute, sei ihm damals der Gedanke gekommen, in die Geschäftsführung einzusteigen. Doch die große weite Welt verlor mit den Jahren ihren Zauber: „Zuerst war alles mit Glitzer. Und dann merkte ich, dass auch da draußen alle nur mit Wasser kochen.“
Wer ist Visionär bei Layer?
Der bodenständige David holte schließlich im Zuge einer schicksalhaften gemeinsamen Autofahrt an Weihnachten vom Flughafen München nach Tettnang seinen glamourösen, kosmopolitischen Bruder in die Geschäftsführung des Unternehmens. So jedenfalls lautet die Geschichte, die die Brüder in regionalen und überregionalen Zeitungen erzählen: „Der heimgekehrte Weltenbummler hat das Auge fürs Große und Ganze, beschäftigt sich mit Zukunftsstrategien, Typ Visionär“, so beschreibt die „Süddeutsche Zeitung“ Patrick in einem Porträt im August 2024. Doch in diesem Fall war es nicht Patrick, sondern David, der die Vision hatte, wie gut die Digitalisierungs- und Marketingexpertise seines Bruders zu seiner eigenen Finanzexpertise passen würde; wie gut dessen Weltläufigkeit und Davids Verwurzelung im Familienunternehmen ineinandergreifen würden. „Der Wohnort Amsterdam war für mich ein K.-o.-Kriterium gewesen, das verhindert hatte, dass ich diese Möglichkeit überhaupt in Erwägung gezogen hätte. Aber dann kam die Corona-Krise, und wir wurden alle wachgerüttelt: Remote zu arbeiten ist möglich“, berichtet David. Er seinerseits war direkt in das alte Büro seines Vaters Jürgen eingezogen, als dieser 2023 von der Geschäftsführung in den Beirat wechselte.
Sowohl David als auch Patrick hatten also Phasen im Leben, in denen sie sich nicht hätten vorstellen können, ins Familienunternehmen einzusteigen. Dass sie es trotzdem getan haben, ist kein Zufall. Schon als die Söhne Teenager waren, setzten die Eltern eine Familiencharta auf. Damit war zwar noch nicht klar, ob die Söhne nachfolgen würden – aber als sie über ihre Nachfolge nachdachten, war immer klar, worüber sie nachdachten. Der Beirat besteht heute nur aus den beiden Eltern und übt eine beratende Funktion aus, wobei der Vater in einzelnen Projekten nach wie vor eine aktive Rolle spielt. Gemeinsam mit den Eltern haben die Brüder auch eine erweiterte Geschäftsleitung gegründet, um zu verhindern, dass sie sich in einer Pattsituation festfahren können.
„Ich wusste, was State of the Art ist im E-Commerce-Bereich und im IT-Bereich. Das auf den Handel mit der Bauindustrie zu übertragen, die ja naturgemäß immer ein bisschen hinterherhinkt, ist wirklich ein Asset, das ich ins Familienunternehmen einbringen kann“, erklärt Patrick. Dass seine Familie in Amsterdam bleiben könnte, machte er zur Bedingung für dieses Asset. Heute pendelt er im Zwei-Wochen-Takt zwischen einem Coworking-Space in Amsterdam und Tettnang hin und her. Als geschäftsführende Gesellschafter führen David und Patrick Layer das 1987 gegründete Unternehmen weiter in der Hoffnung, sich in ihrer Unterschiedlichkeit zu ergänzen; dabei verschwindet diese Unterschiedlichkeit im Gespräch auch manchmal. Spricht Patrick Layer direkt mit seinem Bruder, schleicht sich in sein Hochdeutsch ganz schnell ein schwäbischer Dialekt, während er in seinem Amsterdamer Coworking-Space durch die großen Fenster auf glitzernde Grachten blickt.
Es ist die gemeinsame Herkunft, aber vor allem die Familie, die zwischen den beiden Geschäftsführern ein Urvertrauen schafft, das sich später im Leben gar nicht mehr herstellen ließe. Welcher schwäbische Fachwirt würde sich einen Start-up-Berater und Marketingexperten aus Amsterdam in die Geschäftsführung seines Unternehmens holen, wenn es nicht sein eigener Bruder wäre? Darin könnte das Erfolgsgeheimnis liegen: dass sie Gegensätze an der Oberfläche aufheben können zugunsten von Gemeinsamkeiten, die viel tiefer und älter sind. „Wie genau wir Dinge umsetzen, da sind wir unterschiedlich – aber das Werteverständnis ist dasselbe“, so formuliert es Patrick Layer. Wer mit vier und sechs Jahren mit derselben Carrera-Bahn gespielt hat, kann auch mit 30 und 32 Jahren dasselbe Unternehmen leiten.
Hat an der Uni Bamberg Germanistik, Philosophie und Kommunikationswissenschaften studiert. Zuvor arbeitete sie als Redakteurin am Zukunftsinstitut von Matthias Horx. Bei dem Magazin brand eins in Hamburg entdeckte sie ihre Liebe zum Wirtschaftsjournalismus, der sie seit März 2023 beim wir-Magazin frönen darf.

